Sitzbeschwerden und Entzündungen vorbeugen

Was tun bei Sitzbeschwerden und Entzündungen?

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 7 Jahren

Saisonaus durch Sitzbeschwerden. Ursachen gibt es einige: falsche Sitzposition, mangelnde Hygiene oder fehlende Gewöhnung. So vermeiden Sie Sitzbeschwerden beim Radfahren – Tipps zu Pflege/Hygiene.

Sitzbeschwerden gehören zu den Hauptproblemen bei Radsportlern, egal ob Profi oder Jedermann. Insbesondere zum Saisonende sollte man die Bike-freie Zeit nutzen, um sich mit dem Hintergrund der persönlichen Sitzbeschwerden in Ruhe zu beschäftigen. 60 % aller Radfahrer klagen darüber, der Rest ignoriert den Schmerz meist weg. Kritisch wird es, wenn sich aus den Sitzproblemen mehr entwickelt. Eine wunde Stelle, eine kleine Entzündung oder dann sogar der Abszess.

Es gibt die drei Kontaktflächen Lenker, Pedale und Sattel. Das Gesäß muss einen Großteil des Gewichts tragen. Die wenigen Quadratzentimeter, die als Sitzfläche dienen, werden somit einer hohen Druckbelastung ausgesetzt – Probleme sind vorprogrammiert.

Wie kommt es nun zu dem besagten Schmerzen an der Sitzfläche?

Besonders bei langen Fahrrad-Ausfahrten und MTB-Touren werden die Haut, die Sitzknochen und der Dammbereich gereizt. Wenn dann auch noch bei schlechtem Wetter Feuchtigkeit und Dreck hinzukommen, reibt es die Haut buchstäblich auf, wunde Stellen sind die Folge.

Feuchtigkeit und ordentlich Reibung – bei solchen Bedingungen verschleißt nicht nur die Technik am Mountainbike im Zeitraffer.

Der Schmerz bei den ersten Ausfahrten nach der Winterpause ist weitestgehend unproblematisch. Die Knochenhäute der Sitzknochen müssen sich erst wieder an das Sitzen im Sattel gewöhnen – hat man auch noch einen neuen Sattel drauf, so ist das alles völlig normal. Nach einigen Ausfahrten hat man sich an den Sattel gewöhnt, nach vier bis fünf Wochen sollte man hier keine Probleme mehr haben. Tipp: Zu Beginn nach jeder Ausfahrt zwei Tage pausieren, damit der Hintern ausreichend Regeneration hat, bevor man die nächste Einheit setzt.

Unangenehm sind dagegen die ständigen Taubheitsgefühle im Genitalbereich, welche aus zu hohem Druck im Dammbereich resultieren. Hat man diese Probleme, so sollte man seine Sattelstellung überprüfen. Vielleicht im Rahmen eines Bike-Fittings. Hier bekommt man dann auch schnell Feedback, ob der Sattel, den man benutzt zu einem passt, oder nicht. Wichtig ist hier die richtige Sattelneigung (Grundposition ist die Waagerechte), sowie die Sattelbreite passend zum individuellen Sitzknochenabstand. Experten wie der Ergonomie-Berater Dr. Kim Tofaute bieten Assessment Center für die genannten Sitzbeschwerden. Gerade in der Übergangszeit bieten sich diese Untersuchungen an, damit man mit der optimierten Position in die neue Saison starten kann.

Nach der Taubheit kommt die Wunde

Nichts geht mehr! Das ist der Fall, wenn man eine wunde Stelle am Gesäß hat. Durch die ersten langen Einheiten zu Hause oder im Trainingslager, vielleicht noch im Regen oder bei Dreck, entstehen schnell wunde Stellen. Auch bei großer Hitze kann die Geißel zuschlagen: Schweiß reizt die Haut durch die enthaltenden Salze, welche dann wie kleine Rasierklingen Mikroverletzungen verursachen. Richtig schlimm wird es, wenn man diese erst ignoriert und dann eine Entzündung entsteht. Diese Entzündung kann sich dann zu einem sogenannten Abszess entwickeln.

Prominentes Opfer der tückischen Sitzprobleme war 2013 Thomas Litscher (Multivan Merida Biking Team). Das Team verkündete im August das vorzeitige Saisonende seines Topfahrers, da die anhaltenden Sitzbeschwerden Litschers aus einem Abszess resultieren, der nun operativ entfernt werden musste. Auch wenn es vielleicht für viele ein Tabu-Thema ist und „Pickel am A...” am Biker-Stammtisch nicht so intensiv diskutiert werden, wie die Produkte der neuen Saison, so sollte man sich dennoch mit dem Thema grundlegend beschäftigen, bevor es einen selbst einmal betrifft.

Profi-Tipps: Wolfram Kurschat im Interview

Der Bike-Profi Wolfram Kurschat vom Topeak-Ergon Racing Team kennt das Problem: Als amtierender Junioren Vize-Europameister verlor er 1993 eine Saison durch verschleppte Sitzbeschwerden, welche damals auch operativ entfernt werden mussten. Der approbierte Apotheker weiß also ganz genau, wovon er spricht.

Tipps vom MTB-Profi: Wolfram Kurschat kennt sich aus mit Sitzbeschwerden und der richtigen Pflege.


BIKE: Wie groß schätzt du die Zahl an Bikern, die Sitzbeschwerden mit solchen Folgen haben?

Wolfram Kurschat: Ich kenne keine genauen Zahlen, habe noch keine Studie zu diesem Thema auf dem Tisch gehabt, aber letztlich kennt jeder die Probleme nach langen Touren.


Kannst du einmal kurz und knapp die Problematik erklären, die zu einem Abszess am Gesäß führen kann?

Der Abszess entsteht aus entzündetem Gewebe, welches sich abkapselt. Wenn sich also eine wunde Stelle am Gesäß oder eine Haarwurzel durch viele Stunden im Sattel entzünden, führt das nicht nur zu akuten Schmerzen, sondern es kann sich bei weiter anhaltender Belastung auch entzündetes Gewebe abkapseln. Es bildet sich dann eine regelrechte eingekapselte Eiteransammlung aus. Natürlich gibt es auch andere Ursachen, aber für Biker mit solchen Problemen ist das beschriebene Szenario zutreffend.


Was kann der Biker tun, um sich zu schützen?

Erstens sollte man durch die richtige Wahl des Sattels und der Bikehose vermeiden, dass es zu Beschwerden durch Wundsitzen kommt. Hier ist es wichtig, dass Sattel und Polster gut zusammenpassen. Im Falle von wund-gefahrenen Stellen gilt es, möglichen Entzündungen vorzubeugen. Hier bieten sich Sitz-Salben an, die antibakterielle, desinfizierende Eigenschaften haben. Dann natürlich auch das regelmäßige Waschen der Bikebekleidung . Leider korreliert eine mangelhafte Hygiene oft mit großem Trainingsumfang – Thema Trainingscamp, keine entsprechenden Möglichkeiten die teuren Trikots täglich zu waschen – hier liegt das größte Risikopotential.

Das eingecremte Sitzpolster der Radhose hilft, wunde Stellen zu vermeiden und Entzündungen vorzubeugen.


Gibt es große Unterschiede zwischen den Sitz-Cremes?

Für mich als Apotheker ist es wichtig, dass die Produkte qualitativ hochwertig sind. Ich bevorzuge hier Salben an Stelle von Sitzcremes , welche antibakterielle Eigenschaften haben und dermatologisch getestet sind. Salben haben einen ganz geringen bis keinen Wasseranteil im Vergleich zu Cremes. Somit sind Salben in Kombination mit ätherischen Ölen haltbarer und antibakterieller als manche Creme – gerade wenn die Tube auch einmal länger herumliegt. Gute Produkte gibt es in der Apotheke.


Welche Tipps gibst du jedem Biker mit auf den Weg, um Sitzbeschwerden vorzubeugen?

Man sollte sich für einen Sattel und ein Hosenmodell (Sitzpolster) entscheiden, welche individuell gut passen. Hier auch keine großen Änderungen im Laufe der Saison vornehmen, da das Gesäß daran gewöhnt ist. Zusätzlich sollte man rein präventiv eine hochwertige Sitz-Salbe verwenden, um entzündlichen Prozessen vorzubeugen. Wenn man das Gefühl hat, dass diesbezüglich etwas nicht stimmt, lieber direkt zum Arzt gehen, bevor man die Beschwerden unterdrückt und verschleppt, bis dann eventuell nur noch ein operativer Eingriff hilft. Im Trainingslager oder im Bike-Urlaub empfehle ich, jeden Tag eine saubere Hose anzuziehen. Hat man zwei bis drei Hosen dabei, bleibt genug Zeit, die getragene Hose täglich auswaschen und gründlich trocknen zu können.

Kontakt: Wolfram Kurschat Sports and Health Consulting, E-Mail:  wk@kurschat-consulting.com

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