Auf den ersten Blick bietet das Canyon Grand Canyon AL 7 alles, was das preisbewusste Biker-Herz begehrt: einen Alu-Rahmen mit moderner Geometrie vom renommierten Hersteller und ein durchweg funktionales Ausstattungspaket. Doch MTB-Hardtails haben es in Zeiten von Fullsuspension-Hype und Gravelbike-Boom nicht leicht am Markt. Um anspruchsvolle Radfahrer zu begeistern, reicht ein attraktiver Preis alleine schon lange nicht mehr aus. Wir wollten herausfinden, wie viel Mountainbike in einem Hardtail für unter 1300 Euro wirklich steckt und baten das Canyon Grand Canyon AL 7 zum Test. Dabei geht das Bike mit Vorschusslorbeeren ins Rennen, denn der Vorgänger konnte in einem BIKE-Vergleichstest günstiger Hardtails bereits die Krone einfahren.
Günstige Mountainbikes sind schön und gut, doch leider drückt in dieser Preisklasse oft ein hohes Gewicht den Fahrspaß. Das weiß auch Canyon und gab sich bei der Entwicklung des Aluminium-Rahmens große Mühe wertvolle Gramm zu sparen. Für den nackten Rahmen des Canyon Grand Canyon in Größe M gibt der Koblenzer Hersteller 1989 Gramm an - was eine durchaus vielversprechende Hardtail-Basis verspricht. Trotzdem gibt Canyon das Bike für den leichten Trail-Einsatz nach ASTM Kategorie Drei frei und geht mit einem maximal erlaubten Systemgewicht von 120 Kilo sicher, dass die Montagemöglichkeiten für Schutzblech, Heckgepäckträger, Oberrohrtasche und drei Trinkflaschen auch wirklich genutzt werden kann. Spannend für alle Sparfüchse: Komplettbikes starten beim Canyon Grand Canyon bereits ab 749 Euro. Das ist mal eine Ansage!
Die Produktmanager bei Canyon wissen genau, dass die Zielgruppe eines günstigen Aluminium-Hardtails keine komplexen Technik-Spielereien sucht. Gewünscht ist ein Bike für alle Fälle, ein vielseitiges Konzept, dessen Einsatzzweck sich sowohl in Richtung Geländetauglichkeit als auch in Richtung Alltagsnutzen erstrecken kann. Im Zuge der Neuentwicklung bekam das Grand Canyon deshalb eine längere Gabel und mehr Freiheit für breite Stollenreifen aber auch diverse Anschraubpunkte für Zubehör verpasst. Unterm Oberrohr können Werkzeug und Ersatzschlauch verschraubt werden, obendrauf findet eine Tasche Platz. Natürlich ist der Rahmen auch für Anhänger freigegeben.
Entgegen des Allgemeinglaubens machen viele Gewindelöcher ein Mountainbike-Fahrgestell aber nicht unbedingt leichter. Um die nötige Stabilität zu erreichen, ist cleverer Materialeinsatz gefragt. Canyon schafft es sein günstiges Trail-Hardtail vergleichsweise leicht zu bauen und weckt damit die Reiselust. Im Direktvergleich mit den teils sehr pummeligen Bikes der Konkurrenz wirkt das günstige Canyon fast schon, wie ein sportlicher Racer. Drehfreudige Laufräder, schnell rollende Reifen und eine etwas längere, flachere Sitzposition kitzeln die Freude am Fahren hervor. Mit dem Grand Canyon darf die Tour ruhig länger ausfallen, denn der Vortrieb ist stark. Dank steilem Sitzwinkel und gutem Druck auf der Front gelingen auch steile Klettereinlagen. Der Sitzkomfort ist Mittelklasse.
Mit einem kurzen Sitzrohr, einem langen aber nicht extremen Reach und kompakten Kettenstreben erfüllt das Canyon Hardtail Trailbikern viele Wünsche bei der Geometrie. Die Dropper-Post schafft den Sattel im Downhill aus dem Weg und der Fahrer steht sicher im Bike. Ein kurzer Vorbau sorgt für ein direktes Lenkverhalten, kann aber nicht kaschieren, dass die Front tiefer liegt, als am Rose. Fahrtechnisch weniger erfahrenen Bikern kann es auf dem insgesamt längeren Grand Canyon schwerer fallen das Vorderrad zu entlasten und mit dem Bike bei niedrigen Geschwindigkeiten zu spielen.
Wird es hingegen schnell, schafft der auffällig flache Lenkwinkel des Canyon Hardtails Laufruhe. Die Rockshox Recon Federgabel des Modells Canyon Grand Canyon AL 7 macht derweil einen überzeugenden Job - jedenfalls gemessen an ihrer Preisklasse. Sie gibt sich sensibel, geht gerade im mittleren Federwegsbereich aber auch großzügig mit ihrem Hub um und kommt auf heftigen Trails früh an ihre Limits. Die Schwalbe-Reifen besitzen auf den meisten Untergründen ausreichend Grip. Leider fallen sie unzeitgemäß schmal aus und verschenken so Potential.
Bei BIKE betreiben wir einen beispiellosen Aufwand, um Fahrräder zu testen. Als einziges Fachmagazin weltweit betreiben wir ein eigenes Testlabor. Die ermittelten Daten stützen die Eindrücke aus dem Praxistest. Auch bei den Geometriedaten verlassen wir uns nicht ausschließlich auf die Herstellerangaben, sondern setzen selbst das Lasermessgerät an.
| Kategorie: Trail-Hardtails | Gewichtung | Note |
| Uphill Fahrverhalten | 12% | 2,0 |
| Spieltrieb | 15% | 3,8 |
| Downhill Fahrverhalten | 13% | 2,5 |
| Downhill Fahrwerk | 15% | 3,3 |
| Note Fahrverhalten | 55% | 2,9 |
| Gewicht | 6% | 2,8 |
| Trägheit Laufräder | 4% | 2,5 |
| Sitzkomfort | 10% | 2,0 |
| Note Labor | 20% | 2,3 |
| Ausstattungsqualität | 5% | 3,3 |
| Usability / Mehrwert | 5% | 3,3 |
| Transportvolumen Flaschenhalter | 5% | 0,5 |
| Versenkbarkeit Sattel | 5% | 2,0 |
| Qualität / Verarbeitung | 5% | 3,3 |
| Note Ausstattung | 25% | 2,5 |
| Gesamtnote | 100% | 2,7 |
Das BIKE-Urteil gibt die Labormesswerte und den subjektiven Eindruck der Testfahrer wieder. Das BIKE-Urteil ist preisunabhängig. Notenspektrum: 0,5-5,5 (analog zum Schulnotensystem).
Bewertung Spinnendiagramm: Uphill, Spieltrieb, Downhill bezieht sich auf das Fahrverhalten: Je größer der Ausschlag, desto besser die Eignung. Ausstattung: bezieht sich auf die Qualität der verbauten Anbauteile.
Einsteiger, die ein vielseitiges Hardtail suchen, machen mit dem Grand Canyon fast alles richtig. Das Bike ist sinnvoll ausgestattet und bleibt halbwegs leicht. Wer sich nicht von der lang-flachen Geometrie überfordern lässt, kann mit dem Canyon Touren und Trails gleichermaßen in Angriff nehmen. Mehr darf man in diesem Preisbereich nicht erwarten. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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