Es gibt wohl kein Produkt in der Bike-Branche, das in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erregt hat wie der neue DJI-Motor Avinox M1. Und es ist nicht nur Aufmerksamkeit: Foren, Testberichte und Industrie sind voller Lob für den innovativen Antrieb aus China.
Auch in unserem großen Labortest konnte der neue Antrieb absolut überzeugen (HIER im Link!). Entsprechend überrascht es nicht, dass sich viele Hersteller auf den Avinox gestürzt und in Windeseile neue Rahmen und Bikes um den Motor herum konstruiert haben.
Einer dieser Frühstarter ist Megamo. Das Reason CRB soll bereits im Handel erhältlich sein. Zeit für einen ausführlichen Test. Können die Spanier die Power des Avinox-Motors auf den Trail bringen? Und ist das Reason CRB so gut, wie es der Ruf des DJI Avinox vermuten lässt?
Eine der Stärken des Motorsystems wird auch beim Reason offensichtlich: Mit schlankem Unterrohr und dezentem Antriebsbereich ähnelt das Bike optisch eher einem Light-E-MTB als einem superstarken Power-Boliden. Und auch das Gewicht kann sich sehen lassen: 21,4 Kilo wiegt unser Testbike in Größe L.
Das ist wenig für ein hubstarkes E-All-Mountain mit 800-Wh-Akku und bärenstarkem Motor. Dafür muss Megamo aber auch in die Leichtbaukiste greifen. Mit Highend-Ausstattung, vielen Carbon-Parts und (zu) dünner Reifenkarkasse. Kostenpunkt für dieses Topmodell: 11.499 Euro.
Das zeigt: Ja, DJI-Bikes können klar leichter sein als Bosch-E-MTBs. Akku und Motor sparen in Summe rund 450 Gramm gegenüber dem Schwaben-System. In die Sphären von Light-Bikes, also unter 20 Kilo, kommt man mit einem Avinox-E-MTB mit sinnvoller Ausstattung und Auslegung aber kaum.
Auch wenn das die Hersteller und Meinungen in Foren gerne anders wiedergeben mögen. Dem extrem guten Verhältnis von Gewicht zu Motor-Power und Reichweite des Megamo Reason tut das jedoch keinen Abbruch.
Wer es noch leichter haben möchte, findet im Portfolio der Spanier auch noch die Air-Modelle mit nur 140 Millimetern Federweg und einer nochmals abgespeckten Ausstattung mit schnellen Reifen und Fox-36-SL-Gabel sowie Dämpfer ohne Ausgleichsbehälter. Rund 700 Gramm soll das sparen, sagen die Spanier.
Für Tourenbiker, die nicht auf wilde Trails abbiegen wollen, wartet mit dem Air-Modell also ein noch leichteres Bike mit starkem Vortrieb. Akkuseitig zieht Megamo allerdings auch hier nicht den absoluten Leichtbau-Trumpf. Alle Reason-Modelle kommen mit dem 800er-Akku, der fest im Unterrohr verbaut ist. Die leichtere 600er-Batterie gibt’s ab Werk in keinem der Bikes.
Mit 1000 Watt Spitzenleistung bei nur 2,6 Kilo setzt der DJI-Motor eine neue Benchmark in Sachen Gewichts-Leistungs-Verhältnis. Noch ist der Motor aus China nicht in vielen Bikes verfügbar. Bei uns im Test konnte das System mit der extrem hohen Leistung bei beachtlichem Gewicht überzeugen.
Auch Sensorik und Modulation des Antriebs liegen auf höchstem Niveau. Die Kraftentfaltung ist allerdings durchaus plakativ und nicht ganz so geschmeidig wie beim Bosch Performance CX. Auch die DJI-Umgebung gefällt: Top Display, funktionale App und ein Schnellladegerät, das seinen Namen verdient hat.
Doch in unserem Test offenbarte der DJI Avinox auch eine klare Schwäche: Der Motor klapperte beim Rollen auf dem Trail deutlich aus dem Getriebe. Ein bekanntes Phänomen vieler E-Bike-Motoren, das uns beim Erstkontakt mit dem Avinox auf der Eurobike 2024 (zum ersten Eindruck des DJI Avinox geht’s HIER!) bereits aufgefallen war.
Am letzten Testbike, das wir mit DJI-Motor hatten, war im Gelände jedoch kaum ein Klappern wahrzunehmen. Es ist durchaus üblich, dass die Geräuschkulisse eines Motors durch den Einbau im Bike und eine gewisse Serienstreuung von Modell zu Modell variiert. Wir sind gespannt, wie sich das beim Avinox einpendelt und werden berichten. Ein deutliches Klappern wäre für viele Biker ein klarer Dämpfer.
Megamo hat eine extrem breite Palette an DJI-Bikes aufgestellt. Das Reason gibt es insgesamt in 13 Varianten. Neben den teureren Carbon-Rahmen gibt es auch Alu-Modelle. Der Alu-Rahmen soll 1,2 Kilo Mehrgewicht mit sich bringen. Dafür lockt ein noch günstigerer Einstiegspreis. Los geht’s bei 4999 Euro. Das günstigste Carbon-Modell liegt bei 5999 Euro.
Der Vollcarbonrahmen des Reason ist durchaus krass gezeichnet. Neben den 160 Millimetern Federweg fällt auch die Geometrie sehr abfahrtsorientiert aus. Flacher Lenkwinkel, sehr langer Reach und Radstand – das sind die Maße eines fahrstarken, speedhungrigen Enduros.
Dabei lohnt ein Blick auf die Rahmengrößen. Es gibt nur S, M und L – die Auswahl ist klein, die Abstände zwischen den Größen sind dagegen groß. Unser Testbike in Large würde bei manchem Hersteller als XL durchgehen, M wird für klassische L-Fahrer hingegen eher klein ausfallen.
Die Geometrie mag auch ein Zugeständnis an die krasse Power des DJI Avinox sein. Denn ein derart starker Motor braucht eine gewisse Länge, um den Schub kontrollierbar zu machen. So startet man gut gerüstet und gediegen auf die Tour.
Die Sitzposition hat einen sportlich-langen Touch. Doch der Fahrer sitzt gut integriert und weder zu hecklastig noch extrem vorderradorientiert im Bike. Das Fahrwerk arbeitet sensibel und generiert damit viel Traktion und Komfort. Lange Tage im Sattel können kommen.
Klickt man sich in steilen Anstiegen auf die höchste Unterstützungsstufe, überrascht der enorme Schub des DJI Avinox jedes Mal aufs Neue. Leistung und Drehmoment sind wirklich extrem und plakativ. Dadurch muss man, trotz richtig langer Kettenstreben, in sehr steilen Anstiegen gegen ein steigendes Vorderrad angehen.
Die Motorleistung will also fein dosiert sein. Dennoch verschiebt das Megamo Reason die Grenzen des Fahrbaren nach oben. Allein durch das Plus an Kraft gehen fiese Uphills leichter von der Hand als mit den allermeisten anderen E-Mountainbikes.
Ist das Reason bergab ein echtes E-Enduro? Federweg und Geometrie lassen das durchaus erwarten. Klar ist: Das Bike zieht eher zielstrebig und direkt seine Bahnen, anstatt mit Haken, Hüpfern und Spielereien über den Trail zu cruisen. Das Reason lässt sich eher schwer aufs Hinterrad ziehen und ist kein ausgewiesen handliches Trailbike.
Doch sein Handling bleibt trotzdem sehr lebendig. Das geringe Gewicht von Bike und Laufrädern macht Spaß. Trotz seiner Länge fühlt es sich leichtfüßiger an als die meisten klassischen E-MTBs der Power-Liga.
Das liegt auch daran, dass sich der Hinterbau nicht gnadenlos am Untergrund festsaugt, sondern das Bike auch mal bereitwillig zum Bunny Hop übers Wurzelfeld freigibt. Ein richtiges Großkaliber für den Speed-Rausch im ruppigen Steinfeld ist das Reason CRB damit nicht.
Auf klassischen Trails und abwechslungsreichen Abfahrten fühlt es sich wohler als im Schlagstakkato einer Downhill-Piste. Auch die zu schwachbrüstigen Reifen rauben dem Bike ein gutes Stück seiner Nehmerqualitäten. Apropos Steinfeld: Beim Rollen auf solch rumpeligem Untergrund reagierte der Avinox-Motor in unserem Testbike mit besonders deutlichem Klappern aus dem Getriebe.
Trotz krasser Geometrie und üppigem Federweg ist das Megamo Reason CRB eher fahrstarker Allrounder als extremes E-Enduro. Dafür ist das Bike vielseitig – das gefällt. Das geringe Gewicht und die schlanke Silhouette sind Vorboten einer neuen Generation E-MTBs – der DJI Avinox lässt grüßen. Die enorme Power des Motors hievt das Bike selbst fiese Anstiege mühelos empor. - Florentin Vesenbeckh, BIKE-Redakteur