Adrian Kaether
· 18.01.2026
Rückblende 2022: Mit einer bis dahin unerhört starken 900er Batterie bei niedrigem Gewicht kam Canyons Spectral:On dem Traum vom reichweitenstarken Alleskönner extrem nahe und sahnte mehrere Testsiege ab. Doch es war eben der spezielle 900er Akku mit Kunststoffaußenhülle, der zwischenzeitlich zur Achillesferse für das sonst gefeierte Rad werden sollte. Kleine Risse im Cover häuften sich, Canyon musste das ganze Bike und ebenso das Schwestermodell Torque:On mit dem gleichen Akku aus dem Verkehr ziehen. Nach einer langen Durststrecke ist das Canyon jetzt wieder da!
Das Spectral:On kommt mit bewährtem Konzept aber neuer Batterie zurück auf die E-MTB Bühne. Der Akku mit Alu-Außenhülle bietet „nur“ noch 800 Wattstunden. Etwas Kapazität musste also weichen. Die 800er Batterie ist mit 4,6 Kilogramm fast so schwer wie der vorherige 900er Akku (4,8 Kilogramm) und rund ein halbes Kilo schwerer als vergleichbare 800er Batterien von Bosch oder DJI um vier Kilogramm. Leider verpasst das Canyon auch die Bestnote des Vorgängers bei der Reichweite deutlich. Rund 1800 Höhenmeter sind in unserem standardisierten Reichweitentest bei Vollgas drin. Der 800er Bosch klettert da mit über 2000 Höhenmetern regelmäßig noch etwas weiter.
Der Motor des Spectral:On bleibt gegenüber den letzten Versionen unverändert. Nach wie vor werkelt ein EP801 im Tretlager. Mittlerweile ist der Shimano selten geworden. Auch weil er mit rund fünf Jahren seit der Vorstellung der ursprünglichen Version schon recht alt ist für einen E-MTB Motor. Allerdings bietet der EP801 ein bis heute exzellentes Leistungsgewicht bei nur 2,6 Kilogramm und mittlerweile 85 Nm / 600 Watt in der Spitze. Das minimalistische Display spricht sportliche Piloten an. Bei der Gelände-Performance hat Shimano sogar mit dem Race-Update im letzten Jahr nochmal spürbar nachgebessert. Wesentliche Kritikpunkte wie der fehlende Nachlauf und die mäßige Dosierbarkeit der Leistung sind damit ausgeräumt. Was bleibt ist das notorische Motorklappern in der Abfahrt.
Spätestens jetzt müssen wir aber auch über die Ausstattung sprechen. Der Versender spielt hier klar seine Trümpfe aus. Für nur 6000 Euro gibt’s bei unserem Topmodell CFR alle nur erdenklichen Feinheiten zu bestaunen. Edle Carbonlaufräder von DT Swiss sind mit einer XO Transmission, Srams Code Ultimate einer Reverb AXS Stütze und einem Factory Fahrwerk von Fox abgemischt. Selbst die Lenker-Vorbau-Einheit ist aus Carbon. Einziger Wehrmutstropfen: Viele Parts stammen aus älteren Modelljahren. Das merkt man aber höchstens bei der Code-Bremse und vielleicht bei der AXS Dropper. Fahrwerk, Transmission und Laufräder sind auch heute noch völlig auf der Höhe der Zeit.
Damit lässt Canyons E-MTB in Sachen Ausstattung sogar die meisten Räder ohne Motor fürs selbe Geld hinter sich. Zum Vergleich: Schon unser letztes Canyon Spectral:On im Test galt als ein Rad mit exzellentem Preis-Leistungsverhältnis. Für ebenfalls 6000 Euro kam es aber nur mit 720er Batterie, günstigem Fox-Fahrwerk und mechanischer Shimano-Schaltung. Und fuhr in der damit doch fast zum Testsieg.
Kann sich Canyons Allrounder damit auch 2026 noch in der Top-Liga bewähren? Erstaunlich unproblematisch ist dabei der Motor. Zwar kann der EP801 in Sachen Power nicht mit Bosch oder gar DJI mithalten. Die Leistung reicht aber in fast allen Lebenslagen gut aus. Über die App kann man die U-Stufen feintunen. Ein möglichst starker Trail-Modus erwies sich für uns als bester Kompromiss aus Power und Dosierbarkeit. Die Uphill-Traktion unter schwierigen Bedingungen ist dann nicht ganz auf Bosch-Nivea. In Kombination mit dem neuen Motornachlauf macht der Shimano aber dennoch bergauf vieles möglich. Der Schub ist angenehm und gleichmäßig.
Umso mehr fallen im Direktvergleich mit vielen modernen E-Mountainbikes die Eigenheiten auf, die das Canyon immer schon hatte. Das tiefe Tretlager führt bergauf schnell zu Pedalaufsetzern, selbst das Akkucover kommt an Steilstufen leicht in Bodenkontakt. Mit der hohen Front und moderaten Kettenstreben wird häufig das Vorderrad leicht. Nie überfallartig, aber ein Selbstläufer ist das Spectral:On im Uphill definitiv nicht. Lob gibt es für das aktive Fahrwerk, das dem Hinterreifen viel Grip bringt.
Auf Trails bergab behält das Canyon seinen bewusst nicht zu extremen Charakter, sondern sucht den Ausgleich zwischen Spieltrieb und Fahrstärke. Der Pilot steht grundsätzlich sicher und gut integriert hinter der hohen Front. Das tiefe Tretlager zahlt auf Fahrsicherheit und Kurvenlage ein. Bei entschlossenem Zug am Lenker lupft das Canyon willig das Vorderrad. Leider kann an Steilstufen auch bergab das Tretlager aufsetzen. Das verunsichert auf anspruchsvollen Trails.
Das Fahrwerk setzt auf sportlich-definierten Gegenhalt. Absprünge an kleinen Trail-Kanten fallen dadurch leicht. Die edlen Carbon-Laufräder bringen ein spritziges Handling. In schwerem Gelände hätten wir uns aber etwas mehr Komfort gewünscht. Shimanos EP801 klappert nach wie vor bergab. Das edle Carbon-Cockpit bietet wenig Verstellmöglichkeiten. Canyons All Mountain fällt übrigens groß aus: Im Zweifel würden wir definitiv lieber zur kleineren Größe raten – dann kommen auch die Stärken des Bikes bei Handling und Spieltrieb bestmöglich zur Geltung.
Die BIKE-Note setzt sich aus Praxiseindrücken der Tester und Labormesswerten zusammen. Die Note ist preisunabhängig. Notenspektrum analog zum Schulnotensystem. Für eine solide Leistung vergeben wir die Note 3,0.
Canyons wiederbelebtes Spectral:On ist ein solider Performer mit lupenreiner Edel-Ausstattung zum Kampfpreis. Allein das macht das Rad attraktiv. Die Fahreigenschaften können im anspruchsvollen High-End-Vergleich noch mithalten, Carbon-Cockpit und Aufsetzer von Kurbeln und Tretlager können im Alltag ab stören. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
| Gewicht (kg) | 23.68 |
| Zulässiges Gesamtgewicht (kg) | 130 |
| Gabel | Fox 38 Float Factory |
| Dämpfer | Fox Float X Factory |
| Schaltung | SRAM X0 Eagle Transmission AXS |
| Motor / Akku | Shimano EP 801 |
| Bremsen vorne | SRAM Code Ultimate |
| Bremsen hinten | SRAM Code Ultimate |
| Reifen vorne / hinten | Maxxis Assegai 3C MaxxTerra Exo Protection TR 29 x 2,50 |
Alle Daten findest du hier
| Eigenschaft | Note |
|---|---|
| Fahrverhalten | 3,2 |
| Labor | 2,5 |
| Ausstattung | 2,8 |
| Endnote | 2,9 |
Die Gesamtbewertung des Bikes findest du hier