​Das neue Scott Addict Gravel 10Komfort kann schnell sein

Dimitri Lehner

 · 12.09.2026

Das neue Scott Addict Gravel: kann schnell, kann Abenteuer, will alles.
Foto: Daniel Geiger / Scott
57 Millimeter Reifenfreiheit, 795 Gramm Rahmengewicht und ein Hinterbau, der lieber federt als protzt: Scott schickt das neue Addict Gravel als Allrounder ins Gelände. Es kann Tempo, mag lange Tage und lässt sich auch mit Taschen behängen und Werkzeug vollstopfen. Ein Gravelbike also für Menschen, die sich nicht entscheiden wollen oder können.

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Kein Race, kein Abenteuer – beides

Scott hat das Addict Gravel komplett neu gedacht. Das Ergebnis sitzt irgendwo zwischen Race-Graveller und Bikepacking-Abenteurer. Die Sitzposition ist sportlich, aber nicht aggressiv, die Geometrie auf Laufruhe getrimmt. Stack und Reach wachsen jeweils um zehn Millimeter, das Cockpit wird zehn Millimeter kürzer. Auf schnellen Schotterabfahrten vermittelt das Sicherheit, ohne in Behäbigkeit umzuschlagen.

Der Rahmen kommt in HMX- und HMF-Carbon. Das HMX-Modell wiegt gerade einmal 795 Gramm, HMF startet bei 990 Gramm. Beide Varianten teilen sich Geometrie und Komfortkonzept. Und beide schlucken Reifen bis 57 Millimeter. Damit passen nicht nur fette Gravelreifen, sondern auch leichte MTB-Pneus ins Konzept. Lustig: Scott empfiehlt keine Reifen unter 45 Millimeter Breite. Da spürt man, dass der Chef-Konstrukteur des neuen Addict ein Mountainbike-Fan ist mit einer Schwäche für Geländefahrten. Ein Gespräch mit Jean-Francois Boivin findet ihr hier.

Federung ohne Feder

Scott ersetzt klassische Federelemente durch kontrollierten Flex. Filigrane Sitzstreben setzen tief am Rahmen an, die Sattelstütze besitzt eine Aussparung, die zugleich ein Rücklicht aufnehmen kann. Dazu kommt eine spezielle Sattelklemmung. Das klingt nach Ingenieurslyrik, funktioniert im Gelände aber erstaunlich unpoetisch: Es wird einfach komfortabler.

Die vertikale Nachgiebigkeit steigt laut Scott am Heck je nach Sattelstütze um 25 bis 60 Prozent, an der Front um rund 30 Prozent. Um den Flex zu demonstrieren, behängte Chef Konstrukteur Jean-Francois Boivin den Rahmen des Addict mit dicken Hantelscheiben, dass sich das Carbon verbog wie Mady Morriso beim Yoga. Auf dem Feldberg im Schwarzwald fühlt sich das Addict Gravel entsprechend angenehm an. Die 50er-Schwalbe G-One RX tun ihr Übriges. Sie liefern Grip und Komfort auf grobem Schotter, rollen auf Asphalt ordentlich und machen das Rad auch bergab vertrauenerweckend. Ein Race-Reifen wäre schneller – dafür müsste man im Gelände wieder mehr leiden.

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Leichtfüßig statt nervös

Das Testrad Addict Gravel 10 kommt mit HMX-Rahmen, SRAM Force XPLR und den eigentümmlich gewellten Fulcrum Soniq GR Carbon-Laufrädern. Mit 42er-Kettenblatt und 10-46er Kassette reicht die Übersetzung für lange Anstiege ebenso wie für schnelle Schotterpassagen. Eine Kettenführung hält die Kette bei grobem Geläuf dort, wo sie hingehört.

Das einteilige Syncros-Onepiece-Cockpit fügt sich ins Konzept. Es spart Gewicht, liegt gut in der Hand und sieht elegant aus. Der Lenker hat wenig Drop – praktisch beim schnellen Wechsel zwischen Ober- und Unterlenker. Das gefällt. Allerdings besitzt der Lenker wenig Flare und mutet fast wie ein Rennradlenker an – das hat nicht so gut gefallen, doch ist vermutliche Geschmacksache.

Mein Testeindruck:

Das Addict Gravel beschleunigt leichtfüßig, bleibt bei Tempo stabil und reagiert trotzdem wendig genug für schnelle Richtungswechsel. Es fährt sich nicht wie ein Rennrad, das versehentlich im Wald gelandet ist. Sondern wie ein potentes Gravelbike, das dort hingehört. Die steilen Wurzeltrails rund um den Feldberg, vertrug das Scott Addict besser als der Pilot. Sprich: als ich. Denn wenn es zu sehr bockt und schlägt, meine Kontaktlinsen im Auge verrutschen und die Nackenwirbel klappern, denke ich unwillkürlich: Thema verfehlt, das ist kein Gravelbiking mehr. Meine persönliche Meinung, andere blühen erst auf, wenn die Bandscheiben klingeln. Sehr gut: Der Flex des Rahmens klappt nicht nur im Labor, sondern erzeugte spürbar Komfort im Gelände. Unterstützt durch die dicken 50er-Reifen, die mit Mountainbike-Luftdrücken befüllt waren: 1,6 vorne, 1,8 hinten. Auf langen Forstweg-Geraden prescht das Addict mit viel Vortrieb nach vorne. Hier profitiert man vom leichten Gewicht des Highend-Modells. Statt die Disziplinen weiter auszudifferenzieren bietet Scott mit dem Addict eine Plattform, die sich als schneller Gravel-Racer mit angenehmer Sitzposition einsetzen lässt, aber auch aufrüsten zum Abenteurer.

> Dimitri Lehner, Tester

Platz für den Notfall

Auch beim Gepäck denkt Scott mit, ohne das Rad zum Lastesel umzuerziehen. Im Unterrohr steckt ein Staufach für das „Save The Day Kit“ mit Schlauch, Reifenhebern und Minipumpe. Im Rahmendreieck findet eine verschraubte Tasche Platz, die während der Fahrt gut erreichbar bleibt. In den Lenkerenden verschwinden Minitool und Tubeless-Plugs.

An der Gabel sitzen spezielle Flaschenhalter. Das heißt: zwei Flaschen am Rahmen, zwei vorne an der Gabel. Wow! Wer sich das wohl gewünscht hat? Scott-Teamfahrer Jonas Deichmann? Der Extremsportler hat gerade Europa umrundet, 25 Tsd. Kilometer in 135 Tagen. Allerdings mit dem Vorgänger des Addict Gravel. Wer das Addict Gravel in den vollen Abenteuer-Mode versetzen will, findet dafür bietet Syncros ein passendes Taschensystem mit Rahmen-, Oberrohr-, Lenker- und Satteltasche an.

Der Allrounder mit Hang zum Komfort

Das neue Addict Gravel will vieles und kann vieles. Es ist leicht genug für schnelle Runden, komfortabel genug für lange Tage und robust genug für groben Schotter. Seine 57 Millimeter Reifenfreiheit eröffnen dabei mehr Möglichkeiten, als man einem so schlanken Carbonrahmen zutrauen würde.

Das Testurteil fällt entsprechend aus: Scott hat den Spagat zwischen Race und Adventure nicht durch einen Kompromiss gelöst, sondern durch Komfort. Das Addict Gravel ist kein Spezialist. Und genau darin liegt vielleicht seine Stärke.


Technische Daten – Scott Addict Gravel 10

RahmenCarbon HMX, ca. 795 g
Reifenfreiheitbis 57 mm
SchaltungSRAM Force XPLR AXS, 1 × 12
Übersetzung42 Zähne / 10–46
LaufräderFulcrum Soniq GR Carbon
ReifenSchwalbe G-One RX, 50 mm
CockpitSyncros, einteilig
Gewichtca. 8,5 kg
RahmengrößenXXS bis XXL
RahmensetsHMX 2999 €, HMF 1999 €

Modellprogramm: Addict Gravel 40 ab 2799 €, Addict Gravel 10 6499 €, Addict Gravel Premium 8999 €. Alle Modelle kommen mit 1-fach-Antrieb; der Rahmen ist nicht für 2-fach-Schaltungen ausgelegt.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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