​Scott Konstrukteur Jean-François Boivin„Ich bin am Träumen“

Dimitri Lehner

 · 05.09.2026

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Scott-Ingenieur Jean-François Boivin über breite Reifen, schmale Cockpits, Carbon-Federung – und warum Gravelbikes erst am Anfang ihrer Evolution stehen.

Das neue Scott Addict Gravel soll vieles können: schnell sein, komfortabel, geländetauglich und bereit fürs Abenteuer. Konstrukteur Jean-François Boivin erklärt, warum ein Gravelbike nicht alles gleichzeitig sein sollte, weshalb ihm das Design besonders wichtig ist und warum er von einem Gravelbike mit elektronischer Mini-Federung träumt.

„Breite Reifen geben Selbstvertrauen“

BIKE: Alle nennen dich Jeff. Und Jeff, du bist der Schöpfer des neuen Scott Addict Gravel, richtig?

Jean-François Boivin: Eigentlich heiße ich Jean-François Boivin und komme aus Montreal. Ich bin der verantwortliche Ingenieur für das Addict Gravel. Aber natürlich haben wir das Rad als großes Team entwickelt.

Was qualifiziert dich für diesen Job?

Ich kenne das Bike bis ins letzte Detail – vom ersten Briefing bis zum Serienrad. Ich weiß, was funktioniert hat und was nicht.

Und was hast du gemacht, bevor du das Addict Gravel konstruiert hast?

Ich komme ursprünglich vom Mountainbiking. Als Ingenieur habe ich aber auch schon olympische Bahnräder für Tokio konstruiert.

Ah, daher weht der Wind und daher also die Liebe zu breiten Reifen?

(Lacht.) Kann sein. Ein breiter Reifen bringt Grip und Selbstvertrauen. Genau das wollte ich beim Addict Gravel. Ich will auch mit einem Gravelbike bergab schnell und sicher fahren. Zusammen mit der Geometrie und dem Handling ist uns das gelungen.

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Das erklärt auch die vielen Befestigungsmöglichkeiten, etwa für Flaschen an der Gabel. Ist das Addict Gravel also ein Abenteuerrad?

Wir wollten uns möglichst wenig limitieren. Deshalb gibt es viele Möglichkeiten, das Rad auszurüsten. Aber es ist kein reines Abenteuerrad. Dafür haben wir das Scale Gravel.

Drei Bikes für drei Bedürfnisse

Gravel scheint gerade seine Identität zu suchen: Die einen wollen ein Rennrad mit etwas mehr Reifen, die anderen ein Mountainbike ohne Federung – und möglichst alles dazwischen. Wie siehst du das?

Ich sehe drei Gruppen: die Abenteurer, die ihr Rad bepacken und auf Tour gehen; die Racer, die ein leichtes, schnelles Bike wollen; und die große Gruppe dazwischen. Für sie ist ein Racer oft zu gestreckt und ein Abenteuerrad zu schwer und zu viel des Guten.

Welche Gruppe ist die größte?

Ich glaube, die Abenteurer sind groß. Aber die Kategorien werden bleiben. Ein Bike für alle bedeutet zwangsläufig Kompromisse. Ein Racer will keine 40 Millimeter Spacer unter dem Lenker. Ein Hobby-Graveller möchte dagegen nicht wie auf einem Zeitfahrrad liegen. Ich glaube deshalb, dass sich Gravel noch stärker ausdifferenzieren wird.

In welche Richtung?

In alle. Besonders bei Aero-Gravel wird sich einiges tun. Diese Kategorie wird gerade stark gepusht.

Wie wichtig ist dabei die Optik?

Sehr wichtig. Ein Bike muss gut aussehen. Du sollst es anschauen und denken: Verdammt, sieht das gut aus! Wie bei einem Sportwagen.

Welche Räder gefallen dir?

Das neue Specialized gefällt mir sehr gut, auch wenn ich das ungern zugebe. Das Crux 5 ist gelungen. Das BMC Kaius finde ich schick. Die Italiener übertreiben es mir manchmal mit ihren geschwungenen Formen. Pinarello oder Wilier haben natürlich ihre eigene Design-DNA. Ich dagegen mag es cleaner: gerade Rohre, einfache Formen.

„Canyon ist die härteste Konkurrenz“

Wer fordert Scott derzeit am stärksten heraus?

Beim Preis-Leistungs-Verhältnis ganz klar Canyon. Die bauen sehr gute Räder. Specialized gibt ebenfalls Gas. Das Crux 5 setzt beim Gewicht Maßstäbe – wie wir auch. Und das neue Dark Matter von Argon18 gefällt mir sehr. Die haben ihre Hausaufgaben gemacht.

Und China? Die Hersteller werden immer stärker und aggressiver beim Preis.

Das wird definitiv eine Herausforderung. Die Asiaten wissen, wie man Rahmen baut. Das ist offensichtlich. Beim Design liegen sie teilweise noch zurück. Unser Vorteil im Westen ist, dass wir den Sport leben und wissen, was wir wollen. Aber je mehr die Chinesen selbst fahren, desto besser werden ihre Bikes.

Was hältst du von den immer breiteren Gravel-Cockpits?

Da wurde übertrieben. Ich glaube, das pendelt sich wieder ein: etwas schmaler, weniger Flare.

Worauf bist du beim neuen Addict Gravel besonders stolz?

Auf die Abstimmung des Carbonrahmens. Er flext genau dort , wo er soll – quasi eine integrierte Federung. Das ist schwierig. An manchen Stellen muss ein Rahmen steif sein, an anderen nachgeben. Beim Addict Gravel haben wir diesen Spagat sehr gut hinbekommen.

Wie fährst du selbst am liebsten Gravel?

Ich mag technische Singletrails. Nicht zu ruppig – dafür gibt es Mountainbikes. Aber auch nicht nur schnell und zahm über Schotter.

Der Traum vom Gravel-Fahrwerk

Blicken wir zum Schluss in die Zukunft: Was kommt als Nächstes?

(Lacht.) Ich habe ein paar Vorstellungen davon, was cool wäre. Ob Scott das genauso sieht, weiß ich allerdings nicht.

Dann sprich als Jean-François Boivin, nicht als Scott-Konstrukteur.

Ich fände eine Micro-Federung mit elektronischem Lockout spannend. Ein richtiges Fahrwerk, das Gravel näher ans Mountainbike bringt und die Lücke zwischen beiden schließt. Aber nicht in Richtung Abenteuer, sondern High Performance. Ich denke zum Beispiel an eine Upside-down-Gabel, aerodynamisch gestaltet, mit integrierter Elektronik – und natürlich extrem leicht.

Du bist also schon beim nächsten Bike.

Ich bin am Träumen.

Und 32 Zoll?

32 Zoll wird seinen Platz bei Highend-Racebikes finden. Ganz sicher.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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