Laurin Lehner
· 19.02.2026
Drei Kategorien, ein Rad, null Langeweile: Das Scott Scale RC Aero Konzept ist typisch Dangerholm – technisch präzise, optisch radikal, inhaltlich irgendwo zwischen Wahnsinn und Genie.
Das Unikat rollt auf 2,25-Zoll-MTB-Reifen, die auf 45 Millimeter breiten Prototyp-Felgen mit 70 Millimeter tiefem Wellenprofil sitzen. Aero trifft Acker. Die Titan-Kurbel WERT StW-M wiegt federleichte 314 Gramm, der Berk Lupina Monocoque-Sattel sogar nur 99 Gramm ; Geschaltet wird mit einem Sram RED XPLR-Antrieb samt 13 Gängen und 10–46-Zähne-Kassette, gebremst mit 612-Parts-Sätteln und Carbon-Ti X-Rotor Aero-Scheiben.
Die Mission: die Effizienz eines Rennrads mit der Geländelust eines Mountainbikes kreuzen – ohne Kompromisse. Oder zumindest mit sehr unterhaltsamen.
Die Basis bildet der Rahmen des Scale Gravel, kombiniert mit der Sattelrohr-Sektion eines Foil RC Rennrads. Dazu kommen Aero-Komponenten, die eher nach Windkanal als nach Waldweg aussehen. Heraus kommt ein Gravel-Bike mit Rennrad-Hüfte und MTB-Schuhen.
Spannend wird es bei der Geometrie: Zum Einsatz kommt ein Scale-Gravel-Rahmen in Größe Medium – für einen 183 Zentimeter großen Fahrer eigentlich zu klein. Doch genau das ist Teil des Konzepts. Der kürzere Reach sorgt für eine kompakte Front, die durch die längere Griffposition am Dropbar wieder ausgeglichen wird. Klingt paradox, fährt sich aber offenbar genau so, wie es gedacht ist: schnell. Kurz gesagt: Wenn Gravel, Aero und MTB auf einer Werkbank diskutieren dürften – so sähe vermutlich das Ergebnis aus.
Die Sattelrohr-Sektion stammt aus einem unfallbeschädigten Scott Foil RC – Recycling auf Highend-Niveau. Dangerholm trennte das obere Sattelrohr des Scott Scale Gravel heraus und transplantierte das Foil-Bauteil an dessen Stelle. Ein Carbon-Spezialist verband beide Teile anschließend mit mehreren Lagen Carbon-Gewebe – Maßarbeit statt Bastellösung.
Charakteristisch ist die integrierte Sattelklemme des Foil-Elements in markanter P-Form. An der Vorderseite ergänzt ein zusätzliches Carbon-Rohr die Konstruktion und erzeugt eine keilförmige Aero-Kontur – optisch Rennrad, funktional Gravel.
Auch im Antriebsbereich blieb kein Stein auf dem anderen: Die Kettenstrebe auf der Antriebsseite wurde massiv modifiziert, um Platz für Kettenblätter bis 46 Zähne zu schaffen. Im Serienzustand limitiert das Scale Gravel die Blattgröße – die Geometrie ist schließlich nicht auf Hochgeschwindigkeits-Setups ausgelegt.
Nach der strukturellen Arbeit begann die Geduldsprobe bis die Oberfläche perfekt glatt war und als Basis für die Lackierung taugt. Die Scott-Gabel hingegen blieb weitgehend im Serienzustand. Lediglich die je drei Nieten pro Seite zur Taschenbefestigung mussten weichen. Aero kennt eben keine Packtaschen.
Im Cockpitbereich setzt Dangerholm auf das Darimo Nexum Drag Gravel Cockpit in 80 x 380 Millimetern mit sattem -12 Grad Vorbauwinkel. Die kompakte Einheit wurde eigens für zwei MTB-Gravel-Projekte entwickelt – nichts von der Stange, alles mit Plan. Durch den vergleichsweise langen Reach des Rahmens fällt der Vorbau deutlich kürzer aus als bei klassischen Gravel-Bikes. Gleichzeitig verlangt der flachere Lenkwinkel nach einer radikaleren Lösung: Ein üblicher -6-Grad-Aero-Vorbau würde den Lenker optisch wie einen startbereiten Flügel in den Himmel recken. Nicht gerade windschlüpfrig.
Der -12-Grad-Vorbau hingegen bringt die Aero-Form sauber in Position und sorgt für eine flache, stimmige Linie. Headset-Keil, Abdeckung und Spacer sind maßgefertigt – für eine nahtlose Integration und vollständig interne Kabelführung. Aufgeräumter geht es kaum.
Beim Lenkerband greift Dangerholm zum drei Millimeter dicken Syncros RC Bar Tape. Für ein Gravel-Bike eher ungewöhnlich, denn normalerweise käme die 4-Millimeter-Gravel-Variante zum Einsatz. Doch das üppige Reifenvolumen übernimmt hier die Dämpfungsarbeit.
Die Sram RED E1-Bremshebel können mehr als nur stoppen: Mit den integrierten Bonus-Buttons steuert man den Hammerhead Karoo direkt vom Lenker – Technik trifft Komfort. Die üblichen Flat-Mount-Bremssättel passen am Post-Mount-Rahmen nicht. Statt 180-Millimeter-Scheiben mit Adaptern kommt Schweizer Highend ins Spiel: 2-Kolben-Bremssättel von 612 Parts, gefertigt in Deutschland, sorgen für sauberes Verzögern.
Der Antrieb basiert auf dem Sram RED XPLR Schaltwerk mit 13-Gang 10-46T Kassette und SRAM RED Kette. Die Alpha Schaltrollen lassen sich leicht reinigen und haben ein Staubschutz-System für die Lager. Die WERT Cycling StW-M Titan-Kurbel ist fast komplett durchbohrt, was sie quasi hohl macht. Das Gewicht liegt bei 314 g. Die Pre-Production-Version hat eine etwas breitere Achse als normal. Das erlaubt ein 6,5 mm Offset SRAM RED Aero Power Meter Kettenblatt mit 44T, während MTB-Rahmen normalerweise 3 mm Offset benötigen. Der Q-Faktor bleibt schmal und aerodynamisch. Das CeramicSpeed BB ALPHA Innenlager nutzt verbesserte Dichtungen für längere Haltbarkeit bei niedrigem Reibungswiderstand. Die Pedale sind Xpedo M-Force 8 Ti.
Die Prototyp-Aero-Laufräder orientieren sich am Look der Zipp 303 XPLR SW, kommen aber extra breit und in einer Version, die auch 2,25-Zoll-MTB-Reifen schluckt. Mit 45 mm Innen- und 52 mm Außenbreite sowie einem 70 mm tiefen Wellenprofil bieten sie die perfekte Basis für voluminöse Reifen. Das breite Felgenprofil sorgt dafür, dass die Reifen bei niedrigen Drücken stabil bleiben. Normalerweise können Reifen beim harten Anbremsen, in Kurven oder beim Sprint über die Felge „falten“ – hier passiert das nicht. Die breite Felgenbasis erhöht Vorhersagbarkeit, Komfort und Geschwindigkeit auf rauem Untergrund, ohne dass das Bike auf glattem Schotter schneller wird als ein normales Gravel-Bike mit 45 mm Reifen.
Anfangs bestand die Sorge, dass Reifen, die nicht speziell für diese Breite entwickelt wurden, zu eckig werden und die Schulter-Stollen schlecht für Kurvengrip stehen. Die Praxis zeigte jedoch: Extreme Schräglagen auf Schotter sind extrem selten. Auf der Straße erlaubt das Profil starkes Schräglegen, auf Schotter rutscht man ohnehin viel früher weg – ein rundes Profil ist hier also gar nicht nötig.
Auf den Felgen rollen Maxxis Aspen ST MaxxSpeed Team Spec in 2,25 Zoll Breite. Für ein cleanes, minimalistisches Look-and-Feel wurden die Logos geschwärzt. Tubeless-tauglich sind die Reifen zwar, Dangerholm setzt aber meist auf REVOLOOP REVO.ULTRA MTB TPU-Schläuche – ein Hauch Oldschool mit Hightech-Vorteil.
Gustav Gullholm, besser bekannt als Dangerholm, ist ein schwedischer Custom-Bike-Bauer, der Technik, Leichtbau und Design auf ein neues Level hebt. In den letzten Jahren hat er unter anderem die leichtesten XC-Bikes der Welt gebaut – und sogar das leichteste 29"-Downhill-Bike. Doch bei Dangerholm geht es nicht nur um Grammzahlen: Jedes Bike muss nicht nur ultraleicht sein, sondern auch großartig fahren und richtig gut aussehen.
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