Red Bull District Ride 2022Die Inside-Story von Erik Fedko

Erik Fedko

 · 28.11.2022

Erik Fedko: „Oh je, ich drehe zu langsam!“ Schreckmoment beim Finalsprung: Backflip Superman Seatgrab.
Foto: Lars Scharl
Powered by

Erik Fedko ist Deutschlands bester Slopestyler. Er startete als Podiumsfavorit beim Red Bull District Ride 2022 und wurde seinem Ruf in Nürnberg vollkommen gerecht. Hier berichtet Erik aus seinem Seelenleben bei seinem Run. Außerdem haben wir mit Kathi Kuypers als eine von fünf weiblichen Startern nach dem Event gesprochen.


Die Themen in diesem Artikel:


Eriks Inside-Report vom Red Bull District Ride

Wow, so viele Menschen! Ich habe das Gefühl, dass so viele Zuschauer noch nie beim District Ride waren. Mega viele Fans. 2017 war ich der Underdog, den meisten unbekannt. Dieses Jahr steigt der Druck auf mich. Ein Riesen-Event in Deutschland und ich als deutscher Fahrer mit Hoffnung auf Podium.

Verlagssonderveröffentlichung

Ich werde interviewt und befragt mit teils lustigen Fragen. Doch trotz Druck macht’s mir Spaß. In der Nacht wache ich immer wieder auf, kann nur schlecht schlafen. Deswegen gehe ich am Freitag mit den Jungs raus, bisschen feiern, das hilft. Das geht mir oft so, dass ich vor Events nicht schlafen kann, doch die Ablenkung tut gut.

Szenen wie beim Openair-Konzert. 120.000 Zuschauer sollen laut Polizei beim Red Bull District Ride gewesen sein.Foto: Flo Hagena
Szenen wie beim Openair-Konzert. 120.000 Zuschauer sollen laut Polizei beim Red Bull District Ride gewesen sein.

Die Aufmerksamkeit der Fans ist schön, doch manchmal nervig. Gerade im Training, besonders dann, wenn es nicht so läuft. In Nürnberg trainierst du ja mitten in der Stadt, mitten unter den Fans. Da fällt das Training schwer. Wenn dann die Tricks nicht klappen, wie ich das will, kann ich wirklich keine Unterschriften geben. Da flattern die Nerven, und ich sage: „Sorry Leute, jetzt nicht!“ Da mögen die Fans dann denken: „Puh, ist der unfreundlich!“ Aber das stimmt nicht. Fakt ist: Ohne Konzentration läuft nix. Meinem Kollegen Nicholi Rogatkin macht das nicht so viel aus. Nicholi hat definitiv die stärksten Nerven unter uns Fahrern. Er macht das ja auch schon lange. Ich glaube, seit acht Jahren ist er im Slopestyle-Zirkus dabei, und diese Erfahrung zahlt sich aus. Das kriegst du auch bei seinen Interviews zu spüren: Nicholi spult sie routiniert ab, ist witzig dabei und schlagfertig.

Erik Fedko beim Training. „Es tut mir immer leid, den Fans sagen zu müssen: Ich kann jetzt nicht. Doch das Training erfordert volle Konzentration, besonders, wenn die Tricks nicht richtig klappen“, sagt Fedko.Foto: Lars Scharl
Erik Fedko beim Training. „Es tut mir immer leid, den Fans sagen zu müssen: Ich kann jetzt nicht. Doch das Training erfordert volle Konzentration, besonders, wenn die Tricks nicht richtig klappen“, sagt Fedko.

Erik Fedko: Zwei Tage Training beim Red Bull District Ride sind zu wenig

Das Training bei so einem Wettkampf ist immer ein heikles Thema. Auch dieses Mal haben wir nicht genug Zeit, ausführlich zu üben. Der District Ride ist da speziell, denn der Parcours führt mitten durch die Stadt. Der Kurs mit all den Hindernissen und Sprüngen muss also schnell aufgebaut werden und schnell wieder ab, viel Spielraum bleibt da nicht. Einige Sprünge passen nicht, müssen also verändert werden; das frisst Zeit. Und dann kommt auch noch Regen. Für meinen Geschmack sind zwei Tage zu wenig Training.

Also Donnerstag Training und dann die Ansage wegen dem angesagten Regen: Wir müssen schon am Freitag einen Wettkampf-Run durchziehen. Na toll! Ich bin den Kurs jetzt gerade drei Mal komplett gefahren und soll nun einen Wettkampflauf machen? Da kommt Anspannung auf unter den Fahrern. Jeder ist enttäuscht, jeder wird nervös. Am Ende hält das Wetter – ein Riesenglück. Denn bei Nässe wird’s tückisch auf dem Kopfsteinpflaster. Es ist ohnehin ein Riesenunterschied, ob du deine Tricks auf dem Homespot abspulst oder schnell, schnell, schnell auf einen unbekannten Kurs übertragen musst. Da kannst du noch so viel üben und deinen Lauf durchplanen. Vor Ort wird es immer anders. Passt ein Jump nicht, wirft das deinen Lauf durcheinander. Diesmal flasht mich Nicholi mit seiner Performance, denn für ihn ist es schon eine ganze Weile nicht so gut gelaufen bei Wettkämpfen. Deswegen bin ich mega stoked für ihn, dass sein Lauf so gut klappt.


Lesen Sie auch folgende Artikel zum Red Bull District Ride:


Weißes Shirt und Baggy-Pants mit Unterschriften, passend zum Bike: „Fans und Rider haben den Look komplett abgefeiert“, sagt Erik.Foto: Lars Scharl
Weißes Shirt und Baggy-Pants mit Unterschriften, passend zum Bike: „Fans und Rider haben den Look komplett abgefeiert“, sagt Erik.

Nicholi ist ein Meister der Cashroll. Irre, wo der den Kreisel überall auspackt. Die Cashroll ist ein extrem schwieriger Trick, was die Rotation angeht – boah! Cashrolls hab’ ich so oft trainiert, doch Cashys kann ich nicht. Dafür kann Nicholi keine Decades. Ich habe ihn zumindest noch keine machen sehen. So gleicht sich das aus. Im Training spring’ ich einen Decade. Der Trick macht mir momentan am meisten Spaß. Ich habe auch Double-Decades gelernt, also 360 double downside Whips.

Erik Fedko springt im Training einen Decade. „Der Trick macht mir momentan am meisten Spaß“, sagt Deutschlands bester Trickser.Foto: Marcel Lämmerhirt
Erik Fedko springt im Training einen Decade. „Der Trick macht mir momentan am meisten Spaß“, sagt Deutschlands bester Trickser.

Aufziehendes Gewitter beim District Ride - und keine Sieger-Unterhose

Emil Johansson ist der Hammer. Er ist in Nürnberg so stark wie immer. Ich werde oft gefragt, ob Emil noch zu stoppen sei. Doch wenn Ihr Euch die Punkte mal anschaut, seht Ihr, wie dicht wir alle beieinander liegen. Rogatkin rückt zeitweise sogar an die Spitze. Das zeigt, dass Emil schon zu schlagen ist und wir ihm Druck machen können. Nicholi will bei seinem letzten Lauf noch mal alles geben; leider stürzt er. Ich will auch angreifen, doch spüre bei meinem letzten Lauf das aufziehende Gewitter; es wird richtig windig. Von außen mag das aussehen, als würde ich mich geschlagen geben, doch so ist es nicht. Ich wäge das Risiko ab und beschließe, dass es keinen Sinn macht. Schließlich stehen die Crankworx-Events in Australien und Neuseeland an. Deswegen sage ich zu Emil auf der Startrampe:

„Ach komm Buddy, lass’ uns gemeinsam einen Steez-Run runter in die Altstadt machen.“

Wir Slopestyler sind alle befreundet, da gibt es keine fiesen Konkurrenzkämpfe mit ausgefahrenen Ellbogen. Wir gehen essen zusammen, wir feiern zusammen und freuen uns füreinander, wenn die Tricks klappen. Ganz klar: happy Slopestyle-Family.

Best-Trick-Kandidaten unter sich (von links nach rechts): Thomas Lemoine mit Atomfrisur kann zum Haupt Event wegen Verletzung leider nicht starten. Nicholi Rogatkin mit seinem visierlosen Helm, Slope­style-Dominator Emil Johansson und Frontflipperin Caroline Buchanan.
Foto: Flo Hagena
Best-Trick-Kandidaten unter sich (von links nach rechts): Thomas Lemoine mit Atomfrisur kann zum Haupt Event wegen Verletzung leider nicht starten. Nicholi Rogatkin mit seinem visierlosen Helm, Slope­style-Dominator Emil Johansson und Frontflipperin Caroline Buchanan.

Jeder geht natürlich anders mit der Wettkampfanspannung um. Mein Freund Paul Couderc zum Beispiel ist ganz fokussiert, spielt im Kopf seinen Lauf durch, ist kaum ansprechbar. Andere überspielen die Anspannung mit Show und Spaß wie Nicholi. Bei mir ist es ein Mittelding. Um vor einem Lauf in die „Zone“ zu kommen, wie ich es nenne, versuche ich mich zu konzentrieren. Ich habe keine Rituale. Früher hatte ich welche. Da konnte ich die Schoner nur in einer speziellen Reihenfolge anziehen, hatte meine Sieger-Unterhose und so ein Quatsch. Doch die Marotten hab’ ich abgelegt. Denn irgendwann vergaß ich die Sieger-Unterhose und schnitt dennoch gut ab. Rituale stressen. Vergisst du was, musst du ständig denken: Oh je, ich habe die Schoner in falscher Reihenfolge angezogen. Ein böses Omen? Diesmal also keine Sieger-Unterhose, doch für Nürnberg hatte ich mir zusammen mit meinem Sponsor YT spezielle Klamotten geschneidert – ein District-Ride-Outfit. Lässig, oder? Casual-Style in hellem Weiß, passend zu meinem Bike, das ich auch mit Unterschriften und anderem Zeug bekritzelt habe.

Erik Fedko mit Seemannsmütze im eigens entworfenen District-Ride-Outfit mit gekritzelten Unterschriften: „Meine Homies haben den Look gefeiert!“Foto: Lars Scharl
Erik Fedko mit Seemannsmütze im eigens entworfenen District-Ride-Outfit mit gekritzelten Unterschriften: „Meine Homies haben den Look gefeiert!“

Die Instinkte übernehmen - 360er-Indian-Air und Backflip Superman Seatgrab sitzen

Mein Herz schlägt am schnellsten auf dem Weg hoch zur Startrampe, beruhigt sich wieder und fängt noch mal an zu rasen, direkt bevor es losgeht. Die „Oh Shit, oh Shit, was mach’ ich jetzt?“-Gedanken flammen kurz auf, doch dann denke ich dran, wie gut alles daheim geklappt hat. Das relaxt. Warum soll jetzt schiefgehen, was daheim funktioniert und im Training gesessen hat? Der Puls-Boost vorm Lauf dagegen muss sein. Es ist positiver Stress. Er versetzt den Körper in Angriffsmodus! Und dann geht’s los! Tunnelblick. Die Instinkte übernehmen. Trick folgt auf Trick. Ich hake ab. Ein District nach dem anderen rauscht durch. Dann der 360er-Indian-Air irgendwo in der Mitte des Runs. Da muss alles passen, damit er klappt. Bisschen zu viel rotiert – schlecht! Bisschen falsch abgesprungen – schlecht! Der 360er-Indian-Air ist zwar einer meiner Signature-Tricks, aber auch einer meiner schwersten Tricks. Als ich clean lande, atme ich auf.

Und noch ein Schreckmoment schießt durchs Hirn – beim Finalsprung. Ich setze zum Backflip Superman Seatgrab an, doch spüre: Oh je, du drehst viel zu langsam! Doch ich lande sicher, und aller Stress fällt von mir. Was für ein Gefühl! Das ist Glück! Jubeln. Arme hochreißen. So stoked, Lauf gut runtergebracht, Platz 3, auf dem Podium! Der coolste Moment ist für mich, als ich direkt nach dem Lauf meine Eltern und Großeltern umarmen kann. Sie sind nach Nürnberg gekommen, um mich anzufeuern. Oh, sind die stolz auf mich. Das ist schön!

 „Oh je, ich drehe zu langsam!“ Schreckmoment beim Finalsprung: Backflip Superman Seatgrab.

Foto: Lars Scharl
„Oh je, ich drehe zu langsam!“ Schreckmoment beim Finalsprung: Backflip Superman Seatgrab.

Siegersekt: Trinken oder Schütten?

Emil, Nicholi und Erik im Glück. Doch nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf.Foto: Lars Scharl
Emil, Nicholi und Erik im Glück. Doch nach dem Wettkampf ist vor dem Wettkampf.

Demnächst müssen die Sieger weiter nach Australien und Neuseeland reisen zum Crankworx-Slopestyle. Erst dort wird sich zeigen, wer genug Punkte gesammelt hat für den Titel: Slopestyle-Champion of the World.

Statement von Emil Johansson

„Ich mag ganz cool wirken, doch ich bin nervös wie jeder andere auch.“

„Das ist ein 360 Tailwhip to Barspin to opposite downside Tailwhip. So einen Trick kann ich gar nicht üben, denn nirgends gibt es so fette Jumps. Ich habe Teile davon trainiert und in Nürnberg zum ersten Mal zu einem Jump zusammengesetzt. Ich hatte die Trick-Kombo auch nicht geplant und wusste schon zwei Mal nicht, ob sie klappen würde. Es passierte einfach – kurz vor dem Sprung schaltete mein Puls auf Turbo. Doch das ist gut, denn dann stellt sich der Körper auf das ein, was kommt!“ - Emil Johansson

Nicht geplant, einfach gemacht: Slope­style-Superstar Emil Johansson gewinnt den Best-Trick-Award mit dieser Trick-Kombo.Foto: Lars Scharl
Nicht geplant, einfach gemacht: Slope­style-Superstar Emil Johansson gewinnt den Best-Trick-Award mit dieser Trick-Kombo.

Interview mit Kathi Kuypers nach dem Red Bull District Ride

Das erste Mal starteten Frauen zum Best-Trick-Event beim Red Bull District Ride. Wir haben mit Kathi Kuypers (32) aus Bad Aibling über ihre Erfahrungen als eine von fünf Starterinnen gesprochen.

„Hatte die Hosen voll“
Die Oberbayerin Kathi Kuypers aus Bad Aibling war eine von fünf Fahrerinnen beim Red Bull District Ride. Die Reaktionen waren durchweg gut. Bei der nächsten Auflage sollen Frauen ihre eigene Wertung bekommen.Foto: Alexander Keil
Die Oberbayerin Kathi Kuypers aus Bad Aibling war eine von fünf Fahrerinnen beim Red Bull District Ride. Die Reaktionen waren durchweg gut. Bei der nächsten Auflage sollen Frauen ihre eigene Wertung bekommen.

FREERIDE: Kathi, Glückwunsch zu Deinem Auftritt beim Red Bull District Ride. Wie entstand die Idee, dass Frauen den Kurs befahren?

Kathi Kuypers: Im Winter kam Red Bull auf mich zu und erzählte von der Idee. Ich war baff. Mir fiel es schwer, das einzuschätzen, denn der Kurs ist sehr technisch. Einerseits dachte ich mir, es sei zu früh für uns Slope­style-Frauen. Andererseits wollte ich die Gelegenheit auf keinen Fall verpassen. Also sagte ich den Organisatoren: kein Problem.

Die Frauen durften den Kurs allerdings nur im Training befahren und am Best-Trick-Event teilnehmen – etwas stiefmütterlich wurden sie also schon behandelt, oder?

Das ist auf meinem Mist gewachsen. Red Bull fragte mich nach meiner Einschätzung, sie wollten eigentlich eine eigene Frauen-Wertung machen. Mir war das zu heiß – zu hoch die Gefahr, dass die Premiere in die Hose geht. Wir waren fünf Frauen, stell Dir vor, zwei hätten sich im Training verletzt und nur drei hätten ein Finale bestritten. Das wäre peinlich gewesen. Doch wart’ ab, die Progression bei uns Frauen ist enorm. Beim nächsten District Ride sind wir bereit für unsere eigene Wertung.

Bist Du den Kurs komplett gefahren?

Ja, Schritt für Schritt. Viel Zeit war nicht. Nicholi Rogatkin war eine echte Hilfe. Während die anderen Fahrer in ihr Training vertieft waren, nahm er sich Zeit und gab uns Tipps. Insgesamt hatten wir leider nur knapp fünf Trainingsstunden. Ich wäre gerne mehr gefahren.

Welcher Moment ist Dir besonders in Erinnerung?

Während des Best-Trick-Awards, kurz bevor ich Anlauf für den finalen Sprung genommen habe. Du stehst da oben, die Leute jubeln, und ich musste mit V-Max auf den 3,5 Meter hohen Kicker beschleunigen. Für mich komplett neu. Da hatte ich kurzzeitig die Hosen voll. Es trotzdem gemacht zu haben, hat mir aber den vielleicht besten Tag meines Lebens beschert.

Ausblick auf den nächsten Red Bull District Ride

Fest steht: Der District Ride kommt wieder nach Nürnberg. Allerdings frühestens in drei Jahren, also 2025. Dafür denken die Organisatoren über eine ganze District-Ride-Serie nach. Damit liegen sie im Trend. Nachdem die Crankworx-Serie ausgeweitet wurde, soll jetzt auch der Bigbike-Slopestyle Proving Grounds zur Serie aufgepumpt werden, ebenso das Extrem-Downhill-Rennen Red Bull Hardline. Da sind Ableger in Kanada und Neuseeland geplant. Nachdem Sponsor Red Bull den Worldcup abgeben musste, werden Ressourcen frei und machen solche Szenarien wahrscheinlich. Wir sagen: Dem Gravity-Sport kann nichts Besseres passieren; die Zukunft sieht rosig aus!

Meistgelesene Artikel

Unbekanntes Element