Lukas Niebuhr
· 13.02.2024
Update: Auch mit dem zweiten deutschen Teilnehmer, Lennart Kreft aus aus Steinfurt, haben wir jetzt ein kurzes Interview geführt.
>> Wie der Schrauber Europacup ausgesehen hat, erfahrt ihr in diesem Artikel: Steffen Hanel hat es geschafft und krönte sich beim Zweirad-Europacup 2024 zum Europameister.
Anfang November letzten Jahres wurden bei den Deutschen Meisterschaften im Zweirad-Handwerkwerk (“German Craft Skills Zweirad”) bereits aus ursprünglich sieben Zweirad-Gesellen im Bereich Fahrrad die besten ihres Landes ausgezeichnet. Aufs Podest schafften es Steffen Hanel, Lennart Kreft und Pera Jurukovic, jedoch konnte kein Teilnehmer die erforderliche Mindestpunktzahl erreichen, um einen Bundessieger zu krönen.
Hanel und Kreft vertreten ihre Nation bei den Europameisterschaften (15. - 17.2.24) in der Ausbildungswerkstatt des Bildungszentrums HBZ der HWK Münster. Begleitet und unterstützt werden sie zusammen mit ihren Motorrad-Kollegen von Werner Metzger, Obermeister der Zweiradmechaniker-Innung Baden-Württemberg. Dieser begleitete das Deutsche Team bereits im letzten Jahr in die Schweiz.
Bei dem Event in Münster werden die besten Nachwuchsmechaniker im Zweirad-Segment aus den Ländern Deutschland, Frankreich, Dänemark, Tschechien, Österreich, Niederlande, Polen und der Schweiz ermittelt. Im Wettbewerb müssen sie ihr handwerkliches Können und ihr Fachwissen unter Beweis stellen, verschiedene Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen lösen und so möglichst viele Punkte pro Aufgabe mitnehmen. Am Ende wird derjenige Europameister, der die meisten Punkte gesammelt hat.
Steffen Hanel aus Leonberg (Paul Lange & Co.) und Lennart Kreft aus Steinfurt (Velo de Ville) haben es geschafft, sich bei den Bundesmeisterschaften für die Europameisterschaft zu qualifizieren. Wir haben mit Steffen Hanel bereits vor dem Zweirad-Europacup gesprochen und wollten wissen, was ihn dort erwartet.
BIKE: Wie ist es dazu gekommen, dass du in deinem Ausbildungsberuf Wettbewerbe bestreitest?
Steffen Hanel: Mit meiner Ausbildung wollte ich mein Hobby, nämlich das Radfahren, zum Beruf machen. Die Ausbildung habe ich dann anscheinend recht gut gemacht, sodass ich Kammersieger wurde. Das ist der erste Schritt. Wenn man dann noch der beste aus allen Kammern seines Bundeslandes ist, ist man Landessieger. Die nächste Stufe ist auf Bundesebene und den Wettkampf konnte ich auch für mich entscheiden.
Also ist man automatisch für so einen Wettkampf auf kleinster Ebene qualifiziert?
Ich war bei der Handwerkskammer in Stuttgart, die gibt es in sämtlichen Regionen. Am Ausbildungsende muss man eine Prüfung ablegen, wo man maximal 100 Punkte erreichen kann. Die mit den meisten Punkten werden Kammersieger. Anschließend wird der beste aus den restlichen Kammern ermittelt. Für die Teilnahme auf Bundesebene wurde ich per Brief eingeladen. Und weil ich dort erfolgreich rausgegangen bin, wurde ich auch per Brief für den Zweirad-Europacup eingeladen.
Wie läuft so ein Wettbewerb ab? Was musst du dort machen?
Bundesentscheid in Frankfurt war aus sechs Bundesländern jeweils der Beste eingeladen. Dass nicht aus jedem Bundesland eine Person eingeladen wurde liegt daran, dass man eine gewisse Punktzahl braucht, um sich zu qualifizieren. Zu den Aufgaben gehörten unter anderem E-Bike-Fehlersuche, Lenkerbandwickeln und Getriebenabe in Stand setzen. Das ganze auf Zeit. Jede Aufgabe wurde einzeln gewertet und dadurch ergab sich am Ende ein Gesamtpunktestand, aus dem der Gewinner hervorgegangen ist.
Ist das eher eine Art Prüfungssituation oder hat das ganze Wettkampcharakter?
Eher eine Prüfungssituation. Wir sechs waren in einem Raum, jeder hatte seinen eigenen Arbeitsplatz, es gab ein Startsignal und man hatte für die Aufgaben so 30-45 Minuten Zeit bis es hieß, dass man zum Ende kommen solle. Wenn man früher fertig war, wurde man gebeten nach draußen zu gehen und für die nächste Aufgabe wieder reingeholt.
Wie viele Aufgaben musstest du bewältigen?
Beim Bundesentscheid waren es 5 Aufgaben, wie es beim Europacup aussieht, weiß ich nicht. Da habe ich noch nicht viele Infos bekommen.
Du vertrittst das deutsche Team zusammen mit Lennart Kreft. Arbeitet ihr zusammen im Team oder heißt es “jeder für sich”?
Ich meine, es gibt Landeswertungen als Team und separat eine Einzelwertung.
Bist du nervös?
Ich weiß nicht, ob ich nervös bin. Ich bin eher ein bisschen zwiegespalten, da das, was beim Bundesentscheid dran kam, relativ wenig mit der alltäglichen Arbeit zu tun hatte, weil vieles nicht mehr so aktuell ist. Auch die Sache mit dem Zeitlimit beispielsweise beim Lenkerbandwickeln finde ich schwierig, da ich mir dort gerne mehr Zeit nehme und es ordentlich mache.
Heißt das, dass das Format mit den zeitlichen Vorgaben an sich eher kritisch betrachtet werden sollte?
Nicht unbedingt. Man möchte ja schließlich feststellen, wer unter Zeitdruck am besten arbeiten kann. Aber wenn man wirklich wissen möchte, wer der Beste ist, müsste man den Wettbewerb vielleicht individueller gestalten.
Was bedeutet dir die Teilnahme am Zweirad-Europacup und was würde dir der Titel bedeuten?
Ich wäre schon stolz, wenn ich den Wettbewerb für Deutschland und natürlich auch für mich gewinnen könnte. Allerdings kann ich die Konkurrenz überhaupt nicht einschätzen, auch, weil ich nicht weiß, wie die ausbildungstechnisch unterwegs sind. Aber es wär natürlich cool, wenn ich das Ding nach Hause holen würde.
BIKE: Du bist einer der besten Schrauber Europas. Was macht dir an deinem Beruf besonders viel Spaß?
Lennart Kreft: Das Schrauben an sich, also die handwerkliche Tätigkeit. Das war der Grund, weshalb ich mich überhaupt für die Ausbildung entschieden habe. Man hat immer wieder verschiedene Aufgaben und versucht so gut es geht die Probleme zu lösen, was mir besonders viel Spaß macht.
Wann hast du dich dazu entschieden, dass du mal Zweiradmechatroniker werden möchtest?
Das kam vor ungefähr 5 Jahren. Vor einem Jahr bin ich mit der Ausbildung fertig geworden. Mit 15 habe ich das Hobby Moutainbiken für mich entdeckt und da kommen ab und an Reparaturen auf einen zu. Irgendwann wird es einfach zu teuer, das immer machen zu lassen. Dementsprechend habe ich mir vieles selbst beigebracht und habe während des Abis für mich entschieden, dass das auch etwas für später sein könnte.
Was kannst du besonders gut?
Das ist eine gute Frage (lacht). Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich Laufräder ganz gut kann, also Laufradbau, Zentrieren oder auch so etwas wie Nabenservice. Aber es ist auch immer schwierig das für einen selbst einzuschätzen.
Welche Aufgaben bereiten dir eher Probleme?
Mit Bezug auf den Europacup ist es mir schwer gefallen eine Di2-Schaltung einzustellen. Das hat bei mir leider nicht so gut geklappt. Also elektronische Schaltungen sind nicht so mein Thema.
Die Laufrad-Aufgabe von DT Swiss lief dafür umso besser?
Genau, die lief ganz gut würde ich behaupten. Ich habe zwar keine genaue Auflistung bekommen, wo ich wie viele Punkte geholt habe, aber ein bisschen kann man ja einschätzen, was gut geklappt hat und was nicht.
Wie viele Punkte hattest du am Ende?
Pro Aufgabe gab es maximal 50 Punkte, also bei 6 Aufgaben 300. Ich glaube am Ende hatte ich 230 Punkte.
Würdest du sagen, dass du ein besonderes Talent hast?
Ein besonderes Talent würde ich nicht sagen. Bei mir kommt viel über die Leidenschaft. Ich glaube nicht, dass ich das von vornerein immer so gut konnte, sondern ich habe immer den Bezug zu meinem Hobby hergestellt.
Heißt du bist so gut, weil du durch deine Leidenschaft mehr machst als die anderen?
Ja, das glaube ich schon. Ich habe mir schon vor der Ausbildung vieles selbst beigebracht und das hat sich nicht geändert. Ich versuche immer alles selbst zu reparieren, das muss nicht mal unbedingt am Fahrrad sein: Auch bei anderen Fahrzeugen versuche ich immer so viel es geht eigenständig zu machen. Diese ganze Leidenschaft für die Mechanik und fürs Schrauben hat mir da auf jeden Fall geholfen.
Du bist vierter beim Europacup geworden. Hast du dir mehr vorgenommen?
Nein. Für mich war in erster Linie das Ziel “dabei sein ist alles”. Natürlich freue ich mich über den vierten Platz, ich wäre natürlich auch gerne auf dem dritten Platz gelandet, also auf der Treppe, aber ich bin voll zufrieden mit meinem Ergebnis.
Kannst du einschätzen, bei welchen Aufgaben du Punkte liegen gelassen hast?
Bei der Di2-Aufgabe habe ich auf jeden Fall Punkte liegen gelassen. Bei der ersten Aufgabe “Fahrwerk und Ergonomie einstellen” wurde mir das kurze Feedback gegeben, dass ich am Anfang etwas vergessen hätte. Ich glaube diese beiden Aufgaben waren die Knackpunkte.
Über dich wurde vergleichsweise viel berichtet, unter anderem vom WDR und über den Sieger Steffen Hanel eher wenig. Bist du als Favorit angetreten oder lag das daran, dass du aus der Umgebung kommst?
Ich glaube das kommt vor allem daher, dass ich nah am Austragungsort wohne. Der WRD kommt ja auch von hier. Mit meiner Leistung hatte das vermutlich eher weniger zu tun.
Bringt dir die Teilnahme und Platzierung beim Zweirad-Europacup etwas für deinen Beruf?
Ich denke schon oder zumindest hoffe ich es. Konkret habe ich noch kein Beispiel, aber negativ wird es sich wohl nicht auswirken.
Wie geht es für dich weiter? Was sind deine beruflichen Ziele?
Aktuell mache ich mein Maschinenbau-Studium nebenbei hier in Münster und ich würde später am liebsten in Richtung Entwicklung gehen. Ich möchte in der Bike-Industrie bleiben. Die Branche gefällt und liegt mir. Ich hätte beispielsweise bock auf Neuentwicklungen oder Prototypen-Tests.
Möchtest du sonst noch etwas erreichen?
Das nächste Ziel ist natürlich erstmal das Studium. Fürs Schrauben wüsste ich nicht, dass es da noch einen weiteren Wettbewerb gibt.
War die Teilnahme am Europacup denn eine einmalige Sache?
Theoretisch könnte man mehrmals teilnehmen. So wie ich das verstanden habe ist es allerdings so in Deutschland geregelt, dass nur die Leute ausgewählt werden, die in diesem bzw. letztem Jahr ihre Ausbildung abgeschlossen haben, um den Nachwuchs zu fördern, was ich total in Ordnung finde. Aber an sich kann das Land entscheiden, welche zwei Personen es stellt.

Werkstudent