Nach Schlüsselbeinbruch, verpasster Quali in Valparaíso und mitten in der Vorbereitung auf das Rennen in Stuttgart spricht Urban-Downhill-Profi Johannes Fischbach über Trainingsrealität, Leistungsdichte im Feld – und warum er über die Strecke in Stuttgart noch erstaunlich wenig weiß.
JOHANNES FISCHBACH: Ich bin erst eine Woche vor Valparaíso wieder aufs Rad gestiegen. Dafür ist es eigentlich ganz gut gelaufen. Ich wollte mich sicher qualifizieren – am Ende haben zwei Zehntel gefehlt. Aber hätte ich gewusst, dass es nur um zwei Zehntel geht, hätte ich das noch raussprinten können. Ich dachte im letzten Drittel: Das reicht für die Quali. Hat nicht gereicht.
Das ist bitter.
Ja. Wenn du um die halbe Welt fliegst und dann wegen zwei Zehnteln raus bist, das ärgert mich schon. Ich bin ja nicht hingefahren fürs Podium. Nach zwei Monaten Pause wäre das unrealistisch gewesen. Aber ich wollte Punkte für die Gesamtwertung mitnehmen. Platz fünf bis zehn wäre drin gewesen.
Wie lange beschäftigt dich so etwas?
Nicht lange. Das ist Racing.
Merkst du, dass das Niveau im Urban Downhill weiter steigt?
Total. Die Leistungsdichte wird jedes Jahr höher. Vor allem die Südamerikaner sind extrem spezialisiert. Für viele ist das das Rennen des Jahres. Die trainieren gezielt darauf hin. Ich bin wahrscheinlich der gewesen, der am schlechtesten vorbereitet angereist ist. Die letzten Treppen hatte ich im September gesehen.
Was heißt das für deine Saisonziele?
Wenn ich normal durchkomme, kann ich das Level vom letzten Jahr wieder abrufen. Vielleicht sogar mehr.
Was weißt du über das Rennen in Stuttgart?
Ehrlich gesagt: nichts. Wirklich gar nichts. Ich weiß nicht, wo die Strecke verläuft oder wie sie aussieht.
150 Höhenmeter auf 1,3 Kilometer sollen es sein.
Dann wird es auf jeden Fall nicht südamerikanisch. Diese extremen Treppensets und verwinkelten Linien mit Sprüngen von Hausdächern kann ich mir dort nicht vorstellen. Wahrscheinlich eher ein Zwischending zwischen Genua und den südamerikanischen Rennen.
Also mehr Speed, weniger Chaos?
Ja. Vermutlich bauen sie Drops rein und technische Elemente. Aber diese ganz kranken Treppen-Fahrten und super engen Gassen sehe ich dort eher nicht.
Wie trainierst du aktuell für Genua und Stuttgart? Viel Sprinttraining und Treppen?
Nicht speziell auf Treppen. Wenn du viel Downhill fährst und gezielt Sprints trainierst, bist du schon gut vorbereitet. Wichtig ist vor allem, dass du physisch on point bist.
Du galtst immer als Trainingsmaschine.
Das denken viele noch. Früher habe ich meine Sprintprogramme einfach durchgezogen. Heute geht das nicht mehr so.
Warum?
Der Körper macht das nicht mehr mit. Wenn im Trainingsplan zehn Sprints stehen, kann es passieren, dass nach fünf oder sechs Schluss ist, weil Rücken oder Knie dichtmachen. Früher bin ich da durch den Schmerz gegangen. Heute höre ich auf den Körper. Ich muss dem Körper Zeit geben. Aber ich weiß, was ich brauche, damit ich im Juni fit dastehe.
Mit Siegchancen?
Hoffentlich. Im Downhill machst du einen kleinen Fehler, bist einmal nicht hundertprozentig entschlossen und selbstbewusst – dann ist Zeit dahin. Aber wenn ich normal durchkomme, kann ich das vom letzten Jahr wieder abrufen. Oder besser.
Welches Bike nimmst du? Gibt es Neuerungen am Setup?
Nein. Das gleiche Bike – mein 170-mm-Enduro von Raymond. Ich bin zufrieden mit dem Zeug. Ich arbeite daran, fitter zu werden.
In Valpariso benutzten viele Downhill-Bikes. Wäre das vielleicht die bessere Wahl gewesen um die Quali zu schaffen?
(lacht) Daran lag es sicher nicht. Valparaiso war krass. Anfang Dezember breche ich mir das Schlüsselbein, bin zwei Monate komplett raus. Dann kommst du dort rüber – da bist du erst mal in einer Schockstarre. Aber das habe ich überwunden. Nach dem Rennen bin ich eine Woche geblieben und peu à peu gewöhnst du dich wieder an das lebensgefährliche Zeug, was die da drüben machen.
Meinst du, die fetten Sprünge auf der Treppe?
Zum Beispiel. Das ist nur krank. Da musst du 100 % überzeugt sein, dass es klappt. Fehlertoleranz: null! Das war dieses Jahr ein brutales Amok-Gefahre. So viele krasse Stürze habe ich selten gesehen.
Das hat man im Livestream gar nicht mitbekommen.
Durch Social Media sind viele Videos gegangen, was da alles passiert ist.
Letztes Jahr gab es beim Red Bull Cerro Abajo Genua einen Horror-Sturz. Drei Fahrer wollten den großen Double „einspringen“, flogen zu weit und prallten fies auf den Asphalt. Weißt du, was aus den Burschen geworden ist?
Der eine Südamerikaner kann bis heute nicht laufen. Ich habe ihn in Valparaiso getroffen. Er ist aus dem Gröbsten raus. Aber es ging lange darum, ob er das Bein behalten kann oder ob es amputiert werden muss. Er ist in Italien zweimal operiert worden, dann kam ein Keim rein, wieder OP. Er lag ein halbes Jahr fast durchgehend im Krankenhaus. Richtig schlimm. Er kann jetzt auf Krücken gehen. Es wird nie wieder richtig, aber hoffentlich kann er seinen Alltag machen.
Und die anderen?
Bei einem war körperlich alles gut, nur sein Rad war gebrochen. Der Dritte, ein Tscheche, hat sich die Füße zertrümmert. Er ist glaube ich wieder auf den Beinen. Aber die haben richtig lang gebraucht.
Die Konsequenzen werden bei dem Speed immer krasser. Stichwort Rampage – Emil Johansen, Adolf Silva, Godziek. Die wirbeln da rum wie Crashtest-Dummies.
Ja, das ist heftig. Bei Rampage sind die Konsequenzen noch schlimmer. Wenn du da 30 Meter abstürzen kannst, ist das nochmal was anderes.
Hast du Angst, dass Juanfer Velez in Genua und Stuttgart dabei ist?
Nein, ich hoffe, dass er dabei ist. Den Typen braucht man in diesen Rennen. Das ist derzeit der Urban Downhiller Nummer eins. Juanfer zeigt, wo das Level ist.
Letzte Saison fiel er aus wegen einem Kreuzbandriss.
Er hat sich spät operieren lassen, das dauert. Aber seit ein paar Wochen ist er wieder in Europa, trainiert mit seinem Team in Andorra. Er sitzt wieder auf dem Downhiller. In Genua ist er ziemlich sicher am Start.
Wirst du vor Stuttgart noch speziell Treppen trainieren?
Nein. Allerdings habe ich auf Ibiza ein Projekt, das sowas wie ein Treppen-Training ist. Denn dort gibt es eine richtig fiese, steile Treppe. Da passt eigentlich nichts zusammen, das springbar wäre. Ich habe mir die Treppe über Jahre angeschaut und kam immer wieder zum gleichen Ergebnis: zu krass, die Konsequenzen zu hoch. Doch als ich das letzte Mal dort war, habe ich mich gut gefühlt und das erste Set Treppen gesprungen. Ich bin perfekt gelandet – allerdings ist die Felge gebrochen. Gebrochen, aber nicht kollabiert. Glück gehabt. Vielleicht fliege ich nach dem Gardasee-Festival nochmal runter, um die ganze Treppe zu meistern und ein geiles Video zu machen.

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