Nino Schurter„Jetzt fahre ich nach Lust statt nach Trainingsplan“

Dimitri Lehner

 · 12.06.2026

Das hat uns an Nino schon immer gefallen: tief im Herzen ist er Freerider. Selbst im Race hat er Spaß es stylisch aussehen zu lassen.
Foto: Max Berkowitz
BIKE: Nino, erst mal Glückwunsch. Du hast gerade das legendäre BC Bike Race gewonnen – als erster Europäer überhaupt. Du kannst es offenbar nicht lassen mit dem Rennfahren?

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Olympiasieger, Weltmeister, Mountainbike-Legende: Nino Schurter hat sich aus dem Weltcup verabschiedet. Vom Rennfahren aber noch lange nicht. Nach seinem Sieg beim legendären BC Bike Race spricht der Schweizer über Regenwald-Trails, Bären am Streckenrand, seine Bucket List – und warum Spaß heute wichtiger ist als Podiumsplätze.

„Ich bin immer noch gerne Athlet“

Nino Schurter: Nein, überhaupt nicht. Ich war immer Wettkämpfer und bin es noch heute. Mein Plan war nie, nach dem Weltcup die Beine hochzulegen. Im Gegenteil. Jetzt habe ich endlich Zeit für all die Rennen und Abenteuer, die während meiner Karriere immer auf der Warteliste standen.

BIKE: Das BC Bike Race stand ganz oben?

Schurter: Definitiv. Das war eines dieser Rennen, von denen man seit Jahren hört und sich denkt: Das will ich irgendwann auch erleben.

Die besten Renntrails der Welt?

BIKE: Du hast anschließend gesagt, das seien die besten Trails gewesen, die du je gefahren bist. Bei jemandem, der praktisch überall auf der Welt gefahren ist, klingt das nach einem großen Kompliment.

Schurter: Das war es auch. Aber man muss präzise sein: Ich habe gesagt, es seien die besten Trails, die ich jemals in einem Rennen gefahren bin. Das ist ein bisschen was anderes.

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BIKE: Wo liegt der Unterschied?

Schurter: Es gibt viele Regionen mit fantastischen Trails. Aber ich kenne kein Rennen, bei dem der Trailanteil so hoch ist. Fast jede Etappe besteht aus Singletrails. Und zwar nicht ein paar Minuten lang, sondern stundenweise. Das macht das BC Bike Race einzigartig.

BIKE: Also eher Trailurlaub mit Startnummer?

Schurter: (lacht) So ungefähr. Nur deutlich anstrengender.

Bären, Cougars und Überholmanöver

BIKE: Wenn man an British Columbia denkt, denkt man an Bären, Elche, Cougars. Ballert man da allein durch den Wald oder bekommt man von der Wildnis gar nichts mit?

Schurter: Man bekommt schon viel mit. Die Landschaft ist unglaublich präsent. Tiere habe ich während des Rennens allerdings keine gesehen. Vor dem Feld fährt meist ein Motorrad, das macht genug Lärm. Da ziehen sich die Tiere zurück.

BIKE: Die Locals fahren dort mit Bärenspray im Rucksack.

Schurter: Ja, absolut. Wer dort allein unterwegs ist, hat fast immer Pfefferspray dabei. Bären gehören dort einfach zum Alltag.

BIKE: Und das Rennen selbst? Fährt man gegen die Uhr oder gegen die Konkurrenz?

Schurter: Ganz klar gegen die Konkurrenz. Das Feld war erstaunlich stark besetzt. Oft waren wir eine Gruppe von fünf oder sechs Fahrern. Bei fünf der sieben Etappen wurde der Sieg erst im Sprint entschieden.

BIKE: Klingt nicht nach gemütlichem Abenteuerurlaub.

Schurter: Nein. Dafür war das Niveau viel zu hoch.

Blind Date mit dem Trail

BIKE: Besonders spannend fand ich: Die Einheimischen kennen viele Trails. Du nicht. Wie groß ist dieser Nachteil?

Schurter: Groß. Allerdings kannte niemand die genauen Trails des Rennens. Aber wenn du die Gegend kennst, weißt du, wo die schnelleren Linien verlaufen. Du kennst die Felsen, die Kurven, die Abkürzungen. Für mich war alles blind.

BIKE: Sehen, abwägen, entscheiden – genau dein Ding. Du liebst technisches Fahren.

Schurter: Das stimmt. Genau deshalb hat es mir so viel Spaß gemacht.

BIKE: Welche Passagen haben dich besonders begeistert?

Schurter: Die typischen Northshore-Elemente gefallen mir. Holzstege über raues Gelände oder Felsstufen. Aber auch die sogenannten Slabs. Felsen, die wie monströse Kieselsteine im Gelände liegen. Aber fast noch beeindruckender war für mich der Wald. Diese riesigen, moosüberwachsenen Bäume. Es wirkt wie ein Märchenwald. Solche Regenwälder wie auf Vancouver Island gibt es in Europa nicht.

Die Bucket List wird kürzer

BIKE: Das BC Bike Race war ein Haken auf der Bucket List. Was steht noch drauf?

Schurter: Trans Madeira zum Beispiel. Dieses Enduro-Rennen wollte ich eigentlich schon dieses Jahr fahren. Leider kam ein anderer Termin dazwischen.

BIKE: Verständlich. Das Trans Madeira schreit geradezu nach Nino Schurter.

Schurter: Ja, das reizt mich sehr. Leider gibt es heute weniger dieser besonderen Mehrtages-Endurorennen als früher.

BIKE: Und abseits von Mountainbikes?

Schurter: Dieses Jahr fahre ich noch zwei Gravel-Events, die ebenfalls lange auf meiner Liste standen: das Rift auf Island und das Gravel Burn in Südafrika.

BIKE: Klingt nach einer beneidenswerten Rentenplanung.

Schurter: (lacht) Vielleicht. Mich reizen vor allem neue Orte. Während der Weltcup-Karriere war man immer auf denselben Rennstrecken unterwegs. Jetzt entdecke ich Regionen, die ich vorher nie gesehen habe.

„Der Spaß steht jetzt an erster Stelle“

BIKE: Dem Nachrichtenmagazin SPIEGEL hast du erzählt, dass deine Tochter enttäuscht ist, wenn Papa nicht ganz oben auf dem Podium steht. Nach dem BC Bike Race dürfte die Stimmung zu Hause also gut gewesen sein.

Schurter: Lacht. Da hat sie sich gefreut. Aber inzwischen gehe ich auch oft zu ihren Rennen. Dieses Wochenende waren wir bei zwei Wettkämpfen von ihr. Jetzt darf ich mal am Streckenrand stehen und anfeuern.

BIKE: Du hast außerdem einen bemerkenswerten Satz gesagt: Wer langfristig motiviert bleiben will, sollte Spaß in seinen Sport einbauen. Wie machst du das heute?

Schurter: Eigentlich ist alles, was ich heute mache, genau davon geprägt. Früher stand das Ergebnis immer im Mittelpunkt. Heute muss zuerst der Spaß stimmen.

BIKE: Auch im Training?

Schurter: Besonders dort. Ich habe keinen Trainingsplan mehr. Ich mache einfach, worauf ich Lust habe. Mal mehr, mal weniger. Mal fahre ich Mountainbike, mal Gravelbike. Einfach nach Gefühl.

BIKE: Für viele Hobbyfahrer klingt das nach einem Traum.

Schurter: Für mich auch. Und ich merke: Gerade dadurch bin ich immer noch viel auf dem Rad.

BIKE: Also lautet das Erfolgsgeheimnis eines zehnfachen Weltmeisters inzwischen: weniger Plan, mehr Freude?

Schurter: Genau. Am Ende sind wir doch alle einmal mit dem Fahrradfahren angefangen, weil es Spaß gemacht hat. Daran sollte man sich ab und zu erinnern.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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