Holger Meyer
· 18.05.2026
Holger Meyer und Karen Eller gelten als die Beckhams der Bike-Branche. Seit über 30 Jahren cruisen die beiden Vollblut-Biker von Event zu Event: erst als Rennfahrer, später als Fahrtechnik-Gurus, Autoren und Markenbotschafter. Dass Sohn Lois und Tochter Leni irgendwann ebenfalls dem Mountainbike-Virus verfallen würden, war also wenig überraschend. Sie fahren Rennen. Schnell. Sehr schnell. Für Sohn Lois ging ein Traum in Erfüllung: Start beim UCI Downhill World Cup. Mit im Gepäck: Papa Holger, Schrauber, Mentor und Nervositätsmanager in Personalunion. Für uns erzählen die beiden von ihrer gemeinsamen Worldcup-Premiere bei den Junioren – zwischen Adrenalin, Anliegern und Gänsehautmomenten.
Text: Holger Meyer & Lois Eller
HOLGER: Serfaus-Fiss-Ladis, vor neun Jahren Holger: Ich erinnere mich an den Moment. Serfaus-Fiss-Ladis, irgendein Kids-Rennen. Lois war acht oder neun, keine Ahnung mehr genau. Er trifft Jackson Goldstone, damals 16, schon ein aufgehender Stern im Downhill-Zirkus. Und mein Junge sagt zu mir: „Wenn ich groß bin, will ich Worldcup fahren." Ich dachte: Ja klar, Junge. Träum ruhig.
LOIS: Jackson war mein Idol. Wir fuhren zusammen, er war schon viel älter, fuhr Rennen, dann Worldcup. Und ich dachte: „Ja, das will ich auch." Freeride? War nie mein Ding. Ich wollte immer Rennen fahren. Dieses Adrenalin. Dieses Gefühl, wenn du nach dem Run unten ankommst und alles lief perfekt. Das ist es.
HOLGER: Aber er träumte nicht nur. Er zog es durch. Konsequent. Rookies Cup, IXS Cup, Europacup. Regelmäßig Gym, Ausdauertraining, Zeit auf dem Bike. Diesen Winter machte er es extrem: Auslandsschuljahr in Neuseeland. „Papa, ich verzichte auf Skifahren. Ich will im Winter trainieren." Das war die Vorbereitung auf diese Worldcup-Saison.
Das ist der Moment, wo es wehtut, Vater zu sein. Diese emotionale Nähe. Ich warte. Sekunden werden zu Ewigkeiten. Dann klingelt mein Handy.
HOLGER: Ich war mal da, wo er jetzt ist. Vor mehr als zwanzig Jahren. Top 3 in Deutschland, GT-Team, internationale Rennen. Aber irgendwann sagte ich: Schluss. GT pleite, Team weg. Und ehrlich? Ich hatte die Nase voll. Nach Tabarz fahren, ein ganzes Wochenende im Shuttle sitzen, für drei Minuten Abfahrt. Training, Training, Training, Rennen. Neun Minuten auf dem Bike, fertig. Als dann alles zusammenbrach, bot mir Scott was an: Ich sagte Ja zum Leben nach dem Rennen. Und es war die richtige Entscheidung. Für mich. Als Lois anfing, wirklich ernsthaft Rennen zu fahren, war ich erst skeptisch. „Willst du dir das wirklich antun?" Aber er war bestimmt. Sehr bestimmt.
LOIS: Papa hat's probiert, mich ein bisschen zu bremsen. „Mach doch dies, mach doch das." Aber ich wusste: Ich will Rennen fahren. Ich will Worldcup. Zwei Jahre Junior, dann UCI-Team. Das ist der Plan. Mit 15 war er schneller als ich Holger: Ich wusste, dass dieser Moment kommt. Irgendwann überholt jeder Sohn seinen Vater. Bei uns war es mit 15. Im Bikepark nahm er mir in jeder Kurve drei Meter ab. Ich fuhr Ideallinie, perfekte Position, jahrelange Erfahrung. Er war trotzdem schneller. Aber im technischen Trail? Da durfte ich noch vorfahren. Bis er irgendwann fragte: „Papa, kann ich vorfahren?"
LOIS: Ich weiß gar nicht mehr genau, wann der Moment war. Irgendwann war dann so: „Papa, du fährst so langsam, lass mich jetzt mal fahren." Seitdem ist es so: Ich vorne, Papa, meine große Schwester Leni, dann Mama.
LOIS: Korea war krass. Erstes Mal da. Das Essen? Unglaublich lecker. Koreanisches BBQ, Fisch in Seoul. Einmal sahen wir einen lebenden Oktopus in einer Pfanne. Crazy Shit. Haben wir aber nicht gegessen. Die Leute sind witzig, alles ist anders. Aber cool. Ich hatte keine Erwartungen. Keine Angst. Okay, ein bisschen: Dass am Rad was ist, was Papa und ich nicht fixen können. Wir sind halt nicht die besten Mechaniker.
HOLGER: Deswegen hatten wir ein Ersatz-Bike dabei - als Sicherheitsnetz. Bei den Rennen in Europa haben wir einen Mechaniker, und sogar einen Mentalcoach und einem Krafttrainer. Ich bin der Supervisor. Der Fahrdienstleiter. Der Typ, der Flüge und Hotels bucht, kocht, putzt und darauf achtet, dass mein Junge nicht schon am Gate am Flughafen die Hälfte vergessen hat. Und der Papa.
HOLGER: Die Strecke war imposant. Oben am Gipfel diese massive Startrampe. B-Gruppe trainiert: Juniors und Elite Women. Dann kommt die A-Gruppe – die Big Names. Ich stehe da, checke Lois' Bike, warte. Und dann schaue ich. Details. Das ist Downhill. Details sind alles. Asa fährt Argotal-Reifen. Alle anderen Continental-Fahrer Kryptotal. Interessant. Wir haben Argotal dabei. Hätten wir wechseln sollen? Asa gewinnt später mit Argotal. „Scheiße", denke ich. „Hätten wir probieren sollen."
LOIS: Die Strecke? Loose. Sehr loose. Nicht so Bikepark-Style, eher natürlich. Ich fand's cool. Viele andere waren skeptisch. Keine Spuren, alles frisch. Hätten sie vorher ein paar Rider durchlassen sollen? Definitiv. Aber so war's halt. Und überall Steine. Jeder wusste: Platten-Risiko. Im Training holten sich Dutzende Fahrer Platten. Aber ich hatte Glück. Noch.
HOLGER: Abends im Hotel sitzen wir zusammen. Keine Netflix-Serie. Stattdessen: GoPro-Footage. Training Loop, jede Kurve, jeder Sprung. Lois analysiert. „Papa, was meinst du? Innen oder außen?" Wir haben Glück – Line-Scouter vom Scott-Elite-Team geben uns Tipps. „Die Highline funktioniert besser. Ist eingefahren. Da ist ein Anlieger davor, du nimmst mehr Speed mit." Nächster Trainingslauf: direkt umgesetzt.
LOIS: Papa hilft bei so vielen kleinen Sachen. Kocht für mich, putzt mein Bike, macht die Dinge, damit ich entspannen kann. Fühlt sich an wie Zuhause. Und bei der Streckenanalyse: Er hat Erfahrung. Es sind oft Kleinigkeiten, die helfen. Was manchmal nervig ist? Er quatscht jeden an. Irgendwelche Fahrer, die wir nicht kennen. „Oh Mann, Papa."
HOLGER: Der Morgen der Quali. Ich bin nervöser als er. Diese emotionale Nähe. Wenn ein Fremder stürzt, denkst du: Schade. Wenn dein Sohn stürzt, denkst du: Bitte, bitte, bitte lass ihn okay sein. Lois umarmt mich vorm Start. „Wir sehen uns später, Papa." Dann verschwindet er im Startgate. Ich kann nichts mehr tun. Nur warten.
LOIS: Im Startgate wird's ernst. Alle guten Fahrer stehen da. Du hast nur einen Quali-Run – sonst war die Reise umsonst. Ich atme durch. Versuche ruhig zu bleiben. Mein Coach sagt: „Bleib bei 97 Prozent." Komische Zahl, bleibt aber gut im Kopf. Nicht overpacen. Im Race-Run gibst du eh automatisch mehr. Ich visualisiere. Jede Kurve, jeden Sprung. Dann: Gate öffnet sich. Los.
HOLGER: Ich stehe an der Strecke, Handy in der Hand, Livetiming. Erster Split: Grün. Zweiter Split: Grün. Dritter Split: Grün. Mein Herz rast. „Er führt, verrückt! Er führt."
LOIS: Erste Kurve: loose, aber okay. Dann: Flow. Ich mache alles so, wie ich visualisiert habe. Nicht alles geben. Einfach gut runterkommen. Sauber. Kontrolliert. Dann, in einer Sektion, denke ich: „Alter, war das schnell." Weiter. Dann muss ich in einen Drop vorspringen. Kleiner Drop, aber du bremst nicht wirklich, weil du Speed brauchst. Und da liegen nur Steine. 50:50-Chance. PSSSST. „Oh, nee."
LOIS: Ich höre die Luft rausgehen. Aber egal. Ich fahre weiter. Das stoppt mich nicht. Ich qualifiziere mich trotzdem, denke ich mir. Drei Kurven später: Hinterrad rutscht weg. Gar keine Luft mehr. Crash im Fangzaun. Auf die Fresse. Bisschen am Zeh wehgetan. Nichts Schlimmes.
HOLGER: Vierter Split. Rot. Dann: nichts mehr. Ich starre aufs Display. „Fuck. Er ist gestürzt." Das ist der Moment, wo es wehtut, Vater zu sein. Diese emotionale Nähe. Ich warte. Sekunden werden zu Ewigkeiten. Dann klingelt mein Handy. „Papa, alles gut. Hatte bloß einen Platten." Erleichterung. Frust. Beides gleichzeitig. „Du warst grün. Die ersten drei Splits. Du hast geführt." Stille am anderen Ende. „Scheiße. Wusste ich nicht."
LOIS: Unten im Ziel war ich sauer. Dann sagten sie mir: „Du warst voll schnell oben." Da war ich noch saurer. Aber dann: Schwamm drüber. Nach vorne schauen. Wäre ich gestürzt aus eigenem Fehler? Anderes Thema. Aber beim Platten? 50:50-Chance. Das ist nicht in meiner Kontrolle. Das passiert einfach. Pech gehabt.
HOLGER: Er war gefasst. Unglaublich gefasst. Ein Platten ist Pech. Aber es war eine Bestärkung. Die Taktik war richtig. Hätte er den Run durchgebracht – wer weiß.
LOIS: Zwei Jahre Junior-Worldcup. Dann UCI-Team. Das ist der Plan. Nächster Worldcup: Loudenvielle, Frankreich. Dann Leogang – fühlt sich an wie zuhause. Dann Val di Sole zur WM. Ich freue mich drauf. Ich bin nicht traurig wegen des Plattens. Ich bin hungrig. Nächstes Mal bringe ich den Run durch. Nächstes Mal stehen vier grüne Splits da.
HOLGER: Sein Ziel ist klar definiert. Ich war mal da, wo er jetzt ist. Aber ich bin ausgestiegen. Er steigt ein. Und ich? Ich bin der Papa. Der Supporter. Der Fahrdienstleiter. Der emotional Anfällige. Wenn er oben startet und die Splits grün werden, dann fühle ich mit. Wenn sie rot werden, dann auch. Aber das ist okay. Das ist der Deal. Korea war erst der Anfang
HOLGER: Wir werden weitermachen. Europa-Worldcups, die ganze Saison. Kleines Team, große Träume. Ich muss wahnsinnig jonglieren mit meinen Terminen, weil ich ja auch noch arbeiten muss. Aber das kriegen wir hin. Und ja, es ist manchmal emotional schwer. Diese Nähe. Aber es ist auch das Schönste, was ich je gemacht habe.
LOIS: Nächstes Mal vier grüne Splits. Versprochen.
HOLGER: Willkommen im Worldcup-Zirkus,
LOIS: Ich bin angekommen, Papa.