Laurin Lehner
· 02.05.2026
Roman lädt mich in sein privates Museum ein, das sich in einer Backsteinvilla versteckt. Es ist Freitagmorgen, und der Frühling liegt vorsichtig in der Luft – er weiß noch nicht, ob er bleiben darf.
Mich begleiten die PR-Männer Ben und Patrick – den Chef gibt es hier offenbar nur mit Entourage.
Roman öffnet das Gartentor. Roman. Eine leise Erscheinung, trotz seiner knapp zwei Meter Körpergröße. Baggy-Hose, rosa T-Shirt, darüber ein etwas zu kurzes Karohemd. Auf dem Kopf eine Mütze des eigenen Labels: „Hallo, ich bin der Roman.“
Ich entdecke sofort ein Fotomotiv: wie er vor dem Eingangstor steht, hinter ihm die Stadtvilla. Ich greife zur Kamera, erkläre das Foto. „Drinnen gerne, draußen besser nicht“, sagt Roman. Er sagt es leise und monoton, so wie er eigentlich alles sagt. Er entschuldigt sich fast. Nicht jeder soll wissen, wo sich sein Privatmuseum befindet. Dieser Ort ist sein Rückzugsort. Hier verbringt er manchmal viele Stunden am Tag, manchmal kommt er wochenlang gar nicht vorbei.
Hinterm Haus darf ich dann knipsen. PR-Mann Ben gestikuliert seinem Chef zu, er solle die Mütze etwas tiefer schieben – sieht besser aus. Roman nickt dankend, als wäre es nicht das erste Mal, dass er daran erinnert wird.
Dann beginnt Roman seine Führung. Von der Garage in den Keller (sehr alte Rennräder), ins Erdgeschoss (Rennräder), ins erste Obergeschoss (noch mehr Rennräder), ins zweite Obergeschoss (Mountainbikes) und schließlich ins dritte Obergeschoss (noch mehr Mountainbikes).
Rund 80 Räder, davon sehr viele Mountainbikes. Das verwundert, denn früher hieß es unter Insidern: Wer damals bei Canyon Karriere machen wollte, der musste Rennrad fahren.
Jedes Stockwerk hat ein Thema. Viel davon betrifft die Firmengeschichte und wie alles begann – nämlich mit dem Radsportladen Arnold.
Ein Raum ist so eingerichtet wie das Arbeitszimmer seines Vaters: Analogtelefon, Registrierkasse, originale Poster. So, als wäre der Vater nur kurz rausgegangen. In einem anderen Zimmer schaltet sich beim Eintreten ein alter Röhrenfernseher an, und ein Eurosport-Beitrag aus den 90er-Jahren über den Downhill-Worldcup flimmert auf dem Bildschirm. Sofa, Couch, Gardinen: alles passt in die frühen 90er-Jahre. Kein Detail wurde ausgelassen.
Und so geht es weiter. In einem weiteren Raum hat Roman eine Poggenpohl-Küche aufbauen lassen, so wie sie sich seine Mutter immer gewünscht hat, die sie sich aber nie leisten konnte. „Auf Ebay Kleinanzeigen gefunden“, sagt Roman.
Roman erzählt anhand der Räder die Fahrradgeschichte, aber auch Familiengeschichte. „Der Canyon“, wie er seine Firma nennt. Viel Firmenphilosophie, die man schon mehrfach gelesen hat: Freiheit, Leben fürs Rad, Pure Cycling und solche Dinge. Das klingt dann schnell nach PR-Sprech.
Andere Aussagen überraschen dagegen und wirken authentischer. Sie geben Aufschluss über seine Motivation, nach seiner Prostatakrebserkrankung – mit über sechzig – wieder in die Firma zurückzukehren, als Executive Chairman. „Mein Leben ist ziemlich schmal“, sagt Roman.
Mit schmal meint er: monothematisch. In Romans Leben gibt es Fahrrad, Firma und Familie. Weder Hobbys noch extravagante Interessen, solange sie nichts mit Fahrrädern zu tun haben.
Seine Kinder ziehen ihn damit auf. Wenn im Fernsehen irgendein Promi auftaucht, hat Roman keine Ahnung, wer das sein soll. „Die muss man doch kennen“, sagen dann Frau oder Kinder. Roman lächelt darüber. Für Außenstehende wirkt das seltsam. Für ihn nicht.
„Mein Leben ist schmal, aber tief. Genau wie bei einem Jan Frodeno, einem Nino Schurter oder einem Julien Absalon“, sagt Roman. Denen gehe es ähnlich.
Die Zeit drängt. Zwei Stunden Audienz stehen mir zur Verfügung. Ich will noch genug Zeit für das Interview haben und versuche deshalb, den Rundgang abzukürzen. Doch Roman lässt sich nicht beirren und führt mich weiter ins Dachgeschoss.
Hier stehen Bikes, bei denen Sammlern die Augen herausfallen. Yeti-Modelle, Raleigh, Specialized erstes Stumpi, andere Klassiker. Sein absolutes Lieblings-Mountainbike ist ein Breezer. „Das war das erste Bike, das wirklich wie ein Mountainbike aussah“, sagt Roman. „Nicht wie ein Klunker-Bike.“
Das Gerücht, dass Arnold nur für Rennräder brenne und weniger für Mountainbikes, erledigt sich spätestens hier oben. Roman kann zu jedem Rad eine Geschichte erzählen. Nicht nur, wie er an das jeweilige Exemplar gekommen ist, sondern auch, was damals so maßgebend an dem Modell war – bis hin zu technischen Spezifikationen und manchmal sogar Geometriewerten.
Manche behaupten, Roman, der ehemalige Straßenrennfahrer, lebe in der Vergangenheit. Und wenn man hier durch sein Erlebnismuseum läuft und ihm immer wieder von den Anfängen erzählen hört, könnte man das durchaus glauben. Doch Roman widerspricht.
„Mich fasziniert die Vergangenheit genauso wie die Zukunft“, sagt er. „Aber die Kindheit prägt wie nichts anderes. Und um Dinge zu verstehen, muss man hin und wieder zurückschauen.“
„Gutes Stichwort für unser Interview“, sage ich. „Setz dich“, sagt er.
Wie viel Straßenrennfahrer steckt heute noch in dir?
Hundert Prozent. Ich fahre alles: Rennrad, Gravel und Mountainbike. Die meisten Kilometer sammle ich mit dem Rennrad. Da steckt für mich immer noch dieses Gefühl aus der Kindheit drin: Freiheit, Erinnerungen, einfach losfahren.
Manche behaupten, Mountainbikes seien bei Canyon in den Anfangsjahren nur Beiwerk gewesen – dir sei es vor allem um Rennräder gegangen.
Das sehe ich anders. Natürlich verleugne ich meine Vergangenheit im Straßenradsport nicht. Unsere Wurzeln liegen im Rennsport – im Triathlon und im Straßenradsport. Aber die Faszination für ein gutes Fahrrad, für das Gefühl von Freiheit auf zwei Rädern, beschränkt sich für mich nicht auf eine einzige Disziplin. Mountainbikes sind bei Canyon zwar erst später ins Portfolio gekommen, doch als bloßes Beiwerk würde ich sie keinesfalls bezeichnen. Jede Kategorie hat ihren eigenen Reiz – und das gilt für mich ausdrücklich auch für Mountainbikes. Ob man mir das glaubt oder nicht.
Canyon war beim E-Mountainbike rund fünf Jahre später dran. Warum?
Als die ersten E-Mountainbikes kamen, waren sie riesig, hatten dicke Motoren und wogen fast 30 Kilo. Viele bei uns – Vincent Thoma, Michael Stab und andere – sind sie gefahren und haben gesagt: Das fühlt sich nicht nach Mountainbike an. Also haben wir bewusst entschieden: Das machen wir nicht. „Pure Cycling“ ist für uns mehr als PR-Sprech, es ist unsere Philosophie. Es geht um pure Freude am Radfahren, Freiheit und Bewegung. Das haben uns diese ersten E-Bikes nicht vermittelt.
Du giltst als ehrgeiziger Typ. Angeboren oder ansozialisiert?
Vermutlich eher Letzteres. Ich bin in einem kleinen katholischen Dorf aufgewachsen. Mein Vater war Bessarabiendeutscher aus dem heutigen Moldawien. Er kam nach Deutschland, heiratete meine Mutter und musste sich behaupten. Er musste doppelt so viel leisten. Und das hat er getan. Er war Verkäufer, immer unterwegs, immer darauf bedacht zu zeigen, dass er etwas kann.
Und das hat er an seinen Söhnen weitergegeben?
Mein Vater wohnte unter der Woche in Mannheim und verkaufte Gleitringdichtungen an BASF. Wir sahen ihn nur am Wochenende. Du kannst dir vorstellen, wie wir Brüder in diesen seltenen Momenten um seine Anerkennung gekämpft haben. Jeder wollte gesehen werden. Dieser Wunsch, sich zu beweisen, hat mich geprägt – und auch meine Brüder.
(Anm.d.Red. Romans Bruder Franc ist Geschäftsführer von RTI Sports - Ergon Topeak etc. Sein Bruder Lothar machte Karriere beim Energie-Riesen RWE)
Wie konntest du bei deinem Vater punkten?
Mit sportlichen Erfolgen. Mein Vater war Sportfan. Ich habe zuerst Fußball gespielt, gar nicht schlecht sogar. Aber Radrennen war etwas Besonderes. Anders als beim Fußball sind die Chancen zu gewinnen selten. Aber wenn man gewinnt, ist das unbeschreiblich. Ich kam in die Rheinland Pfalz Auswahl und hatte eine Einberufung zur Sportkompanie. Da war mein Vater stolz auf mich – das hat mir viel bedeutet.
Wie oft denkst du noch an deinen Vater?
Oft, fast täglich. Du hast vielleicht Fotos von ihm hier an der Wand hängen gesehen. Heute bin ich versöhnt – ich muss meinem Vater nicht mehr gefallen.
Straßenradsport gilt als harter Sport.
Rennradfahrer gehörten sicher nicht zu den Coolen auf den Partys, die bei den Mädchen ankamen. Vielleicht hat uns die Lockerheit gefehlt. Meine Mutter sagte damals: „Roman, früher hast du Fußball gespielt, jetzt fährst du Radrennen – du bist ein ganz anderer Mensch geworden.“ Ich fühlte mich in der Rolle jedoch schnell wohl – denn beim Radrennen musst du dich anders durchsetzen. Wenn du vorne fahren willst, musst du die Ellbogen ausfahren, Disziplin im Training zeigen, im Rennen im ersten Drittel bleiben. Wenn du nicht in die Lücke fährst, landest du hinten. Diese Mentalität prägte mich.
Du wirkst gar nicht wie ein Ellenbogentyp. Andere sagen jedoch, du seist ein knallharter Geschäftsmann.
Knallhart? Nein. Aber als jemand mit Durchsetzungswillen. Den brauchst du. Wer mit mir arbeitet, merkt schnell: Ich fordere viel – von anderen, aber auch von mir selbst. Mit mir zusammenzuarbeiten kann anstrengend sein. Aber bei einem knallharten Geschäftsführer steht immer das Geld an erster Stelle. Bei mir sind es Werte. Wenn du mich fragen würdest: Roman, hast du damals davon geträumt, reich zu werden, ich würde antworten: Nein. Das war nie mein Ziel – das kam eher by accident.
Wann hattest du das letzte Mal einen cholerischen Anfall?
Noch nie. Ich bin kein Choleriker, ich schreie niemanden an. Aber es gibt Momente, in denen ich klar sage: Bis hierhin und nicht weiter. Da bin ich konsequent.
Bist du nachtragend?
Früher vielleicht. Heute sehe ich vieles entspannter. Mir ist wichtig, fair zu sein. Wenn jemand einen Fehler macht, gibt es Konsequenzen – aber danach ist die Sache erledigt.
In der Fahrradbranche ist Canyon längst ein Schwergewicht. Gibt es dort überhaupt Freundschaften?
Doch, die gibt es. Natürlich ist das Geschäft manchmal hart. Aber viele wissen: Roman Arnold sagt klar, was er will, spielt aber fair. Und ich kann Freundschaft und Geschäft voneinander trennen.
Wie wichtig ist dir Außenwahrnehmung?
Es kommt darauf an, was du genau damit meinst. Ich will als verlässlicher Typ gelten, dessen Wort etwas wert ist. Auch das geht wieder auf meine Wurzeln zurück. So wurde ich erzogen, daran glaube ich.
Wenn du von Eitelkeit sprichst, bin ich auf einer Skala von 1 bis 10 vielleicht bei 5/6. Im Alter bestimmt weniger. Zeit ist mir wichtiger als Geld.
Fährst du einen Sportwagen?
Ich hatte mal einen Porsche, doch den habe ich wieder abgegeben. Es ist noch gar nicht so lange her, da fuhr ich einen Fiat Panda. Mittlerweile einen VW Touareg. Meine Frau hat die Regel aufgestellt: Roman, du kannst dir jedes Auto holen, doch es muss ein VW sein und keine Protzkarre. Mir ist das recht. Das musst du jetzt aber nicht in den Artikel schreiben.
Die Arnold-Brüder sind alle erfolgreich geworden. Woher kommt dieser Unternehmergeist?
Wir haben als Kinder ein Spiel gespielt – das hieß „Firma“. Wir haben mit Lego Unternehmen aufgebaut, Produkte erfunden und verkauft. Wir haben früh gelernt zu überlegen: Was braucht der andere? Wenn du weißt, was dein Gegenüber braucht, kannst du ihm etwas anbieten. Dieses Denken begleitet mich bis heute – und hat Canyon stark gemacht.
Wie eng seid ihr Brüder heute noch?
Sehr eng. Jeder von uns hat sein eigenes Leben, aber wenn es ein Problem gibt, weiß jeder: Die anderen sind da. Alles ist endlich, das wissen wir, und das schweißt uns zusammen.
Du bist streng katholisch erzogen worden. Spielt der Glaube noch eine Rolle?
Ja. Für mich ist schon der Geruch einer Kirche Heimat, auch wenn ich nicht jeden Sonntag hingehe. Diese Dinge aus der Kindheit prägen einen. Meine Mutter hat uns das mitgegeben. Mein Vater war eher der Weltoffene – er war früh in Australien und den USA unterwegs. Diese Mischung war gut.
Bist du noch in der Kirche?
Ja, glaub mir, ich könnte mir viel Geld sparen, doch das ist es mir wert. Die katholische Kirche war mir eine Zeit lang suspekt, und ich habe mich eher zum Evangelium hingezogen gefühlt. Das habe ich zwei Jahre gemacht, doch schnell gemerkt: Moment mal, das bin ich gar nicht. Also bin ich wieder zurück zum Katholizismus.
Du bist heute 62, hast den Krebs besiegt – warum machst du nicht einfach nur noch das, worauf du Lust hast?
Mach ich doch! Ich arbeite gern. Das ist mein Leben. Canyon ist für mich mehr als eine Firma – es ist ein Lebenswerk. Natürlich versuche ich auch, Zeit für meine Familie zu haben. Aber diese Firma aufzubauen und weiterzuentwickeln, erfüllt mich.
Es muss doch noch andere Dinge auf deiner Bucket-List geben.
Reisen vielleicht. Wo es hingeht, bestimmt meine Familie demokratisch – dieses Jahr geht’s nach Japan. Kitesurfen, Tauchen … all das reizt mich nicht. Ich bin Radsportler – das ist mein Leben und wird es bleiben. Ich hatte kürzlich mit Jan Frodeno gesprochen, der seine aktive Karriere kürzlich an den Nagel gehängt hat. Also fragte ich: Und, wie sieht dein Tagesablauf jetzt so aus? Weißt du, was er geantwortet hat? Genau wie zuvor, hat er gesagt. Er trainiert immer noch, geht ins Fitnessstudio, regeneriert und so weiter, nur eben nicht mehr so hart wie damals. Ich will sagen: Einen Typen wie mich, der sein Leben lang Radsport geliebt hat und seine Kraft der Firma gewidmet hat, den kannst du jetzt nicht zum Beinehochlegen in die Karibik schicken. Verstehst du?
Eine 70-Stunden-Woche hört sich dennoch übertrieben an. Deine Krebserkrankung muss deinen Blick aufs Leben doch verändert haben.
Ja, definitiv. Ich nehme nicht mehr alles für selbstverständlich und versuche, bewusster zu leben. Wenn man so eine Diagnose bekommt, merkt man, wie vergänglich alles ist. Man denkt unweigerlich über den Tod nach. Seitdem. Dennoch: Arbeit gehört zu meinem Leben dazu. Ich habe das große Glück, etwas zu tun, das mir Spaß macht. Fahrräder zu bauen, Ideen umzusetzen, eine Marke weiterzuentwickeln – das ist für mich kein Zwang, sondern Leidenschaft. Mein Leben ist gut.

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