Ultraleicht und einzigartigCustom-Mountainbike in Flugzeug-Bauweise

Henri Lesewitz

 · 27.01.2023

Ein Fahrrad wie aus einem anderen Universum: Die Alu-Bleche sind hauchdünn und gleichzeitig hochstabil. Weil sie nicht geschweißt werden können, sind sie genietet.
Foto: Adrian Vesenbeckh
Ein Fahrrad wie aus einem anderen Universum: Das Custom-Mountainbike von Thomas Lukasczyk in der Bilderstrecke zum Durchklicken.

Es ist die perfekte optische Täuschung! Was aussieht wie ein schwerer Metallklotz ist in Wirklichkeit ein Leichtbauwunder. Nur 7980 Gramm bringt das Custom-Mountainbike von Thomas Lukasczyk auf die Waage. Der Trick: Der Hardtail-Rahmen ist gebaut wie ein Flugzeug-Rumpf. Er besteht aus hochfesten, genieteten Alu-Blechen. „Wie ein Airbus. Der wirkt auch massiv, ist aber bis ins kleinste Detail gewichtsoptimiert“, erzählt Thomas. Irre: bis zum Start des Projekts saß er noch nie auf einem Mountainbike.

Die Einzelteile des Rahmens erinnern an einen Stabilbaukasten. Kaum zu glauben, dass daraus ein Mountainbike für harten Geländeeinsatz entstanden ist.Foto: Ulrike Lukasczyk
Die Einzelteile des Rahmens erinnern an einen Stabilbaukasten. Kaum zu glauben, dass daraus ein Mountainbike für harten Geländeeinsatz entstanden ist.

Die Geschichte von Thomas und seinem Nieten-Mountainbike ist unglaublich. Wo sie genau ihren Anfang nahm, lässt sich nicht exakt sagen. In seiner Zeit als „Flugplatzkind“, wie Thomas die Jahre nennt, in denen er als Dreikäsehoch inmitten der lokalen Kleinfliegerszene aufwuchs? Da schlachtete er als gerade mal Fünfjähriger einen alten Schleppwagen für Segelflieger aus. Oder war der Urknall das blaue Motorflugzeug, das Thomas nach dem Ingenieursstudium in drei Jahren Bauzeit selbst erschuf, um damit unter anderem nach Helgoland zu fliegen? Definitiv aber nahm das Tuning-MTB-Projekt an jenem Morgen 2019 seinen Lauf, als er nach 25-jähriger Fahrradabstinenz mit seinem alten, angerosteten Trekkingbike Richtung Arbeit strampelte.

Das einmotorige Flugzeug hat sich Thomas nach dem Studium komplett selbst gebaut. Ohne dieses Projekt wäre Thomas wahrscheinlich nie auf die Idee mit dem genieteten MTB gekommen.Foto: Ulrike Lukasczyk
Das einmotorige Flugzeug hat sich Thomas nach dem Studium komplett selbst gebaut. Ohne dieses Projekt wäre Thomas wahrscheinlich nie auf die Idee mit dem genieteten MTB gekommen.

Die Idee: Ein Leichtbau-Mountainbike in Perfektion

Thomas ist Optimalist. So werden in der Psychologie Menschen genannt, die sich auf fast schon spirituelle Weise in eine Sache stürzen. Ganz oder gar nicht. Und wenn, dann als 360-Grad-Erlebnis. So hatte er sein Flugzeug geschaffen. Und so wollte er nun das perfekte Custom-Mountainbike kreieren. Noch während er vor sich hin strampelte, fügte sich in seinem Kopf das Traum-Bike Puzzlestück für Puzzlestück zusammen.

„Daheim habe ich alles auf ein Blatt Papier gemalt, ein bisschen rumgerechnet und dann direkt losgelegt“, erinnert sich Thomas, der sein Geld als Ingenieur in der Autoindustrie verdient.

Die Frage ist nicht: Wie leicht baue ich? Sondern: Wie baue ich leicht. - Thomas Lukasczyk, Material-Experte und Custom-Rahmenbauer
Ingenieur Thomas Lukasczyk ist ein Tüftler und Macher. Wenn er eine Idee hat, fackelt er nicht lange. Ein Serienbike zu kaufen, kam für ihn nicht infrage.Foto: Adrian Vesenbeckh
Ingenieur Thomas Lukasczyk ist ein Tüftler und Macher. Wenn er eine Idee hat, fackelt er nicht lange. Ein Serienbike zu kaufen, kam für ihn nicht infrage.

Genietete Verbindungen als Lösung für den Custom-Mountainbike-Rahmen

Wer Thomas zu seinem Custom-Mountainbike befragt, wird sofort und ohne Vorgeplänkel in die Welt der Physik hineingesogen wie Luft in eine Düsenjet-Turbine. Begriffe wie Steifigkeitsspannung, thermischer Verzug, Streckgrenze, Bruchdehnung und Ermüdungsresistenz wirbeln ihm nur so über die Lippen. Wer nicht trittsicher ist in höherer Physik, ist gleich raus. Was aber selbst Physik-Doofis klar wird: Das Bike wurde nicht aus Gründen des Auffallenwollens so extravagant konzipiert, sondern aus technischer Raffinesse.

Die gelochte, dunkle Manschette verbindet das Steuerrohr aus Stahl mit dem Rest des Rahmens, der komplett aus Alu-Blech gefertigt ist. Foto: Adrian Vesenbeckh
Die gelochte, dunkle Manschette verbindet das Steuerrohr aus Stahl mit dem Rest des Rahmens, der komplett aus Alu-Blech gefertigt ist. Foto: Adrian Vesenbeckh

„Carbon oder Faserverbund finde ich nicht ideal für den Fahrradbau“, begründet Thomas. Klassisches Alu, spannt Thomas schließlich den Bogen zu seiner Speziallösung, komme für ihn aber auch nicht infrage. Zum Schweißen sei man auf Legierungen angewiesen, die nicht die besten Festigkeitseigenschaften hätten. Die perfekten Legierungen wiederum würden sich nicht zum Schweißen eignen. Die Lösung bestand darin, die Verbindungen zu nieten.

Im Prinzip ist das alles Alu-Folie. - Thomas Lukasczyk
Die Ausfallenden sind mit Ketten- und Sitzstreben vernietet, deren Bleche für maximale Stabilität zu Profilen gebogen sind.Foto: Adrian Vesenbeckh
Die Ausfallenden sind mit Ketten- und Sitzstreben vernietet, deren Bleche für maximale Stabilität zu Profilen gebogen sind.

Thomas bestellte in den USA hauchdünne, hochfeste Bleche aus 2024-T3-Flugzeugaluminium. Und stand sogleich vor dem ersten Problem. Das Material war verhältnismäßig spröde. Wie würde es gelingen, sie in die nötige Profilform zu biegen, ohne Risse oder Strukturschäden zu riskieren? Mit Hilfe einer lokalen Schlosserei und deren CNC-Kantbank gelang es schließlich. Allerdings erst nach mehreren Rückschlägen.

Statt für eine klassische Sattelstütze entschied sich Thomas für einen Sitzdom. Das wuchtige Teil hält <a href="https://www.bike-magazin.de/komponenten/sattel/mtb-sattel-becker-carbon-im-einzeltest/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">einen 62 Gramm leichten Sattel der Rennsport-Manufaktur Becker Carbon. </a>Foto: Adrian Vesenbeckh
Statt für eine klassische Sattelstütze entschied sich Thomas für einen Sitzdom. Das wuchtige Teil hält einen 62 Gramm leichten Sattel der Rennsport-Manufaktur Becker Carbon.

Die Wochen darauf verbrachte Thomas bis spätnachts im Keller. Bleche schneiden. Feilen. Anpassen. Nietlöcher setzen. Schließlich die finale, feierliche Zeremonie: das Zusammenfügen der Einzelsegmente mit Luftfahrtnieten. Eine meditative, aber anspruchsvolle Prozedur.

„Mein Zellenbau-Meister hat mal gesagt: Nach 1000 Nieten weißt Du, wie es geht. Nach 10.000 Nieten kannst Du es“, lacht Thomas.

Wie das Steuerrohr, so besteht auch das Tretlagergehäuse aus Stahl. Zwei Querbleche verstärken die Steifigkeit in dem Bereich.Foto: Adrian Vesenbeckh
Wie das Steuerrohr, so besteht auch das Tretlagergehäuse aus Stahl. Zwei Querbleche verstärken die Steifigkeit in dem Bereich.

Tage später war das extravagante Custom-Mountainbike komplett aufgebaut. Der Wert, den die Waage anzeigte, stimmte Thomas zufrieden: 10,5 Kilo. Viel wichtiger aber: Das Bike erwies sich als äußerst agil und kilometerhungrig. Thomas fuhr immer öfter. Er wurde fitter. Er presste sich 20.000 Kilometer und 500.000 Höhenmeter in die Beine. Er spürte: Da geht noch was. Er beschloss, eine zweite Version des genieteten Tuning-Bikes zu bauen. Noch detailverliebter. Noch radikaler. Noch leichter. Projekt Maximum.

Gestell und Schale bilden beim 62 Gramm leichten Sattel der Carbon-Manufaktur Becker eine Einheit. Um beim Gesamtgewicht unter den geplanten 8 Kilo zu bleiben, kam es bei der Ausstattung auf jedes Gramm an. Der Sattel ist übrigens bequemer als er aussieht.Foto: Adrian Vesenbeckh
Gestell und Schale bilden beim 62 Gramm leichten Sattel der Carbon-Manufaktur Becker eine Einheit. Um beim Gesamtgewicht unter den geplanten 8 Kilo zu bleiben, kam es bei der Ausstattung auf jedes Gramm an. Der Sattel ist übrigens bequemer als er aussieht.

„Wenn dir nach einem 30 Minuten langen Strava-Uphill-Segment zwei Sekunden zur Bestzeit fehlen, dann kannst du ganz leicht ausrechnen, wie viele Gramm da zu viel unterwegs waren“, erzählt Thomas. Die Magie von Tempo und Laktat hatte ihn voll erfasst. 25 Jahre lang war er kein bisschen Rad gefahren. Jetzt kannte er sogar Strava.

Wieder bestellte er in den USA Bleche. Wieder schnitt und feilte und nietete er. Er zelebrierte es diesmal so sehr, dass er dabei sogar zum Zombie wurde.

Die Heftnieten erinnerten Thomas an das Filmplakat des Zombie-Klassikers Hellracer. Da kam ihm die Idee zu dieser Hommage.Foto: Ulrike Lukasczyk
Die Heftnieten erinnerten Thomas an das Filmplakat des Zombie-Klassikers Hellracer. Da kam ihm die Idee zu dieser Hommage.

Während er die Heftnieten setze, die an spitze Nägel erinnern, kam Thomas die Idee, das Filmplakat des 80er-Jahre-Splatter-Klassikers “Hellracer -Das Tor zur Hölle” nachzustellen. Auf dem ist Zombie Pinhead zu sehen, in dessen Schädel furchterregende Nägel stecken. Thomas rasierte sich die Haare, schminkte sich kaltweiß und hängte den provisorisch gehefteten Rahmen an den Schneeketten des Familienautos auf. Frau Ulrike, eine Fotografin, drückte auf den Auslöser. “Schnellracer”, titelte Thomas, als er das Bild in einem Forum zeigte.

Klare Kanten, glatte Flächen: Der Rahmen von Thomas’ Custom-Mountainbike ist einzigartig.Foto: Adrian Vesenbeckh
Klare Kanten, glatte Flächen: Der Rahmen von Thomas’ Custom-Mountainbike ist einzigartig.

Custom-Mountainbike Nummer 2: Es muss noch leichter gehen

Als Zielgewicht für die neue Version des genieteten MTB-Rahmens hatte sich Thomas 1400 Gramm vorgenommen. Ein guter Wert für einen Hardtail-Rahmen, aber weit entfernt von den Traumwerten der Carbon-Modelle großer Premium-Hersteller, die ein halbes Kilo weniger auf die Waage bringen. Das Bike sollte fahrfertig unter 8,0 Kilo liegen. Thomas war klar, dass es auf die Ausstattung ankommen würde. Wochenlang durchforstete er das Internet nach potentiellen Teilen, gab die Parts in Excel-Tabellen ein, rechnete, tüftelte und näherte sich langsam dem optimalen Verhältnis aus Gewicht und Stabilität an.

Spaß muss sein: Thomas hat sich als King Arthur verkleidet und zieht den Rahmen aus dem Stein, als wäre er das heilige Schwert Ecxalibur.Foto: U.Lukasczyk
Spaß muss sein: Thomas hat sich als King Arthur verkleidet und zieht den Rahmen aus dem Stein, als wäre er das heilige Schwert Ecxalibur.

Als der Rahmen Mitte 2022 fertig war, stand das nächste Shooting an. Wieder eine Hommage an einen Filmklassiker. Diesmal wollte Thomas mit dem Rahmen King Arthur huldigen. Mit im Internet gekauftem Kettenhemd und Burger King-Krone stellte er an einem Stein der berühmten Darmstädter Kultstätte Menhiranlage die Excalibur-Szene nach. Wie King Arthur das heiligte Schwert so zog Kostümkönig Thomas den Rahmen aus dem Stein. Seine Frau, die auch bei diesem Motiv auf den Auslöser drückte, montierte später noch einen dramatischen Blitz ins Bild.

“Das Kettenhemd war zehnmal so schwer wie der Rahmen”, lacht Thomas.

Thomas liebt ausgiebige Kilometer-Orgien mit straffer Kette: Für maximalen Speed hat er ein riesiges, 40er Kettenblatt montiert.Foto: Adrian Vesenbeckh
Thomas liebt ausgiebige Kilometer-Orgien mit straffer Kette: Für maximalen Speed hat er ein riesiges, 40er Kettenblatt montiert.

Der Rahmen war bereit für den Aufbau. Doch noch raubte Thomas die Frage nach den Laufrädern Zeit und Nerven. Die Biester schienen ihn regelrecht herauszufordern. Kein Wunder. Sie sollten nicht mehr als 1000 Gramm wiegen. Aber mit den unzerstörbaren Naben von Chris King aufgebaut sein. Thomas gab jede nur erdenkliche Kombination aus King-Naben, Felgen, Speichen und Nippel in eine Excel-Tabelle, doch die Summe, die das Zahlenwerk ausspuckte, lag jedes Mal drüber.

Der Traum von Thomas waren Chris King-Naben, aber mit denen wären die 8 Kilo Gesamtgewicht nicht zu unterbieten gewesen. Die Naben von CarbonTi sind leicht und stabil, wenn auch nicht ganz so kultig wie die legendären US-Teile.Foto: Adrian Vesenbeck
Der Traum von Thomas waren Chris King-Naben, aber mit denen wären die 8 Kilo Gesamtgewicht nicht zu unterbieten gewesen. Die Naben von CarbonTi sind leicht und stabil, wenn auch nicht ganz so kultig wie die legendären US-Teile.

Es war zum Verzweifeln. Er hatte es geschafft, ein Flugzeug zu bauen und damit nach Helgoland zu fliegen. Und nun zeigten ihm ausgerechnet Mountainbike-Laufräder die Grenzen des Machbaren auf. Dabei hatte er sich schon nicht für 29-Zoll-Felgen, sondern für 27,5er entschieden. Weichgekocht von der endlosen Suche nach noch leichteren Nippeln und Felgen sowie der ständigen Hin- und Herrechnerei entschied sich Thomas schließlich für einen Kompromiss. Die Naben der italienischen Manufaktur Carbon Ti waren vielleicht nicht ganz so ikonisch wie die des US-amerikanischen Teile-Gotts Chris King. Doch sie waren leicht. Und der aggressiv-heisere Sound des Freilaufs hatte eine ähnlich stimulierende Wirkung auf die Glückshormone.

Das Kürzel der hochfesten Alu-Legierung prangt wie ein Gütesiegel auf dem Sitzdom: 2024-T3. Thomas hat die teuren Bleche, die üblicherweise im Flugzeugbau verwendet werden, in den USA bestellt.Foto: Adrian Vesenbeckh
Das Kürzel der hochfesten Alu-Legierung prangt wie ein Gütesiegel auf dem Sitzdom: 2024-T3. Thomas hat die teuren Bleche, die üblicherweise im Flugzeugbau verwendet werden, in den USA bestellt.

Im Sommer 2022 war das Custom-Mountainbike schließlich fertig. Hibbelig vor Aufregung starrte Thomas auf das Display der Digitalwaage. 7980 Gramm! Ein Wahnsinnswert.

Thomas ist zufrieden. Doch in seinem Kopf geistert bereits eine dritte Version rum. Wenn er das Tretlager-Gehäuse sowie das Steuerrohr nicht aus Stahl, sondern aus Alu bauen würde, dann wäre zumindest noch ein kleine Gewichtsersparnis drin. Noch ist das nur ein zarter Gedanke. Doch wer Thomas kennt, der weiß, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dabei bleiben wird.

Mann und Maschine: Thomas Lukasczyk mit seinem spektakulären Selbstbau-Hardtail beim Shooting auf einem Parkhausdeck.Foto: Adrian Vesenbeckh
Mann und Maschine: Thomas Lukasczyk mit seinem spektakulären Selbstbau-Hardtail beim Shooting auf einem Parkhausdeck.

Das genietete Custom-Mountainbike im Detail

  • Rahmen: Selbstbau, Alu/Stahl
  • Gabel: Rockshox SID Worldcup
  • Bremsen: Formula R1 Racing
  • Schaltung: Sram XX1 AXS
  • Kurbel: Sram XX1 mit 40er Kettenblatt (Alugear)
  • Laufräder: Carbon-Felgen (no Name) 27,5 Zoll, Carbon Ti-Naben
  • Reifen: Schwalbe Thunder Burt 27,5 x 2,25 Zoll
  • Lenker/Vorbau: Extralite
  • Sattel: Becker Carbon
  • Gewicht: 7980 Gramm
Immer Vollgas: Thomas schont das Bike nicht, sondern heizt am liebsten mit straffer Kette über die Trails. Ein kleines Manko ist der fehlende Flaschenhalter, auf den Thomas bauartbedingt verzichten musste. Wenn lange Touren anstehen, muss er einen Trinkrucksack mitnehmen.Foto: Ulrike Lukasczyk
Immer Vollgas: Thomas schont das Bike nicht, sondern heizt am liebsten mit straffer Kette über die Trails. Ein kleines Manko ist der fehlende Flaschenhalter, auf den Thomas bauartbedingt verzichten musste. Wenn lange Touren anstehen, muss er einen Trinkrucksack mitnehmen.

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