Wahl der richtigen RahmengrößeNeben Körpergröße zählen Proportionen

Peter Nilges

 · 14.01.2023

Wer sein Wunsch-Bike bereits gefunden hat, für den  stellt sich nun die entscheidende Frage: Welche Rahmengröße ist  die passende? Für viele Fahrer kommt nämlich  nicht nur eine Größe in Frage. Wir erklären, wie sich Geometrie  und Fahrverhalten mit der Größe verändern  und helfen Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen.
Foto: Max Fuchs

Die richtige Rahmengröße liegt manchmal mittendrin. Neben der Körpergröße spielen die Proportionen des Körpers sowie der eigene Fahrstil wichtige Rollen bei der Wahl der passenden Bike-Größe. Wir erklären, wie sich Geometrie und Fahrverhalten mit der Größe verändern und helfen Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Wer sein Wunsch-Bike bereits gefunden hat, für den stellt sich nun die entscheidende Frage: Welche Rahmengröße ist die passende? Für viele Fahrer kommen nämlich mehrere Größen in Frage. Wir erklären, wie sich Geometrie und Fahrverhalten mit der Größe verändern und helfen Ihnen, die richtige Entscheidung zu treffen.

INHALT:


Die Testpersonen für die Größenberatung

Laurin ist sich seiner Sache ziemlich sicher und gerne bei unserem Größenexperiment dabei. Als Testredakteur des FREERIDE-Magazins ist er Verfechter von kurzen, handlichen Bikes, die sich mühelos aufs Hinterrad ziehen oder mit viel Airtime über den nächsten Sprung feuern lassen. Zudem ist Laurin mit 178 Zentimetern exakt so groß wie ich.

Peter Nilges, BIKE-Testleiter (links) und Laurin Lehner, FREERIDE-Redakteur (rechts) sind gleich groß {178 cm)Foto: Georg Grieshaber
Peter Nilges, BIKE-Testleiter (links) und Laurin Lehner, FREERIDE-Redakteur (rechts) sind gleich groß {178 cm)

Bei unserer Körpergröße stellt sich je nach Hersteller häufig die Frage, ob wir Rahmengröße M oder L für den Test anfordern. Laurin tendiert aus den genannten Gründen lieber zu M, wir bei BIKE bestellen im Normalfall alle Test-Bikes in Größe L. Für unsere Anforderungen spielt selbstverständlich auch die Pedalierbarkeit eine große Rolle und dementsprechend eine vortriebsorientierte Sitzposition. Genauso, wie ich Laurin häufiger vorwerfe, auf zu kleinen Bikes unterwegs zu sein, muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, zu groß zu fahren.

„Spätestens seit bei den modernen Bikes der Reach und damit die Länge drastisch zugelegt hat, sind Bikes in Größe L fast unfahrbar geworden“, behauptet Laurin.

Auch wenn der Längenzuwachs bei Reach und Radstand unbestreitbar ist, gilt das weniger für die Sitzposition. Durch die mittlerweile sehr steilen Sitzwinkel und die kurzen Vorbauten verpufft die Länge, sobald man im Sattel sitzt. Die Bikes sind also kurz im Sitzen, aber lang im Stehen bergab. Die richtige Rahmengröße hängt also auch vom Einsatzzweck ab.

Bevor wir unsere beiden baugleichen Canyon Spectral in Größe M und L im Labor vermessen und auf die Trails entführen, lassen auch wir uns selbst gründlich durchchecken. Im Münchner Radlabor werden wir zunächst von Kopf bis Fuß durchgemessen. Die Fitting-Experten haben nahezu alle aktuellen Geometriedaten der Bike-Hersteller in ihrer Datenbank und empfehlen entsprechend der Körpermaße und des Anforderungsprofils das passende Bike mitsamt der richtigen Größe.

„Aufgrund der deutlich feineren Größenabstufung beim Rennrad nutzen vor allem viele Straßenfahrer unsere Beratung“, sagt Uli Plaumann von Radlabor.

Doch auch bei Mountainbikern steigt das Interesse, eine Größenberatung unabhängig von der Empfehlung der Versender-Website oder des Händlers zu bekommen.

Größensprung: Faktoren für die Wahl von M oder L

Reach, Sitzrohrlänge und Radstand ändern sich bei einem Größensprung (hier von Rahmengröße M auf L) am stärksten und wirken sich nicht nur auf die Fahrposition, sondern auch auf das Fahrverhalten aus.

Größensprung von M auf L in Zahlen | lenFoto: BIKE-Testabteilung
Größensprung von M auf L in Zahlen | len

Die richtige Rahmengröße ist nicht nur eine Frage der Köpergröße

Trotz identischer Körpergröße können Arm-, Bein- und Rumpflänge deutlich voneinander abweichen. Die passende Rahmengröße hängt daher auch von den Proportionen des Fahrers ab.

Gleich und doch nicht gleich: Die Vermessung zeigt die feinen Unterschiede.Foto: Max Fuchs
Gleich und doch nicht gleich: Die Vermessung zeigt die feinen Unterschiede.

Der Mensch ist in den meisten Fällen recht symmetrisch gebaut. So stimmt beispielsweise die Armspannweite in der Regel auch mit der Körpergröße überein. Doch was für den Durchschnitt gilt, kann im Einzelfall komplett anders aussehen. Trotz identischer Körpergröße weichen die Proportionen von Laurin und mir deutlich voneinander ab und sorgen auf demselben Bike für eine unterschiedliche Sitz- und Fahrposition. Durch die kürzeren Beine benötigt Laurin eine etwas niedrigere Sitzhöhe und durch die ebenfalls kürzeren Arme auch eine geringere Sitzlänge. Wer also rein auf die Körpergröße schaut, lässt wichtige Informationen auf der Suche nach der passenden Rahmengröße außer Acht.

Die Website vieler Bike-Hersteller stützt sich nach wie vor auf die Körpergröße als einzigen Anhaltspunkt. Mit jedem weiteren Messwert der Körperproportionen steigt aber die Trefferquote. Neben der Körpergröße sollte daher unbedingt die Innenbeinlänge als Indikator für die optimale Sitzhöhe herangezogen werden (Innenbeinlänge x 0,885). Über die Sitzrohrlänge des Wunsch-Bikes und die Bauhöhe des Sattels (rund 50 Millimeter) lässt sich dann die Länge der Stütze bzw. der maximal mögliche Hub der Teleskopstütze eingrenzen. Noch genauer wird es unter Einbezug des Oberkörpers.

Links: Die Innenbeinlänge bestimmt die Sitzhöhe und ist nach wie vor einer der wichtigsten Indikatoren bei der Wahl der Rahmengröße. / Rechts: Wer seine künftige Rahmengröße ausschließlich über die Körpergröße ableitet, kann schnell danebenliegen. Mehr Daten erhöhen die Trefferquote.Foto: Georg Grieshaber
Links: Die Innenbeinlänge bestimmt die Sitzhöhe und ist nach wie vor einer der wichtigsten Indikatoren bei der Wahl der Rahmengröße. / Rechts: Wer seine künftige Rahmengröße ausschließlich über die Körpergröße ableitet, kann schnell danebenliegen. Mehr Daten erhöhen die Trefferquote.

Stellschrauben

Wenn die Rahmengröße nicht komplett danebenliegt, besteht noch Hoffnung. Solange sich die korrekte Sitzhöhe einstellen lässt und die Überstandshöhe des Rahmens genügend Spielraum bietet, kann noch an diesen Stellschrauben gedreht werden.

1 Cockpit: Das Cockpit lässt den größten Spielraum zu. Vorbaulänge, -neigung, Spacer-Höhe und Lenkerhöhe bzw. -kröpfung können sehr viel ausgleichen. Doch auch hier gibt es Grenzen, wie  z. B. ein zu langer Vorbau, der sich negativ aufs Handling auswirkt.
Foto: Max Fuchs

1. Cockpit

Das Cockpit lässt den größten Spielraum zu. Vorbaulänge, -neigung, Spacer-Höhe und Lenkerhöhe bzw. -kröpfung können sehr viel ausgleichen. Doch auch hier gibt es Grenzen, wie z. B. ein zu langer Vorbau, der sich negativ aufs Handling auswirkt.

Das Cockpit lässt den größten Spielraum bei der individuellen Einstellung zu.Foto: Max Fuchs
Das Cockpit lässt den größten Spielraum bei der individuellen Einstellung zu.

2. Sattel / Nachsitz

Dank des Sattelgestells lässt sich der Sattel um einige Zentimeter horizontal verschieben und damit auf die Beinlänge und die Position in Relation zum Tretlager verschieben. Das beeinflusst die Sitzlänge und den Kniewinkel beim Treten.

Der Sattel lässt sich horizontal verschieben. Das beeinflusst die Sitzlänge und den Kniewinkel beim Treten.Foto: Max Fuchs
Der Sattel lässt sich horizontal verschieben. Das beeinflusst die Sitzlänge und den Kniewinkel beim Treten.

3. Sattelstütze

Nicht nur bei der Länge der Sattelstütze, sondern auch beim Hub der Teleskopsattelstütze hat man viele Optionen. Um auch Fahrern mit niedriger Sitzhöhe genügend Absenkung zu ermöglichen, geht der Trend zu kürzeren Sitzrohren.

Nicht nur bei der Länge der Sattelstütze, sondern auch dem Hub der Teleskopsattelstütze hat man viele Optionen.Foto: Max Fuchs
Nicht nur bei der Länge der Sattelstütze, sondern auch dem Hub der Teleskopsattelstütze hat man viele Optionen.

4. Kurbel

Auch die Kurbellänge sollte zur Beinlänge passen. 175 Millimeter sind gängig. Besonders kleine oder große Fahrer sollten die Länge für eine effiziente Kraftübertragung anpassen.

Auch die Kurbellänge sollte zur Beinlänge passen.Foto: Max Fuchs
Auch die Kurbellänge sollte zur Beinlänge passen.

Kurz oder lang: Einige Millimeter entscheiden über das Handling

Bereits wenige Millimeter können maßgeblich das Handling eines Bikes beeinflussen und auch über den Komfort bei langer Zeit im Sattel entscheiden. Auch die persönlichen Vorlieben beim Fahrstil sollten nicht zu kurz kommen.

Millimeterarbeit bei der Wahl zu Größe M oder LFoto: Georg Grieshaber
Millimeterarbeit bei der Wahl zu Größe M oder L

Laut der Größenempfehlung (auf Basis von Körpergröße und Innenbeinlänge) im Canyon-Webshop müssten sowohl Laurin als auch ich auf ein Spectral in Größe M steigen. Der Hinweis, auch einen L-Rahmen wählen zu können, käme erst ab einer Körpergröße von 180 Zentimetern. Zusätzlich erhält man dann den Tipp, die Rahmengröße zu wählen, die besser zum eigenen Fahrstil passt. M für mehr Wendigkeit und L für eine höhere Stabilität. Andere Hersteller, wie beispielsweise Specialized, empfehlen lediglich auf Basis der Körpergröße sogar bis zu drei mögliche Rahmengrößen und stellen die persönlichen Vorlieben damit noch stärker in den Vordergrund.

Das gelingt aber nur in Verbindung mit sehr kurzen Sitzrohren, die entsprechend viel Spielraum bei der Sitzhöhe zulassen. Bei Fahrern mit kurzen Beinen kann der Sattelauszug ansonsten zu gering ausfallen, um eine Teleskopstütze mit gängigem Hub fahren zu können. Je nach Form des Sitzrohrs kann zudem die Einstecktiefe der Sattelstütze eingeschränkt sein. Über eine im Hub verstellbare Teleskopstütze (z. B. von Canyon, eThirteen oder Vecnum) lässt sich der vorhandene Auszug optimal nutzen. Wer bei der Wahl zwischen verschiedenen Rahmengrößen keinerlei Einschränkungen in Sachen Sitzhöhe hat, kann seine Entscheidung getrost von der Länge des Rahmens abhängig machen. Racer tendieren für mehr Laufruhe dabei eher zu Bikes mit längerem Reach und Radstand. Wer es verspielter mag und auch lieber aufrechter sitzt, greift besser zur kleineren Größe.

Statement von Peter Nilges, BIKE-Testleiter:

Ich greife im Zweifel lieber zum größeren Rahmen. Durch meine
Körperproportionen mit langen Armen und Beinen fällt die Sitzposition selbst bei einigen L-Rädern oftmals zu aufrecht und unsportlich aus.
Bergab vertragen lange Bikes zudem mehr Geschwindigkeit.
Peter Nilges, BIKE-TestleiterFoto: Max Fuchs
Peter Nilges, BIKE-Testleiter

Einfluss der Rahmengröße auf das Fahrverhalten

Schon der feine Unterschied von wenigen Millimetern macht sich auf dem Trail bemerkbar. Wir erklären, wie sich der Größensprung von M auf L beim Fahrverhalten auswirkt.

Auch beim Fahrverhalten ist die Feinabstimmung  entscheidend.Foto: Max Fuchs
Auch beim Fahrverhalten ist die Feinabstimmung entscheidend.

Die gute Nachricht vorne weg: Wer im Graubereich zwischen zwei Rahmengrößen liegt, kommt mit beiden Bikes den Berg runter und auch irgendwie wieder hoch. Man gewöhnt sich schnell an die Unterschiede. Optimal wäre für beide Tester jedoch nur eine der Rahmengrößen (ohne an genannten Stellschrauben zu drehen). Ich würde sowohl von der Sitzposition als auch vom Handling her auf jeden Fall zu Größe L greifen. Auch Laurin fand die Sitzposition durch den sehr steilen Sitzwinkel von fast 77 Grad bei Größe M zu gedrungen und sitzt auf dem L-Rahmen besser.

Moderne Geometrien nehmen den Fahrer durch flache Lenkwinkel einerseits und steile Sitzwinkel auf der anderen Seite gerne in die Zange, was zu einer besonders aufrechten Position führt. Bergab tendiert Laurin jedoch zum Spectral in Größe M. Denn: Überraschenderweise geht das M-Spectral deutlich leichter aufs Hinterrad und fühlt sich ganz einfach handlicher an. Dabei sind Kettenstrebenlänge und Tretlagerhöhe identisch, lediglich Reach und Radstand verlagern den Körperschwerpunkt etwas weiter nach vorne. Der Einfluss dieser wenigen Zentimeter ist aber deutlich zu spüren. Durch die etwas höhere Front des L-Bikes und die gewonnene Länge kann man sich bergab dafür besser am Lenker abstützen.

Statement von Laurin Lehner, FREERIDE-Testredakteur:

Neben den Körpermaßen spielt der eigene Fahrstil eine Rolle. Wer sich eher ein quirliges, handliches Bike wünscht und auf dem Trail spielen will, statt auf Zeit zu fahren, dem rate ich dazu, zum kleineren Rahmen zu greifen.
Laurin Lehner, FREERIDE-TestredakteurFoto: Wolfgang Watzke
Laurin Lehner, FREERIDE-Testredakteur

Interview mit Uli Plaumann, Sportwissenschaftlerin im Radlabor

Uli Plaumann, Sportwissenschaftlerin im RadlaborFoto: Hersteller
Uli Plaumann, Sportwissenschaftlerin im Radlabor

BIKE: Wie stark wird die Größenberatung von Mountainbikern bei Euch nachgefragt?

Uli Plaumann: Bei uns im Radlabor wird die Größenberatung neben dem Bikefitting am stärksten nachgefragt. Die meisten Kunden sind allerdings Rennradfahrer. Doch es gibt auch immer mehr Biker, die eine unabhängige Empfehlung neben Händler und Online-Tool haben wollen. Nach der Körpervermessung kann der Kunde die von uns empfohlene Geometrie dann auch direkt auf dem einstellbaren Ergometer ausprobieren.

Reichen Körpergröße und Innenbeinlänge zur Bestimmung der optimalen Rahmengröße aus?

Alles, was schon mal als zusätzlicher Wert zur Körpergröße hinzukommt, macht die Empfehlung genauer. Aber auch Oberkörper- und Armlänge sind wichtige
Infos auf der Suche nach der optimalen Bike-Größe. Allerdings lassen sich diese Werte zu Hause nicht immer wirklich exakt messen.

Wie viele Menschen weichen in Bezug auf die Körperproportionen vom Durchschnitt ab?

Unsere Messungen zeigen, das es eigentlich schon auffällig ist, wenn ein Mensch bei allen Maßen dem Standard entspricht.

Gibt es eine Faustregel, nach der man im Zweifel lieber zum größeren oder kleineren Rahmen greifen sollte?

Nein, das kann man so nicht beantworten. Oft ist es jedoch einfacher, einen großen Rahmen auf eine kleinere Person anzupassen, als umgekehrt. Es gibt natürlich Grenzen, wenn man beispielsweise überhaupt nicht die korrekte Sitzhöhe einstellen kann oder im Stand bereits auf dem Oberrohr aufsitzt.

Auf welchen Daten beruhen Eure Größenempfehlungen? Wer sagt, was bei den gemessenen Körperlängen optimal ist?

Unsere Größenempfehlungen stützen sich auf über 15 Jahre Erfahrungen. Wir können auf eine große Anzahl im Labor gemessener Werte zurückgreifen, haben Zugang zu Studien und selbstverständlich auch die vielen Online-Sizing-Tools im Blick. Da sich bei den MTB-Geometrien einiges getan hat, müssen wir unsere Empfehlungen natürlich immer neu validieren.

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