Tim Farin
· 12.07.2026
Die Sache gibt es eigentlich schon seit Jahrzehnten, doch derzeit wächst daraus rasant ein neuer Trend für eine urbane Elite, die besonderen Wert auf persönliche Fitness und Gesundheit legt. Insbesondere in Städten wie München, Berlin, Hamburg, Köln und Frankfurt zieht eine neue Variante des Pilates figurbewusste Großstädter und Influencer an: Reformer-Pilates.
Dabei handelt es sich um eine Variante des Pilates, bei der man nicht mehr am Boden und auf Matten die Muskeln trainiert – sondern mit einem technischen Hilfsmittel, dem Reformer.
Der Unterschied zwischen Pilates und Reformer-Pilates zeigt sich schon im Namen. Gemeint ist nicht etwa eine reformierte Art des Pilates, sondern das Training mit einem Gerät, das Reformer genannt wird.
Der Reformer ist so etwas wie ein Schlitten auf Schienen. Er hat eine gepolsterte Liegefläche, Federn für einen verstellbaren Widerstand, Seilzüge mit Griffen und Schlaufen sowie Stützen. Trainiert wird auf dem Schlitten im Sitzen, Liegen oder Stehen. Dabei zieht man an den Seilzügen oder drückt die Fußstange gegen einen individuell eingestellten Widerstand. So ist ein sehr gezieltes Trainieren verschiedener Körperbereiche möglich.
Tessa Temme, Dozentin am Institut für Tanz und Bewegungskultur der Deutschen Sporthochschule in Köln, weiß: „Dieses Gerät gibt es schon sehr lange, es war aber bislang keine Massenerscheinung, weil es sehr teuer ist und auch bei Einsteigerinnen und Einsteigern eine enge Betreuung notwendig ist.“ 2000 bis 3000 Euro muss man für einen Reformer hinlegen, einen Apparat, den der Erfinder der Pilates-Methode schon 1924 zum Patent anmeldete. Der hohe Preis erklärt auch, warum die Kursgebühren höher ausfallen als bei anderen Sportangeboten oder klassischem Matten-Pilates.
Prof. Dr. Tim Bindel, Sportpädagoge an der Uni Mainz, hat es selbst ausprobiert und schildert seinen Eindruck: „Menschen wünschen sich Haptik, etwas Greifbares, zurück. Mit dem Reformer bietet sich so etwas, noch dazu mit einem sehr ansprechenden Bewegungsangebot.“
Insbesondere die Rumpfmuskulatur soll angesprochen werden, also Bauch, Beckenboden, Rücken. Die Trainingseinheiten mit dem Reformer sollen die Beweglichkeit steigern, die Körperhaltung verbessern, die Kontrolle der Bewegung verbessern und Kraft sowie Koordination und Gleichgewicht fördern.
„Gerade für Menschen, die sonst in einem begrenzten Bewegungsradius trainieren, ist solche Bewegung besonders geeignet“, erklärt Temme. Radsportlerinnen oder Läufer könnten damit etwas gegen ihre sonst eher eintönige Muskelbeanspruchung tun. Durch den Einsatz des technischen Hilfsmittels ist der Einstieg in diese Bewegungen zunächst einmal einfacher: „Das Gerät sieht komplizierter aus, als es ist“, ordnet der Mainzer Sportpädagoge Bindel ein, „und der Reformer vereinfacht es, unterschiedliche Übungen zu machen.“
Mit dem Reformer lässt sich eine hohe Trainingsqualität herstellen, erklärt Temme. „Man kann es als Führungshilfe nutzen, aber auch bewusst Instabilität einbauen – dann wird es sehr koordinativ und komplex.“ Temme nennt Reformer-Pilates im Vergleich zur Matte das nächste Level, weil man mit mehr Widerstand und gezielteren Reizen trainieren kann. Deshalb war diese Unterart des Pilates bislang eher etwas für Spezialisten, beispielsweise Tänzerinnen und Tänzer.
Die Besonderheit: beim Reformer-Pilates lässt sich „exzentrisch“ trainieren, das heißt: die Muskeln werden beim Nachgeben des Widerstands beansprucht. Zudem ist der Bewegungsspielraum mit dem Reformer potenziell größer als ohne solche Hilfsmittel.
Man wird Teil eines globalen Trends, das hat viel mit Identität zu tun. - Prof. Dr. Tim Bindel, Sportpädagoge, Universität Mainz
„Es braucht auf jeden Fall Vorkenntnisse“, sagt Tim Bindel, „und wenn man sich in so einem Kurs umschaut, sieht man vorgebildete Menschen, die einen gesunden Lebensstil führen.“
Auch Tessa Temme weiß, dass am besten Pilates-Kenntnisse vorhanden sein sollten. Noch wichtiger aber: „Es ist schon anspruchsvoll und ohne Betreuung sollte man das auf keinen Fall machen“, sagt die Kölner Dozentin. Das ist aber auch gar nicht das Ziel der vielen Kursanbieter, die ihre Kundinnen und Kunden sehr oft in Großstädten betreuen, oft in englischer Sprache und im Umfeld von Cafés und Boutiquen.
Die Kurse bieten einer überschaubaren Anzahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern unter Aufsicht den Zugang zu dieser eher elitären Übungsart. Dabei geht es nicht nur um ein gutes Training, meint Tim Bindel: „Man wird Teil eines globalen Trends, das hat viel mit Identität zu tun.“ So sprechen die Kurse vor allem gebildete, mehrsprachige, einkommensstarke urbane und gerade auch weibliche Zielgruppen an. Damit ist die Nische mit dem vermeintlich rückwärtsgewandten, analogen Gerät aus Holz und Metall eben wieder identitätsstiftend – und auch das sei bei Fitnesstrends immer wichtig, erklärt Bindel.
Für Pilates allgemein sind die Effekte gut dokumentiert, zum Reformer-Pilates gibt es hingegen kaum relevante wissenschaftliche Arbeiten. Eine gerade im Fachmagazin PLOS One veröffentlichte Studie mit Fußballern kam zum Ergebnis, dass insbesondere Reformer-Pilates die körperliche Leistungsfähigkeit und die technischen Fähigkeiten der Spieler verbessern könne.
Tessa Temme von der Deutschen Sporthochschule weist aber darauf hin, dass eben wegen der historischen Nischenrolle wenig zu dieser speziellen Art des Pilates geforscht wurde. Das dürfte sich ändern, wenn der Trend anhält.

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