Training für RadfahrerMit diesen Messtechniken wirst Du besser

Tim Farin

 · 14.08.2026

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Training für Radfahrer: Mit diesen Messtechniken wirst Du besserFoto: Max Fuchs
Mit diesen Messtechniken wirst Du besser
Man ist schnell beim Geldausgeben, wenn man sich ans Hobby Radfahren wagt. Welche Messtechniken bringen es wirklich? Wir versuchen, dir mit Erfahrung und Expertenrat von unserer Trainerin und Ingenieurin Dr. Andrea Jeschke ein bisschen Orientierung zu bieten. Vom einfachsten bis zum präzisesten System – und für wen es jeweils das richtige ist.

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Wer Rennen im TV schaut, sieht alle möglichen Messwerte und Produktplazierungen für jede Menge Sensoren. Wer sich einen Trainingsplan organisiert, wird schnell auf Daten stoßen, die das Steuern der Belastung einfacher und effektiver machen. Schau dich nur mal um: Powermeter ab 300 Euro, Herzfrequenzgurte für 50, Smartwatches mit HRV-Analyse, Trittfrequenzsensoren für 30 Euro – und irgendwo liest du (womöglich ja auch bei uns), dass Radfahrer heutzutage am besten wattgesteuert trainieren. Aber stimmt das überhaupt? Und was brauchst du wirklich? Das wiederum kommt darauf an, was du mit dem Radfahren vorhast. Messtechnik bietet Werkzeuge. Das teuerste Werkzeug ist aber nicht automatisch das richtige für alle, die damit hantieren.

Stufe 0: Dein Körpergefühl – das unterschätzte Messinstrument

Bevor wir über Technik reden, fangen wir beim wichtigsten Sensor an: dir selbst. In der Sportwissenschaft heißt das RPE – Rating of Perceived Exertion, also die subjektive Belastungseinschätzung. Das Konzept geht auf den schwedischen Physiologen Gunnar Borg zurück und wird seit Jahrzehnten in der Trainingswissenschaft eingesetzt. Die angepasste Skala ist simpel: Von 6 bzw. 1 (keinerlei Anstrengung) bis 20 bzw. 10 (maximale Belastung). Studien zeigen, dass RPE erstaunlich gut mit physiologischen Markern wie Laktatschwellen und VO2max zusammenpasst – dein Gefühl kann also tatsächlich abbilden, was in deinem Körper passiert.

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Für wen ist das genug?

Für alle, die zwei- bis dreimal pro Woche fahren, um den Kopf frei zu bekommen, fit zu bleiben und Spaß zu haben. Wer keine Leistungsziele verfolgt, braucht kein einziges Gerät. Einfach losfahren, auf den Körper hören, Spaß haben. Aber: RPE hat Grenzen. An schlechten Tagen, bei Stress oder Schlafmangel kann die Selbsteinschätzung täuschen. Und wer Fortschritte messen will, braucht irgendwann Zahlen.

Stufe 1: Die Herzfrequenz – der Klassiker

Der Herzfrequenzmesser war jahrzehntelang das Standardinstrument der Trainingssteuerung – und ist es für viele Radsportlerinnen und Radsportler immer noch. Ein Brustgurt (ab ca. 40 Euro) oder eine Smartwatch zeigen in Echtzeit, wie schnell das Herz schlägt. Was die Herzfrequenzmessung bringt: Sie zeigt dir, wie stark dein Herz-Kreislauf-System gerade beansprucht wird. Du kannst Trainingszonen definieren (Grundlage, Tempo, Schwellenbereich) und dich daran orientieren. Über die Zeit kannst du Fortschritte erkennen: Wenn du bei gleicher Strecke einen niedrigeren Puls hast, bist du fitter geworden. Moderne Uhren und Apps berechnen aus der Herzfrequenzvariabilität (HRV) deinen Erholungszustand.

Die Einschränkungen

Sie reagiert verzögert. Wenn du am Berg antrittst, schnellen die Watt sofort hoch – der Puls braucht 30 bis 60 Sekunden, bis er nachzieht. Für Intervalltraining ist das ein Problem. Sie ist tagesformabhängig. Koffein, Schlaf, Stress, Hitze, Dehydrierung – all das beeinflusst den Puls, ohne dass sich an deiner tatsächlichen Leistung etwas ändert. Sie misst nicht, was du leistest, sondern wie dein Körper darauf reagiert. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Und was wir ja schon gelernt haben im Newsletter: der Puls kann enorm mit der Trittfrequenz hin die Höhe gejagt werden. „Das kann einem das Training durcheinanderbringen, denn wir variieren ja eben auch die Umdrehungszahl beim Trainieren“, sagt Andrea.

Für wen ist das sinnvoll?

Für alle, die strukturierter trainieren wollen, ohne gleich viel Geld auszugeben. Wer drei- bis viermal pro Woche fährt und Grundlagentraining von intensiven Einheiten unterscheiden will, ist mit einem guten Brustgurt und einer App wie Strava oder Polar Flow bestens bedient. Wichtig: Brustgurte messen deutlich genauer als optische Sensoren am Handgelenk. Gerade bei Intervallen oder kalten Temperaturen liefern Uhren am Handgelenk oft unzuverlässige Werte.

Stufe 2: Geschwindigkeit und Trittfrequenz – nützlich, aber begrenzt

Viele Radcomputer zeigen Geschwindigkeit und Trittfrequenz an. Beides ist nett zu wissen, aber zur Trainingssteuerung nur bedingt tauglich. Geschwindigkeit wird von Wind, Steigung, Untergrund und Reifendruck beeinflusst. Du kannst bei 25 km/h im Gegenwind eine höhere Leistung erbringen als bei 35 km/h mit Rückenwind. Als Trainingsparameter ist Geschwindigkeit daher nahezu unbrauchbar. Trittfrequenz ist dagegen ein unterschätzter Helfer – gerade für Einsteiger. Wer dauerhaft mit 60 Umdrehungen pro Minute unterwegs ist, belastet Knie und Gelenke stärker, als wenn er bei 80 bis 90 Umdrehungen tritt. Ein einfacher Trittfrequenzsensor (ab ca. 25 Euro) kann hier wertvolle Hinweise geben. Wer auf einer Mehrtagestour die Knie schonen will, sollte leichtere Gänge mit höherer Frequenz fahren.

Stufe 3: Der Powermeter – das Maß aller Dinge?

Jetzt wird es technisch. Ein Powermeter misst die mechanische Leistung, die du auf die Pedale bringst – in Watt, in Echtzeit, ohne Verzögerung. Das ist der entscheidende Unterschied zur Herzfrequenz: Watt sind objektiv. 200 Watt sind 200 Watt, egal ob du müde bist, Kaffee getrunken hast oder es 35 Grad hat. Unsere Ingenieurin und Trainerin Andrea erklärt das Messprinzip so: Durch die Kraft, die wir auf das Pedal ausüben, verformt sich das System im Mikrobereich – nicht spürbar, nicht sichtbar, aber messbar.

Sogenannte Dehnungsmessstreifen erfassen diese winzigen Verformungen. Aus der Verformung, der Trittfrequenz und den Materialkonstanten der Bauteile errechnet der Powermeter dann die Leistung. Es gibt drei Bauarten:

Kurbelbasierte Systeme

Die Messung erfolgt im Kurbelstern (Spider). Andrea ist hier eindeutig: „Kurbelbasierte Systeme zeigten in meinen Vergleichstests die besten Genauigkeiten. SRM beweist seinen Premiumstandard – besonders auch bei älteren Kurbeln noch sehr genau." Der Grund: Die Elektronik ist geschützt verbaut, es gibt mehr Bauraum für redundante Messeinheiten, und die Messstelle ist weniger anfällig für äußere Einflüsse.

Kurbelarm-Systeme

Hier sitzt der Sensor im linken (oder rechten) Kurbelarm. Vorteil: günstig, leicht nachzurüsten. Nachteil: Viele dieser Systeme messen nur einseitig und verdoppeln den Wert. „Der Ansatz funktioniert nur, wenn der Fahrer eine 50/50 rechts/links-Balance hat", warnt Andrea. „Mehr Theorie als Praxis." Wer nur ein Rad fährt und die Werte relativ zu sich selbst betrachtet, kann damit leben. Für absolute Vergleiche oder den Wechsel zwischen Rädern ist es problematisch.

Pedalsysteme

Praktisch, weil schnell zwischen Rädern wechselbar. Aber Andrea äußert als Ingenieurin begründete Bedenken: Pedale sind exponiert – bei Stürzen oder Umkippern landen sie als Erstes auf dem Boden. Zudem beeinflusst die Einschraubtiefe des Pedalgewindes die Messung: „Bereits ein minimal festeres oder weniger festes Einschrauben kann einen Messfehler produzieren." Ihr Credo: „Lieber gar nicht messen als falsch messen."

Die Genauigkeit kann täuschen

Was viele nicht wissen: „Kalibrieren" ist nicht „Eichen" Andrea Jeschke räumt mit einem verbreiteten Irrtum auf: „Systeminternes Kalibrieren sichert nicht die Messgenauigkeit." Was der Radcomputer als „Kalibrieren" anbietet, ist in Wahrheit ein Nullpunktabgleich – es stellt sicher, dass bei Nulllast auch Null angezeigt wird. Ob die Messung darüber hinaus korrekt ist, wird dabei nicht überprüft. Dafür bräuchte es eine fachgerechte Eichung gegen eine bekannte Referenz – und die bieten die wenigsten Hersteller an.

Für wen ist das sinnvoll?

Für alle, die gezielt an ihrer Leistung arbeiten – sei es für einen Alpenmarathon, eine Zeitfahrserie oder einfach, um das Maximum aus begrenzter Trainingszeit herauszuholen. Aber die Sitzposition bringt mehr Effizienz als die dritte Nachkommastelle bei der Wattmessung.

Stufe 4: Die Kombination – das Gesamtbild

Die klügste Trainingssteuerung nutzt nicht ein einzelnes Tool, sondern kombiniert mehrere Datenquellen. In der Sportwissenschaft spricht man von „Internal Load" (wie der Körper reagiert: Herzfrequenz, RPE) und „External Load" (was tatsächlich geleistet wird: Watt). Beides liefert unterschiedliche Informationen. Wenn dein Puls bei gleicher Wattleistung plötzlich deutlich höher ist als sonst, kann das auf Übertraining, Dehydrierung oder eine beginnende Erkrankung hinweisen – Informationen, die der Powermeter allein nicht liefert.

Die pragmatische Empfehlung für dein Rad-Leben

Dein Körpergefühl ist kein Notbehelf, sondern ein wissenschaftlich anerkanntes Messinstrument. Wer zweimal die Woche fährt, braucht keinen Powermeter.

Ein Herzfrequenzgurt ist die beste Investition unter 100 Euro. Er zeigt dir, ob du dich einteilest – und ob du fitter wirst.

Ein Powermeter lohnt sich, wenn du gezielt an deiner Leistung arbeitest. Für alle anderen ist er nett, aber nicht notwendig.

Kurbelbasierte Systeme sind nicht nur unserer Expertin zufolge die genauesten – und gebraucht oft günstiger als neue Pedalsysteme.

Das beste Setup ist das, das du auch nutzt. Ein Herzfrequenzgurt, den du trägst, bringt mehr als ein Powermeter, dessen Akku leer ist.

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Redakteur

Tim Farin arbeitet als Redakteur bei unserem Partnermagazin Apotheken Umschau. Dort betreut er Themen zu gesundem Sport auf wissenschaftlichem Fundament. Als freier Autor hat er zuvor fast 20 Jahre lang zahlreiche Radsport-Themen für unsere Magazine TOUR und BIKE geschrieben. Von Farin erscheint wöchentlich der Newsletter Asphalt und Köpfchen.

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