Laurin Lehner
· 27.07.2026
Hinten hängen, statt vorne. „Das ist ganz natürlich", sagt Fahrtechnik-Guru Stefan Herrmann. Denn es ist eine klassische Defensivreaktion. Wenn's gefährlich wird, weicht man nach hinten aus. Biker wissen jedoch: Angriff ist die beste Verteidigung. Entschlossenheit zählt besonders bei kniffligen Passagen.
Wer hinten hängt, verliert Kontrolle durch fehlende Traktion am Vorderreifen und fehlende Ausgleichbewegungsmöglichkeiten durch die gestreckten Arme. Heißt: Die Wahrscheinlichkeit für einen Sturz steigt enorm. Nur wer zentral im Bike sitzt und Druck auf den Vorderreifen ausübt, kontrolliert das Bike.
Das ist leicht gesagt. Diese Art von Instinkt bekommt man nicht auf Knopfdruck weg. Experte Herrmann rät: „Appelliere immer wieder an dich selbst: Komm nach vorne." Besonders in Kurven neigen viele Biker dazu. Merke: Das Kinn sollte über dem Vorbau schweben – erst dann ist der Körper zentral im Bike positioniert.
Extrem. Vor allem in Kurven und kniffligen Passagen. Das ist ein Instinkt – wenn Angst kommt, weicht man nach hinten aus. Das Gehirn denkt, es ist sicherer. Ist es aber nicht. Alle wollen Wheelies lernen, Hinterrad umsetzen, doch dabei ist das die Technik, die man primär lernen sollte.
Was kann man dagegen tun?
Langsamer fahren. Einfachere Strecken wählen. Mittig bleiben. Entspannung geht vor Dimension. Das klingt unspannend. Im Schnellfahren liegt doch der Reiz. Das mag sein, doch das Problem ist, dass die Leute zu viel in zu wenig Zeit wollen. Das ist schlicht unrealistisch. Alle Entwicklungsprozesse brauchen Zeit – sprich Wiederholung. Und dann sehen die Leute die Clips von den Pros, denken „easy, das kann ich auch" – aber dem ist halt nicht so. Die Pros haben es perfektioniert. Der Bewegungsaufwand wirkt minimalistisch, ist aber hocheffizient. Das unterschätzen viele.
Also erstmal Körper-Positionierung lernen bevor man sich an echte Manöver traut?
Genau. Ich muss die Leute bremsen und ihnen sagen: Wenn ihr euch wirklich verbessern wollt, Tempo raus, schön fahren – das Tempo kommt dann von alleine. Warum ist Druck an der Front so wichtig? In der Kurve brauchst du Druck am Vorderrad, damit es bei Unebenheiten führt. Und damit die Arme in der gleichen Bewegungsrichtung arbeiten können – quasi als Verlängerung der Federgabel – und diese optimal unterstützen. Wenn du nach hinten gehst, wanderst du mit dem Rumpf aus. Aber die Masse muss über den federnden Rädern bleiben. Sprich: über dem Vorderrad.
Und wenn man hinten hängt?
Dann verlierst du die Kontrolle genau da, wo du sie am meisten brauchst. Glauben dir die Leute, wenn du sagst „fahrt langsamer"? Die wenigsten sofort. Der Aha-Effekt kommt erst nach einer gewissen Wiederholungszahl. Aber dann wird die Bewegung automatisiert – und das ist gesünder. Sturzvermeidung inklusive.
Du hast eine interessante Theorie über Fahrerinnen...
Ja. Frauen sind tendenziell noch hecklastiger. Meine Theorie: Sie wollen ihren Männern nicht hinterherhinken, wollen nicht als Bremsklotz gelten. Also schauen sie nur, dass es irgendwie runtergeht – und dann leidet die Technik.
Und bei erfahrenen Fahrern? Die können das doch nicht falsch machen?
Doch. Ich habe zwei Stammkunden, fahren seit 15 Jahren zusammen. Der eine sehr offensiv, der andere eher vorsichtig. Die Technik beim Vorsichtigen ist deutlich besser. Weil er sich mehr Zeit lässt. Muße für muskuläre Entfaltung. Keine Hektik. Selbst wer seit Jahren fährt, kann eine schlechte Haltung haben? Absolut. Wenn man es jahrelang falsch macht, wird es zur individuellen Normalität. Man merkt es gar nicht mehr.
Was ist dein konkreter Tipp?
Technische Passagen mit Fleiß langsam fahren. Und dabei in die Innenflächen fühlen – wenn das Vorderrad eine Wurzel quert, wenn es ein bisschen steinig oder locker wird. Das ist die Basis für später, wenn es wirklich losgeht. Wer das spürt, ist auch korrekturbereit.

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