An guten Tagen zählte der Wirt in den 90er-Jahren auf seiner Hüttenterrasse bereits 250 Mountainbiker am Tag. Die Frage, ob er denn - im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen - gar nichts gegen diese neumodischen Mountainbiker habe, erübrigte sich also. Die meisten Biker kamen damals aus Ischgl und waren nur auf der Transalp-Durchreise. Nach dem Motto: Schnell noch eine heiße Knödelsuppe löffeln, bevor die Schiebepassage auf den Fimberpass ansteht.
Doch schon im Jahr 1995 erreichten die ersten Endurobiker die Hütte: Ischgl hatte zu der Zeit bereits die Silvrettabahn für Biker geöffnet und speziell für gute Fahrtechniker Trails angelegt. Das benachbarte, zollfreie Samnaun schloss sich mit einer Downhill-Piste in die Schweiz hinunter an - so wurde die Heidelberger Hütte endgültig zum legendären Dreh- und Angelpunkt aller Bike-Kategorien. Jeder Endurobiker wollte einmal oben über den Grat-Trail balanciert sein, der sich kilometerlang wie ein Pumptrack zwischen Flimsjoch und Zeblasjoch durchs Hochalpine zieht. Zwar muss man zur Hütte am Ende noch eine 150 Höhenmeter-Rampe hochschieben, doch dann fehlen zum verdienten Knödelteller nur noch 500 Tiefenmeter auf einem geröllhaltigen Abfahrtstrail.
Auch als 2014 der immer gut gelaunte Alois Eiter, “der Loisl”, das Zepter auf der Heidelberger Hütte übernahm, änderte sich an der Gastfreundschaft für Mountainbiker nichts. Nur die Küche ist seither ausgezeichnet und regionaler geworden. Das könnte der Grund dafür sein, dass aus dem Paznauntal inzwischen auch immer mehr Halbtagestourer auf die Hütte kurbeln, lecker einkehren, Gleichgesinnte treffen und auf gleichem Weg wieder abfahren.
Schön wär’s, wenn man diesen Herbst direkt noch loslegen könnte, zumal die Wege dort oben erst kürzlich wieder hergerichtet wurden, aber: Die Heidelberger Hütte liegt nun mal im Alpenhauptkamm und hat eine kurze Sommersaison. Sie ist seit dem 19. September bereits geschlossen und öffnet erst wieder Mitte Juni 2027, wenn der Schnee geschmolzen ist. Doch bis dahin kann man seine Tour für den nächsten Sommer ja schon mal planen:
Von Ischgl auf schnellstem, direktem Weg zur Hütte hinauf: Im unteren Bereich, dort wo die Steigungsprozente quälen, ist die Straße asphaltiert. Ab der Hälfte des Anstiegs etwa, an einer Schranke, entspannt sich der Weg aber und zieht mit Schotterbelag ins immer schöner werdende Fimbatal bis zur Heidelberger Hütte hinauf. Halbtagestour mit kultiger Einkehr - fertig.
Man kann die klassische Tagestour zur Heidelberger Hütte tatsächlich mit einigen offiziell erlaubten Trails aufpeppen: Von Ischgl am Akku-schonendsten mit der Silvrettabahn auf die 2307 Meter hoch gelegene Idalpe schweben und von dort direkt auf angelegtem Flowtrail durch die Almwiesen zur Flanke des Sassgalunkopfs. Hier wartet eine extrem steile Rampe bergauf, auf deren Rückseite aber eine anspruchsvolle Trail-Abfahrt bis zum Hauptweg im Fimbatal hinunter.
Dem folgt man anschließend noch 500 Höhenmeter zur Hütte hinauf. Nach der Einkehr geht’s klassisch durchs Fimbatal zurück nach Ischgl. Wer möchte, kann am Ende der Abfahrt noch auf die Trails abzweigen, die den Weg immer wieder schneiden. Für den braucht man allerdings Lust und Skills für recht verblocktes Geläuf.
Der 2608 Meter hohe Fimberpass zwischen Paznaun und Val Sinestra auf Schweizer Seite gehört ebenfalls zu den absoluten Highlights eines trail-versierten Alpenüberquerers. Der Übergang wartet mit sehr anstrengenden 300 Schiebe-Höhenmetern hinter der Heidelberger Hütte auf.
Locals raten, zum Sonnenaufgang oben zu sein, weil das die magischsten Momente oben am Pass seien. Dazu sollte man eine Übernachtung auf der Heidelberger Hütte einplanen, das Frühstück sausen lassen und noch bei Dunkelheit losmarschieren. Im Val Sinestra gibt es während der nicht enden wollenden Trail-Abfahrt schöne Einkehrmöglichkeiten, um das Frühstück nachzuholen. Lust auf eine Minitransalp über 4 Etappen?
Diese Tour sollte man nur mit ausreichend alpiner Erfahrung angehen, denn sie führt in die wirklich wilde Silvretta. Am Kronenjoch ist man im Zweifel auf sich allein gestellt und sollte in jeder Situation wissen, was zu tun ist. Außerdem führt die Tour durch empfindliche Schutzgebiete - hier ist größte Rücksicht auf Natur und Alpbetrieb zu nehmen. Mit der Silvrettabahn geht's Richtung Äußeres Viderjoch und auf dem Grat-Trail weiter zum Salaaser Kopf. Kurzer Gegenanstieg am Zeblasjoch, dann weiter zur Fuorcla Val Gronda, wo die erste längere Abfahrt auf Schweizer Seite flowig beginnt und zunehmend technischer an der Heidelberger Hütte endet.
Hier nimmt man nun nicht den südöstlichen Abzweig zum Fimberpass, sondern den westlicheren Richtung Kronenjoch. 700 Höhenmeter, die auch mit E-MTB nur teilweise fahrbar und schwer genug zu schieben sind. Am Kronenjoch (2974 m) beginnt die Abfahrt in einer breiten Schotterflanke: erst technisch moderat, aber eng und steil. Kurz wird der Trail richtig garstig, dann wechselt er in weiche Wiesenhänge (evtl. von Kühen ausgetreten). Nach der Jamtalhütte zweigt ein letzter langer Trail ab: wurzelig, steinig und immer mit kleinen Stufen. In Galtür trifft man wieder auf die Talstraße und folgt dem Radweg entlang der Trisanna zurück nach Ischgl.
Abonnenten des BIKE-Magazins oder des digitalen Premium-Abos finden die GPX-Daten zum freien Download auf bike-magazin.de unter “Mein Bereich” (einmalige Anmeldung erforderlich!).
Trailguide Ischgl mit GPX-Daten

Redakteurin
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.