Interview mit Dr. Christian MoeschDie Zukunft des Bike-Tourismus

Sissi Pärsch

 · 18.01.2023

Interview mit Dr. Christian Moesch: Die Zukunft des Bike-TourismusFoto: Jochen Haar
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Eine Studie der Uni Bern zeigt die großen Potenziale und Herausforderungen des E-MTB-Tourismus in den Alpen. Studienleiter Dr. Christian Moesch meint: Wer Ja zu E-Mountainbikern sagt, muss sich von anderen Zielgruppen verabschieden.

EMTB: Es wird eng in den Alpen, urteilen Sie in Ihrer aktuellen Studie. Lässt sich der E-MTB-Boom mit einem nachhaltigen Tourismus vereinbaren?

Dr. Christian Moesch: Das E-Mountainbiken allein ist nicht das Problem. Es ist vielmehr die Fülle an Angeboten, die Probleme hervorruft. Natürlich muss man als Destination die neuesten Trends aufgreifen, will man weiterhin existieren. Doch man muss auch gewillt sein, Abstriche zu machen. Die Alpen sind eine hochsensible Landschaft, und die Überlastung bedroht das, was wir dort eigentlich suchen. Was ist sinnvoll? Wie viel kann die Natur verkraften? Wie kann man den Ansturm so steuern, dass sie sich regenerieren kann? Sommerrodelbahnen, Klettersteige, Bikeparks – alles schön und gut, aber es ist wichtig, Schwerpunkte zu setzen und damit Druck rauszunehmen.

Sind wir im Vergleich zu den anderen Outdoor-Sportlern überhaupt eine attraktive Zielgruppe?

In vielerlei Hinsicht: ja. Die Winter werden wärmer, schneeärmer, kürzer. Es ist zu erwarten, dass der Skitourismus stagniert und die Energieund Investitionskosten weiter steigen. Das E-Mountainbiken hat eine unglaubliche Dynamik und ist wahrscheinlich die Sportart mit dem größten Potenzial, dies auszugleichen. Gleichzeitig muss man aber sehen, dass bisher nur 27 Prozent des Umsatzes der Bergbahnen im Sommer generiert werden. In Wintersportregionen ist der Anteil sogar deutlich kleiner. Gerade hier bietet das E-MTB aber eine große Chance, da es das Potenzial zum Ganzjahressport hat und insbesondere auch in den Zwischensaisons ausgeübt werden kann bzw. bereits nachgefragt wird.

Gibt es denn „den E-Mountainbiker“?

Im Gegenteil: Ein Charakteristikum der Gruppe ist ihre Heterogenität. Aber auch darin liegt eine große Chance für Destinationen. Nicht nur, dass man so viele Monate im Jahr den Sport ausüben kann, E-Mountainbiker haben auch das Potenzial der Entflechtung. Man könnte beispielsweise die älteren E-Mountainbiker, die von der Schulferienzeit unabhängig sind, gezielt mit guten Angeboten außerhalb der Peak-Zeiten ansprechen. So kann man den Nutzungsdruck der Hauptsaison und Wochenenden abschwächen und die typischen Reisewellenbewegungen abebben. Generell klar ist: E-Mountainbiker sind eine lukrative Gästeschar mit hoher Zahlungskraft …

… die aber nicht auf Bergbahnen angewiesen ist. Die Betreiber freuen sich vielleicht nicht auf Biker, die Strecken nutzen, aber keine Tickets kaufen.

Die Wertschöpfung liegt aber nicht nur bei den Bergbahnen, sondern beispielsweise auch bei der Hotellerie und Gastronomie. Dazu kommt, dass E-Mountainbiker deutlich weniger leistungsorientiert sind als Mountainbiker. Es gibt zwar einen hohen Anteil von Umsteigern – 63 Prozent sind zuvor MTB gefahren. Das bedeutet aber auch, dass 37 Prozent Neueinsteiger sind, die eventuell mehr Wert auf ein gut ausgebautes Touren-Netz als auf Singletrails legen. Und vielleicht bietet es sich auch an, das Angebot anders zu bepreisen und wegzukommen vom traditionellen Liftticket-System – hin zu einem Service-Ticket mit Trail-Nutzung, Lademöglichkeit, Bike-Wash etc.

In der Höhe teilen sich Bikes und wandernde Menschen oft schmale Wege. Problem?Foto: Max Fuchs
In der Höhe teilen sich Bikes und wandernde Menschen oft schmale Wege. Problem?

Welche Regionen würden sich denn als E-MTB-Destinationen anbieten?

So ziemlich jede Region in den Alpen hätte die Chance, doch die wenigsten haben eine Strategie. Generell ist es sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll, sich vom Gemischtwarenladen zu verabschieden. Sollte man sich für das E-Mountainbiken entscheiden, muss man das konsequent durchdenken. Man benötigt zusätzliche Infrastruktur mit entsprechenden Lademöglichkeiten. Die Lifte müssen auch die E-MTBs handeln können. Und um das Thema Nachhaltigkeit voranzutreiben, muss ein hochwertiges Angebot an Leih-E-MTBs vorhanden sein, sodass man auch mit den Öffentlichen gut anreisen kann.

Gibt es Regionen, die das bereits gut umsetzen?

Lenzerheide hat E-Mountainbiker schon früh und bewusst integriert. Es gibt unter anderem vermehrt leichtere Strecken, die den Einstieg in das Trail-Fahren ermöglichen. Und was die Co-Existenz mit anderen Nutzergruppen anbelangt: Die Kommunikation macht hier wirklich viel aus. Bei Lenzerheide ist jedem schon vor der Anreise bewusst, dass der Biker nicht nur geduldet ist. Und es wurden konsequent Abstriche gemacht – so gibt es auch Wege, die nicht für Wanderer zugänglich sind.


Foto: BIKE Magazin

Gibt es Problemfelder, die spezifisch auf E-Mountainbiker zutreffen?

Das Konfliktpotenzial mit anderen Bergsportlern war in unserer Studie durchaus ein Thema, allen voran mit Wanderern, aber auch mit Mountainbikern. Ich denke, es scheint noch immer durch, dass sich andere Sportler durch die Motorunterstützung betrogen fühlen. Die Geschwindigkeit kann ebenfalls eine Rolle spielen. Speziell deshalb ist eine umfassende Sensibilisierung und gute Kommunikation entscheidend.

Was würden Sie persönlich Alpenregionen ans Herz legen?

Ich würde mir wünschen, dass man überregional Strategien entwickelt und vorausschauend kooperiert. Man muss bereit sein, Abstriche zu machen. Es ist kein Weg, mehr und mehr Menschen anzuziehen, die sich nicht mehr entfalten können und zugleich die Ressourcen zu erschöpfen. Ich glaube schon, dass das gelingen kann, wenn man ganzheitlicher agiert und auch von Anbeginn die verschiedenen Akteure inklusive Naturschutzorganisationen mit ins Boot holt.


Dr. Christian Moesch (47) lehrt am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Bern. Eines seiner Spezialgebiete sind die Auswirkungen des Klimawandels auf den Sporttourismus. „It’s getting tight in the Alps“ ist der Titel seiner aktuellen Studie, die der Frage nachgeht, wie sich die Popularität des E-Mountainbikes mit nachhaltigem Tourismus vereinbaren lässt.

Dr. Christian Moesch, Institut für Sportwissenschaft an der Universität BernFoto: Jochen Haar
Dr. Christian Moesch, Institut für Sportwissenschaft an der Universität Bern
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