5 Enduro-Racer auf Wildwest-TripAuf den Spuren der Stone King Rally

Julia Hofmann

 · 28.03.2026

In den Westalpen herrscht meist ein etwas rauerer Ton: egal ob Wetter oder Trail-Beschaffenheit. So wie man es als Enduro-Biker eben gern hat.
Foto: Johannes Karpfhammer
​Die kernige Enduro-Route der Stone King Rally führt von den Westalpen im Piemont bis ans Mittelmeer. Das sollte auch mit voll bepacktem Endurobike möglich sein, dachten sich fünf Freunde aus dem Salzachtal. Dass auf der Tour jedes Gramm zählt, mussten sie in den 13 Tagen erst lernen.

Vielleicht war es doch keine so gute Idee. 21.000 Tiefenmeter auf ausgewählten Enduro-Trails durch die Westalpen klangen in den Ohren von Johannes, Felix, Bene, Konsti und Bernhard erstmal nach maximalem Trail-Erlebnis. Doch jetzt sitzen sie in der Wiese, die ihr erster Übernachtungsplatz werden soll und blicken über ein Chaos aus Rahmentaschen, Schlafsäcken und Verpflegungstüten. Konsti pumpt noch Luft in Dämpfer und Gabel nach: “Mein Gepäck wiegt locker 35 Kilo, ich weiß gar nicht, wie sich das morgen auf dem ersten Trail anfühlen wird.” Weit gekommen sind sie heute jedenfalls nicht. Was aber auch daran lag, dass sie vor lauter Packen und Fahrwerk-Anpassen erst um 19 Uhr in Fossano, einem kleinen Ort im Piemont, losgekommen sind. “Ach schau mal, ein Tausendfüßler auf deinem Schuh!”, versucht Bene die maue Stimmung etwas anzuheben. Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnt: In dieser Wiese wohnen nicht nur Tausendfüßler, sondern auch sehr, sehr viele Ameisen...

Auf den Supertrails der Stone King Rally

Die Route der Stone King Rally sollte es für ihre erste Alpenüberquerung sein. Damit war sichergestellt, dass jede Abfahrt ein Fest wird. Schließlich wurde die 275 Kilometer lange Route von Fossano über die Westalpen-Gipfel der Haute-Provence bis ans Mittelmeer speziell für ein Enduro-Rennen entworfen. Angegebener Schwierigkeitsgrad: S2 bis maximal S4. Klar, dass die Tour mit einem leichten Hardtail keinen Spaß machen würde. Deshalb war das Endurobike ein Muss. Aber das mit dem Gepäck - das war irgendwie doch keine gute Idee. Denn anders als die Racer bei der Stone King Rally, haben sich die Jungs 100 Prozent Natur vorgenommen: kein Shuttle, kein Gepäcktransport und dazu essen und schlafen unter freiem Himmel.

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Das Gepäck-Chaos ist noch da, als sich die Jungs morgens aus den vom Tau feucht gewordenen Schlafsäcken schälen. Gerädert und mit juckenden Ameisenpusteln am ganzen Körper suchen sie ihre Klamotten wieder zusammen. “Hatte ich den Gaskocher in der Lenker- oder Rahmentasche?” “Gib her, ich pack ihn in meinen Rucksack.” Neben dem Gewicht der Bikes zieht im ersten Anstieg nun auch die Müdigkeit wie Blei an ihren Beinen. Die ursprüngliche Etappen-Planung werden sie nochmal überdenken müssen. Soviel ist klar.

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Es wird später Nachmittag, als sie durch den Ort Venasca rollen und einen kleinen Krämerladen finden. Er hat Gott sei Dank offen. Proviant für drei Mahlzeiten müssen sie immer in den Taschen haben, hatten sie sich im Vorfeld ausgerechnet. Doch als Bene und Felix mit einer großen Tüte italienischer Dolci aus dem Laden kommen, wandert gut die Hälfte davon direkt in die Münder. Der Rest wird in die wenigen freien Winkel ihrer Taschen gedrückt. “Komm, ein Anstieg noch, dann machen wir Schluss für heute.”

Wellness am Colle di Sampeyre

Der Colle di Sampeyre überrascht mit einem Schlafplatz am Bergsee. Das Wasser ist eiskalt, fühlt sich nach der Ameisen-Nacht und der ersten harten Etappe aber wie Wellness an. Danach gibt’s Nudeln in Brühe gekocht und die Welt ist wieder in Ordnung. Eine Weile jedenfalls, denn in dieser Nacht werden sie von Nieselregen und irgendwann durchsuppenden Schlafsacknähten geweckt.

Wieder kein Schlaf, wieder müssen die Schlafsäcke erst trocknen, bevor sie zusammengerollt werden können. Dafür ist die Luft glasklar, als sie schiebenderweise den Pass erreichen und plötzlich den 4061 Meter hohen Gran Paradiso direkt vor der Nase haben. Dazu wickelt sich vor ihnen nun der erste lange Trail ins Valle Maira hinunter. Es ist soweit. Der große Test: Wie gut lassen sich die Bikes mit dem ganzen Zusatzgepäck durchs hochalpine Gelände steuern?

Nicht gut. Der Trail startet mit hohen Stufen, losem Geröll und Spitzkehren. Die Lenkertaschen zappeln und engen die Sicht auf den Trail ein. Die Rahmentaschen klappern, der schwere Rucksack drückt in Nacken und Helm. Mehrfach müssen die Jungs stoppen, Verschlüsse nachziehen, das Gepäck umsortieren. Irgendwann gibt sich der Trail zahmer und es läuft - da legt Johannes mitten in der Kurve eine Vollbremsung hin: Eine ganze Kuhherde versperrt den Weg. Leider lassen sich die Damen auch nicht zu einem flotten Spaziergang auf die nahe Almwiese überreden. Also abwarten, bis sie vielleicht Hunger kriegen und von selbst den Weg freimachen. All das kostet Zeit, die die Jungs später wieder reinholen müssen, wenn sie ihr Etappenziel noch erreichen wollen.

Als der kleine Campingplatz Lou Dahu bei Marmora endlich in Sicht ist, scheppert es: Bernhard sieht Bene samt Bike und Gepäckstücken durch die Luft fliegen und vor sich mit einem dumpfen Rumms auf dem Boden einschlagen. Schockstille - bis sich Bene bewegt und wieder aufrappelt. “Bist du okay?!” Wie durch ein Wunder ist ihm bei diesem harten Einschlag nichts passiert. Aber seine Sachen liegen weit im Gelände verstreut und müssen wieder eingesammelt werden. An diesem Abend gibt es eine heiße Dusche, für jeden zwei Portionen Nudeln und endlich: Schlaf.

Ein Sternenhimmel, wie sie ihn noch nie erlebt haben

In den nächsten Tagen gewöhnen sie sich an den Rhythmus: Es dauert, bis die Klamotten morgens getrocknet und gepackt sind. Bis es losgehen kann, wird es meist später Vormittag. Die Anstiege bleiben lang und zäh. Auf den Colle del Vallonetto (2447 m) kurbeln sie stundenlang und müssen die Bikes auf letzten 200 Höhenmeter sogar einen Geröllhang hinauf tragen. Dafür finden sie einen Schlafplatz am Grat zwischen Monte Sale und Monte Savi. Von dort blickt man in eine unfassbare Berglandschaft und in der Nacht in einen noch nie so erlebten, alles überstrahlenden Sternenhimmel.

Die Trails: Wie in die Landschaft reingemalt. Mit einem sehr dünnen Pinsel.Foto: Johannes KarpfhammerDie Trails: Wie in die Landschaft reingemalt. Mit einem sehr dünnen Pinsel.

Die Abfahrten werden leichter. Sie packen jetzt aber auch geschickter und gewöhnen sich an den Ballast. Als sie unterwegs auf einen Flowtrail treffen, macht das satte Zusatzgewicht in dem Wellen- und Anlieger-Parcours sogar richtig Spaß, weil es zusätzlich anschiebt. Übermut macht sich breit und den bezahlt diesmal Konsti mit einem Abflug. Als die anderen die Sturzstelle erreichen, hat er sich den Staub schon von der Hose geklopft und ist dabei, seinen verbogenen Bremshebel wieder auszurichten. „Nein, nicht geradebiegen!“ kann Bene gerade noch dazwischenfunken. „Der bricht sonst ab!” Lieber krumm bremsen als gar keinen Hebel mehr.

Etwas schwerer trifft es Bernhard kurz vor dem Örtchen Vinadio: „Irgendwas stimmt nicht, ich trete leer durch.“ Unsere Diagnose: Die verschraubte Verzahnung des Freilaufes hat sich verabschiedet. Es muss eine neue Nabe her. Am besten sogar ein ganz neues Laufrad. Doch einen gut sortierten Shop gibt es laut Google erst wieder in der nächstgrößeren Stadt und die liegt locker einen Drei-Stunden-Ritt von hier entfernt. Aber es hilft ja nichts. Wir fixieren die Kassette mit Kabelbindern an die Speichen. So hat Bernhard zwar keinen Freilauf mehr, kann damit aber in die Stadt kurbeln und Ersatzmaterial auftreiben. Alle anderen setzen die Tour derweil fort.

Nach einer getrennten Nacht trifft Bernhard mit neuer Nabe erst in Vernante, an der französischen Grenze, wieder auf die Gruppe. Und die hat bereits einen neuen Plan: Die nun anstehenden Trails in Frankreich sollen zu gut sein, um sie mit dem Riesengepäck einfach nur runter zu scheppern. “Deshalb gönnen wir uns heute einen Tag ohne Gepäck!”, lässt Bene die Katze aus dem Sack.

Ein Trail-Tag frei von Ballast

Wie ein E-Bike im Turbo-Modus - so fühlt sich das Bike nach all den Tagen ohne Ballast an. Den ersten Anstieg fliegen die Jungs nur so bergauf, während die Rucksäcke und Taschen unten im Gebüsch versteckt auf ihre Rückkehr warten. Der Trail bergab: nichts rappelt, klemmt oder zerrt. Bike und Bremsen reagieren pfeilschnell, direkt und federleicht. Genauso hatten sich die Jungs die Westalpen-Trails vorgestellt. Zur Feier des Tages quartieren sie sich später im Dorf La Brique ein und bestellen zum Abendessen Beef Tatar, Wachteln und Dorade.

Leider muss am nächsten Morgen das ganze Blei wieder an die Bikes geschraubt und über die Schultern geworfen werden. Schwerfällig drücken sie Höhenmeter für Höhenmeter in die Pedale. Den Blick ans Vorderrad geheftet, weil der Pass einfach nicht näher kommen will. Als sie mittags endlich oben stehen, blicken sie in grauen Dunst. Die nächsten Berge zeichnen sich in Silhouetten ab, aber das Meer, das man von hier aus erblicken soll, wird vom Nebel verschluckt. Die Enttäuschung ist groß, da fängt es auch noch an zu regnen. Wenn sie wollten, könnten sie jetzt den direkten Weg bergab nehmen und heute Abend schon am Meer feiern. Aber ihre Mission sind ja die Trails. Deshalb sitzen sie den Regenschauer unter einem Felsvorsprung aus und widmen sich nachmittags den vielen Trails des Valle Argentinas. Wieder ohne Gepäck, so lange bis es dunkel wird. In Molini di Triora gibt’s noch eine Pizza - und so wird es zu spät für eine lange Schlafplatzsuche. Ein kleines Stück Wiese am Ortsrand muss für heute reichen.

Leider sollte auch diese letzte Nacht unter freiem Himmel keine Erholung bringen. Kurz vor Morgengrauen beginnt es so zu schütten, dass sie mit Sack und Pack in die nicht verschlossenen Umkleideräume eines Sportplatzes flüchten müssen. Doch auf ein Tief folgt auch hier wieder ein ganz besonderes Hoch: Für die letzte Abfahrt ihrer 13-tägigen Tour wählen sie den Monte Nero. Sein Trail sollte sich als der beste der gesamten Route entpuppen: Griffige Sandsteinplatten mit natürlichen Stufen, Wellen und Anliegern, dazu fast durchgehend der Blick übers Ligurische Meer.

“Was für ein Trip!”, bei der Pizza am Strand von Bordighera sind sich alle einig, dass diese Erfahrung zu den größten ihres Lebens zählt und nach einer Wiederholung schreit. Dann am liebsten in einer noch abgelegeneren Gegend. Wieder mit dem Endurobike. Wobei dann mehr Lebensmittel nötig sein werden, die man schleppen muss - aber mei, diese Art Abenteuer ist es einfach wert!

Info zur Stone-King-Rally-Route

Das Enduro-Rennen “Stone King Rally” wurde als Nachfolger der legendären “Trans-Provence” ins Leben gerufen und fand in den Jahren 2022, 2023 und 2024 statt. In sechs Etappen von Arvieux im Piemont bis nach Bordighera an der Ligurischen Mittelmeerküste.

  • Länge: 275 Kilometer
  • Bergab: 21.000 Tiefenmeter
  • Bergauf: 5920 Höhenmeter (beim Rennen mit Shuttle), 14.810 Höhenmeter ohne Support
  • Schwierigkeitsgrad: S2-S4

Die Route selbst wurde jedes Jahr um ein paar neue Trails modifiziert. Daher gibt es nun drei Varianten, die man sich als GPX-Datei zum Nachfahren herunterladen kann. Wer Höhenmeter und Planung scheut, bucht die Tour einfach als geführten Trip mit Shuttle, Unterkunft und Gepäcktransport. Info: stonekingrally.org

Beste Tourenzeit

Bis Mitte Juni muss man auf den höchsten Übergängen (Etappe 1 und 2) noch mit Restschneefeldern rechnen. Von Juli bis Oktober sollten die Pässe aber schneefrei sein. Wobei die Tage ab Mitte September schon deutlich kürzer werden.

Die Tour mit E-MTB

Ohne Shuttle sollte man für die gesamte Tour etwa 8 bis 10 Etappen einrechnen. Mit dem E-MTB ist die Tour auch machbar, allerdings ist ein zweiter Akku und eine sparsame Fahrweise nötig. Lademöglichkeiten sind in den Westalpen deutlich seltener anzutreffen als in den dichter besiedelten Ostalpen!

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