Thomas Widerin
· 28.06.2026
10.500 km, 20 Länder, eine bewegte Geschichte: Der Eurovelo 13 schlängelt sich von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer – stets entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Unser Autor radelte einen seiner eindrucksvollsten Abschnitte: von Cheb durch Wälder und Wiesen bis nach Horní Planá in Südböhmen.
Einen geschichtsträchtigeren Startpunkt für meine Tour hätte ich mir nicht aussuchen können: Die westböhmische Stadt Cheb, die zu den ältesten und historisch faszinierendsten Städten Tschechiens gehört. Am gepflasterten Vorplatz der romanischen Burg Cheb, mit seinem aus schwarzen vulkanischen Tuffsteinblöcken bestehenden Turm, steige ich auf mein Rad. Schon Wolfgang Goethe hat sich hier in der Region besonders gerne aufgehalten. Ondrej, ein örtlicher Stadtführer, der mich beim Befestigen der Radtaschen beobachtet, gibt mir noch den Tipp, unbedingt zum „Stöckl“ zu radeln. Die bunte Häusergruppe, bestehend aus 11 einzelnen, mittelalterlichen Kaufmannshäusern, ist gleichzeitig das Wahrzeichen von Cheb. Und tatsächlich begleitet mich ein Hauch von mittelalterlicher Atmosphäre, als ich vorbei an den netten Häusern aus Cheb hinausradle. Ich freue mich auf die nächsten Tage und meine Abenteuer Tour bis nach nach Horní Planá in Südböhmen.
Schon wenige Kilometer südlich von Cheb wechsle ich zum ersten Mal von Tschechien nach Deutschland. In den nächsten Tagen werde ich mehrmals zwischen den beiden Staaten hin und her radeln. Das Landschaftsbild hier in der Oberpfalz ist eine vielseitige Mischung aus sanften Hügeln, dichten Waldabschnitten und fruchtbaren Getreidefeldern. Ich radle auf schön angelegten Radwegen, aufgelassenen Bahntrassen, durch Kastanienalleen und schmunzle über einen Kartoffellehrpfad kurz vor Bad Neualbenreuth. Der anerkannte Kurort empfängt mich und viele andere Radler mit einem malerischen Stadtbild, nahezu perfekt erhaltenen Fachwerkshäusern und barocken Kirchen. Als Highlight des Tages erhalte ich etwas oberhalb von Bad Neualbenreuth, direkt beim dortigen Grenzlandturm, einen Gratis-Geschichtsunterricht. Günther, ein einheimischer pensionierter Förster, erzählt mir fast eine Stunde lang viele Geschichten über die „damalige“ Zeit. Der Turm diente den Menschen zum „Blick in den Osten“ Man wollte über die Grenze zu den Nachbarn schauen. Nach dem Wechsel auf die Tschechische Seite geht es während der nächsten zwei Stunden fast ausschließlich durch dichtestes Waldgebiet. Auf ehemaligen Panzerstraßen und schottrigen Forstwegen, die ständig bergauf und bergab gehen, fordern meine Oberschenkel immer wieder eine kurze Verschnaufpause. Erst kurz vor dem Grenzort Bärnau führen die Wege wieder heraus aus dem Dickicht. Jetzt benötige ich eine Pause und verbringe diese im Geschichtspark Bärnau-Tachov. „Mittelalter zum Anfassen“, lautet der Slogan, hier im größten archäologischen Freilichtmuseum Deutschlands. Die Schilderungen eines älteren Paares, mit denen ich gemeinsam durch den Park spaziere, machen mich ein wenig nervös. Sie fahren die Route gerade in entgegengesetzter Richtung und erzählen davon, dass sie heute trotz ihrer E-Bikes schon mehrfach absteigen mussten. Und tatsächlich: Die gesamte Strecke von Bärnau bis Esslarn hat es in sich. Im Hinterland radle ich vorbei an vielen Grenzsteinen und Grenzmarkierungen durch dichten, oft unheimlich wirkenden dunklen Wald. Es gibt mehrere langgezogene Anstiege und Abfahrten. Immer wieder geht die Forststraße in einen kleinen Steig über, wo Fahren nicht mehr möglich ist. Also Absteigen und Schieben. Den Teller mit saftig roten Kirschen und einem übergroßen Stück Kuchen, den mir meine freundliche Gastgeberin im kleinen idyllischen Erholungsort Eslarn reicht, habe ich mir verdient.
Der heutige Tag beginnt mit Regen. Radfahren ist ein Outdoor Sport und da gehört gelegentliches Nass einfach dazu. „Augen zu und durch“! Kurz nach Eslarn bietet sich mir wieder ein bekannter Anblick: Die Dorfstraße wird zum schotterigen Forstweg und führt hinein in dichtes Waldgebiet. Fast 50 Kilometer, immer entlang der Grenze, bis kurz vor Furth im Walde, leiten mich die Schilder ausschließlich durch Mischwald und kleinere offene Abschnitte mit Wiesen. Wieder sind meine einzigen „Begleiter“ die Grenzsteine und einige zerfallene Hütten. Der Boden ist durch den Regen matschig aufgeweicht und rutschig. Ich muss höllisch aufpassen, nicht wegzurutschen. Trotz meiner modernen Outdoorbekleidung werde ich überall nass. Den gesamten Tag begegnet mir niemand. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. Hin und wieder komme ich am Rande eines kleinen Weilers vorbei, alles wirkt jedoch wie ausgestorben. Vermutlich fühlten sich auch jene Soldaten, die damals die Grenze überwacht haben, hier im dichten Wald sicher oft sehr einsam. An der Ausgrabungsstätte Grafenried, lege ich eine Pause ein. Diese Stätte ist eine von vielen „Verschwundenen Dörfer“ im Böhmischen Wald, deren Einwohner nach dem 2. Weltkrieg einfach abgeschoben und ihre Anwesen zerstört worden sind. Der Anblick der zerfallenen Mauern berührt mich tief. Bei einem kurzen Abstecher nach Furth im Walde fülle ich meine Wasserflaschen auf und kaufe mir Proviant für das Hinterland. Die Grenzstadt ist bekannt für den „Further Drachenstich“, Deutschlands ältestes Volksschauspiel.
Aus meiner Radkarte kann ich entnehmen, dass auf den knapp 60 km bis zum nächsten Etappenziel in Železná Ruda 1.100 Höhenmeter bergauf vor mir liegen. Nicht immer ist Radeln möglich. Auf den Abschnitten mit schmalen, wurzeldurchzogenen Wanderwegen, muss ich mein Bike sogar einige Male über umgestürzte Bäume heben. Ich begegne zwei älteren tschechischen Männern mit Metalldetektoren und Schaufeln. Sie sprechen gut englisch und erzählen mir von ihren Funden. Alte Soldatenhelme, unzählige Patronen und sogar alte Waffen haben sie schon ausgegraben. Alles Relikte aus der Zeit der Grenzüberwachung. Am Ende der langen Anstiege gibt es meist einen netten Rastplatz mit Tisch und Bänken. An fast allen diesen Plätzen stehen auch steinerne Denkmäler. In Železná Ruda kann ich endlich meine völlig durchnässte Bekleidung trocknen und mich mit einem herzhaften tschechischen Guláš für die nächste Etappen stärken.
„Nationalpark Bayerischer Wald“: Die Landkarte auf der Holztafel kurz nach Železná Ruda zeigt mir, den Beginn einer ganz besonderen Landschaft. Die beiden Nationalparke Bayerischer Wald und Böhmerwald sind zusammen das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet in Mitteleuropa. Nach dem gestrigen Regentag strahlt wieder die Sonne und ich benötige keine Jacke mehr. Die Route nach Modrava gleicht der Fahrt durch einen Märchenwald. Dort wo die warmen Sonnenstrahlen auf den nassen Waldboden treffen, steigt der Dampf auf und zwischen den Bäumen zieht ein silberner Schleier. Es gibt viele kleine, sprudelnde Bergbäche, Abschnitte mit Moosbewuchs und Feuchtgebiete. Die Schönheit der Landschaft lenkt mich heute sogar ein wenig von den schon „liebgewonnenen“ langgezogenen Anstiegen ab. Immer wieder erinnern mich abgeblätterte Metalltafeln mit der Aufschrift „Achtung Grenze“ daran, dass durch diesen Märchenwald der „Eiserne Vorhang“ führte. Direkt vor einer dieser Tafeln treffe ich auf zwei andere Radfahrer aus Deutschland, die so wie ich ohne Akkuunterstützung unterwegs sind. Wir sind uns alle drei einig, dass es hier in dieser Gegend gottseidank keine Soldaten mehr benötigt. Ein kleines Stück fahren wir gemeinsam, dann trennen sich unsere Wege wieder. Kurz vor der tschechischen, ehemaligen Fischer- und Jägersiedlung Modrava, führt die Forststraße aus dem Wald heraus und geht in einen asphaltierten Radweg über.
Die letzte Tagesetappe führt auf verschiedenen schottrigen Forstwegen mitten durch das Schutzgebiet Böhmischer Wald. Ich genieße eine komplett unberührte Natur, in der sogar noch Luchse und Elche heimisch sind. Es gibt keinen störenden Lärm, keine Hektik, keine Grenzpatrouillen. Ganz anders muss das zur Zeit des „Kalten Krieges“ gewesen sein. Nach einer Pause mit vielen anderen Radfahrern, vor einem umgebauten Eisenbahnwagen in Stožec, mache ich mich auf zum letzte Teilstück. Niemand begleitet mich, denn die anderen Biker bleiben auf den befestigten Radwegen. Und so bin ich auch auf dem Weg Richtung Horní Planá wieder allein. Mittlerweile habe ich mich an das einsame Radeln durch die Wald- und Hügellandschaft gewöhnt. Ich bin froh, nicht in einer Gruppe zu fahren, sondern zu schweigen und jederzeit vor einem Grenzstein oder einer der Mahntafeln pausieren zu können.
Normalerweise beende ich alle meine größeren Radreisen mit dem gleichen Ritual: Ich genieße am Ziel in einem netten Lokal oder einem gemütlichen Gastgarten ein kühles Bier. Aber dieses Mal nicht. Die Ruhe und Abgeschiedenheit der letzten Tage möchte ich nicht gegen Hektik tauschen. Stattdessen setze ich mich an meinem Ziel in Horní Planá an das Ufer des Lipno Stausee. Dort lasse ich die 347 km und 5.350 hm bergauf Revue passieren. Ich durfte ein ganz besonderes Abenteuer entlang der ehemaligen Grenze des „Kalten Krieges“ erleben. Ich bin müde, aber fühle mich wohl, zufrieden und beeindruckt. Vor allem aber bin ich froh, dass in dieser Region kriegerische Auseinandersetzungen, Grenzpatrouillen oder Umsiedelungen der Geschichte angehören.
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1: Cheb/Eger – Bärnau | 68 km, 900 hm bergauf, 50 % Asphalt, 50 % unbefestigt
Sehenswert: Schloss, Marktplatz „Stöckl“ Cheb, Grenzturm Bad Neualbenreuth, Geschichtspark Bärnau
2: Bärnau – Eslarn | 50 km, 670 hm bergauf, 20% Asphalt, 80% unbefestigt
Sehenswert: Dieser Abschnitt geht fast ausschl. durch die „Wildnis“
3: Eslarn – Furth im Walde | 55 km, 920 hm bergauf, 20% Asphalt, unbefestigt
Sehenswert: Altstadt, „Drachenstich“ Furth
4: Furth im Walde – Železná Ruda | 57 km, 1.100 hm bergauf, unbefestigt + Waldboden
Sehenswert: Ausgrabungsstädte Grafenried
5: Železná Ruda – Modrava | 47 km, 950 hm bergauf, 40% Asphalt, 60% unbefestigt
Sehenswert: Nationalpark Bayerischer Wald
6: Modrava – Horní Planá | 70 km, 810 hm bergauf, 40% Asphalt, 60% unbefestigt
Sehenswert: Stausee Horní Planá
Tschechien: Euro Velo 13 – Abschnitt Cheb bis Horní Planá (Teil des Iron Curtain Trail)
Auto/Bus: Aus Deutschland über Euro Fernstr. E48 (bis Ausfahrt Cheb), anschl. Landesstr. 606
Info Verkehr: www.oeamtc.at/laenderinfo, Bus www.flixbus.cz
Bahn: Haltestelle für Schnellzüge + Regionalzüge Fahrpläne/Reservierungen: www.bahn.de/, www.oebb.at, www.cd.cz/
Wichtig: Auf internationalen/überregionalen Zügen unbedingt Fahrradmitnahme vorab reservieren!
Maut-Info: Tschechien: https://www.adac.de/ reise-freizeit/maut-vignette/tschechien/
Bahn: Lokalbahn bis Budweis, von dort alle Züge.
Entlang der Originalroute Unterkünfte nur in größeren Orten vorhanden. Schwerpunkt einfach bis mittelpreisig. Vorausplanung unbedingt notwendig (Route verläuft oft im Hinterland)
Unterkünfte entlang der Strecke: ev13.eu/de/lodgings/
Tipps des Autors: Sehr saubere, Radfahrer-freundliche Unterkünfte mit nettem Personal sind
Bärnau: Gasthof „Zur Post“, www.ghzp.de
Eslarn: Gasthof „Zoiglstum“, www.zoiglstum.de
Horní Planá: Resort „Orsino“, www.resortorsino.cz/de
Gasthäuser/Restaurants nur in größeren Orten vorhanden. Kleine Orte/Weiler oft nur kleine Geschäfte oder Selbstbedienung (Automaten).
Tipp: Unbedingt gut vorausplanen und für jede Tagesetappe genug zum Trinken und Essen mitnehmen. Verpflegungstipps: ev13.eu/en/eat-and-drink/
Tipp: Verlag Esterbauer, Karten für alle Abschnitte EV13 vorhanden, www.esterbauer.com/ bikeline-produkte
Die Route verläuft hauptsächlich im Hinterland, hat viele anspruchsvolle Steigungen, nur etwa 30% der Wege sind asphaltiert, 70% unbefestigt (geschotterte Forst- und Waldwege, aber auch mehrere Schiebestrecken entlang von schmalen Steigen). Sie ist insgesamt anspruchsvoll und das gute Beherrschen seines Fahrrades (vor allem E-Bike) ist Grundvoraussetzung. Der gesamte gefahrene Abschnitt ist großteils beschildert (Richtungspfeile mit Zusatzsymbol für den Eurovelo 13: Farbe blau, mittig Zahl 13, umrundet mit gelben EU-Sternen, fallweise mit Km-Angaben zu den nächsten Orten). Da die Beschilderung jedoch nicht lückenlos vorhanden ist, wird eine der gängigen Apps zum Navigieren empfohlen. Fahrradläden, E-Bike Ladestationen, Werkstädten nur in größeren Orten vorhanden.
Tipp: Unbedingt Regenbekleidung, kleines Erste-Hilfe Set und Werkzeug-Tool + Flickzeug/Pumpe mitnehmen!
Früher patrouillierten hier die Soldaten, heute genießen Wanderer und Biker die Grenzregion zwischen Bayern und Tschechien. Wer auf dem Eurovelo 13 von Cheb bis Horní Planá radelt, taucht ein in eine besonders faszinierende Landschaft gespickt mit Abenteuer und bewegender Geschichte.
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