Jörg Spaniol
· 07.06.2024
Wir sind mit dem Fahrrad in Estland. Der Spätsommer schickt dunkle Wolkenbänke über die menschenleeren Äcker nördlich von Äksi. Die Wolken hängen tief und manche streicheln die Landschaft mit grauen Regenstreifen, triefnass wie die Fäden eines Wischmobs. Und genau so ein himmelhohes, graues Monster navigiert pfeilgerade auf uns zu. Wo verstecken, wenn weder eine Bushaltestelle noch irgendein Vordach in der Nähe sind? Wir reißen die Regenklamotten aus den Satteltaschen, doch die erste estnische Wanderdusche ist schneller... Lektion Eins: Skandinavisches Wetter ist launisch. Und, Lektion Zwei: Nicht überall ist die Welt derartig mit Architektur zugestellt wie zu Hause in München.
Schon das ist eigentlich ein gutes Argument für eine Radreise. Kurz gerechnet: Wenn die eigene Heimatstadt mehr Einwohner hat als dieses ganze Land, muss es dort doch fast zwangsläufig wunderbar ruhig und entspannt zugehen? Und den Rest finden wir heraus. Fünf Tage haben wir uns dafür freigenommen und eine Route geplant, die neben der etwas bekannteren Ostseeküste auch das Binnenland erforscht.
Im Zentrum von Tartu verläuft die gefühlte Startlinie zur ersten Etappe auf sehr grobem Kieselpflaster, das die Packtaschen rappeln und hüpfen lässt. Die zweitgrößte Stadt des Landes mit knapp 100.000 Einwohnern putzt sich gerade heraus, um 2024 als "Europäische Kulturhauptstadt" zu glänzen. Gepflasterte Straßen sind auch in Tartu kein Zeichen von Armut, sondern – genau wie in historischen Innenstädten in Deutschland – Zeugnis von stolzem Geschichtsbewusstsein. Ohnehin wirken Tartus historische Fassaden ausgesprochen vertraut und sozusagen... deutsch.
Wie praktisch, dass das EU-Land Estland ein besseres Mobilfunknetz hat als Deutschland, denn so lässt sich der Eindruck gleich verifizieren. Also: Seit dem Mittelalter und bis ins 20. Jahrhundert waren in Estland große Teile des Adels und der kulturellen Elite sogenannte Deutschbalten, die seit dem 12. Jahrhundert einwanderten und erst mit dem Hitler-Stalin-Pakt ganz überwiegend das Land verließen. Auch die Familien von Prominenten wie dem FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff oder des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen sollen estnische Wurzeln haben. Die Online-Enzyklopädie kennt Hunderte mehr und weiß auch, dass Tartu einst den deutschen Namen Dorpat trug. Dem Exodus der Deutschbalten folgten 50 Jahre Sowjetherrschaft, die 1991 endeten. Seitdem entwickelt sich das Land ganz eigenständig weiter – mit deutlich westlichem Aroma, aber einer sehr speziellen Sprache.
In Jögvere, einem kleinen Provinzstädtchen, streifen wir durch den Supermarkt und machen aus schierer Höflichkeit einen Fehler: Das "Tere", also "Hallo", mit dem wir auf estnisch an der Bedientheke grüßen, ruft eine von vorne bis hinten unverständliche Antwort hervor. Estnisch klingt zwar melodisch und nett, ist aber im globalen Maßstab ein echtes Minderheitenprogramm. Es hat lustige Worte wie "Öötöö", was "Nachtarbeit" heißen soll oder "Asjaajaja", den Angestellten. Nicht einmal die benachbarten Letten oder Finnen verstehen so Etwas ohne Weiteres. Zum Glück interpretiert die Thekenkraft unseren fragenden Blick richtig und schwenkt auf Englisch um. Mit gefüllten Packtaschen rollen wir weiter und treffen viele Kilometer lang niemanden, der uns mit rätselhafter Sprache verwirren könnte.
Auf den Spuren des Eurovelo-Fernwanderweges Nr. 11 und der selbstgestrickten Abstecher unseres GPS-Gerätes folgen wir asphaltierten Radwegen, kleinen Straßen und ganz selten einem Stückchen Schotter. Im direkten Umland von Tartu sieht es kaum anders aus als irgendwo im nördlichen Deutschland. Wellig ist es, zwischen großen Äckern und großen Brachflächen rollen wir der Küste entgegen, mancher Weiler ist umstellt von bröckelnden Wohnriegeln voll postsozialsistischer Tristesse. Plötzlich befiehlt die rosa Linie auf dem Navi einen Schlenker in eine Talsenke – und zu einem poetisch schönen Ausflugsgebiet.
Oberhalb des Porkuni Sees steht ein fast purpurrot gestrichener, schlossähnlicher Gutshof aus deutschbaltischer Zeit zwischen alten Bäumen. Eigentlich beherbergt er eine Schule, doch die ist zumindest momentan geschlossen. Das Gebäude bröckelt, Laub liegt auf der Terasse, ein Ort von zeitlos-melancholischer Schönheit. Direkt dahinter senkt sich die Straße zu einem kleinen Strandbad mit Sprungturm und einem Imbiss-Pavillion. Die Hauptsaison ist vorbei, der angelegte Sandstrand ist fast menschenleer und das dunkle Wasser nordisch-erfrischend. Als es auf der Haut trocknet, schwenkt der Blick über die Inseln im See, den Schilfgürtel rundum und zu einem Schwarm aus Hunderten Kibitzen, die als dunkle Wolke über dem moorbraunen Gewässer flattern.
Estland ist ohnehin ein beliebtes Ziel für Birdwatcher. Einen Tag später steht im vermeintlichen Niemandsland ein großer Reisebus am Weg, umstellt von Menschen in erd- und schlammfarbener Kleidung. Sie haben mannshohe Stative aufgebaut, ausgestreckte Arme zeigen auf einen weit entfernten Waldrand. "Wir lieben die Kraniche" sagt ein Herr aus Norwegen, als er kurz den Kopf vom Fernglas wegdreht, und ein Mitreisender aus Deutschland freut sich, dass er die riesigen Zugvögel ungestört und glasklar im Okular sieht. Kein Spaziergänger mit Hund, kein Jogger wird sie hier aufscheuchen. Als am Abend kraftvoll-schräge Laute vom Himmel tönen, heben auch wir die Köpfe: Lange Ketten aus gestreckten Vogelleibern gleiten über den Himmel. Ihre estnische Sommersaison wird in wenigen Tagen beendet sein, denn der skandinavische Herbst kommt früh.
Nach zwei Etappen werden die Inseln aus hochgewachsenen Kiefern immer größer, bis die Äcker und Wiesen schließlich ganz verschwinden. Leuchtendgrünes Moos und niedrige Blaubeerbüsche bedecken den Boden zwischen den Bäumen, enorme Pilze drücken ihre Kappen ans Licht. Es riecht feucht und sehr pflanzlich. Wäre dies der Frühsommer, würde jeder Stopp hier in einem durstigen Mückenschwarm enden, doch heute sind unsere kurzen Hosen okay. Wir zupfen ein paar Beeren, rollen weiter nordwärts und stehen plötzlich an einem Ufer aus rötlichen, veralgten Kieseln, über die sanft das Wasser plätschert. Seltsam. War hier ein See eingezeichnet? Der Blick geht nach oben. Kein Ufer in Sicht. Das muss die Ostsee sein! Sie hat einfach begonnen, ganz ohne Dünen und echten Strand. Zwischen meinem Vorderreifen und der finnischen Hauptstadt Helsinki liegen nur unfahrbare 75 Kilometer Salzwasser.
Nach links geht es weiter Richtung Tallinn. Die Kette wandert zwischen den Gängen auf und ab, denn der Küstenwald wirft kurze Wellen und die einspurige Straße slalomt um kleine Lichtungen mit unterschiedlich großen Holzhäusern. Immer wieder leuchten rote, gelbe, braune Häuser zwischen den Stämmen durch, Viele davon penibel gepflegt. Und weil heute das Wochenende beginnt, stehen vor Manchen glänzende, große Autos. Ein Sommerhaus an der Küste ist für wohlhabende Esten und die vom Land in die Stadt Gezogenen ein willkommener Luxus. Fast immer auf großen Grundstücken und mit reichlich Abstand zum Nachbarn wird gegrillt, Rasen gemäht, Ball gespielt – oder Haus und Hütte werden mit vereinten Kräften winterfest gemacht. Im Landesinneren soll es bis unter minus 30 Grad kalt werden, und über die Ostsee führen dann bisweilen Eisstraßen...
Als wir an einem Samstagabend in Tallinn einrollen, ist der Sommer jedoch noch in vollem Gange: Touristen aus aller Welt und die Esten selbst flanieren durch die schmucke Altstadt. Es ist ein junges, bunt gemischtes Publikum, das die Gassen und Straßen füllt. Man gönnt sich ein paar teure Drinks oder Eiskugeln, speist international – und ist gefühlt Welten entfernt von dem weiten Land drumherum, in dessen Wellen und Wäldern neugierige Radler zur Ruhe kommen.
Die einfachste Variante ist ein Direktflug in die Hauptstadt Tallinn, etwa mit Air Baltic. Wer mehr Zeit und weniger Geld hat, kann über den Fernbus nachdenken: Ecolines.net fährt (in wenigstens 24 Stunden) von Berlin nach Tallinn – ab 40 Euro!
Estland hat ein modernes Bahnsystem (elron.ee, auch auf Englisch), allerdings nur wenige Abfahrten auf dem platten Land. Radstellplätze am besten reservieren. Wer spontan zusteigt, kann im Zug bezahlen.
Anfang Juni bis Ende August. Wie in anderen Ländern der Region beginnt der kurze touristische Sommer um den 21. Juni und dauert sechs Wochen. In dieser Zeit sind Hotelreservierungen sehr empfohlen. Schon in der zweiten Augusthälfte schließen Teile der touristischen Infrastruktur, obwohl das Wetter noch einladend wäre.
CityBike in der Altstadt von Tallinn (citybike.ee) bietet Touren an und vermietet Fahrräder (20 Euro) und Pedelecs (Cube) schon ab 30 Euro pro Tag. Nicht nagelneu, aber völlig ausreichend.
In Estland existieren diverse markierte Fernradwege, die sich zur digitalen Planung anbieten. Bis auf bewusst eingebaute Abkürzer auf Schotter sind wir diesen auf Asphalt gefolgt. Meist verlaufen sie auf kaum befahrenen Nebenstraßen. Unsere Strecke orientiert sich an der Eurovelo Route 11. Die Etappen sind sowohl im Inland als auch an der Küste wellig, mit durchschnittlich etwa 500 Höhenmetern auf 100 Kilometer. Wir haben die Esten als rücksichtsvolle Autofahrer erlebt.
Fünf Etappen, circa 350 Kilometer und rund 1.100 Höhenmeter. Von der Universitätsstadt Tartu über Jögeva, Rakvere und das Landgut Vihula nach Tallinn.
Tourenverlauf:
Bahntransfer von Tallinn nach Tartu: 2 Stunden.
1. Etappe: Tartu – Jögeva: ca. 65 km
2. Etappe: Jögeva – Rakvere: ca. 70 km
3. Etappe: Rakvere – Toolse – Vihula: 52 km
4. Etappe: Vihula – Vösu – Loksa: ca. 45 km
5. Etappe: Loksa – Kiju Tallinn: ca. 75 km
Die GPX-Daten zur Radreise durch Estland finden Sie im DK Tourenportal:
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In den Städten ist die Auswahl groß, auf dem Land eher gering. Das kann die Etappenplanung beeinträchtigen. Preise und Ausstattung der moderneren Hotels liegen auf demselben Niveau wie in Deutschland.
In den Orten im Inneren des dünnbesiedelten Landes sind Restaurants selten. Es empfiehlt sich, die Tagesverpflegung mitzunehmen. Die Supermärkte sind gut ausgestattet.
Ungewöhnlich gut gegessen haben wir im italienisch inspirierten "Pompei" in Tartu (pompei.ee), das den Einsatz regionaler Zutaten forciert. Die estnischen Restaurantpreise entsprechen ungefähr den deutschen.
Estnisch und teilweise Russisch – was ein Hindernis wäre, wenn Englisch nicht so verbreitet wäre.
Ausführliche Informationen und Tipps zur Reiseplanung findet man unter www.visitestonia.com