Gravelbiken im Schwarzwald„Grüner wird’s nicht!“ - Bikepacking & Waldcamping

Dimitri Lehner

 · 22.01.2026

Dimi ist hüftsteif, muss pausieren. Das kann passieren in der Altersgruppe Ü50 bei langen Anstiegen. Da wundert sich das junge Brüderlein.
Foto: Lehner Brothers
Zwei Brüder, ein paar Tage Zeit und sehr viele Forstwege: Eine Bikepacking-Tour durch den Schwarzwald wird zur Lektion über Freiheit, falsche Planung – und die Kunst, rechtzeitig vom Plan abzuweichen.


„Ach komm, jetzt nimmst du ja wieder diesen dämlichen Rucksack“, sagt Laurin.
„Muss ich wohl“, sage ich. „Ich will auf keinen Fall eine Lenkertasche montieren.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich die Carbongabel meines Gravelbikes sehen will. Schau mal, wie sie die Holme nach vorne streckt – wie die Beine eines Supermodels. Sexy!“
„Du bist so 1990“, sagt Laurin.

Dann radeln wir los.

Die GPX Daten sind im Coros Navigator. „Drück drauf, Bruder, los geht’s!“.Foto: Lehner BrothersDie GPX Daten sind im Coros Navigator. „Drück drauf, Bruder, los geht’s!“.

Bikepacking willkommen

Kuckucksuhren, Bollenhüte, Kirschtorte, Räucherschinken und sehr viel dichter, grüner Wald – das sind die Schwarzwald-Klischees. Schöne Klischees. Wahre Klischees. Und wichtige. Denn wir sehnen uns nach Heimat und Landschaft, nach Ruhe und Durchatmen in einer zunehmend konfusen Welt.

Der Schwarzwald im Südwesten der Republik gilt als das Kanada Deutschlands: ein Mini-British-Columbia ohne Bären und Gefahren, dafür mit Gasthäusern, Vesperhütten, Auerhähnen und Feuersalamandern. Kanada light. Ideal für eine Auszeit. Ideal im Sommer. Ideal fürs Bikepacking und Gravelbiken. Denn eines gibt es hier tatsächlich im Überfluss: Forstwege mit feinstem Schotter. Rund 24.000 Kilometer sollen es sein.

Die Tourismusbehörde versucht seit einiger Zeit, das Gartenzwerg-Image des Mittelgebirges aufzupolieren. Um Graveller und Bikepacker anzulocken, bietet sie vier zweitägige Touren an. Für 79 Euro bekommt man GPX-Daten und Übernachtungen in eigens eingerichteten Waldcamps – Wildcampen ist in Deutschland schließlich verboten, Notfälle ausgenommen.
Laurin und ich entscheiden uns für Tour Nummer drei im Norden. Sie heißt: 3-Täler & Weitsicht. Klingt gut.

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Bäume, Bäume, Bäume überall. Im Schwarzwald muss man auf Felsen kraxseln, will man in die Ferne schauen. Hier am Hohfels im Grimmerswald.Foto: Lehner BrothersBäume, Bäume, Bäume überall. Im Schwarzwald muss man auf Felsen kraxseln, will man in die Ferne schauen. Hier am Hohfels im Grimmerswald.

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Was ist das denn?

Wir parken unser Auto hinter Altglascontainern an einem Sportplatz bei Achern und winden uns in der Mittagshitze durch Weinreben bergauf. Ziel ist der Mummelsee auf 1078 Metern. Aus Asphalt wird Kies, aus Kies Sand, schließlich Waldboden. Endlich Schatten. Endlich Wald. Es riecht nach Harz und Holz, wir sind allein unter hohen Buchen, nur begleitet vom Rasseln unserer Lungen.

Über den Mummelsee habe ich mir Wissen angelesen. Als Propagandaminister Joseph Goebbels auf der nahe gelegenen Bühler Höhe tagte, soll er gesagt haben: „Das ist doch kein See, das ist ein Loch!“ Tatsächlich misst der See am Hang der Hornisgrinde nur rund 800 Meter Umfang – in 15 Minuten ist man herumgelaufen. Und doch ist er der meistbesuchte See im Schwarzwald.

Schuld ist die Schwarzwaldhochstraße, die Baden-Baden mit Freudenstadt verbindet. 1940 fertiggestellt, seither ist es vorbei mit der Einsamkeit. Oder wie Laurin sagt: „Wenig Mummel, wenig See – dafür Rummel.“

Wir rollen aus dem Wald direkt in ein Oktoberfestchaos: Reisebusse, Motorradkolonnen, Kindergeschrei, Inder, Chinesen, orthodoxe Juden mit Filzhüten und Schläfenlocken. Schlangen am Parkautomaten, am Bierschank, vorm Klo. Die Wassernixen – Mummeln genannt –, die hier laut Sage leben sollen, haben längst Reißaus genommen.
„Oder sie wurden von Tretbooten überfahren“, sagt Laurin.

Weit hinten am Ufer finden wir einen ruhigen Fleck, essen Räucherwurst mit Weckle und trinken Bier zu Touristenpreisen. Als Laurin einen Stein ins Wasser werfen will, schreie ich mit vollem Mund: „Nein!“
„Was denn?“
„Das gibt Unwetter. Steine verärgern die See-Nixen.“
Laurin schaut mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

Dann springen wir ins Wasser. Moorbraun. Kühl.

Und rein in den Mummelsee. Badehose vergessen, dann in der schicken Unterhose. Nackt geht nicht, überall Leute. Das Foto trügt.Foto: Lehner BrothersUnd rein in den Mummelsee. Badehose vergessen, dann in der schicken Unterhose. Nackt geht nicht, überall Leute. Das Foto trügt.

Auf zum Erdbeerloch

Erleichtert lassen wir den Mummel-Rummel hinter uns und folgen den GPX-Daten zurück in den Wald. Der Schwarzwald ist allgegenwärtig: Bäume vorne, hinten, rechts und links. Kaum Gipfel über der Baumgrenze, Fernblicke sind selten. Erst am Hohfels im Grimmerswald, wo wir auf einen Felsen klettern, sehen wir die Berge: blaue Drachenrücken am Horizont.

Unser Ziel heißt Erdbeerloch, ein ausgewiesenes Waldcamp. Doch der Weg zieht sich. Am Nachmittag folgen wir einem Blechschild: Wirtshaus – offen. Das Wirtshaus ist geschlossen. Die Vision von Sauerbraten, Spätzle und Bier vom Fass zerplatzt.
„Runter ins Tal?“, fragt Laurin.
„Und dann wieder hoch bei der Hitze? No way.“



Wir füllen Wasser an Quellen, queren Bäche auf Holzbrücken und stehen schließlich vor der Klosterruine Allerheiligen bei Oppenau. Wieder eine Sage: Ein Sack Gold soll hier vom Rücken eines Esels gerutscht sein, genau an der Stelle, an der Uta von Schauenburg 1195 das Kloster errichten ließ.
„Nette Geschichte“, sagt Laurin. „Aber die Klosterschenke ist trotzdem zu.“

Sommer. Wochenende. Ferienzeit – und dennoch alles zu! Wir fluchen, steuern hungrig das Erdbeerloch an – mit Wasser in der Flasche und einem Powerbar in der Tasche. Die Orientierung fällt schwer. Laurin fragt eine junge Bäuerin, die gerade Einkäufe aus ihrem Lada-Jeep lädt.
„Wir suchen das Erdbeerloch.“
Sie schaut böse und verschwindet im Hof.
„Vielleicht ein bisschen zu direkt“, sage ich.

Wir queren Bäche auf Holzbrücken. Auf der Suche nach dem Erdbeerloch.Foto: Lehner BrothersWir queren Bäche auf Holzbrücken. Auf der Suche nach dem Erdbeerloch.

Kursänderung

Das Erdbeerloch ist erstaunlich unerotisch: eine Wegbiegung im Wald, Hütte, Feuerstelle, Holzplattformen im Unterholz. Voll mit Overnightern. Franzosen belagern den Grill und türmen Fleischberge auf den Rost. Der Duft ist grausam gut.

Wir haben kein Zelt. Kein Grillgut. Wir kauen Energieriegel, rauchen im Fensterrahmen der Hütte, warten auf die Dunkelheit. Am nächsten Morgen folgen wir den GPX-Daten wie Brotkrumen durchs Gelände: hoch, runter, oft zu steil. Bremsen, Druck auf den Handgelenken. Keine Federung. Unsere Gelände-Rennräder wollen Strecke machen. Wir auch.

„Was hältst du davon, wenn wir nach Hause fahren?“, frage ich.
Unsere Mutter wohnt im Südschwarzwald.
„Au ja“, sagt Laurin.

„Laurin, du wirst doch nicht den Bus nehmen wollen?” – „Nee, nur mal ausruhen!“Foto: Lehner Brothers„Laurin, du wirst doch nicht den Bus nehmen wollen?” – „Nee, nur mal ausruhen!“

Frei, freier, Freiheit!

Die Entscheidung setzt Euphorie frei. Wir rasen wie Tom Pidcock die Passstraße hinunter nach Oppenau – befreit vom Diktat der GPX-Daten. Heidelbeerschnitte, Cappuccino. Dann am angeblich heißesten Tag des Jahres weiter nach Oberharmersbach.

Sandsteinbrunnen, Sägemühlen, Wassertretstellen, Fachwerkhöfe mit ihren traurig wirkenden Krüppelwalmdächern – im Harmersbachtal scheint die Zeit stillzustehen. Wir fahren im Untergriff durch Raum und Zeit.

So Klischee. So schön. So Schwarzwald. Hof in Wittelbach.Foto: Lehner BrothersSo Klischee. So schön. So Schwarzwald. Hof in Wittelbach.

Erdbeerloch? Lützelhardt sticht!

Notfall. Wein, Bier, Käse, Oliven, Äpfel, Brot – mein Rucksack ist zu schwer, mein Rücken krumm. Die Nacht bricht herein. Zufällig stehen wir am vielleicht schönsten Biwakplatz Deutschlands: der Burgruine Lützelhardt.

„Da gibt’s doch bestimmt wieder eine deiner Legenden“, sagt Laurin.
„Eine gruselige“, sage ich. „Der Burgherr ließ Graf Walter von Geroldseck gefangen nehmen, weil er in seinem Wald jagte. Zwei Jahre später entkam der Graf, kehrte mit Rittern zurück und ließ die Burg 1245 niederbrennen.“
„Ganz schön harte Strafe für ein bisschen Wilderei“, sagt Laurin.
„Andere Zeiten, andere Strafen“, sage ich.

Wir lassen die Beine über die Mauer baumeln, essen Oliven, trinken Rotwein. Fledermäuse flattern durch den Sternenhimmel, das Feuer knistert.
„Gut, dass wir in Not geraten sind“, sagt Laurin.

Zähneputzen im Burghof: Gruseliges Schicksal des Burgherren.Foto: Lehner BrothersZähneputzen im Burghof: Gruseliges Schicksal des Burgherren.

Wie ein ganzer Sommer

Baden in der Schutter bei Wittelbach, Sturmfahrt vom Schönberg, Wurstsalat und Brägele in Sexau, Matchrace durch Kirschplantagen bei Gundelfingen – unser Konzept ist simpel: wenig mitnehmen, wenig planen, einfach losradeln. Alles andere ergibt sich. Drei Tage im Juni fühlen sich an wie ein ganzer Sommer.

Als wir bei unserer Mutter ankommen, sagt Laurin: „Jetzt sind wir einmal durch den Schwarzwald von Nord nach Süd und quer von Ost nach West. Als Nächstes will ich richtig Strecke machen.“
„Was schwebt dir vor?“
„Die Ostsee. Von München. Tausend Kilometer.“
„Gute Idee“, sage ich. „Machen wir.“

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