Jörg Lohse
· 06.06.2026
Grundlage für diese und viele weitere Touren ist die Liberation Route Europe, ein Projekt des Europarates, das als “zertifizierte Kulturroute” gilt und in Form einer virtuellen, länderübergreifenden Gedenkstätte Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs in ganz Europa verbindet. Über Website und App lassen sich verschiedene Touren planen – zum Wandern, Radfahren oder als sogar als MTB-taugliche Offroad-Strecken. Möglich werden so vielfältige Entdeckertouren der ganz anderen Art!
Eine besonders eindrucksvolle Route findet man in Berlin - eine Stadt, die bis heute Spuren der NS-Vergangenheit und des Zweiten Weltkriegs trägt. Straßen, Denkmäler und Gebäude erzählen von einer bewegten Historie. Diese 23 Kilometer lange Radtour entlang der Spree und des Landwehrkanals führt zu Schlüsselorten der Berliner Kriegsgeschichte – von den Anfängen des “Dritten Reiches” bis zur Schlacht um Berlin im April und Mai 1945. Plane etwa 2 bis 3 Stunden ein, mit Zeit zum Anhalten und Verweilen.
Die Tour beginnt am Reichstagsgebäude, wo im Mai 1945 die sowjetische Flagge gehisst wurde – ein inszeniertes Propagandafoto des Kriegsfotografen Jewgeni Ananjеwitsch Chaldej, das zum Symbol für das Kriegsende in Europa wurde. Der Kampf um den Reichstag gehörte zu den letzten Gefechten bei der Einnahme Berlins. Die vollständige Kontrolle erlangten sowjetische Truppen erst nach tagelangen Kämpfen.
Von hier geht es über die Spree zur Moltkebrücke, die Ende April 1945 als Brückenkopf für den sowjetischen Vormarsch auf den Reichstag diente. Erst Jahrzehnte nach Kriegsende wurde sie vollständig rekonstruiert. Die Weidendammer Brücke markiert die Fluchtroute deutscher Truppen und des Personals aus dem Führerbunker in den letzten Kriegstagen. Im Tiergarten stand einst der Flakturm Tiergarten, Berlins erster Flakturmkomplex. Er diente als Luftabwehr, Lazarett und Kunstdepot. Während der Schlacht um Berlin war er bevorzugtes Angriffsziel der sowjetischen Luftwaffe. Die Nachkriegszeit brachte seine vollständige Sprengung. Auf der heutigen Straße des 17. Juni befand sich 1945 die Landebahn Ost-West-Achse. In den letzten Kriegstagen landeten hier Transportflugzeuge, die NS-Funktionäre einflogen und Verwundete evakuierten.
Das Shell-Haus, 1930/31 erbaut, diente ab 1934 als Hauptquartier der Kriegsmarine. Hitler selbst soll dem Architekten Emil Fahrenkamp gesagt haben: „Sie sind also der Mann, der das Shell-Haus verbrochen hat." Seit 2012 ist es zweiter Dienstsitz des Bundesverteidigungsministeriums. Die Topographie des Terrors steht auf dem Gelände der ehemaligen Zentralen von Gestapo, Reichsführung-SS und Reichssicherheitshauptamt. Die zentrale Dauerausstellung dokumentiert diese Institutionen und die von ihnen organisierten Verbrechen. Eine zweite Ausstellung widmet sich Berlins Rolle als Hauptstadt des Dritten Reiches. In der ehemaligen jugoslawischen Gesandtschaft, in der NS-Zeit errichtet, residierte das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Heute sitzt hier die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, ein eindrucksvolles Stelenfeld, lädt zum Nachdenken über den Holocaust ein. Unweit davon erzählt das Jüdische Museum seit 2001 von jüdischer Geschichte und Kultur. Das Deutsche Historische Museum präsentiert 2.000 Jahre deutsche Geschichte. Das Erdgeschoss widmet sich der Weimarer Republik, dem NS-Regime, der Nachkriegszeit und der deutschen Teilung bis zur Wiedervereinigung 1990. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand befindet sich am historischen Ort des Putschversuchs vom 20. Juli 1944 gegen Hitler. Die Dauerausstellung zeigt die gesellschaftliche Breite und ideologische Vielfalt des Widerstands gegen die Diktatur.
Der Flughafen Tempelhof mit seiner charakteristischen NS-Architektur (Baubeginn 1936) wurde später zur Lebensader der Berliner Luftbrücke während der sowjetischen Blockade. Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg steht als Mahnmal gegen den Krieg. Sie wurde bei Luftangriffen im November 1943 beschädigt und im April 1945 vollständig zerstört. Der ruinierte Turm blieb bewusst erhalten. Die moderne Kirche wurde am 17. Dezember 1961 eingeweiht.
Der Anhalter Steg, heute Fußgängerbrücke, erinnert an die Eisenbahnbrücke zum Anhalter Bahnhof. Kurz vor Kriegsende wurde der nahegelegene Eisenbahntunnel nach einer Explosion durch den Landwehrkanal geflutet. Der Hochbunker Friedrichstraße entstand 1942 als Reichsbahnbunker im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms" zum Bau von Luftschutzräumen für die Zivilbevölkerung.
Die Tour endet, wo sie beginnt, am Reichstag, wo das eingangs erwähnte Foto entstand. Am 16. April 1945 begannen sowjetische Truppen, Berlin einzukreisen. Fünf Tage später marschierten die ersten Soldaten von Osten in die Stadt ein. Am 2. Mai 1945, zwei Tage nach Hitlers Selbstmord, ergab sich die letzte deutsche Einheiten.
Diese Radtour bietet die Freiheit, anzuhalten, zu beobachten und die einzigartige Atmosphäre Berlins auf sich wirken zu lassen. Die Route verbindet historische Orte zu einem eindrucksvollen Gesamtbild der Kriegsgeschichte – von der Terrorherrschaft über den Widerstand bis zur Befreiung. Mit dem Rad lassen sich diese 23 Kilometer bequem erkunden und die bewegte Geschichte der Stadt nachvollziehen.
Die Route als GPX-File zum Download und weitere Informationen findest du auf der Website und in der App der Liberation Route Europe unter diesem Link