Es war wirklich nicht leicht: Deutschland hat 44 Mittelgebirge und die meisten davon ziehen sich wie eine Bauchbinde über die Mitte des Landes. Am liebsten hätten wir daher für den zweiten Teil unserer „Top-5“-Serie auf eine Auswahl von zehn Touren aufgestockt. Mindestens! Denn in fast allen dieser Gebirge waren wir schon unterwegs und haben jeweils die drei besten Touren in Revierguides vorgestellt. Dazu kamen noch all die besuchten Spots, die nicht direkt in einem Mittelgebirge liegen, aber anderweitig punkten können. Um es kurz zu machen: Wir haben lang und heftig diskutiert, bis wir uns am Ende auf diese Auswahl einigen konnten. Deutschlands Waldgipfel sind eben erstaunlich vielfältig. Aus der Luft betrachtet mag ein Gebirge dem anderen gleichen, aber unterwegs auf den Trails hat jedes Revier seinen ganz eigenen Charakter. Hauptkriterium war für uns natürlich der Trail-Anteil der Touren. Erstaunlicherweise fanden wir die längsten Pfade aber nicht in den Flanken der höchsten Gipfel, sondern vor allem in den Grenzregionen zu Frankreich, Tschechien und den Niederlanden. Gebieten also, die auch noch viel Geschichtliches zu erzählen haben. Doch auch Flüsse sind in Deutschland eine Fundgrube. Einer davon überzeugte, weil er mit seinen vielen Kehren eine außergewöhnliche Landschaft schuf und seine ihn flankierenden Trails auch zu Aussichtspunkten hinaufschickt.
Im Pfälzerwald sind Mountainbiker schon immer willkommen. Auch auf Trails. Es lohnt sich daher, für zwei Tage hier abzutauchen. Der Mischwald an der französischen Grenze bietet nämlich neben seinem 900 Kilometer weiten Wegenetz für Biker auch noch Overnighter-Schlafplätze, Burgruinen und Moab-ähnliche Sandsteintürme. Unsere Top-Runde wickelt sich durch den südlichen Pfälzer Wald: von Vorderweidenthal über die Burg Lindelbrunn zum Vogelkopf hinauf, wo der erste Supertrail durch den Kellerfels hindurchfädelt. Mittagessen gibt’s in Bad Bergzabern, das Abendessen bereits an der französischen Grenze in Schweigen-Rechtenbach. Wer nicht im Wald campen möchte, findet hier auch eine komfortablere Pension. Die zweite Etappe kurvt durchs Bad Bergzaberner Land zurück: erst auf Trail entlang der Grenze und durch den Mundatwald bis zum Steinernen Tisch. Eine knifflige Abfahrt zirkelt zum Parkplatz Drei Eichen hinunter, bevor es über den Hohlstein und am Ende über den Hirschberg zurück nach Vorderweidenthal geht.
Pures Waldbade-Abenteuer darf man diese Tour wohl nennen. Vor allem, wenn man nicht nur die rein gefilterte Laubwaldluft inhaliert und die kilometerlangen erlaubten Trails genießt, sondern auch einen der offiziell angebotenen Trekking-Schlafplätze nutzt. Für optische Highlights sorgen die Burgruinen und die skurrilen Felstürme, die aus dem Wald ragen. Aus Buntsandstein sind übrigens auch die Böden. Das hat den Vorteil, dass die Trails selbst nach längerem Regen schnell wieder trocknen!
Die Trail-Abschnitte haben fast durchgehend einen Schwierigkeitsgrad von S1 und sind leicht rollbar. Mit gelegentlichen Felsstufen, Rampen und Wurzeln muss man aber rechnen. Vor allem auf der Abfahrt vom Steinernen Tisch (Tag 2).
Eine Nacht auf einem der 15 Trekking-Schlafplätze mit Feuerstelle im Wald ist eine Erfahrung wert. Info: www.trekking-pfalz.de
Stoneman Miriquidi, Trailcenter Rabenberg, der neue Bikeman – im Erzgebirge gibt es für Biker jede Menge zu erledigen. Doch über den Kamm des Mittelgebirges zieht sich auch noch die grüne Grenze nach Tschechien und das macht das ganze Revier noch spannender. Schließlich gelten unsere Nachbarn als Europameister in Sachen MTB-Trails. Unsere Favoriten-Tour von Oberwiesenthal wechselt deshalb nach knapp einem Kilometer nach Tschechien rüber. Es geht Richtung Ruinendorf Königsmühle und anschließend bis nach Pürstein hinunter. So kann man den langen Anstieg bis zum höchsten Gipfel des Erzgebirges vom Fuß aus genießen: 800 Höhenmeter am Stück wickeln sich bis zum 1244 Meter hohen Klínovec hinauf. Oben wartet dann der Kult-Bikepark mit Sessellift. Die Trails Baron und Rubin schmücken bereits die nächste Abfahrt dieser Tour (sieben Kilometer lang). Wer die anderen beiden Trails des Parks auch noch erleben möchte, zieht sich am besten ein Liftticket, sonst könnte es mit den Körnern, die man für die Rückfahrt über den Kleinen Fichtelberg noch braucht (ca. 500 hm), knapp werden.
Eindeutig die Trails am Klínovec. Klar gibt es auch schöne Trail-Runden auf der deutschen Seite des Erzgebirges. Aber mit dem Natur-Trail-Paradies der tschechischen Nachbarn können sie nicht mithalten. Daher haben wir uns für diese große Runde entschieden. Die insgesamt fünf Abfahrten im Bikepark Klínovec werden zwar geshapt, aber Murmelbahnen sind definitiv keine dabei. Das Ticket für die Einzelfahrt im Sessellift kostet ca. 8,50 Euro. Geöffnet: Mai bis Oktober.
Am Ende der langen Abfahrt nach Pürstein hinunter schlingern die Reifen durch faustgroßes Basaltgeröll. Der 800-Höhenmeter-Anstieg zum Klínovec zieht sich über 15 Kilometer und strengt am Ende mit grobem Untergrund zusätzlich an. So wie auch der verblockte Trail vom Kleinen Fichtelberg hinunter.
Im Trailpark Klínovec (Pizzeria und Café). Zurück in Oberwiesenthal ist mindestens ein Trail-Bier im Biker-Treffpunkt Prijut12 Pflicht.
Deutschlands kleinstes Gebirge drückt sich in die östlichste Ecke des Landes. An die Grenzen von Polen und Tschechien. Trails gibt es allein dadurch schon wieder satt. Was aber fast genauso begeistert, sind die Basalttürme, die hier einst von Vulkanen aufgeschichtet und von der Witterung zu frei stehenden Waldskulpturen geschliffen wurden. Diese Tour, vom Olbersdorfer See auf deutscher Seite über drei Gipfel bis zum tschechischen Christinasee, versucht nun möglichst viele dieser Perlen des Zittauer Gebirges aufzusammeln: Los geht’s im Auf und Ab in den Naturpark hinein. Der Untergrund wechselt abrupt, die Steigungsprozente auch. Bis am Ende die asphaltierte Steilrampe zum 749 Meter hohen Hochwald-Gipfel ansteht. Hier startet nun das Trail-Feuerwerk der Route über Brandhöhe, Scharfenstein und um den Plattenstein herum. Ähnlich wild geht’s danach an den Aussichtsgipfeln Töpfer (582 m) und Pfaffenstein (565 m) zu. Letzterer bereits auf tschechischer Seite mit einer 300-Tiefenmeter-Abfahrt bis zum Christinasee.
Unvermittelt im Wald auftauchende Felsskulpturen, drei Aussichtsgipfel mit Blicken übers gesamte Gebirge mit Vulkankegel-Optik und natürlich alles miteinander verbindende, kurvige Trails. Ach ja! Nicht zu vergessen die beiden Badeseen zum Start und am Ende der Tour. Diese grenzüberschreitende Tour mit ihren fast 17 Kilometern feinster Singletrails musste einfach in diese Auswahl. Auch wenn sie sich ganz im Osten des Landes versteckt!
Es lauern einige Rampen im Wald. Die meisten sind kurz, aber umso knackiger. Bei den Trails handelt es sich um Naturpfade. Wurzeln, abrupte Richtungswechsel und auch mal stufige Geröllabschnitte in Gipfel-nähe erfordern gute Reflexe und einen vorausschauenden Blick.
Kammbaude: Restaurant mit DDR-Charme am Hochwald mit typischen Gerichten wie Oberlausitzer Stupperle (Kartoffelknödel, Sauerkraut, Speck).
Der Thüringer Wald ist der Sahne-Spot von Thüringen – möchte man meinen. Doch unser Tourenautor winkt da entschieden ab. Er hat die besten Trails des Bundeslandes Thüringen im Saaleland erlebt! Dort, wo der Fluss Saale aufgestaut wird und sich dadurch extrem kurvenreich ins Schiefergestein gefräst hat. Jens Kaufmann guided in diesem Revier und hat auch uns diese Wellenbahn-Tour gezeigt. Eine Runde, die ihrem Namen wirklich Ehre macht: Von Ziegenrück windet sich die Route kurvenreich am Saale-Stausystem entlang und schnappt sich jeden Trail-Abstecher, bis der Höhenrücken von Lückenmühle ansteht (250 hm). Anschließend geht’s über die spektakuläre Trasse der ehemaligen Oberlandbahn inklusive Querung der Ziemestalbrücke. Zum Schluss klettert ein steiler Trail noch mal auf die Hemmkoppe, weil man von dort oben einen Sensationsblick auf vier 180-Grad-Kehren der Saale hat und die Aussicht auf eine finale Trail-Abfahrt bis nach Ziegenrück zurück.
Streng genommen mäandert die Saale durchs sogenannte Thüringer Schiefergebirge. Allerdings bleiben die Augen hier nicht an irgendwelchen markanten Gipfeln hängen. Der Superstar der Region ist die Saale mit ihren wilden Flusskehren. Entsprechend windungsreich geben sich auch die Trails entlang ihrer beiden Ufer. Schwingen sich die Pfade aber doch mal einen der vermeintlich unscheinbaren Hügel hinauf – so wie auf dieser Superrunde bei Ziegenrück – dann erlebt man Trails in der Felswand, quert ein 32 Meter hohes Viadukt und lernt zum Schluss noch per Zuckerbrot und Peitsche den Trail- und Panorama-Spot Hemmkoppe kennen.
Auf den Trails im Saaleland kennt sich Jens Kaufmann am besten aus. Die Wellenbahn-Runde ist nur ein Edelstein seines Repertoires. Info: Tel. 0172/3616860, E-Mail: jk777@gmx.de
Der etwa fünf Kilometer lange Trail über die Hemmkoppe stellt auch versierte Fahrtechniker vor ein paar Aufgaben.
Hirt’s Brau- und Gasthof in Liebengrün und Gasthaus zur Fernmühle in Ziegenrück. Bestes Frühstück im Wurzbacher Backhaus in Saalburg!
Deutschlands westlichste Großstadt hat zwar kein Mittelgebirge vor den Toren, aber doch den bis zu 360 Meter hohen Aachener Wald. Öcher Bösch nennen ihn die Einheimischen. Er liegt direkt im Dreiländereck zu Belgien und den Niederlanden – und wenn Grenzgebiete etwas ganz besonders gut können, dann sind das Trails. BIKE-Tourenautor Matthias Rotter war jedenfalls ganz begeistert von den kilometerlangen, nur leicht wurzeligen Natur-Flowtrails, die auch noch einiges an Geschichte zu erzählen haben. Die spannendsten fand er in der Dreiländereck-Tour. Die Runde schwingt sich im Süden der Stadt zum Vaalserberg hinauf, dessen Gipfel (323 m) sich die Niederlande, Belgien und Deutschland teilen. Nach einem Abstecher zum Aachener Bikepark patrouilliert ein Pfad an den belgischen Grenzsteinen entlang bis zum ehemaligen Westwall, der hier im Zweiten Weltkrieg über 600 Kilometer Länge in den Wald gezimmert wurde. Bis heute erinnert daran ein Kriegsdenkmal mit Panzersperren. Die letzten sieben Kilometer rollt man mehrheitlich bergab in die Stadt zurück und hat am Ende eine Tour mit 52 Prozent Trail-Anteil in den Beinen!
52 Prozent Trail-Anteil bei einer Länge von knapp 30 Kilometern – das gibt es nicht oft in Deutschland. Vor allem, weil der Spaß keine vier Kilometer vor den südlichen Toren von Aachen startet. Gleich zu Beginn wirbelt der Pfad um besonders knorrige Baumstämme herum. Ein Foto im Dreiländereck am Vaalserberg (mit Aussichtsturm) muss natürlich sein und der Abstecher in den vereinsgeführten Bikepark ebenso. Besonders spaßig sind auch die Abfahrts-Trails ab Kilometer 22 zurück in die Stadt.
Ein paar quer liegende Wurzeln halten das Fahrwerk bei Laune. Mehr zu tun gibt’s für die Schaltung, da einige Rampen recht unvermittelt vorm Lenker auftauchen.
Waldrestaurant Gut Entenpfuhl (bei km 15,9).
Aachen hat einen MTB-Verein mit 1500 Mitgliedern, die sich um das Trail-Netz und den Bikepark bemühen: www.gelaendefahrrad-aachen.de
Deutschlands schönste Trail-Touren Teil 3 - die 5 Supertouren von Bayern und Baden-Württemberg folgen demnächst!

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