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MTB Reifen im Plus-Format: Standards und Marktübersicht

Plus-Formate: Alle Zahlen, Infos, große Übersicht

Peter Nilges am 01.06.2016

In BIKE 8/2015 hatten wir Vor- und Nachteile der neuen Plus-Formate analysiert. Nun zeigen wir, welche Produkte und Standards der Markt bereits im Angebot hat.

"Veränderung", sagte der amerikanische Top-Manager David Swanson einst, "ist eine Überlebensfrage." Diesem ökonomischen Grundsatz scheint sich auch die Bike-Industrie bewusst zu sein, anders sind die immer kürzer werdenden Innovations- und Modellzyklen nicht zu interpretieren. Gerade erst haben wir 26 Zoll zu Grabe getragen, haben uns an 27,5 und 29 Zoll gewöhnt und uns über Fatbikes gewundert, da wirbeln die Plus-Formate den Markt durcheinander.

Machen wir uns nichts vor, die rasante Einführung der Plus-Bikes und -Komponenten ist von den wirtschaftlichen Interessen der Industrie geleitet. Schließlich wollen die Hersteller auch 2016 ihre neuen Bikes verkaufen, und Innovationen sind eben dann besonders wertvoll, wenn sie auf den ers­ten Blick sichtbar sind – bei den breiten Plus-Reifen ist diese Anforderung zweifelsohne erfüllt.

Als reine Marketing-Masche darf man die Plus-Formate aber nicht abtun. Man muss den Dickerchen Eigenschaften zugestehen, die ihre Existenz durchaus rechtfertigen. BIKE hat schon in der letzen Ausgabe in aufwändigen Untersuchungen gezeigt, dass die neuen Formate Vorteile bei Überrollverhalten, Traktion und Pannenschutz bieten. Auf der anderen Seite stehen Nachteile wie Gewicht (ca. 200 bis 400 g je Laufrad) und Rollwiderstand – zumindest auf Straßen und Forstwegen. Auch der Neuheitentest in dieser Ausgabe (ab S. 36) bestätigt die überwiegend positiven Praxiseindrücke im reinen Geländeeinsatz.

Doch wer nun zum Händler eilt, um sein Bike mit einem zweiten Laufradsatz für grenzenlose Trail-Orgien aufzurüsten, wird zuerst einmal eine herbe Enttäuschung erleben. Zum einen sind die Plus-Komponenten (und auch die Komplett-Bikes) noch lange nicht flächendeckend verfügbar, was sich im Laufe des Jahres aber noch ändern dürfte. Zum anderen – und das ist letztlich noch viel ernüchternder – passen die aktuell als "Plus" vermarkteten Reifenformate zwischen 2,8 und 3,25 Zoll schlichtweg nicht in bestehende Rahmen. Bis jetzt unbeantwortet bleibt auch die Frage, ob die jetzigen Plus-Formate nicht vielleicht eine Nummer zu groß geraten sind. Die Findung ist in vollem Gange, und in manchen Entwicklungsküchen wird mit weiteren Größen zwischen 2,4 und 2,8 Zoll Breite experimentiert.

Die meisten Hersteller konzentrieren sich momentan auf das Format 27,5+. Der Außendurchmesser dieser – auch B-Plus genannten – Größe liegt recht nahe am 29er. Die Grundidee, 27,5+Laufräder auch als Nachrüstoption für 29er-Bikes einzusetzen und so einem Bike zwei unterschiedliche Charaktere zu verleihen, ist allerdings bis auf Weiteres auf Eis gelegt. Während es durchaus konstruktive Möglichkeiten gäbe, die neuen Breitreifen mit bestehenden Tretlager- und Nabenstandards zu kombinieren, geht die Industrie den konsequenten Weg: So werden die breiten, für Plus-Reifen ausgelegten Felgen fast ausschließlich mit Srams neuem "Boost"-Standard ausgestattet. Die technischen Vorteile des neuen Standards sind:höhere Laufradsteifigkeit, mehr Reifenfreiheit, unveränderter Q-Faktor, kompaktere Hinterbauten. Der strategische Vorteil: Die Innovation "Plus" reduziert sich somit nicht nur auf das Reifenformat – die ganze Industrie bekommt also etwas ab vom Kuchen. 

B+ IN STICHPUNKTEN

In BIKE 8/15 wurden exemplarisch zwei Plus-Reifen mit Vergleichsmodellen in 29 und 27,5 Zoll verglichen – hier die Vor- und Nachteile des Plus-Formats.

PLUS

• Das hohe Luftvolumen der Reifen erlaubt geringere fahrbare Drücke (ab ca. 0,8 bar)
• Die in Folge größere Auflagefläche erzeugt mehr Traktion (vor allem auf losem Untergrund)
• ein besseres Überrollverhalten in grobem Gelände,
• höherer Komfort und 
• besseren Pannenschutz.
• Kompatibilität: 27,5+ passt fast nie in existierende Rahmen, aber echte Plus-Bikes sind einfach auf Normalformate  umrüstbar (z. B. 27,5+ auf 29er; Boost-Standard vorausgesetzt)

MINUS

• Plus-Reifen und -Felgen sind schwerer als schmale Varianten (um 200–400 g je Laufrad)
• Noch eingeschränkte Auswahl an Bikes und Komponenten
• Bisher wenig Erfahrungen und keine Standardisierung (z. B. Felgen-/Reifenbreiten)

DIE KLEINE B+ HISTORIE

2012: Es waren die umtriebigen Querdenker der US-Firma Surly, die 2012 erstmals ein Bike im Plus-Format vorgestellt haben – das Surly Krampus 29+. Als Stahl-Starrbike mit 1x10-Antrieb und nur mit den gängigen Naben-/Tretlagerstandards. Surly lieferte mit dem 3 Zoll breiten Knard-Reifen und einer dazu passenden 50-mm-Felge auch gleich die bis dato fehlenden Bauteile.

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Surly Krampus 29+

2014: Beim Sea Otter Classic 2014 überraschte Rocky Mountain mit dem Sherpa, einer Adventurebike-Studie, basierend auf dem Element 29er. Wilderness Trail Bikes (WTB) lieferte dazu die passenden 27,5+Reifen in Form der Trailblazer 2.8 TCS und einer 45 mm breiten tubeless-ready WTB-Scraper-Felge. Dieses Bike war der Urvater der jetzigen 27,5+Bewegung und ist aktuell eines der wenigen Plus-Bikes, die schon im Shop stehen (Einzeltest in BIKE 8/15).

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Rocky Mountain Sherpa

2015: Spätestens seit letztem Herbst war Insidern klar, dass die Plus-Formate für 2016 ein wichtiges Thema werden würden. Lange war allerdings noch unsicher, ob 29+ oder 27,5+ das Rennen macht. Mittlerweile scheint 27,5+ als Gewinner hervorzugehen, weil es konstruktiv sehr nahe am 29er liegt und z. B. die Hauptrahmen fast unverändert übernommen werden können. Wie schnell es das Plus-Format aber vom Nischen- zum Mainstream-Produkt geschafft hat, kommt selbst für Branchen-Kenner überraschend. Im Bild unten: Scott Genius mit Syncros-Laufrädern und Schwalbes Nobby-Nic-Bereifung. 

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Scott Genius mit Syncros-Laufrädern und Schwalbe Nobby-Nic-Bereifung

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Peter Nilges am 01.06.2016

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