Cube Produktionsstraße Cube Produktionsstraße

Corona-Krise: Folgen für die Fahrrad-Industrie

Die Fahrradindustrie holt Luft

Ludwig Döhl am 21.03.2020

Das Coronavirus bremst auch die Fahrradindustrie aus. Während der Werkstattbetrieb in den Bike-Shops noch läuft, liegt die Produktion von neuen Bikes und Rädern bei so mancher Firma auf Eis.

Deutschland ist weltweit für drei Dinge bekannt: exzellente Ingenieurskunst, gutes Bier und schicke Autos. Mit dieser saloppen Aufzählung sind die Schlüsselindustrien dieser Nation wahrscheinlich gut umrissen. Dass im Land der Autos aber auch andere Industriezweige wichtig sind, hat nicht zuletzt der Beschluss gezeigt, dass bayerische Fahrradwerkstätten wieder öffnen dürfen. Während bei BMW, VW, Audi und Daimler die Fließbänder zum Erliegen kommen, ist die Serviceleistung von Fahrradmechanikern – auch in einer so drastischen Krise wie der derzeitigen – unverzichtbar.

Aber die deutsche Fahrradindustrie lebt eben hauptsächlich nicht vom Verkauf von Ersatzteilen und der Reparatur platter Reifen. Bevor Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen für ganz Bayern verhängte (<< was das für Radsportler heißt, lesen Sie hier >>), galt diese extreme Einschränkung der Freiheit bereits im 7000-Einwohner-Ort Mitterteich. In der Oberpfälzer Gemeinde hatte noch ein Starkbierfest stattgefunden, als vielen schon klar war, wie ernst die Lage ist. Die Corona-Fallzahlen schnellten in die Höhe. Aber was hat Mitterteich nun mit der Fahrradindustrie zu tun? Das liegt an folgender Verknüpfung.

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Der Landkreis Tirschenreuth liegt in der Oberpfalz nahe der deutsch-tschechischen Grenze. Mit seinen Firmen Cube und Ghost gilt der Landkreis Tirschenreuth als eine der Drehscheiben der deutschen Fahrradindustrie. Dass man in dieser Region auch gut Biken kann, haben wir auf dem Deutschland-Trail erlebt.

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Aus dem Landkreis Tirschenreuth in die Welt


Mitterteich liegt im Landkreis Tirschenreuth. Man mag es kaum glauben, aber in der eher konjunkturschwachen Grenzregion zu Tschechien befindet sich eine Drehscheibe der deutschen Fahrradindustrie. Denn mit Ghost und Cube befinden sich zwei große Fahrradfirmen ebenfalls im Landkreis Tirschenreuth. Ein Anruf bei Cube macht klar: Auch hier stehen, wie in der Automobilindustrie, die Fertigungslinien still. Konkrete Corona-bedingte Krankheitsfälle gäbe es aber nicht. Auch von Panik und dem Schrei nach staatlichen Hilfen war, zumindest am Telefon, nichts zu hören. Der vorübergehende Produktionsstopp bedeutet zwar, dass man eine Räderanzahl im fünfstelligen Bereich erst mal nicht montieren kann, aber die Grundstimmung beim Oberpfälzer Fahrrad-Riesen ist dennoch eher positiv. Aufgrund enger Kontakte zu chinesischen Produzenten ahnte man hier bereits vor einigen Monaten, dass der Saisonstart kein leichter werden würde. Aber niemand stecke, nach Jahren des Booms, deshalb den Kopf in den Sand.

Cube Produktionsstraße

Cube ist einer der größten deutschen Hersteller von Fahrrädern. Nach eigenen Angaben werden im Firmensitz in Waldershof deutlich über eine halbe Millionen Räder in einer zweistöckigen Produktionsstraße montiert. Im Vordergrund ist die Laufradfertigung von Cube zu sehen. Durch die Corona-Krise steht die Produktionsstraße derzeit still.

Obwohl der Einzelhandel derzeit keine neuen Räder verkaufen kann, stornieren die Bike-Shops keine vorbestellten Fahrräder. Ganz im Gegenteil. "Die Läden nutzen das Öffnungsverbot, um die Bikes, die sie bereits auf Lager haben, aufzubauen", sagt Cube-Urgestein Frank Greifzu. Man rüstet sich im Fahrrad-Einzelhandel also für den verspäteten Saisonbeginn, auch wenn man nicht weiß, wann dieser einsetzt. Große Online-Händler bestellen momentan sogar Ware nach, um die hohe Nachfrage im Netz zu decken. Es werden also nicht nur Klopapier und Nudeln gehamstert, sondern anscheinend auch Fahrradschläuche und ganze Bikes. Diese Nation ist doch nicht so spießig wie man gedacht hätte. Der Warenversand aus der Cube-Firmenzentrale zu den Händlern findet ganz regulär statt. Wenn sich die Situation um die Corona-Pandemie beruhigt hat, wolle man den Betrieb wieder ganz normal aufnehmen. Und das wird auch nötig sein.
 

Getty Images: Chinese people wearing protection masks

Die chinesische Fahrradindustrie erholt sich bereits. Ab Ende März sollen die Produktionskapazitäten für Fahrradrahmen wieder bei 100 Prozent liegen. 

Blick in die Zukunft: Wie sich Corona am Ende auswirken könnte

In Zeiten, in denen vieles unklar scheint, liegt zumindest ein Gedankengang auf der Hand: Wenn der Bundesminister für Gesundheit rät, das Fahrrad anstelle der öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, wird sich das insgesamt positiv auf die Fahrradwirtschaft auswirken. Und wenn Deutsche ihre Reisen nach Mallorca, Italien oder in sonstige Winkel dieser Welt stornieren, werden sie Ihren Urlaub vielleicht zu Hause auf den heimischen Radwegen und Trails verbringen. Das sind alles Szenarien, die momentan in weiter Ferne liegen. Erst muss die Corona-Krise durchgestanden werden. Völlig klar: Der Aufruf zum Aufbruch wirkt, wenige Stunden nachdem Bayern weitreichende Ausgangsbeschränkungen verhängt hat, seltsam. Aber wer ein klares Ziel vor Augen hat, wird die Entbehrungen der nächsten Tage und Wochen leichter wegstecken.

Ausgerechnet die Dompteure der Globalisierung, welchen von manchen Seiten die Schuld für die Verbreitung des Virus' zugeschoben wird, sorgen nun für einen Lichtblick im Dunkel der Krise. Während der Gipfel der Corona-Krise in Deutschland noch nicht in Sicht ist, kommen aus China positive Signale. Die ersten chinesischen Rahmenproduzenten verkünden, dass sie Ende März die Produktionskapazitäten wieder voll hochfahren können. So bestätigt es eine verlässliche Quelle. Es gibt also ein Leben nach der Krise. In China und sicherlich auch hier in Deutschland und Europa. Und zwar nicht nur für die Schlüsselindustrien, sondern auch für die Fahrradbranche, die momentan auf Sparflamme arbeitet. Ghost – ebenfalls im Landkreis Tirschenreuth zuhause – wollte sich zur aktuellen Lage im Betrieb nicht äußern. Nur soviel war unserem Kontakt zu entlocken: Jeder, der einen Bürojob in der Firmenzentrale hat, erledigt diesen momentan von zuhause. Der Betrieb läuft, zumindest so gut wie man das in diesen Zeiten erwarten kann. Und auch der Aktienkurs der Accell-Gruppe, zu der Ghost gehört, zeigte nach einer mächtigen Talfahrt heute schon wieder nach oben. Anscheinend sehen auch die Aktionäre, dass es trotz Corona-Krise gar nicht so schlecht um die Fahrradbranche steht.

Accell Group

Der Aktienkurs der Accell-Gruppe (zu der u.a. Ghost, Winora, Lapierre und Haibike gehören) erholt sich nach einer rasanten Talfahrt bereits wieder. In den letzten 48 Stunden hat er um 11,3 Prozent auf kanpp 14 Euro zugelegt. Auch Investoren an der Börse vertrauen in die Fahrradbranche. 

Ludwig Döhl am 21.03.2020