Weltmeisterschaft Downhill 2016 in Val di Sole: Rennbericht

Rachel Atherton und Danny Hart holen WM-Titel

  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 4 Jahren

Bei der DH-WM im tiefen Staub von Val di Sole wurde den Fahrern alles abverlangt. Am Ende konnten sich Rachel Atherton und Danny Hart durchsetzen, der 19-jährige Laurie Greenland holte Platz zwei.

Der Downhill-Worldcup im Val di Sole gilt als die technisch anspruchsvollste Strecke des Worldcups. Überall finden sich Steine und Wurzeln, im Sommer verschwindet der Kurs unter einer tiefen Staubschicht, die den Grip auf ein Minimum begrenzt und außerdem die Hindernisse verdeckt, die dann ungefiltert an das Bike und seinen Fahrer weitergegeben werden. "Die Strecke ist verrückt […] Es fühlt sich an wie ein kontrollierter freier Fall vom Start bis zum Ziel". Kein Wunder, dass selbst Downhill-Ass Rachel Atherton da von einem freien Fall spricht. Kontrolliert. Na immerhin.

Rachel Atherton als Favoritin

Viel Druck lastete vor dem Rennen auf den Schultern der Britin. Schon beim Worldcup #7 in Vallnord hatte sie zugegeben, die Vorstellung, ihr Glück könnte bald ein Ende haben, mache ihr langsam zu schaffen. Außerdem hatte sie seit fast zwei Jahren kein Rennen mehr verloren und nun die einmalige Chance mit 2016 die perfekte Saison einzufahren, indem sie alle Worldcup Rennen und die Weltmeisterschaft gewinnt. Doch für Rachel Atherton ist der Druck nichts Neues. Spätestens wenn sie aus dem Startgate sprintet, blendet sie alles andere aus und fährt ihr eigenes Rennen.

Tracey Hannah (AUS) konnte im Rennen ihr volles Potential nicht abrufen und verlor im Vergleich zu ihrer Trainingszeit gut neun Sekunden.

Doch wie so häufig stand sie erst als Letzte am Start. Jede Menge Zeit, sich die falschen Gedanken zu machen. Vor allem bei der Performance von Staub-Spezialistin Tracey Hannah und erst recht bei der Zeit von Myriam Nicole musste Rachel Atherton bestimmt schlucken. Beide fuhren ein gutes Rennen, aber auch Myriam Nicole blieb mit der besten Zeit drei Sekunden hinter den Zeiten von Tracey und Rachel aus dem Training zurück.

Manon Carpenter sprintete als Vorletzte aus dem Startgate und setzte alles auf eine Karte, um die Zeit von Nicole noch zu unterbieten. In einer der ersten Kurven musste die Downhill-Szene den Atem anhalten, als ihr Vorderrad wegrutschte und sie nach dem Versuch das Bike wieder einzufangen heftig über den Lenker warf. Mit einem wahrscheinlich gebrochenen Schlüsselbein nimmt ihre Saison damit ein unglückliches Ende, doch nach einem derartigen Crash muss man das wohl beinahe noch als Glück im Unglück werten.

Myriam Nicole legte im Rennen zwei Schippen drauf.  Die Französin unterbot ihre Trainingszeit um gut sechs Sekunden und sicherte sich Silber.

Wieder war es also an Rachel Atherton alles zu entscheiden. Und wieder enttäuschte sie nicht. Die erste Hälfte ihres Runs war makellos, im unteren Bereich wurde rutschte aber auch sie in die tiefen, von Staub bedeckten Löcher der Strecke. Trotzdem blieb ihre Pace über jeden Zweifel erhaben und auch die kleineren Fehler konnten sie nicht aus dem Konzept bringen, geschweige denn vom Bike befördern. Mit etwas mehr als drei Sekunden Abstand sicherte sie sich den Sieg und damit ihren vierten WM-Titel. Als allererste fährt sie auch die perfekte Saison ein. Selbst rechnerisch hätte 2016 für sie nicht besser laufen können. Selbst wenn sie also in der Anzahl ihrer Worldcup-Siege noch hinter Anne-Caroline-Chausson liegt, kann man sie also von nun an mit Fug und Recht als die größte Downhillerin bezeichnen, die die Welt je gesehen hat.

Ideal konstant: Rachel Atherton unterbot ihre sehr schnelle Trainingszeit nochmals um den Hauch von 4 Millisekunden – eine Biene braucht länger, um einmal mit den Flügeln zu schlagen. Verdienter Weltmeistertitel und Krönung einer perfekten Saison.

Die schnellsten Downhill-Frauen 2016 (v. l.): Myriam Nicole (FRA, Silber), Rachel Atherton (GBR, Gold) und Tracey Hannah (AUS, Bronze).

Laurie Greenland: Ein neuer Stern am Downhill-Himmel?

Im Rennen der Männer wurde von Anfang an ein Duell zwischen Danny Hart und Worldcup-Champion Aaron Gwin progonstiziert. Doch Val di Sole hatte andere Pläne. Die erste schnelle Zeit fuhr der Australier Jack Moir ein, der in Sam-Hill Manier ein extremes Risiko einging und wie sein Vorbild die letzte Links-Kurve schnitt, in der auch Sam Hill einst seinen Sieg verschenkt hatte. Doch für Jack Moir ging alles glatt, er landete im Hot Seat. Dean Lucas, Markus Pekoll und Brook MacDonald konnten seine Zeit nicht unterbieten, dann stand Nachwuchstalent Laurie Greenland am Start.

Und es geschah, was viele Szene-Insider schon lange prognostiziert hatten: Der junge Brite, der erst diese Saison in die Ränge der Elite aufgestiegen ist und noch letztes Jahr Junioren-Weltmeister war, zeigte beim "Alles-oder-nichts"-Rennen in Val di Sole sein volles Potenzial. Wie ein Verrückter raste er durch das Labyrinth von Wurzeln und Steinen auf der steilsten Strecke des Weltcup-Kalenders. Angst schien er nicht zu kennen und trotzdem behielt er scheinbar die Kontrolle. Greenland fuhr in seiner ganz eigenen Liga und degradierte Jack Moir mit einem Vorsprung von 8,5 Sekunden.

MS Mondraker auf eins und zwei?

Kein Wunder, dass dem zunächst niemand mehr etwas entgegensetzen konnte. Connor Fearon, Greg Williamson, Bernard Kerr, Remi Thirion und Loris Vergier, sie alle blieben chancenlos. Weltmeister Loic Bruni wurde durch einen platten Hinterreifen ausgebremst, Greenland am nächsten kam noch Florent Payet mit zwei Sekunden Rückstand. Erst Greenlands Teamkamerad bei MS Mondraker, Danny Hart, konnte die Zeit trotz eines Fehlers im unteren Stück um ganze drei Sekunden unterbieten. Es sah also ganz nach MS Mondraker auf eins und zwei aus.

Auch Troy Brosnan (AUS) gelang es nicht, die Reihenfolge auf dem Weltmeister-Podium in Val di Sole 2016 zu ändern.

Es blieb jetzt an Aaron Gwin und Troy Brosnan, die beiden Mondraker-Fahrer noch vom Thron zu stoßen. Doch trotz guter Vorbereitung blieben beide chancenlos. Troy Brosnan lag bald 2,8 Sekunden zurück und war damit aus dem Rennen. Auch für Aaron Gwin lief es alles andere als optimal. Schon bald wurde ein Rückstand von 1,5 Sekunden angezeigt, in einem der unteren Steilstücke handelte sich Gwin dann zu allem Unglück auch noch einen Platten ein.

"Damn Danny!" – Nach seinem furiosen Ritt zum Weltmeistertitel 2011 wurde es ruhig um Danny Hart. Jetzt meldete er sich eindrucksvoll zurück.

Die Schnellsten in Val di Sole: Laurie Greenland (GBR, Silber), Danny Hart (GBR, Gold) und Florent Payet (FRA, Bronze).

Damit ist Danny Hart Weltmeister im Downhill 2016. "Die letzten paar Monate waren der Hammer, die letzten fünf Jahre eine Qual. […] Es kam alles auf einmal zurück. Ich habe jetzt viermal in Folge gewonnen, nicht viele können das von sich behaupten" sagte ein glücklicher Danny Hart im Ziel. Nach seinem überraschenden Erfolg bei der WM 2011 ließen die Siege von Danny Hart fast fünf Jahre auf sich warten. Jetzt, fast genau fünf Jahre später, konnte er seinen Titel erneuern.

Juniorinnen-Podium Downwhill-WM Val di Sole 2016 (v. l.): Samantha Kingshill (USA, Silber), Alessia Missiaggia (ITA, Gold) und Flora Lesoin (FRA, Bronze).

Die Medaillengewinner der DH-Junioren-WM (v. l.): Manus Manson (CAN, Silber), Finnley Iles (CAN, Gold) und Gaetan Vige (FRA, Bronze).

Themen: Aaron GwinDanny HartDownhillRachel AthertonVal di SoleWeltmeisterschaften


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