Menorca: Im Temporausch über den Cami de Cavalls Menorca: Im Temporausch über den Cami de Cavalls Menorca: Im Temporausch über den Cami de Cavalls

Epic Trail 360 Cami de Cavalls

Menorca: Im Temporausch über den Cami de Cavalls

  • Alexander Brempel Ballester
 • Publiziert vor 4 Jahren

Nach der Algarve Bike Challenge hatte Marathon-Blogger Alexander nur eine Woche Zeit, um Klamotten zu waschen, Gels einzukaufen und am Bike kleine Reparaturen durchzuführen. Der Cami de Cavalls rief.

Mein Tretlager war vor lauter Flussdurchquerungen bei der Algarve Bike Challenge auf eine Art und Weise hinüber, dass der Bikeshop-Mechaniker es als abschreckendes Beispiel mit einem Kabelbinder an seine Werkbank zippte. Ich wurde schon gewarnt, dass die Trails auf Menorca eher von der garstigen Sorte sind und so habe ich vorsichtshalber einen Satz griffiger Maxxis-Pneus aufgezogen. Als ob das reichen würde, um heil durch diese krassen Enduro-Trails zu rollen, aber dazu später mehr.

Bei vier Tagen Aufenthalt zu Hause hatte ich nicht wirklich Zeit, die Beine hoch zu legen, und so ging es auf die Fähre von Mallorca nach Menorca mit der Idee im Hinterkopf, locker zu rollen, um im Ziel seinen Nachnamen noch fehlerfrei buchstabieren zu können. Die Epic 360 Cami de Cavalls ist ein relativ kleines Etappenrennen auf Menorca, der bei deutschen Pauschal-Urlaubern eher unbekannten Nachbarsinsel von Mallorca. Die Mittelmeerinsel ist jungfräulich, es gibt kaum Hotels und nur sehr kleine Ortschaften. Ziel der drei Etappen ist das Dörfchen Es Mercadal, am Fuße des Monte Toro, dem mit 207 Metern höchsten Punkt der Insel. Das pro Etappe fast 2000 Höhenmeter auf dem Programm stehen heißt hier, dass man die steilen Stichwellen surfen muss – extrem steile Stücke runter zu den Buchten und wieder rauf.

Screenshot Die drei Etappen des Epic 360 Cami de Cavalls im Überblick.

Mehr Sägezahnprofil geht nicht

Das Rennen ist parallel zum Bike-Rennen auch ein Trailrunning-Event. Wir teilen uns Hotel, Verpflegungsstellen, Zielbogen und Teile der Strecke mit den Läufern. Man merkt, dass der Trailrunning-Sport noch relativ jung ist, alle gehen die Sache sehr locker an. Pizza und zwei Bierchen am Vorabend des Rennens müssen sein. Von der krassen Professionalisierung wie im Mountainbike-Sport spürt man nichts. Die Trailrunning-Pros freuen sich über die vom Sponsor gelabelten Gratis-Hoodies, während bei den Bikern mit David Muntaner sogar ein Ex-Bahnrad-Weltmeister neben uns unterm Startbogen die Boa-Drehverschlüsse zuzieht, um mit vierstelliger Wattzahl loszuheizen.

Das nur 70 Fahrer starke Feld muss, bevor es sich unter den Startbogen stellen darf, erst durch einen Sicherheits- und „Eco Sensibility“-Kontrolle.Es wird peinlich genau gecheckt, ob das Handy genug Batterie hat, ob die Thermodecke noch verpackt ist und auch jeder einzelne Riegel wird auf den obligatorischen Aufkleber mit der Startnummer kontrolliert, damit man ja keinen Unrat in der Botanik hinterlässt. Eine wirklich feine Sache, obwohl die Jungs von der Umweltbehörde es wirklich peinlich genau nehmen, selbst die Bananen wollen sie mit Aufkleber sehen.

Jordi Saragossa

Es geht hier sehr früh los, weil wir alle morgens mit einem Bus zu den auf der Insel verteilten Startorten geshuttelt werden. Die erste Etappe startet um 7:30 Uhr in der alten Wehranlage von Sa Mola. Die Festung wurde im 14. Jahrhundert zur Abwehr von Piraten gebaut und später während des s panischen Bürgerkriegs als Kaserne genutzt. Die neutralisierte Startphase führt uns durch die engen Gassen der Festung, vorbei an den Verliesen, durch den Burggraben und raus auf die Straße, wo zwei Polizei-Motorräder auf uns warten, um uns ein Stück zu begleiten.

Die beiden Guardia Civil-Jungs hatten wohl zu viele Tour de France-Übertragungen im spanischen TV gesehen und so geben sie Vollgas und ziehen das Feld sofort komplett auseinander. David Muntaner mit seinen Regenbogen-Zierstreifen auf dem rechten Trikotärmel und ein paar weitere Top-Fahrer hängen den beiden Motorrad-Polizisten echt verdammt nah auf der Pelle. Morgens um acht Uhr bin ich noch nicht im Vollbesitz meiner Kräfte und so rudere ich auf einer der hinteren Positionen, um irgendwie dran zu bleiben.

Nach ein paar Kilometern geht es in den ersten Trail, ein Stück vom „Cami de Cavalls“, einen die Insel umrundenden Brachialpfad der übelsten Sorte. Für die Menorquiner ist diese humorlose Anreihung von Steinen, Wurzeln, Geröll und Pferdeäpfel-Haufen fast schon heilig. Im Temporausch der Führungsmotorräder haben die ersten 50 Biker den Mini-Richtungspfeil übersehen und gehen nun voll in die Eisen. Die Ersten auf einmal ganz hinten und ich nach einem beherzten Sprint auf einmal einer der Ersten im Cami de Cavalls.

Jordi Saragossa

Wenigstens virtuell in Führung

Auf so einem technischen Trail mit begrenzten motorischen Fähigkeiten auf einem Hardtail in erster Position eines Rennens zu landen, ist kein Spaß. Nach ein paar hundert Metern hatten die Profis von Esteve Bikes und Sancho Haibike mich auch schon in Blickweite. Rechts und links Steine, hektisch überholende Halbprofis und überforderte Amateure. Nach der dritten zu schnell gefahren Kurve ging es dann auch schon über den Lenker. Ein kleiner Abflug in einen Whirlpool großen Steinhaufen nach nur sieben Kilometern Rennen. Aufrappeln, Flaschen einsammeln, Knie checken, kurz um den gesplitterten Garmin trauern und wieder rauf aus Rad. Wenn morgens die Sonne noch nicht ganz aufgegangen ist und das Blut schon bis in die Socken läuft, stellt man sich wieder die berühmten Warum-Fragen:

Warum Hardtail? Warum am ersten Tag mit 200 steinigen Kilometern, die noch zu fahren sind, einen Abflug im Rockgarden? Warum nicht einfach Platz gemacht ,um die richtig großen Jungs ein bisschen auf dem Killer-Trail spielen zu lassen? Warum schon wieder eine verdammte Startnummer am Lenker befestigt?

Oriol Batista

Jordi Saragossa

Spätestens an der zweiten Verpflegung beim Wahnsinnsausblick auf Cala Macarella und die brünetten Mädels von der Organisation sind alle „Warums“ wieder vergessen. Das Rennen, ich hätte es wirklich wissen müssen, ist unfassbar Trail-lastig. 85 Prozent der Strecke sind nicht breiter als eine Luftmatratze. So stelle ich mir das BC Bike Race vor, nur anstatt Grizzly-Bären gibt’s hier höchstens hin und wieder ein paar entsetzte Schafe, die panisch vom Surren unserer Reifen flüchten. Bei solch technischen Strecken machen die Unrasierten mit Teleskop-Sattelstützen ausgerüsteten Enduro-Jungs einen großen Teil des Fahrerfeldes aus. So hart mein Teamkollege Ander und ich auch versuchen, uns in den Anstiegen von ihnen abzusetzen, hören wir sie in der nächsten Abfahrt von hinten kommen.

Ihre 140er-Gabeln und Dämpfer laben sich gierig schmatzend an den fetten Geröllbrocken und Wurzelfeldern, während wir den Hintern hochnehmen müssen, um dem „Sound of Freedom“ unserer DT Swiss-Freilaufe zu lauschen. Im Ziel in Mercadal sorgen die Unmengen von Läufern für ein super Ambiente. Jeder von den Typen, die die 52 Kilometer-Variante laufen, werden wie Transalp-Finisher frenetisch jubelnd empfangen. In dem inselweit bekannten Restaurant Moli Ventat gibt es Gambas, Muscheleintopf und Fleisch vom Grill. Unsere aus Mallorca mitgereisten Freunde köpfen eine Flasche Tinto nach der anderen, während Ander und ich uns ruhig verhalten und die zweite Lasagne verputzen, um bloß keine Energie zu verschwenden.

Der Co-Organisator als Startblock-Animateur

Die zweite Etappe beginnt mit einer Ansprache von „Dino“, der Spaßkanone der Epic Cami de Cavalls. Der großgewachsene, wohlbeleibte, in West-Coast-Rapper-Manier gekleidete Co-Organisator animiert uns um 7:45 Uhr den rechten Arm nach oben zu nehmen und im „8 Mile Style“ minutenlang zu Eminem-Songs zu wippen. One live, one oportunity… Das volle Programm zum Frühstück. Solche Show-Einlagen kann man auch wirklich nur bei Rennen mit zweistelligen Starterzahlen durchziehen. Die perplexen Gesichter der Pros sind die Startgebühr schon mehr als Wert.

Oriol Batista

95 Kilometer geht es abwechselnd über die Höllen-Trails des Cami de Cavalls und dann wieder auf Schotterpisten, „Camades“ nennen die Menorquiner solche mit dem Crosser entspannt fahrbaren Karrenwege. Im Ziel weit und breit kein Bike in Sicht. Beim Recovery-Kakao im Café neben dem Zielbogen sehen wir alle fünf Minuten einen in Tränen aufgelösten Trailrunner, der gerade acht Stunden über Stock und Stein gestolpert ist, ins Ziel kriechen. Um mit dem Bike diesen Kick zu bekommen, diesen herrlich-schummerigen Schleier vor den Augen, das Feeling hinter der Ziellinie zusammenzubrechen und eine Stunde lang nicht mehr aufzustehen, muss man mit steigendem Fitnesslevel wohl eher bei den richtig extremen Etappenrennen starten.

Auf der dritten Etappe klappern wir noch mal zwei der schönsten Buchten der Insel ab. Es geht zu Fuß im Laufschritt über den weißen Sand. Im Naturschutzgebiet Albufeira muss man sich wegen brütender Vögel ruhig verhalten. Das Wasser ist zu dieser Jahreszeit perfekt. Die meisten Postkartenfotos entstehen an solchen Frühlingstagen, wenn die Strandbars noch mit dicken Ketten verschlossen sind.

Das Epic Cami de Cavalls ist ein Etappenrennen zum Genießen. Je besser man fahrtechnisch drauf ist, desto heiler die Knochen und größer das Grinsen im Ziel.

Die nächsten Rennstarts sind schon in Planung, weite Strecken und Kilometer bis zum Umfallen stehen ganz oben auf meiner Wunschliste.


Hasta luego,
Alex

Igor Schifris Unser Marathon-Blogger Alexander (rechts) mit seinem Teampartner Ander.

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