Erst Pandemie, dann Havarie

Stefan Loibl

 · 30.03.2021

Erst Pandemie, dann HavarieFoto: Getty Images

Fast eine Woche blockierte das Containerschiff Ever Given den Suezkanal. Auch die Fahrradindustrie leidet unter den Folgen: Die Lieferengpässe für Bikes und MTB-Teile werden sich dadurch weiter verschärfen.

Zuerst die gute Nachricht: Die Fahrradindustrie boomt, trotz Corona, Shutdowns und Lockdowns. Im Jahr 2020 wurden laut den jüngsten Zahlen des Zweirad Industrie Verbands (ZIV) 17 Prozent mehr Fahrräder verkauft als im Vorjahr. Ein Rekordjahr, das Folgen hat. Denn die Produzenten von Rahmen, Gabeln und Anbauteilen in Fernost kämpfen mit Lieferschwierigkeiten (BIKE berichtete). Laut Szene-Insidern wird es bis zum Sommer 2021 dauern, bis große Hersteller von Schalt- und Bremskomponenten ihre Lieferschwierigkeiten wieder in den Griff bekommen. Gleichzeitig gefährdet der akute Komponenten-Mangel die Auslieferung von Komplett-Bikes und macht Verschleißteile zu Mangelware (>> Lieferengpässe bei Scott, Cube, Shimano, Sram & weiteren Herstellern).

Und nun verschärft auch noch ein auf Grund gelaufenes Containerschiff die angespannte Liefersituation der Fahrradindustrie. Fast eine Woche blockierte der Riesenfrachter „MV Ever Given“ die kürzeste Seeroute zwischen Asien und Europa. Nun ist eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt zwar wieder frei, doch es wird noch Tage dauern, bis sich der Rückstau von etwa 400 Schiffen an den beiden Seiten des Kanals aufgelöst hat. „Wir haben sowohl Fracht auf der 'Ever Given' als auch auf weiteren Schiffen, die durch die Blockade des Kanals festsaßen. Mit welchen Verzögerungen durch dieses Malheur zu rechnen ist, lässt sich nur schwer vorhersagen. Momentan sind die Häfen, z. B. Rotterdam, leer und haben dann in den kommenden Tagen und Wochen mit einem enormen Ansturm innerhalb kürzester Zeit fertig zu werden – wir müssen abwarten, wie gut das klappt. Außerdem haben manche Schiffe den Umweg über das Kap in Kauf genommen – diese werden also noch eine ganze Weile länger als geplant unterwegs sein“, sagt Thorsten Lewandowski von Canyon auf BIKE-Nachfrage. Deshalb werden nicht nur der Großhändler Hartje (SAZ berichtete) und Versender Canyon betroffen sein, die Container mit Fahrradteilen an Bord der Ever Given in Rotterdam erwarten. Auch viele andere Bike-Hersteller und Fahrradläden werden die Nachwirkungen in den nächsten Wochen zu spüren bekommen. Auch Cube hat uns gegenüber bestätigt, dass Lieferungen durch die Blockade verspätet eintreffen werden, das genaue Ausmaß sei jedoch noch nicht abzusehen. „Wir wissen von einigen Unternehmen, dass sie auf Waren warten, die derzeit im bzw. vor dem Suezkanal feststecken. Aber wir können nicht genau sagen, wie viele und welche Unternehmen der Fahrradindustrie betroffen sind. Es geht dabei ja nicht nur um das Schiff 'Ever Given', das noch größere Problem bilden ja die inzwischen mehr als 350 Schiffe, die sich an beiden Seiten des Suez-Kanals angestaut haben. Es ist davon auszugehen, dass sich auf diesen auch Waren für die Fahrradbranche befinden. Aber das genaue Ausmaß können wir nicht benennen“, sagt Anke Schäffner vom ZIV.

„Laut aktuellem Stand muss man wohl mit bis zu vier Wochen Verzögerung rechnen, da sich der Stau erst einmal auflösen muss und die Waren dann an den Häfen verladen werden müssen.“ (Anke Schäffner vom ZIV)

Die Suezkanal-Blockade kann man sich wie eine kurzzeitige Totalsperre auf einer vierspurigen Autobahn vorstellen. Selbst wenn danach zwei Spuren wieder befahrbar sind, dauert es relativ lange, bis sich der Rückstau aufgelöst hat.

  Etwa 400 Schiffe stauten sich an beiden Seiten des blockierten Suezkanals. Darunter befinden sich auch eine Menge Container mit Rahmen, Komponenten und Fahrradteilen, die Bike-Hersteller in Europa sehnlichst erwarten.Foto: Vesselfinder.com
Etwa 400 Schiffe stauten sich an beiden Seiten des blockierten Suezkanals. Darunter befinden sich auch eine Menge Container mit Rahmen, Komponenten und Fahrradteilen, die Bike-Hersteller in Europa sehnlichst erwarten.

Folgen der Blockade für die Bike-Industrie

Die Suezkanal-Blockade betrifft die gesamte Weltwirtschaft. Doch gerade für die boomende Fahrradindustrie ist der Zeitpunkt extrem ungünstig, da die Lager bereits vor der Havarie erschreckend leergeräumt waren. Zudem kämpfen Bike-Hersteller mit stark gestiegenen Fracht- und Lieferkosten für ihre Produkte aus Fernost. Bereits vor der Havarie war es etwa fünf Mal so teuer, einen Container nach Europa zu bringen als noch vor einem Jahr. Diese Kosten geben viele Hersteller an die Kunden weiter (>> Preise für 2021er-Bikes). Ob die Suezkanal-Blockade die Container-Frachtkosten weiter in die Höhe treiben wird und damit auch die Preise für Fahrräder, ist derzeit noch unklar. Fest steht aber, dass es einige Wochen dauern wird, bis sich die Lieferungen per Schiffsfracht wieder normalisiert haben. Denn aus einer Woche Verzögerung bei der Durchfahrt des Suezkanals können durch den Rückstau an Häfen und beim Entladen mehrere Wochen Verzug werden. „Die Häfen werden nun eine echte Welle von einlaufenden Schiffen managen müssen, das wird sicher zu weiteren Verzögerungen gegenüber der ursprünglichen Löschung der Ladungen mit sich bringen“, erklärt Thorsten Lewandowski von Canyon. Relativ optimistisch sieht es dagegen Anke Schäffner von der Interessensvertretung der Fahrradindustrie: „Die konkreten Auswirkungen sind im Moment schwer abzuschätzen. Natürlich warten die Unternehmen auf Teile für die Produktion. Das ist natürlich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich, je nachdem welche Teile auf den Schiffen tatsächlich sind und wie viel Vorrat in den Produktionsstätten noch vorhanden ist. Aber wir gehen im Moment nicht davon aus, dass dies große Störungen in den Produktionsstätten nach sich zieht.“

  Die meisten Fahrräder und Bike-Komponenten kommen per Schiffsfracht von Asien nach Europa. Als Reaktion auf die Lieferengpässe haben einige Hersteller auf Luftfracht umgestellt, um die leeren Lager aufzufüllen. Die ist im Vergleich aber deutlich teurer.Foto: Adobe Stock
Die meisten Fahrräder und Bike-Komponenten kommen per Schiffsfracht von Asien nach Europa. Als Reaktion auf die Lieferengpässe haben einige Hersteller auf Luftfracht umgestellt, um die leeren Lager aufzufüllen. Die ist im Vergleich aber deutlich teurer.

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