Das große “S” prangt in sattem Rot über dem Eingang. Was Besucher hier unweit des Silicon Valley in Morgan Hill erwartet, gleicht einer Art Vergnügungspark für Radfahrer. Ohne Registrierung, Profilfoto und Besucherausweis läuft nichts, denn wir werden gleich in die heiligen Hallen eines der renommiertesten Bike-Hersteller der Welt eintreten, um uns dort den gesamten Entwicklungsprozess vom Design bis zum Prototypenbau anzuschauen. Zunächst einmal aber folgt die Einladung in die Kantine. Hier kocht ein eigenes Team aus Köchen für die rund 200 Mitarbeiter am Standort. Der Specialized-Breakfast-Burrito schmeckt offensichtlich auch Freeride-Legende Matt Hunter, welcher sich kauend unter die Belegschaft gemischt hat.
Abgeholt werden wir von Robert Egger, einer weiteren Kultfigur des Firmenstandortes. Auf seiner Visitenkarte steht “Trouble-Maker”. Er ist der Daniel Düsentrieb des Specialized-Universums und bekannt für besonders wilde Kreationen. Er zeigt uns ein E-Bike im Militärs-Look, das er für Arnold Schwarzenegger designet hat und die Sonderanfertigung für Jason Momoa, dem Schauspieler von Aquaman. Als Vorlage diente dessen private Harley-Davidson-Sammlung, welche der Hawaiianer dafür extra nach Morgan Hill verschiffen ließ. Egger schwärmt von dieser Art der Inspiration und gibt einen Einblick in die kostspielige Welt der Stars: Ein Museum hatte für eine der Harleys zwischenzeitlich 750.000 US-Dollar geboten. Egger führt uns durch seine Sammlung aus verrückten Rennrad-Tandems und Meilensteinen der Bike-Entwicklung. Der Tüftler kreiert seit 40 Jahren außergewöhnliche Untersätze. Zum Anschluss der Tour durchs Disneyland für Radfahrer dürfen wir die Feuerwehr-Stange ins Untergeschoss hinabrutschen.
Die Geschichte von Specialized begann mit Mike Sinyard. Der heute 76-Jähre war in seiner Jugend nicht nur begeisterter Radfahrer, sondern auch bekennender Hippie. Er verkaufte seinen VW-Bus, um eine Europa-Reise zu finanzieren, wo er auf Cino Cinelli traf und ein Geschäft mit der italienischen Rennrad-Ikone einging. Daraufhin radelte Sinyard mit seinem Fahrradanhänger von Bikeshop zu Bikeshop durch Kalifornien und verkaufte importierte Ware. Der Legende nach gab es auch ein kleines Neben-Business mit Marihuana. 1974 gründete der Geschäftsmann im Alter von 24 Jahren Specialized Bicycles und leitet bis heute die Geschicke der Firma. Im hauseigenen Mini-Museum ist Sinyards alter Arbeitsplatz nachgebaut. Weil er kein Geld für einen Schreibtisch hatte, baute er sich aus einer alten Tür einen Ersatz. Schon wenige Jahre später machte das junge Unternehmen Gewinne in Millionenhöhe. Ausschlaggebend für den Erfolg war unter anderem das erste Serien-Mountainbike der Geschichte, das legendäre Specialized Stumpjumper von 1981.
Weiter geht die Tour durchs Specialized-Headquarter durch den riesigen Maschinenpark des Standorts in Morgan Hill. Auf großen CNC-Fräsen und 3D-Druckern entstehen hier die neusten Entwürfe der Entwicklungsabteilungen. Auf einer Werkbank liegt der Demo-Prototypenrahmen von Downhill-Tausendsassa Loic Bruni mit Carbonrohren und stark bearbeiteten Alu-Muffen. Die aktuellen Entwicklungsprojekte bleiben unter Decken vor den neugierigen Blicken der Besucher verborgen. Die Abteilung Ride Dynamics arbeitet in einem Raum, welcher mit seinen blitzblanken Edelstahloberflächen klinisch rein wirkt. Hier werden die Custom-Tunes für die Federelemente der Specialized Mountainbikes entworfen. Die Amerikaner setzen nicht, wie viele andere Hersteller, auf Standard-Komponenten von Rockshox oder Fox, sondern passen deren Verhalten auf ihre eigenen Bedürfnisse an.
Specialized ist eine der ganz wenigen Bike-Firmen weltweit, die einen eigenen Windtunnel betreibt. Er ist das Highlight der Führung und liegt gleich auf der anderen Straßenseite. “Aerodynamic is everything” prangt in großen Buchstaben an der Wand. Insgesamt bringen es die sechs Turbinen auf 450 PS. Betrieben wird die ganze Anlage komplett über Solarenergie aus der kalifornischen Sonne. Die Mitarbeiter im Windtunnel arbeiten eng mit dem firmeneigenen Body-Geometry-Team zusammen. Gemeinsam vermessen sie hier die Profi-Athleten von der Straße aber auch aus dem Mountainbike-Sport und ermitteln zum Beispiel, welchen aerodynamischen Unterschied ein längerer Vorbau machen kann. Sowohl das Cross-Country- als auch das Downhill-Team ist hier regelmäßig zu Gast. Den Windtunnel-Test müssen aber auch alle Helme mit dem Specialized-Logo durchlaufen. So kann ihre Thermodynamik vermessen und die Belüftung optimiert werden. Zum krönenden Abschluss dürfen auch wir die Kraft des Windes am eigenen Körper spüren. Was wäre das schließlich für ein Vergnügungspark, wenn man die Attraktionen nicht auch vorführen würde?
Specialized ist Kult und ein Besuch im Headquarter ein Must-Do auf jeder Kalifornien-Reise. Der Blick hinter die Kulissen macht klar, warum Specialized einige der erfolgreichsten Race-Teams der Welt ausstattet und der Weg vom kleinen Ein-Mann-Hippie-Unternehmen zu einem der bedeutendsten Bike-Hersteller der Welt ist filmreif. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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