Welcher Sattel ist der beste für MTB-Touren?

Stefan Frey

 · 04.05.2022

Welcher Sattel ist der beste für MTB-Touren?Foto: Wolfgang Watzke

Druckschmerzen, Taubheitsgefühle, Hautreizungen – das sind die häufigsten Anzeichen einer falschen Sattelwahl. Wie Sie die perfekte Sitzgelegenheit für Ihren Hintern finden, klären wir in unserem MTB-Satteltest.

Sie glauben, die Reifen seien das Tuning-Teil Nummer eins am Mountainbike? Falsch gedacht. Es sind auch nicht Griffe, Schläuche oder Schaltungskomponenten, sondern das unscheinbare schwarze Bauteil, das sich unter dem Hintern der Radfahrer versteckt. So mancher Kunde bringt zum Kauf eines neuen Bikes gleich seinen alten Sattel mit. Denn das ab Werk montierte Modell passt nur selten perfekt zur Anatomie des Fahrers. Der Reifendruck? Lässt sich einstellen. Das Fahrwerk? Ist mit wenigen Handgriffen abgestimmt. Doch der Sattel? Der passt entweder, oder er passt eben nicht.

Aus diesem Grund verzichten wir bei den Sätteln auch auf einen harten Vergleichstest. Denn, wo sich bei anderen Produkten die Tester häufig erstaunlich einig sind, stehen bei drei Probanden, die in der Regel jeden MTB-Sattel genau unter die Lupe nehmen, am Ende drei oft recht unterschiedliche Meinungen auf dem Zettel. Anatomie, Sitzposition, Beweglichkeit, Fahrstil – bei keinem anderen Bauteil spielen so viele individuelle Faktoren eine Rolle wie beim Sattelkauf. Um Ihnen dennoch einen Leitfaden an die Hand geben zu können, welcher der 14 MTB-Touren-Sättel in unserem Vergleich ein verlässlicher Partner für Sie sein könnte, haben wir jedes Modell aufwändig vermessen.

Eine spezielle Messfolie gibt Aufschluss darüber, welcher Sattel den Druck des Fahrergewichts am besten vom sensiblen Dammbereich fernhält. Mit einer eigens entwickelten Komfortmessung haben wir die Polsterhärte und die Dämpfungseigenschaften der Sättel ermittelt. Zudem finden Sie in den Testbriefen Angaben zur nutzbaren Breite des Sattels, einem der wichtigsten Werte überhaupt. Die Herstellerangabe bezieht sich in der Regel nämlich auf die tatsächliche Breite – zwei Angaben, die häufig stark voneinander abweichen. Auf welche Kriterien Sie beim MTB-Sattel außerdem achten müssen, erklärt Fitting-Expertin Franziska Schmidt von Gebiomized in unserer Kaufberatung. Doch auch wenn Sie alle Infos in diesem Artikel aufmerksam studieren: Um eine „Anprobe“ beim Händler werden Sie vermutlich nicht herumkommen. Denn der richtige Sattel ist ähnlich individuell wie der persönliche Fingerabdruck.

So haben wir getestet: Druckmessung

Um die unterschiedliche Druckverteilung auf den Testmodellen sichtbar zu machen, haben wir mit einer aufwändigen Mess-Software gearbeitet. Die Software samt Druckmessfolie wurde uns von der Firma SQlab zur Verfügung gestellt. Die Messungen wurden in unserem eigenen Labor vorgenommen. Um eine korrekte Sitzposition zu garantieren, nutzten die Tester ihre eigenen Räder. Die Sattelbreite wurde passend zum Sitzknochenabstand der Tester gewählt. Um die Laborwerte mit Praxiseindrücken abzugleichen, haben wir alle Sättel auf einer standardisierten Testrunde gefahren.

  So lesen Sie die Messbilder Die weiße Fläche bildet die belasteten Messpunkte ab. Je stärker die einzelnen Farben von weiß, grau, blau, grün bis hin zu gelb und rot tendieren, desto stärker die Belastung. Dabei sind starke Belastungen nicht unbedingt schlecht. SQlab (1) etwa konzentriert die Belastung beim 611 Ergowave Active ganz bewusst auf die Sitzknochen und entlastet damit Schambein und Dammbereich, während die Belastung beim Selle SMP (2) gleichmäßiger verteilt wird, um Lastspitzen zu vermeiden und damit Komfort zu erzeugen. Eine stärkere Belastung im Dammbereich und auf den Sitzbeinästen kann aber zu Taubheit oder sogar Sauerstoffunterversorgung der Genitalien führen.Foto: BIKE Magazin
So lesen Sie die Messbilder Die weiße Fläche bildet die belasteten Messpunkte ab. Je stärker die einzelnen Farben von weiß, grau, blau, grün bis hin zu gelb und rot tendieren, desto stärker die Belastung. Dabei sind starke Belastungen nicht unbedingt schlecht. SQlab (1) etwa konzentriert die Belastung beim 611 Ergowave Active ganz bewusst auf die Sitzknochen und entlastet damit Schambein und Dammbereich, während die Belastung beim Selle SMP (2) gleichmäßiger verteilt wird, um Lastspitzen zu vermeiden und damit Komfort zu erzeugen. Eine stärkere Belastung im Dammbereich und auf den Sitzbeinästen kann aber zu Taubheit oder sogar Sauerstoffunterversorgung der Genitalien führen.

So haben wir getestet: Komfortmessung

Den Sattelkomfort haben wir auf einem eigens entwickelten Prüfstand von Dipl.-Ing. Robert Kühnen gemessen. Ein Dummy mit Sitzknochen und Schambein wurde hierfür auf den Testsätteln platziert und mit 500 Newton belastet, um das Einsinken im Sattel zu simulieren. Eine zweite Messung mit 1500 Newton ermittelte den Komfort beim Überfahren eines Hindernisses. Die Werte zeigen zum einen die generelle Härte des Sattelpolsters, zum anderen die Fähigkeit von Sattelgestell, Sattelschale und Polster, Stöße während der Fahrt zu dämpfen.

  Auf diesem Prüfstand im BIKE-Testlabor haben wir die Härte des Sattelpolsters und den Komfort der MTB-Sättel bei Stößen gemessen.Foto: Robert Kühnen
Auf diesem Prüfstand im BIKE-Testlabor haben wir die Härte des Sattelpolsters und den Komfort der MTB-Sättel bei Stößen gemessen.

Ergon SM Pro Men

Der SM Pro ist sportlich bis komfortabel gepolstert und spricht Racer wie Tourer gleichermaßen an. Der flache Sitzbereich erlaubt leichte Positionswechsel. Die Sitzknochen finden ausreichend Platz, eine passende Position ist auf dem Sattel schnell gefunden. Das leicht ansteigende Heck gibt dem Fahrer Halt in steilen Anstiegen. Auf der breiten, komfortablen Nase lassen sich auch lange Anstiege entspannt erkurbeln. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Der Druck lastet sauber auf den Sitzknochen, die leichte Vertiefung hält den Dammbereich auch in der Bergaufposition noch frei.

Fizik Terra Argo X5

Mit seinem v-förmigen Shape und der breiten Nase ist der Fizik eine gute Wahl für Biker, die eher auf den Schambeinkufen sitzen. Doch auch die Sitzknochen werden breit abgestützt. Fahrer mit dicken Oberschenkeln stoßen leicht an die ausladenden Flügel, das Padding ist eher straff und kann an den kantigen Seiten der Aussparung auf Dauer drücken. Die kurze Nase schränkt die Kletterposition etwas ein. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Die breite Vertiefung und die leicht geschwungene Form sorgen dafür, dass der Damm auch in der Kletterposition frei bleibt.

Natural Fit Venec WS

Schon beim Aufsitzen sinkt man tief in das weiche Polster des Venec – das ist Anfangs bequem, kann auf Dauer aber zu erhöhtem Druck im Dammbereich führen. An den breiten Flügeln stießen die Oberschenkel der Testfahrer an, die stark abfallende Form schränkt die Auflage für die Sitzknochen ein. Eigentlich ein Damenmodell, doch auch die männlichen Tester kamen auf kurzen Strecken gut damit zurecht. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Trotz breitem Entlastungs-Channel bleibt der Damm nicht ganz druckfrei, was vor allem am Einsinken in das weiche Polster liegt.

Pro Falcon Gel

Mit seiner straffen Polsterung ist der Falcon eher ein Sattel für sportliche Mountainbiker. Die ebene Sitzfläche bietet den Sitzknochen eine breite, solide Unterstützung, die lange, schmale Nase Platz für die Oberschenkel und für Positionswechsel in langen Anstiegen. Aufgrund des flachen Hecks muss der Fahrer die Haltearbeit jedoch selbst übernehmen – eine Stütze nach hinten fehlt. Das kann im Anstieg anstrengend werden.

Druckverteilung: Die flache Form verteilt den Druck zwischen Sitzbeinhöcker und Schambeinkufen; die Mitte wird trotz Aussparung nicht voll entlastet.

Procraft Sattel Carbon II

Mit Abstand der leichteste Sattel im Test und auch noch preislich attraktiv. Aufgrund seiner Form ist der Procraft aber nur für sehr sportliche, unempfindliche Fahrer empfehlenswert. Der schmale Form und die starke Wölbung bieten nur wenig Platz, man sitzt wie festgebacken, ein Wechsel der Position ist kaum möglich. Im Gegensatz zu den Ergo-Sätteln lastet schon in der Ebene viel Druck auf dem Damm. Im Anstieg war der Sattel etwas rutschig.

Druckverteilung: Fast der gesamte Druck lastet auf den Schambeinbögen, zusätzlich wird der Dammbereich stark belastet.

Prologo Dimension NDR

Extrem kurz und eher straff gepolstert. Die flache Sitzfläche und das leicht ansteigende Heck geben guten Halt und ausreichend Platz für die Sitzknochen. Der Positionswechsel im Anstieg ist durch die kurze Nase eingeschränkt. An den Rändern des Cutouts können Druckstellen entstehen. Die schmale Bauart lässt auch muskulösen Oberschenkeln Platz. Aufgrund der gewölbten Form ist der Sattel etwas schwer einzustellen. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Das Fahrergewicht lastet sauber auf den Sitzknochen, die Ränder der Aussparung verursachen auf Dauer Druckstellen.

Ritchey Comp Trail

Der Ritchey ist zwar an sich ganz passabel gepolstert und erzeugt kaum Druckspitzen, durch die schmale Form und die abfallenden Flanken passt er aber nur zu sehr schmalen Sitzknochenabständen. Zudem drückt die erhabene Mitte ohne Channel bereits in aufrechter Haltung auf den Damm und erzeugt so Druckstellen. In sportlicher Haltung erhöht sich dieser Druck noch. Die flache Form gibt wenig Halt nach hinten.

Druckverteilung: Durch die stark gewölbte Bauweise lastet viel Druck im Dammbereich. Deshalb unser Fazit: nur empfehlenswert für unempfindliche Fahrer.

SDG Bel Air 3.0

Der Bel-Air besitzt eine bewährte und klassische, eher lange und schmale Form. Die Sitzknochen sind hier gut abgestützt, die minimale Vertiefung kann den Damm aber nicht voll entlasten. Aufgrund der geraden Form ohne Welle ist der SDG leicht einzustellen. Das ansteigende Heck bietet guten Gegenhalt in Anstiegen, Schale und Polster fallen recht straff aus und dämpfen kaum. Der Sattel ist auch mit Titan- oder Carbon-Gestell erhältlich.

Druckverteilung: Der SDG stützt das Gewicht zwar breit auf dem Heck ab, kann den Dammbereich aber nicht vollständig entlasten.

Selle Italia X-Bow Ti316 Superflow

Die Italiener geben alles, um maximalen Komfort aus dem X-Bow zu kitzeln: große Aussparung, flexende Sattelschale, Stoßdämpfer und weiches Polster. In der Praxis geht das Konzept auf. Dank breiter Sitzfläche und bequemer Nase kann der X-Bow für Sitzknochen- und Schambeinbelaster gleichermaßen funktionieren. Etwas kurz, wenn man im Anstieg gerne weit vorrutscht, zudem ist die Spitze der Sattelnase überraschend hart. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Der Großteil des Gewichts lastet auf den Sitzknochen. Der Sattel funktioniert auch für Schambeinbelaster und in sportlicher Haltung.

Selle SMP Hybrid

Schon beim ersten Aufsitzen sinkt man in das knuffige Polster wie in ein Plüschsofa. Dadurch verteilt sich zwar die Last großflächig, doch nach wenigen Kilometern steigt der Druck an den Rändern der Aussparung spürbar an. Durch die stark geschwungene Form ist der Selle SMP schwer auszurichten, bietet dafür aber guten Halt im Anstieg. Auch aufgrund des hohen Gewichts nicht die erste Wahl für sportlich orientierte Touren-Biker. >> z. B. hier erhältlich.

Druckverteilung: Das weiche Polster verteilt den Druck großflächig, jedoch bietet der Sattel wenig Platz für die Sitzknochen. Die Testpersonen empfanden ihn als unangenehm an den Rändern der Aussparung.

Specialized Power Arc Expert

Der straff gepolsterte Power Arc Expert ist ein Top-Sattel für sportliche und eingesessene Fahrer. Eine passende Position ist schnell gefunden, die Sitzknochen finden gut Platz, das Heck stützt beim Treten gut ab. Der Dammbereich wird sauber entlastet, ohne dass dabei Druckstellen entstehen. Die schlanke Form passt auch zu strammen Oberschenkeln, die kurze Nase schränkt im Anstieg die Positionswechsel etwas ein. >> z. B. hier erhältlich*.

Druckverteilung: Die Druckspitzen sind auf die harte Polsterung zurückzuführen, treten aber nur an den Sitzknochen auf. Der Damm bleibt druckfrei.

SQlab 611 Ergowave active 2.1

Das Stufenkonzept des Ergo-Herstellers geht voll auf: Hier wird der Damm vollständig entlastet – selbst im Anstieg. Der überarbeitete 611 ist hochwertig verarbeitet, an den Flanken geschützt und straff gepolstert. So funktioniert er selbst auf langen Ausfahrten optimal. Die hintere Stufe erzeugt viel Gegenhalt, die Active-Funktion dämpft spürbar, der seitliche Flex entspannt den Rücken. Die richtige Neigung ist etwas schwer zu finden. >> hier erhältlich*.

Druckverteilung: Hohe Druckspitzen, aber ausschließlich an den Sitzknochen, durch die Stufe und den Channel wird der Damm ideal entlastet.

Terry Fly Arteria Gel

Mit dem Fly Arteria hat Terry einen komfortablen und gut dämpfenden Langstreckensattel im Programm. Das breite, flache Heck bietet viel Fläche, um auch mal die Position zu wechseln. Auch hier lastet der Druck nahezu optimal auf den Sitzhöckern, und auch auf der Sattelnase bleibt der Damm frei. Druck an den Kanten der Aussparung wurde nicht bemängelt. Der Terry ist durch seine flache Form einfach auszurichten. >> hier erhältlich*.

Druckverteilung: Gute Abstützung auf den Sitzbeinhöckern, auch bei rotiertem Becken bleibt der Damm frei. Es traten keine Druckstellen an der Aussparung auf.

WTB Volt

Der absolute Klassiker im WTB-Sortiment bietet durch die leichte Wellenform ordentlichen Halt nach hinten, ist aber etwas schwierig einzustellen. Der Druck im Dammbereich lässt sich auch mit der richtigen Einstellung nicht vollständig ausmerzen. Das sehr weiche Padding filtert kleine Unebenheiten weg, dafür sinkt man tief darin ein. Lange, breite Nase, aber sehr beschränkter Verstellbereich am Gestell. >> hier erhältlich*.

Druckverteilung: Das weiche Polster verhindert Druckspitzen und verteilt die Last großflächig. Jedoch wird der Dammbereich wird nicht optimal entlastet.

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