Wirklich so anders?Radial-Reifen im Lesertest

Adrian Kaether

 · 12.08.2026

Wie groß ist der Grip-Vorteil auf dem Trail wirklich? Bei unserem Trailcamp in Kaltern testen ganz normale Mountainbiker die neuen Radial-Reifen von Schwalbe.
Foto: Adrian Kaether, Georg Grieshaber
Gleiches Profil, gleicher Gummi, mehr Grip? Mit radialen Reifen will Schwalbe Mountainbike-Pneus revolutionieren. Aber spürt man den Grip-Vorteil wirklich? Drei Lesertester machen beim EMTB Trailcamp in Kaltern den Praxis-Check.

Themen in diesem Artikel

BIKE Fazit zum Lesertest

Unser Lesertest dient als Abgleich von theoretischen Vorteilen und praktischer Relevanz auf dem Trail. Dabei überrascht das hohe Maß an Fahrsicherheit, das die Tester einstimmig und auch ohne perfekt kontrollierte Testbedingungen, schnelle Wechsel oder einen Blindtest zu Protokoll geben. Für uns lässt das den klaren Schluss zu: Der Effekt von Radial ist auch im Trail-Alltag und für normale Mountainbiker deutlich spürbar. Theoretische Nachteile wie Rollen oder ein schwammiges Handling fallen dagegen kaum ins Gewicht. Komfort und Grip sind den Testern offenbar deutlich wichtiger. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik

Nie mehr Rutschen?!

Der Wald dampft. Der erste Tag beim EMTB Trailcamp war sonnig und schön, aber nachts hat’s geregnet und jetzt ist der Wald eine Waschküche, unser schmaler Uphill-Pfad zu einer glitschigen, braunen Spur aufgeweicht. Erst eine enge Rechts-Kehre, dann steil bergauf durch eine Schikane in eine enge Links. Rrrtsch geht sein Hinterrad durch, Tester Klaus vor mir flucht. Ausgerechnet den einen glattpolierten Stein hat er erwischt und dann war’s das mit dem Vortrieb.

Ein Dämpfer gleich zu Beginn unseres Lesertests? Nein, denn dass man mal die Linie nicht so gut trifft, das passiert. So ist Mountainbiken eben. Und auch wenn radiale Reifen das neue Nonplusultra im Gelände sein sollen: Zaubern können sie natürlich auch nicht.

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​30 Prozent mehr Grip: Warum Radial-Reifen besser greifen sollen

Aber darum soll es genau gehen heute: Werden radiale Reifen am Mountainbike zum Standard werden? Wie groß sind die Vorteile in der Praxis wirklich, wie relevant die Schwächen? Wie sich Radial-Reifen im direkten Testvergleich schlagen, haben wir von der BIKE-Redaktion schon herausgefunden. Unser Fazit damals: Der größere Fußabdruck bringt mehr Grip und das ist auf dem Trail ein klarer Vorteil. Auch der Komfort wird durch die nachgiebigere Reifen-Konstruktion spürbar verbessert.

Fakt ist: Die Aufstandsfläche bei einem Mountainbike, also die Kontaktfläche zwischen Reifen und Untergrund, ist ziemlich klein. Nur wenige Quadratzentimeter Gummi entscheiden über Sturz oder Fahrspaß. Die Idee bei radialen Reifen ist, diese Kontaktfläche durch einen besonderen Reifenaufbau etwas zu vergrößern.

Eine Frage der Ausrichtung: Was Radial-Reifen anders machen

In einem normalen (diagonalen) Reifen laufen die Karkassenfäden als tragendes Skelett des Reifens 90-Grad über kreuz. Das ergibt ein Rautenmuster auf der Lauffläche. In einem Radialreifen stehen die Karkassenfäden in einem flacheren Winkel zueinander. Sie laufen fast parallel. So ist es zum Beispiel bei Autoreifen, wo die Karkassenfäden sogar ganz parallel zueinander laufen können. Und auch Motorräder haben solche radialen Reifen, seit Helmut Dähne sie auf der Nordschleife perfektioniert hat. Damals ein Game-Changer aber eine andere Geschichte.

Der Effekt ist immer derselbe. Durch die stärker parallel laufenden Fäden in der Karkasse ist die Lauffläche des Reifens nicht so steif und kann sich besser an den Untergrund anschmiegen. Bei identischem Luftdruck vergrößert sich die Aufstandsfläche des Reifens und damit auch der Grip auf dem Trail um rund 30 Prozent. Alle Basics zu Radial-Reifen am Mountainbike könnt ihr hier nochmal nachlesen.

Das ist der ganze Zauber: Größere Aufstandsfläche dank Radialkarkasse bedeutet auch - mehr Grip!Foto: SchwalbeDas ist der ganze Zauber: Größere Aufstandsfläche dank Radialkarkasse bedeutet auch - mehr Grip!

Rollwiderstand, Pannenschutz, Reichweite: Die Nachteile von Radial

Das Beispiel Auto und Motorrad zeigt, die Idee radialer Reifen ist nicht neu. Dennoch ging Schwalbe erst kürzlich mit dem ersten radialen MTB Reifen in Serie. Auch weil bis dahin die Skepsis überwiegte, besonders was den Rollwiderstand angeht. Der spielt natürlich bei einem nur mit Muskelkraft betriebenen Fahrrad eine deutlich größere Rolle, als bei Auto oder Motorrad. Auch beim Pannenschutz gab es Bedenken, weil der weichere Reifen Schlägen tendenziell nicht so viel entgegensetzen kann.

Akkupower über Effizienz

Bei unserem EMTB Trailcamp hat leichtes Rollen allerdings auch eine untergeordnete Priorität. Mit vielen Höhenmetern auf wenigen Kilometern, Akku-Unterstützung und anspruchsvollen Trails kreuzen unsere Leser-Tester andere Faktoren auf der Prioritäten-Liste an. Fahrsicherheit und Traktion stehen an erster Stelle. Und genau hier können die Radial-Reifen punkten.

Lesertester Klaus schiebt nochmal zurück. Im zweiten Anlauf schafft er das rutschige Steilstück. Vielleicht war es Glück, Eine bessere Körperposition auf dem Bike oder eine bessere Linie. Aber die Indizien, dass unsere Lesertester den Vorteil von Radial spüren, häufen sich.

So haben wir getestet

Drei Tester haben wir uns bei unserem EMTB Trailcamp in Kaltern ausgesucht, die für uns und mit uns die radialen Reifen ausprobieren. Vom versierten Tech-Freak bis zum gelegentlichen Trail-Fahrer reicht die Spannbreite. Zwei von drei Fahrern haben sogar schon Erfahrung mit Radial-Reifen sammeln können, waren aber wegen teils schwammigem Fahrgefühls nicht nur begeistert.

Am ersten Fahrtag konnten sich die drei Kandidaten nochmal auf ihren gewohnten Reifen auf die Südtiroler Trails einschießen. Allen dreien montieren wir dann neue Radial-Reifen von Schwalbe zum Vergleich, jeweils auf ihren Einsatzzweck abgestimmt. Leser Michael bekommt also schwere Gravity Pro Reifen als Ersatz für Assegai DD und Magic Mary Supergravity. Bei Leser Marko soll ein gemäßigter Romy Radial vorne etwas mehr Sicherheit bringen als der Nobby Nic mit Diagonalkarkasse vorher. Tester Klaus bekommt eine mittelschwere Kombination mit schnellerem Romy hinten und dem neuen Tacky Chan vorne zugeteilt.

Weniger ist mehr: Luftdruck niedrig, auch mit Radial

Auffällig: Alle drei Leser-Tester bevorzugen auch mit der Radial-Karkasse einen niedrigen Luftdruck. Zum Klischee vom schwammigen und unpräzisen Handling von Radial-Reifen geben sie in unserem Test nichts mehr zu Protokoll, obwohl das zweien von ihnen in vorigen Erfahrungen schon aufgefallen war. Das dürfte auch daran liegen, das Schwalbe speziell bei der extra schweren Gravity Pro Version noch einmal nachgebessert hat. Steifere Seitenwände sollen auch bei radialem Aufbau und niedrigem Luftdruck ein präzies Handling erhalten.

Eine Rechnung, die zumindest beim Trailcamp für unsere Tester voll aufgeht. Alle drei geben in der ersten Feedbackrunde mit einem noch höherem Luftdruck Positives ins Protokoll. Erst der Wechsel auf Drücke um 1,5 Bar bringt aber Begeisterung ins Spiel. “Hätte ich nicht gedacht, dass der Reifen so einen Unterchied macht,” sagt Lesertester Marko, der sonst vor allem auf gemäßigten Touren unterwegs ist.

Experimentieren lohnt sich

Wo beim Luftdruck der Sweet-Spot liegt, dürfte auch stark von Gewicht und Einsatzzweck abhängen. Schwere Piloten, die im Bikepark voll stehen lassen, brauchen sicher deutlich mehr Druck als vorsichtige Fahrer auf natürlichen Trails. Etwas zu experimentieren lohnt sich aber in jedem Fall.

Zurück auf dem Trail: Steil und steinig windet sich der Karrenweg zur weithin sichtbaren Leuchtenburg über dem Kalterer See hinauf. Klares E-Bike Terrain. Bei den dicken Wackern kann man mit dem normalen Mountainbike nur noch schieben. Es ist der letzte Tag des EMTB Trailcamps und auch hier können die Radial-Reifen noch einmal ihre Stärken ausspielen. “Es ist schon deutlich spürbar. Gerade die Kombination aus niedrigem Luftdruck und Radial,” fasst Tester Michael seinen Eindruck zusammen. “Für mich die neue Zauberklasse”.

“Unheimlich viel Sicherheit”: Das Fazit der Lesertester

Hätte ich nicht gedacht, dass der Reifen so einen Unterschied macht! Mein Rad wird auch als Familienkutsche für Touren mit Kinderanhänger genutzt. Da hat der Nobby Nic von Cube ab Werk immer gut gepasst. Der neue Romy Radial vorne gibt mir aber richtig viel Vertrauen. Da kann ich einfach drüberrollen lassen und es rutscht nichts und bricht nichts aus. Fahrgefühl definitiv sicherer. Hinten war noch der alte Reifen drauf. Das hat man dann im Vergleich schon gemerkt. Hier denke ich jetzt über ein Upgrade nach, auch wenn normale Touren auf Schotterwegen wahrscheinlich im Alltag weiterhin die größere Rolle spielen werden. – Marko aus dem Schwarzwald

Marko aus dem Schwarzwald ist sonst eher gemütlich auf Turen mit der Family unterwegs.Foto: Adrian KaetherMarko aus dem Schwarzwald ist sonst eher gemütlich auf Turen mit der Family unterwegs.

Mir geben die Reifen unheimlich Sicherheit, auch auf verblockten Trails. Die Traktion ist spürbar stark und macht es mir in schwierigem Gelände sehr leicht. Negatives im Rollverhalten oder bei der Reichweite hab ich jetzt nicht bemerken können. Mein Rotwild kam ab Werk übrigens schon mit Radial Reifen. Die Albert Trail musste ich aber mit etwas höherem Luftdruck fahren als gewohnt. Die neuere Tacky Chan / Romy Kombo verträgt deutlich weniger Luft, ohne schwammig zu werden und setzt da für mich in Sachen Grip nochmal einen drauf. - Klaus aus Nordbaden

Klaus aus Nordbaden fährt ein Rotwild R.EX und ist gerne auch auf anspruchsvollen Trails damit unterwegs.Foto: Carsten MathiaszykKlaus aus Nordbaden fährt ein Rotwild R.EX und ist gerne auch auf anspruchsvollen Trails damit unterwegs.

Ich hab über Jahre viel ausprobiert in Sachen Reifen. Ganz viel Grip und niedriger Luftdruck, das taugt mir. Der Radial-Reifen bietet hier wirklich einen super Komfort und eine hohe Traktion. Das Highlight für mich ist, dass ich mit der neuen Gravity Pro Karkasse jetzt wieder auf meinen niedrigem Luftdruck 1,0/1,2 heruntergehen kann, ohne dass sich der Reifen schwammig anfühlt oder seitlich Milch austritt. Für mich die neue Zauberklasse. – Michael aus Graz

Und das sind die Tester: Michael aus Graz fährt ein Levo 4 von Specialized mit einigen Spezial-Parts.Foto: Carsten MathiaszykUnd das sind die Tester: Michael aus Graz fährt ein Levo 4 von Specialized mit einigen Spezial-Parts.

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Kommentare

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Adrian Kaether fährt am liebsten Mountainbikes auf rumpeligen Enduro-Strecken. Der Tech-Experte und Bike-Tester kennt sich aus mit Newtonmeter und Wattstunde, High- und Lowspeed-Dämpfung. Als Testleiter bei MYBIKE schaut Adrian auch gerne über den Tellerrand und testet Cargo-Bike und Tiefeinsteiger ebenso, wie die neuesten (E-)MTBs.  

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