Die Versprechen von TPU-Schläuchen klangen wie Musik in meinen Ohren: geringes Gewicht, hoher Pannenschutz und leichtes Rollen - und das alles, ohne den Hassel und die Panscherei von Tubeless-Systemen. Ich fühlte mich wie im siebten Biker-Himmel, denn das war alles, was ich mir für den Einsatz an meinem Trailbike schon immer gewünscht hatte. Eigentlich bin ich absoluter Tubeless-Verfechter, denn mein Bike soll mich effizient von einem Trail zum nächsten bringen. Außerdem schätze ich einen geringen Luftdruck wegen besserer Dämpfung und höherem Grip, möchte aber nicht vor jedem Steinchen aus Angst vor der nächsten Panne zusammenzucken.
Wirklich nervig - und das, obwohl die Montage dank moderner High-Flow-Ventile oder Hilfsmitteln wie dem Tubeless Conversion Kit von Milkit heute wesemtlich einfach abläuft - fand ich allerdings Setup und Service der Tubeless-Systeme. Ständig diese Fragen: Ist noch genügend Dichtmilch im Reifen? Ist die Milch noch flüssig oder längst eingetrocknet? Und dann erst die Sauerei, wenn man doch mal einen Schlauch bei einer Panne einziehen muss. TPU klang wie das Heilmittel für all meine Probleme. Doch was macht TPU-Schläuche eigentlich so besonders?
TPU-Schläuche (bekannt durch Marken wie Aerothan, Tubolito oder Revoloop) brechen mit der Tradition des schwarzen Gummis. Das Material ist deutlich dünner, leichter und dennoch erstaunlich widerstandsfähig. Während ein Standard-Butylschlauch für das Mountainbike gerne 150 bis 200 Gramm auf die Waage bringt, wiegen TPU-Pendants oft nur 40 bis 100 Gramm.
Um dir die Einordnung und die Wahl des besten Systems für dich persönlich zu erleichtern, hilft ein direkter Vergleich der drei Varianten:
| Butyl-Schlauch | TPU-Schlauch | Tubeless-System | |
| Gewicht | Hoch | Extrem niedrig | Niedrig (trotz Milch) |
| Rollwiderstand | Hoch | Niedrig | Sehr niedrig |
| Pannenschutz | Basis | Gut (Durchstich) | Exzellent (Selbstheilung) |
| Preis | Sehr günstig | Teuer | Mittel bis Teuer |
| Wartung | Minimal | Minimal | Hoch (Milch nachfüllen) |
| Montage | Einfach | Vorsicht geboten | Anspruchsvoll |
Trotz der vielversprechenden Eigenschaften wurde ich nie so wirklich warm mit den neuen TPU-Schläuchen. Das fing schon bei der Montage an. Etwas zu fest aufgepumpt, und der Schlauch wölbt sich wie eine Boa Constrictor, die gerade einen Hasen verspeist hat. Mit weniger Luft lässt sich der Schlauch aber nur schwer über die Felge ziehen und man muss beim Aufziehen des Reifens höllisch aufpassen, um den Schlauch nicht am Felgenhorn zu quetschen.
Auch wenn der Pannenschutz im Labor recht hoch ausfällt, bleiben die TPU-Schläuche in der Praxis doch recht anfällig. Kleine Schmutzpartikel zwischen Reifeninnenseite und Schlauch können das Material in kürzester Zeit aufreiben. Pöff, und raus ist die Luft. Zudem verloren unterschiedliche Exemplare auf unerklärliche Weise komplett die Luft. Während der Fahrt war noch alles OK, doch vor der nächsten Tour hing das Bike platt am Haken in der Garage. Ein Loch oder ein Defekt an der Verklebung des Ventilschafts? War nicht auszumachen.
Das Problem: Das Material verlangt nach extrem hoher Fertigungsqualität. Unsere Messungen bescheinigen den meisten Testkandidaten zwar eine hohe Güte. Abweichungen in der Materialdicke können in der Praxis aber - und diese Erfahrung musste ich bereits häufiger machen - zu plötzlichem Luftverlust führen.
In der Theorie wirken TPU-Schläuche wie das Nonplusultra für den Reifen. Doch Laborwerte sind leider nur die halbe Wahrheit. In der Praxis konnten mich die leichten Kunststoff-Schläuche nicht überzeugen. Sie sind wie kleine Diven, zickig, kompliziert und unter der dicken Schicht Make-Up bröckelt die Fassade. Im Praxiseinsatz ist mir das System zu unzuverlässig. Spontanen Luftverlust kann ich auf einer Tour überhaupt nicht gebrauchen. Als leichter Ersatz-Schlauch für Marathon-Races oder Gravel-Touren, bei denen geringes Gewicht eine entscheidende Rolle spielt, können die TPU-Schläuche ein Alternative sein. Doch zuhause angekommen wandern sie zumindest bei mir wieder zurück in die Hip Bag oder ins Staufach meines Fahrrads.

Redakteur