Laurin Lehner
· 10.08.2026
Echte Innovationen sind rund 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads rar. Als echte Gamechanger galten Carbon als leichter Werkstoff, Vollfederung, die Variostütze, Einfachantrieb, moderne Geometrien oder eben die großen 29-Zoll-Laufräder. „Und K.I.S. ist da auch irgendwo dabei", sagt Diplomingenieur Robert Kühnen.
Der K.I.S.-Verfechter kann sich nicht erklären, warum sich das System nicht durchgesetzt hat. Die Idee: Das Lenk- system sorgt für mehr Laufruhe bei hohem Tempo und will so das Fahren auf anspruchsvollen Trails einfacher machen.
2022 zeigte Erfinder und Syntace-Gründer Jo Klieber das System der Fahrradwelt. Er wollte damit auch die negativen Seiten flacher Lenkwinkel eliminieren. Die Fachpresse zeigte sich zurückhaltend bis begeistert. Auch der damalige BIKE-Testchef Peter Nilges sah deutliche Vorteile im System. Positive Effekte spürte jeder – mal mehr, mal weniger. Doch natürlich gab es auch kritische Stimmen nach dem Motto: Lenken kann ich schon – und bitte kein weiteres Bauteil am Rad.
Die große K.I.S.-Welle blieb aus Der Versender-Riese Canyon sicherte sich die Rechte für ein Jahr, verbaute das System in hubstarken Bikes – und tut dies bei vielen Modellen bis heute. Andere Hersteller zogen nicht nach. „Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich K.I.S. nicht durgesetzt hat - zudem haben es Innovationen schwer, die sich im Racing nicht etablieren", sagt Konstrukteur und Bike-Visionär Peter Denk. Sein Fazit nach einer kurzen K.I.S.-Erprobungsfahrt: Kann man haben, muss man aber nicht.
XCO-Ass und Canyon-Rider Luca Schwarzbauer soll sich nach Erprobungsfahrten K.I.S. für sein Race-Fully Lux gewünscht haben. Auf Anfrage bei Canyon, welche Rolle K.I.S. in Zukunft spielen wird, heißt es: „Bei unseren neuesten Modellen stellen wir Fahrer noch konsequenter in den Mittelpunkt. Deshalb setzen wir künftig voll auf unkomplizierte Einfachheit, maximale Performance und puren Fahrspaß.“ Vielleicht ein Hinweis darauf, dass Canyon bald ohne K.I.S. plant. So kann man es zumindest verstehen.
„Das System hat so viele Vorteile und würde sogar in Rennrädern und Stadt- und City-Bikes Sinn machen“, behauptet Kühnen. Er hat es in einem Rennrad mit Aero-Lenker ausprobiert. Ohne K.I.S. fällt es dort besonders schwer, ohne Schlangenlinien geradeaus zu fahren – mit K.I.S. hat's funktioniert. Selbst Kritiker Denk kann sich hier einen positiven Effekt vorstellen. Einen weiteren Einsatzbereich sieht Kühnen in Stadt- und Citybikes. „Die Lenkgeometrien dieser Räder sind oft ohnehin zu nervös – viele Nutzer eher ungeübt. Mit K.I.S. würde sich das Fahrverhalten massiv beruhigen", so Kühnen.
Laut unseren Informationen sollen Hersteller auch in diesem Bereich damit experimentiert haben – ob sich jemand noch einmal einen Relaunch mit K.I.S. traut, erscheint eher unwahrscheinlich.
K.I.S. war eine Zeit lang exklusiv bei Canyon erhältlich, danach für alle Hersteller. Aber niemand sonst ist nachgezogen. Warum nicht?
Gute Frage. Ich kenne K.I.S. sehr gut und schätze die Vorteile. Die mediale Resonanz war überwiegend positiv und das Konzept gewinnt an Fahrt – ob andere Hersteller die Syntace-Lizenz kaufen, weiß ich nicht. Man muss es am Ende aber selbst testen, um die Vorteile zu spüren – gerade wenn es um neue Technologien geht.
In welche Bikes baut ihr K.I.S. ein und gibt es auch Modelle ohne?
Wir haben K.I.S. in Modellen wie dem Spectral:ONfly, Spectral, Strive:ON und Sender verbaut. Wer das System nicht nutzen möchte, findet bei uns einfache Anleitungen zum Ausbau. Bei unseren neuesten Modellen stellen wir Fahrer noch konsequenter in den Mittelpunkt. Deshalb setzen wir künftig voll auf unkomplizierte Einfachheit, maximale Performance und puren Fahrspaß.
Verrückt, oder?
Ja, denn der Vorteil ist definitiv da. Unser Cross-Country-Weltcup-Fahrer Luca Schwarzbauer hat es ausprobiert und hätte es auch gern auf seinem XC-Racebike gefahren. Ähnliches Feedback kam auch von unseren Straßen-Athleten.
Was hältst du persönlich von K.I.S.?
Ich spüre die Vorteile deutlich. Das Vorderrad stellt sich immer wieder in die neutrale Position zurück. Dadurch kann ich die optimale Linie besser halten – egal ob bei Highspeed, bergauf oder in sogenannten Off-Camber-Situationen. Wenn ich danach wieder ein Bike ohne K.I.S. fahre, fühlt es sich im ersten Moment sehr ungewohnt und unruhig an. Das zeigt, wie effektiv das System arbeitet.
„Ich hab K.I.S. noch nie ausprobiert, doch mit lenken hab ich mir noch nie schwer getan. Warum also K.I.S.?“ Janik Rohe, BIKE-Leser per Mail
„Ich hab K.I.S. ganz zu Beginn einmal kurz ausprobiert - vollauf überzeugt war ich nicht. Durchgesetzt hat es sich vermutlich nicht, weil es vielleicht nicht ganz fertig gedacht ist. Mit Dämpfung würde ich es gerne nochmal probieren. Zudem ist es ein weiteres Bauteil am Rad, das kaputt gehen kann. Peter Denk, Bike-Visonär
„K.I.S. ist ein nettes Feature, doch in meinen Augen kein Gamechanger. Ich spürte (in Canyon) Unterschiede, teils positiv, doch auf Bergtouren mit vielen Spitzkehren empfand ich K.I.S. eher als ermüdend“. Laurin Lehner, BIKE-Tester
„K.I.S. bringt deutliche Vorteile. Besonders bei nassen oder rutschigen Abfahrten. Doch ja, es braucht Eingewöhnungszeit. In den wenigen Testbikes die wir mit K.I.S. hatten gefiel mir das Liteville-System deutlich besser als das von Canyon. Runder, nicht so digital, auch bei viel Federvorspannung.“ Adrian Kaether, BIKE-Tester

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