Jan Timmermann
· 25.08.2026
Die Geschichte der Mountainbike-Laufräder ist weit mehr als die Geschichte verschiedener Felgendurchmesser. Sie erzählt vom technischen Fortschritt, von mutigen Visionären, geschicktem Marketing und einer Branche, die über Jahrzehnte nach dem optimalen Kompromiss zwischen Agilität und Geschwindigkeit gesucht hat. Glaubenskriege wurden geführt, Hersteller bezogen Position und Fahrer verteidigten ihre Lieblingsgröße mit fast religiösem Eifer. Heute scheint die Debatte weitgehend entschieden – doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig. 26 Zoll machte das Mountainbike groß. 27,5 Zoll ebnete den Übergang in eine neue Generation. 29 Zoll setzte sich schließlich als Standard durch. Und die Zukunft? Die dürfte nicht nur von einer neuen Laufradgröße geprägt sein, sondern auch von intelligenten Gesamtkonzepten, die je nach Einsatzbereich das Beste aus mehreren Welten vereinen. Eine Einordnung von gestern bis morgen.
Begonnen habe ich Mountainbiken auf 26 Zoll, ich nenne aber sogar noch ein 24-Zoll Street-Dirtbike mein Eigen. Mein erstes Carbon-Fully rollte auf 650B-Laufrädern, die meisten Testbikes bei BIKE sind heute 29er. Inzwischen habe ich aber auch ein 32-Zoll-Hardtail im Fuhrpark. Die Evolution der Laufradgrößen ist nicht aufzuhalten und begann dank Visionär Gary Fisher bereits in den 90ern. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Als Ende der 1970er-Jahre in Marin County, Kalifornien, die ersten Mountainbikes entstanden, dachte niemand über alternative Laufradgrößen nach. Die Pioniere um Gary Fisher, Joe Breeze und Charlie Kelly griffen schlicht auf das zurück, was verfügbar war: robuste 26-Zoll-Laufräder amerikanischer Cruiser-Bikes mit 559 Millimeter Felgendurchmesser. Aus der pragmatischen Lösung entwickelte sich ein Industriestandard. Über nahezu drei Jahrzehnte war 26 Zoll gleichbedeutend mit Mountainbike. Rahmengeometrien, Federgabeln, Reifen, Laufräder und Komponenten wurden konsequent auf dieses Maß abgestimmt.
Die Vorteile von 26 Zoll Laufrädern lagen im Mountainbike-Einsatz auf der Hand: kompakte Abmessungen, geringes Gewicht, hohe Steifigkeit und ein ausgesprochen agiles Handling. Auf den Trails der 1980er- und 1990er-Jahre galt das kleine Laufrad als ideal. Dass größere Räder theoretische Vorteile besitzen könnten, spielte kaum eine Rolle. Die damaligen Rahmengeometrien und Federgabeln ließen sich schlicht nicht sinnvoll auf größere Durchmesser anpassen.
Bereits Ende der 1990er-Jahre begann ausgerechnet einer der Mountainbike-Erfinder, das etablierte Konzept infrage zu stellen. Gary Fisher experimentierte gemeinsam mit dem Rahmenbauer Wes Williams und Reifenentwickler Keith Bontrager mit Laufrädern auf Basis des 622-Millimeter-Felgenstandards – also jenem Maß, das vom Rennrad bekannt war. Mit breiten MTB-Reifen entstand daraus das, was später als 29-Zoll-Laufrad vermarktet wurde.
Die Theorie war überzeugend: Ein besseres Überrollverhalten, mehr Traktion, eine höhere Laufruhe auf unebenem Untergrund sprachen eine klare Sprache. In der Praxis hatten die ersten 29er allerdings erhebliche Nachteile. Federgabeln waren schwer, Reifen rar, Rahmen wirkten sperrig und die Geometrien erinnerten eher an verlängerte 26-Zoll-Bikes. Vor allem kleine Fahrer fanden kaum passende Modelle. Die Industrie reagierte zunächst skeptisch. Viele Hersteller betrachteten die großen Laufräder als Nischenprodukt für Cross-Country-Rennen. Erst mit verbesserten Fahrwerken, leichteren Laufrädern und moderner Rahmenentwicklung begann sich das Konzept langsam durchzusetzen.
Während sich 29 Zoll nur langsam etablierte, suchte die Industrie nach einer universellen Lösung. Die Antwort kam aus Frankreich – zumindest historisch. Das Laufradmaß 650B existierte bereits seit Jahrzehnten im Randonneur- und Reiseradbereich. Mit einer Felge von 584 Millimetern lag es genau zwischen 26 und 29 Zoll. 2012 begann der eigentliche Boom des Zwischenmaßes. Marketingseitig wurde aus 650B kurzerhand "27,5 Zoll". Der Name klang größer als 26, aber weniger einschüchternd als 29. Das Versprechen lautete: fast so agil wie 26 Zoll und fast so laufruhig wie 29 Zoll. Die perfekte Mitte quasi. Innerhalb weniger Jahre überschlugen sich nahezu alle Hersteller. Für die Saison 2014 erschienen unzählige neue Modelle ausschließlich mit 27,5 Zoll. Manche Beobachter erklärten 26 Zoll bereits für tot.
Zwischen 2013 und 2017 verschwand 26 Zoll beinahe vollständig aus dem Neuradmarkt. Was viele Fahrer zunächst als künstlich erzeugten Trend empfanden, hatte durchaus technische Gründe. Parallel entwickelte sich das gesamte Mountainbike weiter. Geometrien wurden modernisiert und Bikes bekamen längere Reach-Werte, flachere Lenkwinkel, steilere Sitzwinkel und kürzere Vorbauten verpasst. Gleichzeitig wurden Federgabeln, Dämpfer und Hinterbau-Konzepte immer leistungsfähiger. Erst diese Entwicklungen ermöglichten es, die Vorteile großer Laufräder vollständig auszunutzen. Was früher 29er noch träge erscheinen ließ, wurde plötzlich zum Maßstab für Geschwindigkeit und Sicherheit.
Ab etwa 2018 zeichnete sich eine klare Entwicklung ab. Nicht nur Cross-Country-Bikes rollten auf 29 Zoll. Auch Trail-, Enduro- und schließlich sogar Downhill-Bikes wechselten auf den größeren Durchmesser. Der Grund liegt in der Physik. Größere Räder besitzen einen flacheren Anfahrwinkel auf Hindernisse. Wurzeln und Steine werden leichter überrollt, die Reifen verlieren weniger Geschwindigkeit und erzeugen mehr Bodenkontakt. Gleichzeitig verbessert der größere Reifenaufstand Traktion und Bremsleistung. Mit modernen Carbonfelgen, leichten Reifen und ausgefeilten Fahrwerken schrumpften die früheren Nachteile hinsichtlich Gewicht und Agilität erheblich. Heute dominieren 29-Zoll-Laufräder nahezu alle sportlichen Mountainbike-Kategorien – vom Marathon-Hardtail bis zum World-Cup-Downhiller.
Ganz verschwunden ist 27,5 Zoll dennoch nicht. Statt als Komplettlösung findet das kleinere Hinterrad heute vor allem in sogenannten Mullet- oder MX-Bikes Verwendung. Das Prinzip: 29 Zoll vorne, 27,5 Zoll hinten. Das große Vorderrad verbessert Überrollverhalten und Kontrolle. Das kleinere Hinterrad schafft mehr Bewegungsfreiheit im steilen Gelände, ermöglicht kürzere Kettenstreben und erleichtert Manuals sowie enge Richtungswechsel. Gerade im Enduro- und Downhill-Weltcup hat sich dieses Konzept etabliert und ist inzwischen fester Bestandteil vieler Modellpaletten.
Gibt es die perfekte Laufradgröße? Eigentlich nicht. Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass Laufradgrößen immer Teil eines Gesamtkonzepts sind. Ein modernes 29er fährt sich heute völlig anders als ein 29er von 2010. Ebenso würde ein aktuelles 26-Zoll-Bike mit heutiger Geometrie vermutlich deutlich besser funktionieren als viele nostalgisch verklären. Rahmengeometrie, Federung, Reifenbreite und Fahrwerk beeinflussen das Fahrverhalten mittlerweile ebenso stark, wie der reine Laufraddurchmesser. Und doch steht die nächste neue Laufradgröße bereits in den Startlöchern: 32 Zoll.
Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar. Noch größere Laufräder versprechen ein noch besseres Überrollverhalten, mehr Laufruhe und zusätzliche Traktion. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht. Bereits in den 2010er-Jahren experimentierten kleinere Hersteller und Rahmenbauer mit Prototypen auf Basis von 686-Millimeter-Felgen. Internationale Aufmerksamkeit erlangte das Konzept unter anderem durch den US-Hersteller DirtySixer, dessen Fahrräder ursprünglich für sehr große Fahrer entwickelt wurden. Auch einzelne Rennfahrer und Entwickler testeten bereits vor Jahren 32-Zoll-Prototypen auf Cross-Country--Strecken.
Den Durchbruch verhinderten bislang jedoch zahlreiche technische Hürden. Mit wachsendem Laufraddurchmesser steigen rotierende Masse und Massenträgheit, wodurch Beschleunigung und Richtungswechsel träger werden. Gleichzeitig werden Laufräder und Gabeln konstruktiv anspruchsvoller: Um die notwendige Steifigkeit zu erreichen, sind aufwendigere Felgenprofile, längere Speichen und entsprechend angepasste Rahmen erforderlich. Hinzu kommt die geringe Verfügbarkeit passender Reifen, Federgabeln und Laufräder – ein klassisches Henne-Ei-Problem, das neue Standards häufig ausbremst. Ein weiterer limitierender Faktor ist die Ergonomie. Während sich 29-Zoll-Bikes inzwischen auch für Fahrerinnen und Fahrer unter 1,70 Meter hervorragend konstruieren lassen, könnten 32-Zoll-Laufräder besonders bei kleineren Rahmengrößen eventuell Kompromisse erzwingen. Überstandshöhe, Kettenstrebenlänge und Frontpartie ließen sich nur schwer sinnvoll gestalten.
Interessant ist dennoch, dass die Entwicklung im Spitzensport nie ganz zum Erliegen kam. Immer wieder wurden über die letzten Jahre Prototypen gesichtet, mit denen Hersteller ausloten, ob auf schnellen World-Cup-XC-Strecken weitere Vorteile möglich sind. Die Leistungsfähigkeit moderner Carbonwerkstoffe und neuer Fertigungsmethoden macht Konstruktionen denkbar, die vor zehn Jahren noch als unrealistisch galten. Heute gibt es bereits erste 32-Zoll-Mountainbikes aus Kleinserien-Produktion zu kaufen und Experten sagen für kommendes Jahr die Markteinführung vieler neuer 32er Modelle vor allem im Cross-Country- und Gravel-Bereich voraus. Manch ein Insider munkelt bereits etwas von einer Zwischengröße 30,5 Zoll. Das Mountainbike ist eben noch nicht zu Ende entwickelt.
Wie seht ihr das: Welche ist für euch die optimale Laufradgröße am Mountainbike und was haltet ihr vom 32-Zoll-Trend? Schreibt es uns in die Kommentare!

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