| Federweg | 100 mm |
| Laufradgröße | 32" |
| Gewicht | 11.58 kg |
| Gabel | Intend Samurai XC 32 |
| Schaltung | SRAM Eagle 90 Transmission |
| Bremse vorne | SRAM Motive Ultimate |
Frisch verliebt zu sein ist fantastisch. Was aber, wenn sich die Persönlichkeit des oder der Angebeteten plötzlich als ganz anders herausstellt, sobald die Wirkung des Hormoncocktails abklingt? Dies ist der schwierigste Testbericht meines Lebens.
Noch nie war ich emotional so involviert. Mein Herzblatt ist wunderschön. Trotz der riesigen Laufräder und dem großen Rahmen wirkt das Hardtail in meinen Augen optisch überaus stimmig. Ich habe alle Details selbst gewählt, das Fahrgestell selbst gelötet, alle Parts selbst zusammengetragen und war bei der Geburt der Carbon-Laufräder live dabei. Unmöglich, da objektiv zu bleiben.
Doch das BIKE-Testsystem kennt keine Gnade. Die Prüfstände interessieren sich nicht für meine Schwärmerei. Noch wichtiger aber ist der Praxis-Test: Wie fährt sich mein Traumrad wirklich? Diesmal kann ich die Schuld für Patzer nicht anderen zuschieben, kann mich nicht hinter der redaktionellen Hoheit verstecken. Für dieses Bike bin nur ich alleine verantwortlich. Gänsehaut!
Im Testlabor zeigt sich, ob das Selbstbau-Projekt Erfolg hatte. Die Daten sind unbestechlich und lassen keine rosarote Brille zu. Bei der Laufradträgheit liegt das Hardtail auf Trailbike-Niveau. Dafür punktet der Sitzkomfort des Stahlrahmens. Mit Lasern bestimmen wir alle Maße des Einzelstücks haargenau. Für das Projekt hatte ich mir eine Wunsch-Geometrie ausgedacht. Doch ob diese auch erreicht wurde, weiß bislang niemand.
Und siehe da: Das Steuerrohr steht ganze drei Grad flacher als beabsichtigt. Gleichzeitig ist der Reach-Wert geschrumpft. War es der Verzug der Hitze? Waren unsere Berechnungen falsch? Oder habe ich einfach nur schlampig gearbeitet? Zweifel nagen an mir. Es ist der erste Rahmen, den ich jemals selbst gebaut habe.
Aus dem Testlabor kommen aber auch gute Nachrichten. Aufgrund der großen Maße und dem flexiblen Stahl hatte ich eine geringe Steifigkeit befürchtet und mich gedanklich schon darauf eingestellt, eine Gummikuh zu reiten.
Doch der 2353 Gramm schwere Rahmen landet voll im grünen Bereich. Der Stahlrahmen erreicht einen sehr guten Sitzkomfort. Die Trägheit der 32-Zoll-Laufräder inklusive Cross-Country-Bereifung ist vergleichbar mit einem Trail-Laufradsatz mit 29 Zoll Durchmesser.
Beim ersten Aufsitzen bin ich verblüfft. Ungeachtet der gigantischen Räder fühlt sich alles sehr vertraut an. Durch den steilen Sitzwinkel von gut 75 Grad und den heftigen Stack-Wert wirkt die Sitzposition kompakter als erwartet.
Die 32-Zöller haben einen 74 Millimeter größeren Durchmesser als etablierte 29er. Trotz Stummel-Steuerrohr und negativ-gewinkeltem Cockpit liegt die Steuerzentrale hoch. Ich komme mir vor wie auf einem Trailbike mit modern-hohem Riser-Lenker.
Selbst mit meinen 190 Zentimetern Körpergröße würde ich für ein Cross-Country-Rennen einen radikaleren Vorbau-Drop wählen wollen. Es ist eine der größten Herausforderungen für Konstrukteure: Wie kann die neue Laufradgröße in disziplin- und größengerechte Konzepte integriert werden?
Nicht wegdiskutieren lässt sich die höhere Trägheit der Laufräder. Um auf Tempo zu kommen, braucht mein Goliath einfach etwas länger als seine Federwegs-Artgenossen mit kleineren Rädern. Die Physik lügt nicht.
Rollen ist die klare Kernkompetenz von 32 Zoll. Sind die großen Walzen einmal auf Schwung, laufen sie merklich geschmeidiger und schneller. Besonders krass ist dieser Effekt auf leicht abschüssigen Schotter-Strecken. Auf keinem anderen Bike bin ich je so mühelos mit Mach-Acht durch den Wald geflogen.
Im Uphill zeigt sich bald: Ich brauche ein kleineres Kettenblatt! Der Race-Antrieb ist für die großen Laufräder zwei bis vier Zähne zu stramm ausgelegt. Abgesehen davon klettert das Leovelo zünftig. Die Traktion sucht auf allen Untergründen ihresgleichen und kleine Kanten im Hang werden einfach aufgesaugt.
Der ungeplante Lenkwinkel ist flach aber noch nicht absurd. So stellt sich der Druck auf dem Vorderrad als gerade noch okay heraus. Bei niedrigen Geschwindigkeiten in engen Kehren kippt die Front vereinzelt aus der Linie, in 95 Prozent der alltäglichen Bike-Situationen stellt mich das nicht vor Herausforderungen.
Mein Bike hat kürzere Kettenstreben als die meisten bislang vorgestellten 32-Zoll-Entwürfe. Durch die Biegung des Sitzrohrs bleibt das Heck trotz größerem Hinterrad kompakt und auch die Reifenfreiheit passt. So geht der 32-Zöller leicht aufs Hinterrad und saust erfreulich agil durch Kurven.
Die Tretlagerhöhe bewegt sich in bekannten Bahnen und ich fühle mich perfekt zwischen den Rießenrädern platziert. Dank kurzem Sitzrohr mit langer Dropper-Post bleibt über dem filigranen Oberrohr jede Menge Bewegungsfreiheit. Souverän geht das Goliath an Sprüngen in die Luft.
Im steilen Downhill bietet die hohe Front einen guten Überblick und zusammen mit der gefälligen Fahrerintegration ergibt sich ein nie gekanntes Kontrollgefühl. Trotz zahmem Profil glänzen die massigen Reifen mit Grip, und das Verhalten im Grenzbereich ist sagenhaft.
Das schenkt Selbstvertrauen und animiert zu einer mutigen Linienwahl. Mit dem Hardtail im Two-Wheel-Drift über den Trail fetzen? Check! Mit einer giftigen Rennfeile hat das nichts zu tun. Eher erinnert das Handling an einen leichten Vertreter der Trail-Hardtails - eine fast ausgestorbene Nische, der ich persönlich sehr viel abgewinnen kann.
Durch die großen Räder fällt das Bike in weniger kleine Löcher, sondern gleitet zielstrebig gen Tal und nimmt dabei jede Menge Speed mit. Der extreme Lenkwinkel sorgt für Laufruhe und verstärkt den Tempo-Hunger auf der Geraden. Trotz allem bleibt das Unikat aber ein kurzhubiges Hardtail. Im Wurzel-Stakkato kann es nicht an einem vollgefederten Bike dranbleiben. Da können der Fahrspaß noch so hoch und die Überrolleigenschaften noch so exzellent sein.
Die Upsidedown-Federgabel von Intend macht einen beeindruckenden Job und holt viel aus ihrem knappen Bewegungsradius heraus. Sensibel und aktiv führt sie das Leovelo an. Bei heftigen Schlägen kommen die 100 Millimeter jedoch ans Limit. Gewünscht hatte ich mir ein progressives Race-Hardtail, bekommen habe ich ein sportliches Do-It-All-Bike. Mit so viel Spieltrieb hatte ich bei einem 32-Zöller mit starrem Heck nicht gerechnet. Nach der Honeymoon-Phase muss ich sagen: Ich liebe es!
Im Test zeigt sich der Charakter meines Custom-Bikes etwas anders als erwartet - auch im positiven Sinne! Die großen Laufräder und die radikale Geometrie schaffen ein phänomenales Handling, welches den Fahrspaß auf die Spitze treibt. Das ist mir mehr wert als die beste Race-Performance. Was für eine geile Kiste! Aber natürlich kann ich mein eigenes Baby nicht neutral bewerten. - Jan Timmermann, BIKE-Testredakteur
Wie seht ihr das: Wären 32-Zoll-Laufräder am Trail-Hardtail einen Versuch wert? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare!

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