Laurin Lehner
· 09.06.2026
Die Rockshox Lyrik war lange ganz groß – doch seit einigen Jahren fristet sie ein Schattendasein. Der große Bruder ZEB mit seinen dicken 38er-Standrohren ist schuld. Er schubste die Enduro-Gabel Lyrik kurzerhand in die All-Mountain-Kategorie, und auf einmal verbauten die Hersteller in ihren Enduros nur noch die ZEB.
Das lief beim Mitbewerber Fox übrigens mit der 36 und der 38 genauso ab. Dick verdrängt dünn – so einfach ist das.
Die Lyrik ist ein paar hundert Gramm leichter und daher besser geeignet, wenn man sein Bike leicht aufbauen und es eher Richtung konventionelles Enduro trimmen will – statt als Ballermaschine.
Die ZEB bietet mit ihren dicken Standrohren mehr Steifigkeit und damit auch eine wuchtigere Optik. Dass steif nicht immer besser ist, sollte mittlerweile bekannt sein. Das beweist auch der Upside-Down-Gabel-Trend – schließlich sind diese Gabeln für ihre geringen Steifigkeitswerte bekannt.
Einen direkten Vergleich zwischen Lyrik und ZEB haben wir nicht gemacht – zumindest nicht am selben Bike. Beide Gabeln arbeiten auf höchstem Niveau und teilen sich teilweise sogar das gleiche Innenleben.
Für mein Dauertestbike Propain Sresh SL hatte ich im Online-Konfigurator die Wahl: die dicke ZEB mit 170 Millimetern Federweg oder die Lyrik mit 160 Millimetern. Die Entscheidung fiel mir leicht, denn A) passt die Lyrik mit ihrem 160-Millimeter-Hub besser zum 150-Millimeter-Heck. B) ist sie leichter – wichtig bei einem Minimal-Assist-Bike wie dem Sresh SL. Und C) nervt mich, wie die ZEB das Segment überrollt hat.
Jetzt könnte ich noch Punkt „D" bringen: Ich will gar keine steifere Gabel – steifer ist nicht geiler. Tu ich aber nicht. Warum? Weil ich mich in Sachen Steifigkeit schon zu oft verschätzt habe. Mein Popometer hatte in der Vergangenheit oft ein völlig anderes Urteil als unser BIKE-Testlabor. So viel Ehrlichkeit muss sein.
Das Setup fällt selbst beim Top-Modell leicht. Der Sticker am Tauchrohr hilft, auch wenn ich mit den Angaben nicht übereinstimme. Sprich: Mein Einsatzgewicht (mit Schuhen, Klamotten, Helm, Schonern etc.) schätze ich auf 81 Kilo. Rockshox empfiehlt hier 90 PSI.
Dazu der Hinweis: „Füge 10 PSI bei E-Bikes hinzu". Never! Selbst 90 PSI sind mir viel zu straff. Ich fahre 80 PSI, teils sogar 78 PSI – das entspricht laut Tabelle einem Körpergewicht mit Helm und Pipapo von gerade mal 70–72 Kilo. Bei Fox mache ich das übrigens genauso. Nur bei den günstigen Modellen beider Hersteller geht die Idee nicht auf. Durchschlaggefahr!
Zurück zum Setup: Die High- und Low-Speed-Druckstufe drehe ich jeweils 3 Klicks rein. Dann noch den Rebound nach Gefühl einstellen. Das Vorderrad sollte beim klassischen Parkplatz-Reindrück-und-Loslassen-Test gerade so abheben.
Übrigens: Gott sei Dank gibt's hier nur ein Rädchen, anders als bei Fox-Top-Varianten. Getrennte High- und Low-Speed-Druckstufe braucht kein Mensch! Fertig.
In der Praxis schätze ich das smoothe Ansprechverhalten. Der Ultimate gelingt das besonders geschmeidig. Harte Schläge pariert die Lyrik souverän, und auch bei kleinen, schnellen Bremswellen hält sie die Reifen am Boden. Top-Leistung – aber eben auch Top-Modell mit entsprechendem Preis.
Nach rund fünf Monaten klappert's auf rauen Abfahrten. Der Test: Zeigefinger zwischen Standrohr und Gabelbrücke legen, Vorderradbremse ziehen und ruckeln – gibt Aufschluss. Buchsenspiel. Erstmal nicht wild, aber nervig, weil laut.
Das Geklappere beschäftigt mich auf Downhills ständig, weil ich denke: Da ist doch was locker. Ein Kollege meinte, bei so deutlichem Buchsenspiel würde man auch Performance-Einbußen spüren – ich merkte aber keine.
Nach einigen Wochen – ich war zu faul – schickte ich die Gabel dann doch ein. Garantiefall, versicherte mir Rockshox.
Solange fuhr ich das Pendant vom Mitbewerber Fox – die 36. Und obwohl ich keinen direkten Vergleich auf einer Einheitsstrecke hatte, lag mir die Lyrik mehr. Umso besser, dass die Gabel im Nu wieder da war. Wie lange der Service ohne Redaktions-Adresse dauert, kann ich allerdings nicht sagen.
Der Service tat der Gabel gut: kein Klappern mehr, alles wie gehabt. So fuhr ich die Gabel weitere Monate. Doch kurz bevor ich diesen Artikel schrieb, war da wieder was. Nicht ganz so laut, aber Geklappere – erneut leichtes Buchsenspiel, diesmal allerdings anscheinend nur am rechten Gabelholm. Einzelfall oder häufigeres Problem? Ich kann's nicht sagen.
Anfang des Jahres stellte Rockshox die neue Lyrik vor – ein echter Neustart. Highlight: Die Gabel gibt's wieder als Enduro-Version mit 170 Millimetern Federweg. Dazu kommt ein komplett neu entwickeltes Innenleben: neue Luftfeder, neue Dämpfungskartusche und ein cleveres System zur dauerhaften Schmierung der Gleitbuchsen. Hier geht's zum kompletten Artikel der neuen Lyrik.
Ich bin die neue Gabel noch nicht gefahren. Was ich weiß: Die Ultimate-Variante kostet 1350 Euro. Der Vorgänger liegt bei 1199 Euro UVP – wobei in Online-Shops deutliche Rabatte zu erwarten sind. Übrigens: Die alte Lyrik wiegt 2035 Gramm (29"), die neue hat zugelegt: 2280 Gramm (29").
Die Rockshox Lyrik mag einen Nachfolger bekommen haben – doch die „Alte" zählt immer noch zu den Besten auf dem Markt. Laut Kollege Max, der die neue Lyrik bereits ausgiebig testen konnte, ist sie kein Gamechanger. Anders gesagt: Die „alte" Lyrik Ultimate hat definitiv noch ihre Daseinsberechtigung. Zumal online satte Rabatte winken. Das Setup klappt wunderbar, das Ansprechverhalten ist butterweich, auf ruppigen Trails ballert sie souverän, die Einfeder-Charakteristik passt. Einziger Dämpfer: das wiederholte Buchsenspiel bei meinem Testmodell.
Laurin Lehner, Test-Redakteur

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