Bissig, aber hitzeempfindlichShimano-XT-Bremse (4 Kolben) versagt im Labortest

Max Fuchs

 · 23.04.2026

„Man spürt die Scheibe in der Fingerspitze“ – dieses unnachahmliche Hebelgefühl hat die Shimano XT perfektioniert.
Foto: Georg Grieshaber
Top Ergonomie, preis-leistungsstark und bissig – dafür steht Shimanos XT-Vierkolbenbremse seit Jahren. Für das Modelljahr 2026 haben die Japaner ihren Dauerbrenner überarbeitet. Und auch die neue Version der Vierkolben-Scheibenbremse versucht im Labor- und Praxistest, an die Qualitäten anzuknüpfen, für die die XT seit jeher steht.

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Fazit von Dimitri Lehner, BIKE-Redakteur

​Wo XT draufsteht, ist auch XT drin – das haben uns die Japaner in diesem Vergleichstest gezeigt. Die 2026er Version von Shimanos Mittelklasse-Vierkolbenbremse bietet immer noch viel Power, einen knackigen Druckpunkt und liegt super in der Hand. Von der Ice-Tech-Hardware raten wir ab – also alles wie gewohnt.

​Technische Daten: Shimano XT Modelljahr 2026

Preis (ohne Scheibe und Zubehör)235 Euro
Gewicht pro Stück296 Gramm (inkl. 800 mm Leitung + Beläge)
Scheiben / DickeIce-Tech 180 / 1,80 mm
BremsbelageOrganisch mit Kühlrippen
BremsmediumMineralöl
DruckpunktverstellungJa, Werkzeug erforderlich
HebelweitenverstellungJa, werkzeuglos
BesonderheitenKeine

Gut dosierbar? Nur mit Fingerspitzengefühl!

​„Man spürt die Scheibe in der Fingerspitze“ – dieses unnachahmliche Hebelgefühl hat die Shimano XT perfektioniert. Versierte Fahrer lieben das: Sie gehen mit der Scheibe auf Tuchfühlung, wissen genau, wo sie sich im Hebelweg befinden, und spüren sofort, wie die Bremse reagiert.

Schon ein leichter Zug über den Erstkontakt hinaus genügt und die Bremse ankert. Kein Schleifen, kein langsames Herantasten – die Beläge packen sofort zu. Damit ist die XT quasi das Chirurgenbesteck unter den Mountainbike-Bremsen. Im Umkehrschluss heißt das aber auch: In den Händen ungeübter Fahrer ist die XT genauso fehl am Platz wie ein Skalpell im Erste-Hilfe-Kurs – überspitzt ausgedrückt natürlich.

Und dann wäre da noch das magnetische Hebelgefühl mit dem hohen Losbrechmoment. Um die Beläge kontrolliert an die Scheibe zu führen, ist ebenfalls Fingerspitzengefühl gefragt. So fällt es im direkten Vergleich mit der XT am schwersten, den Initialbiss fein zu dosieren.

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​Hebelergonomie als Bremskraftverstärker

So differenziert man das Ansprechverhalten der Shimano auch bewerten kann, bei der Ergonomie herrscht Einigkeit: Kein Hebel liegt so gut in der Hand wie der der XT. Am meisten Lob erntet der ausgeprägte Haken am Hebelende. Auf langen Downhills, wenn die Handkraft nachlässt, kann man sich mit aller Kraft in den Hebel hängen und immer genug Bremskraft aus dem System quetschen.

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Schade für Handriesen: Dreht man die Hebelweite voll auf, steht der kurze Hebel zu steil und die Ergonomie verschlechtert sich. Theoretisch punktet die Shimano XT auch mit einer Leerwegeinstellung via Inbus – doch auch nach mehreren Umdrehungen spürt man kaum einen Unterschied.

​Die Größe zählt…

…zumindest bei unserem Testverfahren zur Bremskraftmessung. Die Norm schreibt vor: Der Krafteintrag muss 25 Millimeter vom Hebelende entfernt erfolgen. Für den Stummelhebel der Shimano XT bedeutet das fast die Hebelmitte. Und da sich die Physik nun mal nicht austricksen lässt, sitzt die XT bei dieser Prüfung wörtlich an kürzeren Hebel.

Die Konkurrenz mit längeren Hebeln erzielt die gleiche Bremsleistung mit deutlich weniger Handkraft. Im Labor kassiert die XT so eine herbe Niederlage. In der Praxis, wo man außen am Hebel zieht, reicht die Bremsleistung aber völlig aus.

​Der Hitzeschock

Für die defekte Bremsscheibe gibt es hingegen keine Entschuldigung. Unter der hohen thermischer Belastung bei der Trockenbremsprüfung verzog sich die Sandwichkonstruktion des Ice-Tech-Rotors so stark, dass wir den Prüfvorgang vorzeitig abbrechen mussten.

Die Kombination aus Ice-Tech-Scheibe und Shimanos organischer Belagsmischung liefert zudem bei Nässe die schlechtesten Reibwerte und gerät ins Hintertreffen. Die Kühlrippen der Beläge klappern in der Zange.

​Die BIKE-Bewertung

KategorieNote
Bremspower gesamt (50%)2,7
Nassbremsung Labor (10%)4,5
Trockenbremsung Labor (40%)2,5
Praxistest (50%)2,5
Modulation (30%)3,5
Usability / Handling (10%)4
Gewicht (10%)2,5
BIKE-NOTE3,1

​So testet BIKE Scheibenbremsen

Die Eindrücke zum Charakter, zur Dosierbarkeit und zum Handling stammen aus Praxistests. Die maximale Bremsleistung und die Wärmestandfestigkeit ermittelten wir nach DIN-Norm auf dem Rollenprüfstand vom Bremsenhersteller Magura.

Bremskraftprüfung im Labor

Damit die Bremsen auf dem Prüfstand ihre maximale Leistung abrufen können, schreibt die Prüfnorm ein definiertes Einbremsverfahren vor. Dabei müssen alle Modelle über 20 Bremsintervalle hinweg konstant 200 Newton Bremskraft halten, um auf Temperatur zu kommen und Belagsfading während der Bremskraftprüfung auszuschließen.

Erst danach beginnt das eigentliche Kräftemessen. Es besteht aus drei Bremsungen pro Krafteintrag am Hebel. Los geht es bei 40 Newton Handkraft. Der Prüfstand erhöht die Kraft am Hebel in 20-Newton-Schritten, bis die Bremse ihren maximalen Hebelweg ausschöpft. Diese Prozedur absolviert jede Bremse zweimal: einmal im Trockenen und einmal bei Nässe. Beim Nasslauf wird die Scheibe während der gesamten Messung kontinuierlich benetzt.

Für einen optimalen Vergleich laufen alle Modelle mit 180-mm-Scheiben. Die Belagsmischungen entsprechen stets der Serienausstattung. Die Scheiben durften die Hersteller – falls mehrere Optionen im eigenen Sortiment vorhanden sind – zugunsten der Bremsleistung selbst auswählen. Für einheitliche Vergleichswerte führen wir die Bremskraftprüfung und den Wärmestandfestigkeitstest jeweils mit einem frischen Belagspaar und einer neuen Bremsscheibe durch.

Für die Bewertung der Bremsleistung im Labor ziehen wir nur die Ergebnisse bei 80 N Handkraft heran. In diesem Bereich liefern – insbesondere bei Trockenbremsungen – alle Modelle noch praxisrelevante Werte unterhalb der 600‑N-Schwelle. Darüber droht unter idealen Grip-Bedingungen der Überschlag.

Wärmestandfestigkeit

Als zweite Hürde im Labor müssen alle Bremsen zweimal einen genormten Test zur Wärmestandfestigkeit überstehen. Schließlich sollen die Kandidaten auch unter hoher thermischer Belastung zuverlässig verzögern.

Pro Prüfdurchgang stehen drei Dauerbremsungen à fünf Minuten auf dem Programm. Kurz nach jedem Intervall folgt eine abrupte Kontrollbremsung, die zeigt, ob die Bremse trotz Hitze noch einwandfrei verzögert. Abschließend ruft der Prüfstand dreimal die erforderliche Mindestbremskraft ab. Diesen Test haben alle Bremsen überstanden.

Praxistest

Wie eine Bremse ihre Power im Gelände entfaltet, wie sie auf geringe Handkräfte reagiert, wie fein sie sich dosieren lässt und wie sie in der Hand liegt – das kann kein Prüfstand messen. Hier zählen Erfahrungswerte.

Und davon haben unsere Tester reichlich: Über 100 Komplettbikes durchlaufen jedes Jahr unser Testprozedere. Die meisten Bremsen kennen unsere Redakteure deshalb längst in- und auswendig. Zusätzlich fuhren zwei Tester alle Bremsen aus diesem Test im direkten Vergleich auf Einheitsbikes mit identischem Setup.

Konkurrenz-Modelle im Test

Max Fuchs

Max Fuchs

Redakteur

Max Fuchs hat seine ersten Mountainbike-Kilometer bereits mit drei Jahren gesammelt. Zunächst Hobby-Rennfahrer und Worldcup-Fotograf im Cross-Country-Zirkus, jetzt Testredakteur und Fotograf bei BIKE. Sein Herz schlägt für Enduros und abfahrtsstarke Trailbikes – gern auch mit Motor. Bei der Streckenwahl gilt: je steiler und technischer, desto besser.

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