Viel Power, falsches TimingMagura Gustav Pro im Scheibenbremsen-Vergleich

Max Fuchs

 · 15.04.2026

2,5 Millimeter dicke Scheiben, die massiven Zange und Beläge mit Kühlrippen – Hitze handelt die Gustav Pro mit links.
Foto: Georg Grieshaber

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​Brachiale Scheiben, massive Vierkolbenzange, riesiger Bremshebel – die Magura Gustav Pro verkörpert Bremspower pur. Alles nur Show oder Mittel zum Zweck? Wir haben getestet, was der Kraftprotz wirklich draufhat.

Themen in diesem Artikel

​Fazit zur Magura Gustav Pro

​Was den Druckpunkt angeht, ist die Gustav Pro Geschmackssache: Die einen finden ihn undefiniert, andere schätzen die unkomplizierte Dosierung. Bei der Kraftentfaltung vertreten wir einen klaren Standpunkt: Die Power ist da, entfaltet sich aber zu spät. Lob gibt es für Hitzebeständigkeit und Wartungsfreundlichkeit. - Max Fuchs, BIKE-Redakteur

​Technische Daten: Magura Gustav Pro

Preis (ohne Scheibe und Zubehör)300 Euro >> hier erhältlich
Gewicht pro Stück346 Gramm (inkl. 800 mm Leitung + Beläge)
Scheiben / DickeMDR-S 180 / 2,50 mm
BremsbelageOrganisch mit Kühlrippen
BremsmediumMineralöl
DruckpunktverstellungNein
HebelweitenverstellungJa, werkzeuglos
BesonderheitenEasy-Link, magnetische Beläge, 4 einzelne Beläge pro Bremse

​Die Gustav Pro marschiert mit einer dicken Ladung USPs vor der Brust in diesen Vergleich. Vor allem das Easy-Link-System, eine Art Schnellkupplung zum An- und Abstecken der Bremsleitung, die dickste Scheibe im Test sowie riesen Beläge mit Kühlrippen schinden Eindruck. Ebenfalls auffällig: die Bremsarmatur aus dem charakteristischen Carbotecture-Spritzgussmaterial der Schwaben. Der Duplostein-Look ist zwar Geschmackssache, eine eigenständige Optik vertreten die Schwaben damit aber allemal. Den größten Kritikpunkt an den Kunststoffhebeln haben die Bad Uracher bei der Gustav ausgemerzt: Ausreißende Gewinde im Carbotecture-Körper sind Geschichte – denn hier wird nur noch Alu in Alu geschraubt. Der Hebel selbst besteht auch aus Aluminium. Die integrierte Rendelschraube dient zur Hebelweitenverstellung. Eine Leerwegeinstellung gibt es nicht.

Kingsize-Armatur der Magura Gustav Pro

Durch den langen Griffkörper sitzt der Drehpunkt des Hebels vergleichsweise weit vom Lenker entfernt. In Kombination mit dem langen Hebel schmeichelt die Ergonomie der Gustav vor allem großen Händen. Für besonders kleine Hände reicht die Hebelweitenverstellung gerade so aus, der Druckpunkt liegt dennoch zu weit vor dem Lenker – harte Bremsmanöver fallen dadurch schwerer.

Power kostet extra (Kraft)!

Die extrem lineare Kraftentfaltung der Gustav Pro liefert ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Greift man in den Hebel, passiert zunächst überraschend wenig. Zum einen spürt man durch den hohen Gegendruck am Hebel kaum, wenn die Beläge auf die Scheibe treffen, zum anderen entfalten geringe Handkräfte nur wenig Bremswirkung. Ganz nach dem Motto „Aktion, Reaktion“ verlangt die Gustav ordentlich Schmackes, um richtig zu verzögern. Auf dem Prüfstand belohnt sie 80 Newton Handkraft mit dem zweitbesten Bremskraftwert bei Trockenheit. Lässt die Handkraft nach, ziehen die Spitzenreiter von TRP, Hope, SRAM und Fahrwerker jedoch schnell an den Schwaben vorbei. In der Praxis überzeugt das sehr gutmütige Ansprechverhalten. Traktionsverlust durch Bremskraftspitzen oder aus Schreck zu hart in den Hebel greifen? Quasi unmöglich. Der Nachteil: Auf langen, steilen Abfahrten kommen die brachialen Kraftreserven der Magura nur Piloten zugute, die dauerhaft genug Handkraft aufbringen können.

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Liegt genügend Kraft am Hebel an, mausert sich die Gustav zum Geheimtipp für schwere Piloten. 2,5 Millimeter dicke Scheiben, die massive Zange und Beläge mit Kühlrippen – Hitze handelt die Gustav Pro mit links. Die hohe Belagsstärke und die dicke Scheibe verlängern die Wechselintervalle und schonen auf Dauer das Budget.

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Die BIKE-Bewertung

KategorieNote
Bremspower insgesamt (50%)1,7
Nassbremsung (10%)2,5
Trockenbremsung (40%)0,5
Praxis (50%)2,5
Modulation (30%)1,5
Usability / Handling (10%)2,5
Gewicht (10%)2,5
BIKE-NOTE1,8

​So testet BIKE Scheibenbremsen

Die Eindrücke zum Charakter, zur Dosierbarkeit und zum Handling stammen aus Praxistests. Die maximale Bremsleistung und die Wärmestandfestigkeit ermittelten wir nach DIN-Norm auf dem Rollenprüfstand vom Bremsenhersteller Magura.

Bremskraftprüfung im Labor

Damit die Bremsen auf dem Prüfstand ihre maximale Leistung abrufen können, schreibt die Prüfnorm ein definiertes Einbremsverfahren vor. Dabei müssen alle Modelle über 20 Bremsintervalle hinweg konstant 200 Newton Bremskraft halten, um auf Temperatur zu kommen und Belagsfading während der Bremskraftprüfung auszuschließen. Erst danach beginnt das eigentliche Kräftemessen. Es besteht aus drei Bremsungen pro Krafteintrag am Hebel. Los geht es bei 40 Newton Handkraft. Der Prüfstand erhöht die Kraft am Hebel in 20-Newton-Schritten, bis die Bremse ihren maximalen Hebelweg ausschöpft. Diese Prozedur absolviert jede Bremse zweimal: einmal im Trockenen und einmal bei Nässe.

Beim Nasslauf wird die Scheibe während der gesamten Messung kontinuierlich benetzt. Für einen optimalen Vergleich laufen alle Modelle mit 180-mm-Scheiben. Die Belagsmischungen entsprechen stets der Serienausstattung. Die Scheiben durften die Hersteller – falls mehrere Optionen im eigenen Sortiment vorhanden sind – zugunsten der Bremsleistung selbst auswählen. Für einheitliche Vergleichswerte führen wir die Bremskraftprüfung und den Wärmestandfestigkeitstest jeweils mit einem frischen Belagspaar und einer neuen Bremsscheibe durch. Für die Bewertung der Bremsleistung im Labor ziehen wir nur die Ergebnisse bei 80 N Handkraft heran. In diesem Bereich liefern – insbesondere bei Trockenbremsungen – alle Modelle noch praxisrelevante Werte unterhalb der 600‑N-Schwelle. Darüber droht unter idealen Grip-Bedingungen der Überschlag.

Wärmestandfestigkeit

Als zweite Hürde im Labor müssen alle Bremsen zweimal einen genormten Test zur Wärmestandfestigkeit überstehen. Schließlich sollen die Kandidaten auch unter hoher thermischer Belastung zuverlässig verzögern. Pro Prüfgang stehen drei Dauerbremsungen à fünf Minuten auf dem Programm. Kurz nach jedem Intervall folgt eine abrupte Kontrollbremsung, die zeigt, ob die Bremse trotz Hitze noch einwandfrei verzögert. Abschließend ruft der Prüfstand dreimal die erforderliche Mindestbremskraft ab. Diesen Test haben alle Bremsen überstanden.

Praxistest

Wie eine Bremse ihre Power im Gelände entfaltet, wie sie auf geringe Handkräfte reagiert, wie fein sie sich dosieren lässt und wie sie in der Hand liegt – das kann kein Prüfstand messen. Hier zählen Erfahrungswerte. Und davon haben unsere Tester reichlich: Über 100 Komplettbikes durchlaufen jedes Jahr unser Testprozedere. Die meisten Bremsen kennen unsere Redakteure deshalb längst in- und auswendig. Zusätzlich fuhren zwei Tester alle Bremsen aus diesem Test im direkten Vergleich auf Einheitsbikes mit identischem Setup.


Max Fuchs

Max Fuchs

Redakteur

Max Fuchs hat seine ersten Mountainbike-Kilometer bereits mit drei Jahren gesammelt. Zunächst Hobby-Rennfahrer und Worldcup-Fotograf im Cross-Country-Zirkus, jetzt Testredakteur und Fotograf bei BIKE. Sein Herz schlägt für Enduros und abfahrtsstarke Trailbikes – gern auch mit Motor. Bei der Streckenwahl gilt: je steiler und technischer, desto besser.

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