Fast eine komplette Saison habe ich mich mit meinem Dauertest-Bike – einem Pivot Trailcat SL – durch die Abfahrten gequält. Kaum Biss an der Bremse. Schmerzende Finger nach langen Downhills. Zig verpasste Bremspunkte. Schuld daran: eine ziemlich schwachbrüstige Bremse – die ich hier der Fairness halber nicht nennen möchte. Aber auch: Die falsche Größe der Bremsscheibe. 180 Millimeter Scheibengröße an einem Trailbike für einen 80-Kilo-Fahrer? In Verbindung mit einer schwachen Bremse ist das, als würde man versuchen, mit Marshmallows Fensterscheiben einschzumeißen.
Für mich war der Wechsel auf größere Bremsscheiben ein echter Gamechanger. Die 200-Millimeter-Scheibe am Vorderrad verwandelt zwar die halbstarke Einsteiger-Bremse nicht in einen Wurfanker, verbessert ihre Leistung aber spürbar.
In der Praxis habe ich direkt von einer wesentlich stärkeren Verzögerungsleistung und feinerer Dosierbarkeit profitiert. Vor allem die Hände und Arme fühlen sich auf langen Abfahrten nicht mehr an, als hätte ich beim Arm Wrestling gegen Devon Larratt verloren.
Die paar Gramm mehr Gewicht nehme für diese zusätzlichen Sicherheitsreserven gerne in Kauf. Auch auf das Rollverhalten haben die größeren Scheiben kaum einen Einfluss, weil das zusätzliche Gewicht besonders nahe an der Achse liegt. Zu klein spezifizierte Bremsscheiben am Mountainbike? Für mich ein absolutes No-Go. Stefan Frey, BIKE-Redakteur
Doch was bringt der Wechsel auf größere Scheiben wirklich? Und ist größer in jedem Fall besser? Oder kann eine zu große Scheibe auch Nachteile mit sich bringen? Ich bin kein Isaac Newton, doch die Grundsätze der Physik habe ich so in etwa verstanden.
Eine größere Bremsscheibe erhöht in erster Linie das Bremsmoment (Drehmoment am Rad). Die eigentliche Bremskraft des Bremssattels (Belag drückt auf die Scheibe) bleibt gleich, aber durch den größeren Hebelarm entsteht mehr Bremswirkung am Rad. Dahinter steckt eine simple physikalische Formel:
M = F x r
Wenn Bremssattel, Beläge und Handkraft gleich bleiben, ist das Bremsmoment nahezu proportional zum Scheibenradius.
Vergleicht man die gängigen Scheibengrößen 180 mm, 200 mm und 220 mm miteinander, ergeben sich durchaus beachtliche Werte. Nimmt man die 180-mm-Scheibe als Referenz (= 100 %), sieht das Ganze wie folgt aus:
| Scheibendurchmesser | Relativer Hebelarm | Relatives Bremsmoment |
| 180 mm | 1,00 | 100 % |
| 200 mm | 1,11 | 111 % |
| 220 mm | 1,22 | 122 % |
Das bedeutet:
Die tatsächlichen Werte können leicht abweichen, da der Belag nicht ganz am Außenrand der Scheibe angreift, aber die Größenordnung stimmt sehr gut.
Der Umstieg von 180 auf 200 mm große Bremsscheiben kann sich für viele Fahrer schon wie ein deutlicher Sprung anfühlen und in der Abfahrt spürbare Vorteile liefern:
Beim Wechsel von 200- auf 220-mm-Bremsscheiben ist im normalen Trail-Einsatz der Unterschied oft weniger deutlich als der Schritt von 180 auf 200 Millimeter.
Der oft noch größere Vorteil einer großen Scheibe ist nicht immer die zusätzliche Bremskraft, sondern die Temperatur. Eine 220-mm-Scheibe besitzt einen größeren Umfang und damit mehr Masse sowie eine größere Oberfläche. Dadurch erwärmt sie sich langsamer, kühlt schneller ab und neigt weniger zu Fading. Deshalb fahren viele Enduro- und Downhill-Fahrer vorne 220 mm, obwohl sie die zusätzliche Bremskraft nicht ständig benötigen.
Typische Empfehlungen:
| Fahrergewicht | Trail | Enduro | Bikepark/DH |
| < 70 kg | 180/180 | 200/180 | 200/200 |
| 70-90 kg | 200/180 | 200/200 | 220/200 |
| > 90 kg | 200/200 | 220/200 | 220/220 |
Wenn man von 180 auf 220 mm wechselt, erhält an etwa 22 % mehr Bremsmoment. Anders betrachtet benötigt man für die gleiche Verzögerung deutlich geringere Handkräft. Für mich war das einer der entscheidenden Faktoren für den Wechsel auf größere Bremsscheiben. Da die Belagkraft durch den hydraulischen Druck erzeugt wird und dieser wiederum von der Handkraft abhängt, sinkt im Idealfall auch die erforderliche Handkraft proportional. Auch hier hilft eine simple Gleichung:
Also muss man rund 18 % weniger Handkraft am Bremshebel für die gleiche Bremsleistung aufbringen.
Der wichtigste Punkt ist die vom Hersteller freigegebene Maximalgröße.
Auch beim Hinterbau gibt es Einschränkungen:
Wichtig: Nicht die Adaptergröße entscheidet, sondern ausschließlich die Herstellerfreigabe von Rahmen und Gabel.
Für eine größere Scheibe wird meist ein anderer Adapter benötigt. Beispiel: Bremssattel ist aktuell für 180 mm vorbereitet. Für die Umrüstung auf 200 mm wird ein +20-mm-Adapter fällig. Beim Wechsel auf 220 mm muss entsprechend ein +40-mm-Adapter montiert werden.
Der Adapter muss zu Bremssattelaufnahme (Post Mount / Flat Mount), aktueller Montagegröße und Zielscheibengröße passen.
Größere Scheiben erzeugen höhere Bremsmomente. Das bedeutet:
Bei modernen Enduro-, DH- und E-MTB-Komponenten ist das normalerweise eingeplant. Deshalb begrenzen manche Hersteller die Scheibengröße bei leichteren XC-Komponenten.
Eine größere Scheibe macht das Vorderrad leichter blockierbar. Daher ist am Bremshebel etwas mehr Feingefühl gefragt. Für geübte Fahrer ist das meist kein Problme, weil weniger Handkraft nötig ist und die Bremse besser Dosierbarkeit wird.
Für Anfänger kann eine sehr große Scheibe zunächst aggressiver wirken. Deshalb empfiehlt sich eher der Wechsel in 20-Millimeter-Schritten und nicht gleich das Upgrade zum „Pizzablech“. Hinten ist ein Umstieg zum Teil auch gar nicht nötig da das Vorderrad ohnehin etwa 70 bis 80 Prozent der gesamten Bremsleistung liefert.
Hier ist der Nutzen am größten. Ein Fahrer mit 65 kg plus 15 kg Bike hat deutlich weniger Bewegungsenergie abzubauen als jemand mit 100 kg plus 25 kg E-MTB. Die aufzunehmende Wärme steigt nahezu proportional zur Gesamtmasse. Für Fahrer über ca. 90 kg sind 200- oder 220-mm-Scheiben vorne oft sinnvoll.
Am E-MTB profitiert man besonders von größeren Scheiben. Warum? Ein modernes E-Bike wiegt häufig 23 bis 27 kg gegenüber 14 bis 17 kg bei einem Mountainbike. Zusätzlich werden oft höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten gefahren. Die Folgen: Es entsteht mehr kinetische Energie, längere Bremsphasen und höhere Temperaturbelastung. Daher sind heute viele leistungsstarke E-MTBs serienmäßig mit 220 mm vorne und 200 oder 220 mm hinten ausgestattet.
Auch hier lohnt sich die größere Scheibe meist. Wer regelmäßig lange Alpenabfahrten fährt, bemerkt den Unterschied oft deutlicher als auf kurzen Hometrails. Typische Vorteile:
Ein oft unterschätzter Punkt ist zudem die Ergonomie: Größere Scheiben bedeuten nämlich auch geringere benötigte Hebelkraft und in der Folge weniger Belastung für Finger und Unterarme. Das ist insbesondere interessant für Fahrer mit:
Für mich war der Wechsel auf größere Bremsscheiben ein echter Gamechanger. Die 200-Millimeter-Scheibe am Vorderrad verwandelt zwar die halbstarke Einsteiger-Bremse nicht in einen Wurfanker, verbessert ihre Leistung aber spürbar.
In der Praxis habe ich direkt von einer wesentlich stärkeren Verzögerungsleistung und feinerer Dosierbarkeit profitiert. Vor allem die Hände und Arme fühlen sich auf langen Abfahrten nicht mehr an, als hätte ich beim Arm Wrestling gegen Devon Larratt verloren.
Die paar Gramm mehr Gewicht nehme für diese zusätzlichen Sicherheitsreserven gerne in Kauf. Auch auf das Rollverhalten haben die größeren Scheiben kaum einen Einfluss, weil das zusätzliche Gewicht besonders nahe an der Achse liegt. Zu klein spezifizierte Bremsscheiben am Mountainbike? Für mich ein absolutes No-Go. Stefan Frey, BIKE-Redakteur

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