​20 Prozent mehr BremskraftWas große Bremsscheiben wirklich bringen

Stefan Frey

 · 06.08.2026

Die Größe machts! Mehr Bremskraft, höhere Hitzebeständigkeit und geringere Handkräfte - in der Wahl der richtigen Bremsscheiben-Größe schlummert enormes Potenzial. Wir erklären, weshalb.
Foto: Stefan Frey
​Die Bremse ist eines der wichtigsten Bauteile am MTB. Doch noch immer fahren viele Biker mit zu kleinen Bremsscheiben. Mehr Bremskraft, bessere Dosierbarkeit und Hitzebeständigkeit sowie geringere Handkräfte - was der Wechsel der Bremsscheibe wirklich bringt, und warum die Größe doch eine entscheidende Rolle spielt, erfahrt ihr hier.

Themen in diesem Artikel

Fast eine komplette Saison habe ich mich mit meinem Dauertest-Bike – einem Pivot Trailcat SL – durch die Abfahrten gequält. Kaum Biss an der Bremse. Schmerzende Finger nach langen Downhills. Zig verpasste Bremspunkte. Schuld daran: eine ziemlich schwachbrüstige Bremse – die ich hier der Fairness halber nicht nennen möchte. Aber auch: Die falsche Größe der Bremsscheibe. 180 Millimeter Scheibengröße an einem Trailbike für einen 80-Kilo-Fahrer? In Verbindung mit einer schwachen Bremse ist das, als würde man versuchen, mit Marshmallows Fensterscheiben einschzumeißen.

​Fazit aus Redakteurssicht

Für mich war der Wechsel auf größere Bremsscheiben ein echter Gamechanger. Die 200-Millimeter-Scheibe am Vorderrad verwandelt zwar die halbstarke Einsteiger-Bremse nicht in einen Wurfanker, verbessert ihre Leistung aber spürbar.
In der Praxis habe ich direkt von einer wesentlich stärkeren Verzögerungsleistung und feinerer Dosierbarkeit profitiert. Vor allem die Hände und Arme fühlen sich auf langen Abfahrten nicht mehr an, als hätte ich beim Arm Wrestling gegen Devon Larratt verloren.
Die paar Gramm mehr Gewicht nehme für diese zusätzlichen Sicherheitsreserven gerne in Kauf. Auch auf das Rollverhalten haben die größeren Scheiben kaum einen Einfluss, weil das zusätzliche Gewicht besonders nahe an der Achse liegt. Zu klein spezifizierte Bremsscheiben am Mountainbike? Für mich ein absolutes No-Go. Stefan Frey, BIKE-Redakteur

Doch was bringt der Wechsel auf größere Scheiben wirklich? Und ist größer in jedem Fall besser? Oder kann eine zu große Scheibe auch Nachteile mit sich bringen? Ich bin kein Isaac Newton, doch die Grundsätze der Physik habe ich so in etwa verstanden.

Meistgelesen

1

2

3

4

5


Die Physik hinter der Scheibengröße, oder: warum die Größe doch zählt

Eine größere Bremsscheibe erhöht in erster Linie das Bremsmoment (Drehmoment am Rad). Die eigentliche Bremskraft des Bremssattels (Belag drückt auf die Scheibe) bleibt gleich, aber durch den größeren Hebelarm entsteht mehr Bremswirkung am Rad. Dahinter steckt eine simple physikalische Formel:

M = F x r
  • M = Bremsmoment
  • F = Reibkraft zwischen Belag und Scheibe
  • r = wirksamer Radius der Bremsscheibe

Wenn Bremssattel, Beläge und Handkraft gleich bleiben, ist das Bremsmoment nahezu proportional zum Scheibenradius.


Größere Bremsscheibe = mehr Power

Vergleicht man die gängigen Scheibengrößen 180 mm, 200 mm und 220 mm miteinander, ergeben sich durchaus beachtliche Werte. Nimmt man die 180-mm-Scheibe als Referenz (= 100 %), sieht das Ganze wie folgt aus:

ScheibendurchmesserRelativer HebelarmRelatives Bremsmoment
180 mm1,00100 %
200 mm1,11111 %
220 mm1,22122 %

Das bedeutet:

  • 200 mm gegenüber 180 mm: ca. 11 % mehr Bremsmoment
  • 220 mm gegenüber 180 mm: ca. 22 % mehr Bremsmoment
  • 220 mm gegenüber 200 mm: ca. 10 % mehr Bremsmoment

Die tatsächlichen Werte können leicht abweichen, da der Belag nicht ganz am Außenrand der Scheibe angreift, aber die Größenordnung stimmt sehr gut.

Was bedeutet das auf dem Trail?

Der Umstieg von 180 auf 200 mm große Bremsscheiben kann sich für viele Fahrer schon wie ein deutlicher Sprung anfühlen und in der Abfahrt spürbare Vorteile liefern:

  • spürbar leichter zu bremsen
  • weniger Handkraft nötig
  • bessere Dosierbarkeit
  • etwas höhere Fading-Reserven

Beim Wechsel von 200- auf 220-mm-Bremsscheiben ist im normalen Trail-Einsatz der Unterschied oft weniger deutlich als der Schritt von 180 auf 200 Millimeter.

  • nochmals etwa 10 % mehr Bremsmoment
  • vor allem bei langen, steilen Abfahrten interessant
  • deutlich bessere Wärmeaufnahme
  • wird von schweren Fahrern und im Bikepark geschätzt

Thermischer Vorteil größerer Bremsscheiben

Der oft noch größere Vorteil einer großen Scheibe ist nicht immer die zusätzliche Bremskraft, sondern die Temperatur. Eine 220-mm-Scheibe besitzt einen größeren Umfang und damit mehr Masse sowie eine größere Oberfläche. Dadurch erwärmt sie sich langsamer, kühlt schneller ab und neigt weniger zu Fading. Deshalb fahren viele Enduro- und Downhill-Fahrer vorne 220 mm, obwohl sie die zusätzliche Bremskraft nicht ständig benötigen.

Praxisbeispiel für Fahrergewicht

Typische Empfehlungen:

FahrergewichtTrailEnduroBikepark/DH
< 70 kg180/180200/180200/200
70-90 kg200/180200/200220/200
> 90 kg200/200220/200220/220

Interessanter Nebeneffekt: Handkräfte sinken

Wenn man von 180 auf 220 mm wechselt, erhält an etwa 22 % mehr Bremsmoment. Anders betrachtet benötigt man für die gleiche Verzögerung deutlich geringere Handkräft. Für mich war das einer der entscheidenden Faktoren für den Wechsel auf größere Bremsscheiben. Da die Belagkraft durch den hydraulischen Druck erzeugt wird und dieser wiederum von der Handkraft abhängt, sinkt im Idealfall auch die erforderliche Handkraft proportional. Auch hier hilft eine simple Gleichung:

Gleichung HandkräfteFoto: Stefan FreyGleichung Handkräfte

Also muss man rund 18 % weniger Handkraft am Bremshebel für die gleiche Bremsleistung aufbringen.


Auf diese Punkte sollte man beim Bremsscheibenwechsel achten

1. Maximale Scheibengröße von Gabel und Rahmen

Der wichtigste Punkt ist die vom Hersteller freigegebene Maximalgröße.

  • Leichte XC-Gabeln sind oft für maximal 180 mm oder 203 mm große Scheiben freigegenen
  • Trail- und Enduro-Gabeln: meist für 203 mm oder 220 mm tauglich
  • Downhill-Gabeln: häufig bis zu 220 mm freigegeben

Auch beim Hinterbau gibt es Einschränkungen:

  • Manche Rahmen erlauben hinten nur 180 mm große Bremsscheiben
  • Viele moderne Enduro- und E-MTB-Rahmen erlauben 203 mm oder 220 mm
  • Ein zu großer Rotor kann an Kettenstrebe oder Sitzstrebe anstoßen

Wichtig: Nicht die Adaptergröße entscheidet, sondern ausschließlich die Herstellerfreigabe von Rahmen und Gabel.

2. Passender Bremssattel-Adapter

Für eine größere Scheibe wird meist ein anderer Adapter benötigt. Beispiel: Bremssattel ist aktuell für 180 mm vorbereitet. Für die Umrüstung auf 200 mm wird ein +20-mm-Adapter fällig. Beim Wechsel auf 220 mm muss entsprechend ein +40-mm-Adapter montiert werden.

Der Adapter muss zu Bremssattelaufnahme (Post Mount / Flat Mount), aktueller Montagegröße und Zielscheibengröße passen.

3. Laufrad- und Speichenbelastung

Größere Scheiben erzeugen höhere Bremsmomente. Das bedeutet:

  • höhere Lasten auf Nabe
  • höhere Lasten auf Speichen
  • höhere Belastung der Gabel- und Rahmenausfallenden

Bei modernen Enduro-, DH- und E-MTB-Komponenten ist das normalerweise eingeplant. Deshalb begrenzen manche Hersteller die Scheibengröße bei leichteren XC-Komponenten.

4. Mehr Bremskraft kann auch Nachteile haben

Eine größere Scheibe macht das Vorderrad leichter blockierbar. Daher ist am Bremshebel etwas mehr Feingefühl gefragt. Für geübte Fahrer ist das meist kein Problme, weil weniger Handkraft nötig ist und die Bremse besser Dosierbarkeit wird.

Für Anfänger kann eine sehr große Scheibe zunächst aggressiver wirken. Deshalb empfiehlt sich eher der Wechsel in 20-Millimeter-Schritten und nicht gleich das Upgrade zum „Pizzablech“. Hinten ist ein Umstieg zum Teil auch gar nicht nötig da das Vorderrad ohnehin etwa 70 bis 80 Prozent der gesamten Bremsleistung liefert.


Für wen lohnen sich größere Scheiben besonders?

Schwere Fahrer

Hier ist der Nutzen am größten. Ein Fahrer mit 65 kg plus 15 kg Bike hat deutlich weniger Bewegungsenergie abzubauen als jemand mit 100 kg plus 25 kg E-MTB. Die aufzunehmende Wärme steigt nahezu proportional zur Gesamtmasse. Für Fahrer über ca. 90 kg sind 200- oder 220-mm-Scheiben vorne oft sinnvoll.

E-MTB-Fahrer

Am E-MTB profitiert man besonders von größeren Scheiben. Warum? Ein modernes E-Bike wiegt häufig 23 bis 27 kg gegenüber 14 bis 17 kg bei einem Mountainbike. Zusätzlich werden oft höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten gefahren. Die Folgen: Es entsteht mehr kinetische Energie, längere Bremsphasen und höhere Temperaturbelastung. Daher sind heute viele leistungsstarke E-MTBs serienmäßig mit 220 mm vorne und 200 oder 220 mm hinten ausgestattet.

Enduro-Biker, Downhill- und Bikepark-Fahrer

Auch hier lohnt sich die größere Scheibe meist. Wer regelmäßig lange Alpenabfahrten fährt, bemerkt den Unterschied oft deutlicher als auf kurzen Hometrails. Typische Vorteile:

  • weniger Ermüdung der Hände
  • weniger Fading
  • konstanter Druckpunkt

Fahrer mit Handproblemen

Ein oft unterschätzter Punkt ist zudem die Ergonomie: Größere Scheiben bedeuten nämlich auch geringere benötigte Hebelkraft und in der Folge weniger Belastung für Finger und Unterarme. Das ist insbesondere interessant für Fahrer mit:

  • kleinen Händen
  • Arthrose
  • Sehnenproblemen
  • schnell ermüdenden Unterarmen

Fazit aus Redakteurssicht

Für mich war der Wechsel auf größere Bremsscheiben ein echter Gamechanger. Die 200-Millimeter-Scheibe am Vorderrad verwandelt zwar die halbstarke Einsteiger-Bremse nicht in einen Wurfanker, verbessert ihre Leistung aber spürbar.
In der Praxis habe ich direkt von einer wesentlich stärkeren Verzögerungsleistung und feinerer Dosierbarkeit profitiert. Vor allem die Hände und Arme fühlen sich auf langen Abfahrten nicht mehr an, als hätte ich beim Arm Wrestling gegen Devon Larratt verloren.
Die paar Gramm mehr Gewicht nehme für diese zusätzlichen Sicherheitsreserven gerne in Kauf. Auch auf das Rollverhalten haben die größeren Scheiben kaum einen Einfluss, weil das zusätzliche Gewicht besonders nahe an der Achse liegt. Zu klein spezifizierte Bremsscheiben am Mountainbike? Für mich ein absolutes No-Go. Stefan Frey, BIKE-Redakteur

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Stefan Frey

Stefan Frey

Redakteur

Stefan Frey ist Niederbayer, er liebt die moosig-lehmigen Trails des Bayerischen Waldes ebenso wie den schroffen Fels der Dolomiten. Für technische Abfahrten nimmt er nahezu jeden Anstieg in Kauf – gerne aus eigener Kraft. Als Zubehör-Spezialist ist er die erste Anlaufstelle bei Fragen zu Ausrüstung und Anbauteilen, während er als Textchef die Sprachkrümel von den Seiten der BIKE-Print-Ausgaben fegt.

Meistgelesen in der Rubrik Komponenten

Shorts