Wir BIKE-Redakteure haben einen beneidenswerten Job: Wir dürfen uns Dauertest-Bikes aussuchen. Dann fahren wir sie eine oder zwei Saisons, nehmen sie mit auf Reisen, scheuchen sie über Trails und quälen durch Schlamm – und berichten, wie sie sich bewähren. Die Hersteller freuen sich über Präsenz, wir über Fahrräder. Im Idealfall profitieren alle. Eine klassischen Win-Win-Situation.
Als ich Anfang des Jahres mein neues Dauertest-Bike in Empfang nahm, ein Specialized Stumpjumper 15 Evo Expert, war das der Anlass für einen Blick zurück. Erstaunlich, was sich in all den Jahren für eine kleine Bike-Flotte angesammelt hat. Und natürlich wird man dabei sentimental. Nostalgie mischt sich mit Verklärung, technische Daten mit Erinnerungen. Deshalb teile ich die Rückschau. Hier kommt Teil eins meiner persönlichen Bike-Geschichte.
Mein erstes Mountainbike: ein Raleigh USA Tangent. Starr, ziemlich klein (zu klein) und vermutlich deshalb so günstig (250 Dollar), weil die Herkunft äußerst zweifelhaft war. Ein Dauertest im eigentlichen Wortsinn – nur stellte mir das Bike kein Hersteller zur Verfügung, sondern ich kaufte es selbst.
Mit diesem Raleigh umrundete ich Maui und schrieb darüber meine erste Reise-Reportage. Ich schickte sie an BIKE und hoffte auf den großen Durchbruch. Natürlich kam nichts. Die Mountainbike-Magazine erlebten gerade ihre Boomjahre und wurden mit Reportage-Angeboten überschüttet. Das Internet war kommerziell noch Zukunftsmusik, Handys ungefähr so selbstverständlich wie elektronische Schaltungen. Zeitgleich kaufte ich mir mein erstes BIKE Magazin und übte Wheelie-Drops nach einer Fahrtechnik mit Hans NO WAY Rey.
Später wurde mir das Tangent vor dem Cinedom in Köln geklaut. Mein Herz war gebrochen.
Das nächste Bike kaufte ich wieder selbst: ein GT Avalanche AL. Mein Idol Hans Rey fuhr ein Zaskar – zu teuer für mich. Das Avalanche sah immerhin ähnlich aus und besaß eine RockShox Mag 10. Gefühlt hatte die zwar keinen Federweg, aber eine Federgabel war damals bereits ein Hingucker.
Mein Studienkollege Ulf wollte das Bike ausprobieren. „Gib mal her!“ Er nahm Anlauf und fuhr frontal auf einen hohen Bordstein.
Knall.
Dann ein langgezogenes Pfffffsssssssssst.
Vorderreifen platt. Ich fassungslos.
„Bist du bescheuert?“, schrie ich.
Ulf zuckte mit den Schultern: „Nicht meine Schuld. Die Federgabel federt ja gar nicht!“
Das GT blieb lange bei mir. Sehr lange. So lange, bis ich sogar die Felgen durchbremste. Damals drückten noch zwei Gummiklötze auf die Aluflanken. Scheibenbremsen waren Zukunftsmusik.
2000 wurde ich Volontär bei BIKE. Plötzlich standen mir Räder zur Verfügung. So viele und so tolle, dass mir die Spucke weg blieb. Eines hatte es mir besonders angetan: das Scott G-Zero FX-2, mein erstes Fully. Mit kurzem Vorbau wurde daraus ein kleiner Freerider mit aufrechter Sitzposition. Vollfederung zum ersten Mal für mich: Stahlfeder-Dämpfer! Federweg des Eingelenkers: 110 Millimeter. Preis: 2799 DM. Doch ich musste aufpassen! Schob ich die Sattelstütze zu weit ins Stummelsitzrohr und die Karre federte bei der Drop-Landung ein, dann stanzte das Rohr den Dämpfer kaputt. Ist mir passiert. Danach gab es Schimpfe vom Testleiter Markus Greber – einer der ersten Wegbegleiter der neuen Freeride-Bewegung.
Mit dem G-Zero wagte ich meinen ersten richtigen Drop am Münchner Bombenkrater: vielleicht 1,5 Meter hoch, mit steiler Landung. Genannt: die Kraterkante. Damals war das eine Mutprobe für die ganze Szene. Es gab zwei Sorten Mountainbiker: jene, die den Drop wagten– und jene, die es nicht wagten. Man könnte auch sagen: Männer und Mäuse.
Die Ehre stand auf dem Spiel. Ich wollte dazu gehören. Also wagte ich den Drop, obwohl mir meine Kollegen abrieten. Sie wussten: Der neue Volontär hat’s nicht drauf. Mut ist da, doch die Fahrtechnik fehlt. Eine üble Kombination.
Ich stürzte oft. So regelmäßig, dass die Kollegen mir gar nicht mehr zuschauen wollten, wenn ich Anlauf nahm. Einmal stürzte ich so heftig, dass mir das Schlüsselbein aus der Schulter gerissen wurde. Den Jahrhundertsommer verbrachte ich dann im Krankenhaus. Noch heute erinnert ein Knubbel auf der Schulter an diese Karrierephase.
Später schenkte ich das G-Zero meinem kleinen Bruder.
Das Rocky Mountain Switch war das coolste Bike, das ich bis dahin gesehen hatte. Kantige Rohre, martialische Lackierung, Freerider-Attitüde. Damit lernte ich Wheelie und Manual und fuhr den Arctic Circle Trail auf Grönland.
Die Manitou Black Gabel war damals „the hottest shit“: 120 Millimeter Federweg. Erst im Folgejahr gab’s die Freeride-Gabel: Manitou Sherman. Drei Kettenblätter gehörten noch zum guten Ton. Ich rüstete auf Srams eigenartige Drehschaltung um und fuhr tatsächlich schon meine ersten Tubeless-Reifen auf Mavic-Felgen.
Jetzt wurde es ernst. Das Fusion Whiplash – der Name bedeutet Schleudertrauma – besaß eine eigens entwickelte Floatlink-Kinematik mit schwimmend aufgehängtem Dämpfer. Entwickelt hatte es Bodo Probst, ein Mastermind in Sachen Fahrwerkskinematik und ehemaliger Motorradrennfahrer. Im BIKE-Test kassierte das Bike die Note 10/10 – und hielt diesen Status sogar zwei Jahre später noch.
Das Whiplash gab mir das Selbstvertrauen für meine ersten hohen Drops und Sprünge, die diesen Namen auch verdienten.
Ich erinnere mich besonders an einen Stunt an der Isar. Mein BIKE-Kollege Florian Haymann und ich standen davor und rieben uns das Kinn. Jemand hatte eine Northshore-Leiter schräg auf einen umgefallenen Baum gelegt. Sie führte steil nach oben und endete dort abrupt. Dahinter fiel der Hang steil ab. Erst ging es also nach oben, dann wieder tief nach unten. Später bekam dieser Stunt einen Namen: Boner-Log, aus offensichtlichem Grund.
Florian war deutlich versierter als ich und probierte zuerst. Danach riet er mir ab. Er selbst war am Limit gewesen.
Ich fuhr trotzdem.
Das Whiplash gab mir den Mut. Mit zu viel Schwung schoss ich die Leiter hinauf, flog über die Kante und hatte für einen kurzen Moment dieses unglaubliche Gefühl: Schwerelosigkeit. Dann packte mich die Schwerkraft, ich rauschte nach unten und schaffte es tatsächlich, die Landung zu zähmen.
Ich rollte davon.
Das war es. Das war Freeride.
Für den Rest des Tages war ich der König.
Funfact: Mit dem Fusion Whiplash nahm Guido Tschugg als erster Deutscher 2004 bei der Red Bull Rampage teil und sprang als erster den monströsen Bender-Sender.
Die Industrie hatte inzwischen die Ölpresse entdeckt. Aluminium bekam Kanten, Ecken und Formen, als müsste jedes Bike aussehen wie ein Kampfjet. Das Scott Ransom von Konstrukteur Peter Denk war ein Paradebeispiel.
Ein echtes Enduro, seiner Zeit voraus. Per Daumendruck ließ sich der Federweg des Equalizer-Dämpfers von 165 auf 110 Millimeter reduzieren – praktisch für den Weg nach oben. Gewicht: 14,9 Kilo. Lenkwinkel: 68,4 Grad.
Mit dem Ransom machte ich lange Epic Rides durch den Böhmerwald, erkundete den Comersee und geheime Trails am Gardasee.
Am Comersee droppte ich für ein Foto über eine Steinmauer. Fotograf Franz Faltermaier drückte im richtigen Moment auf den Auslöser. Apple und ein Rüstungskonzern kauften das Bild später für eine Werbekampagne. Für Franz gab’s somit ein ziemlich gutes Honorar.
Dann kam das Trek Remedy. Länger, flacher, tiefer: Ein New-School-Enduro, bevor der Begriff endgültig zum Standard wurde. Ein Testsieger, Aluminium, viel Hydroforming – und ein Bike, das sich so gut fuhr, dass ich es eigentlich nicht mehr hergeben wollte. Mit 12,9 Kilo besaß das Remedy 8 einen großen Einsatzbereich. Preis: 3499 €. Lenkwinkel: 66,5°. Federweg: 160 Millimeter vorne und hinten. Die Lyrik 2-Step ließ sich per Knopfdruck und Einfederbewegung tief stellen für den Uphill.
2008 ging es zur Trailjagd nach Island, 2009 in die rumänischen Karpaten, 2011 in die Abruzzen und 2012 nach Madeira.
Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich deshalb nicht einfach eine Reihe von Fahrrädern. Ich sehe Orte, Stürze, Reisen, Kollegen, Freunde und diesen kurzen Moment vor einem Drop, in dem man sich fragt, ob man eigentlich noch ganz dicht ist.
Und genau deshalb sind Dauertest-Bikes eben doch mehr als Testobjekte. Sie werden Teil der eigenen Geschichte. Das war Teil 1 meiner Dauertestbikes.

Redakteur
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