​Specialized Stumpjumper 15 Evo ExpertMehr Federweg, weniger Ausreden

Dimitri Lehner

 · 19.09.2026

Das Stumpy und Testredakteur Dimitri Lehner im Glück: Gerade fuhren die zwei einen Lieblingstrail. Checkt die coole Farbe: gloss pistachio.
Foto: Laurin Lehner
Das Specialized Stumpjumper 15 EVO Expert will Trailbike, All-Mountain und Beinahe-Enduro zugleich sein. Mit 160 Millimetern Federweg, Genie-Dämpfer und Shimano XT Di2 kostet dieser Universalismus 6999 Euro. Kann das gut gehen? Erstaunlich gut.

Themen in diesem Artikel

Es gehört zu unseren Privilegien als BIKE-Redakteure, dass wir uns für eine oder zwei Saisons ein Bike aussuchen dürfen, mit dem wir dann möglichst häufig unterwegs sind, um über mögliche Ausfälle und Verschleiß zu sprechen und vor allem darüber zu berichten, wie sich das Rad bewährt.

Manche Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen fällt heutzutage kürzer aus als mein Intermezzo mit einem Dauertestbike, daher will der Bike-Partner schlau gewählt sein – sonst kann es sein, dass man sich anödet und nervt. Kein schönes Szenario in seinem Lieblingssport.

Meine Wahl für die nächsten zwei Bike-Saisons fiel auf den Specialized Stumpjumper Evo Expert. Warum? Ich will mit meinem Bike sehr viel machen: von Epic Ride bis Bikepark – und natürlich selbst treten und nicht den Motor schnurren lassen. Kurz: ein Bike für alles.

Vor sechs Jahren fuhr ich den Vor-Vorgänger des Stumpy. In meinen Augen war es fast ein klassisches Enduro und deshalb ganz nach meinem Geschmack. All 29 wie das neue, 150/140 Millimeter Federweg, 14 Kilo schwer und damals noch mit der charakteristischen einseitigen „Dämpfer-Strebe“ als Erkennungsmerkmal – einem schmalen, asymetrischen Carbonsteg zwischen Oberrohr und Sitzrohr. Dieses Bike fuhr ich zwei Jahre und wollte es nicht mehr hergeben, so viel Spaß hatte es mir gemacht. Das erwarte ich mir von dem neuen Stumpy natürlich jetzt auch.

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Deswegen: Her damit!

Das Stumpy wird (wieder) erwachsen

Das Stumpjumper war lange das Mountainbike für Menschen, denen ein Enduro zu viel und ein kurzhubiges Trailbike zu wenig war. Jetzt ist es das wieder. Denn nach 2020 trimmten die Amis das Stumpy mehr Richtung straffes Trailbike mit knappen Federweg. Die 15. Generation besinnt sich auf die alte Ausrichtung. In der EVO-Version stehen 145 Millimeter Federweg am Heck einer Fox 36 Performance Elite mit 160 Millimetern gegenüber.
Ich bin 1,78 Meter groß und entschied mich für Größe L, bei Specialized heißt die S4 mit einem Reach von 470 Millimetern, unsere Messung ergab 468.

Der Rahmen besteht komplett aus Carbon und wiegt mit der Ausstattung in Größe S4 laut Hersteller 14,48 Kilogramm. Wir wogen sogar nur 14,39 Kilo. Damit ist das Stumpy kein Fliegengewicht, für ein derart potentes Trailbike aber auch kein Sack Zement. Im Unterrohr sitzt das SWAT-4.0-Staufach für Schlauch, Werkzeug und Notfallriegel. Praktisch für alle, die ohne Rucksack fahren möchten – ein eigenes Tool klemmt unterm Flaschenhalter.

Die Größen S1 und S2 rollen serienmäßig als Mullet mit 29-Zoll-Vorderrad und 27,5 Zoll hinten. Ab S3 gibt es zwei große Räder. Die Kettenstreben wachsen passend zur Rahmengröße von 430 auf 445 Millimeter. So sollen kleine Fahrer kein zu langes und große kein zu hecklastiges Rad bekommen.

Ein Flaschengeist mit Luftdruck

Besonders stolz ist Specialized auf den Genie-Dämpfer. Specialized entwickelte den Dämpfer gemeinsam mit Fox. Statt einer einzigen positiven Luftkammer besitzt das System zwei miteinander verbundene Kammern. Während der ersten 70 Prozent des Federwegs steht dadurch ein großes Luftvolumen bereit. Der Hinterbau soll so sensibel ansprechen und sich annähernd linear verhalten – ähnlich einer Stahlfeder. Im letzten Drittel wird die äußere Kammer abgetrennt, die Kennlinie wird progressiver und der Dämpfer stemmt sich so gegen Durchschläge.

Das klingt nach technischem Flaschengeist, fährt sich aber unauffällig. Ist der Dämpfer richtig eingestellt, gibt’s viel Traktion am Hinterrad. Kleine Schläge verschwinden diskret, Wurzelfelder verlieren ihren Schrecken, in Anliegern und beim Pumpen bleibt genug Gegenhalt. Die 145 Millimeter fühlen sich nach mehr an. Nur bei ganz stumpfen, flachen Drop-Landungen schlug der Dämpfer bisher ein paar Mal durch. Das lag aber auch daran, dass ich gerne viel Sag fahre und wenig Druckstufe. Paar Klicks am blauen Knopf und die Durchschläge – von mir sogar provoziert – blieben aus.

Bergauf ohne Bußgang

Mit einem Bike mit Fox 36, Piggyback-Dämpfer und knapp 14,5 Kilogramm verwandelt man sich bergauf sicher nicht in Kletterwunder Braydon Bringhurst (ja, ich weiß: Braydon fährt Canyon). Trotzdem klettert das Stumpjumper mehr als bereitwillig. Der Hinterbau bleibt beim gleichmäßigen Pedalieren ziemlich ruhig und bietet auf technischen Anstiegen reichlich Traktion. Sehr Effektiv und auch mentale Stütze: Hebel umlegen, Plattform einschalten, dann wackelt nix mehr.

Die Sitzposition ist zentral, wobei der effektive Sitzwinkel mit wachsender Rahmengröße etwas flacher wird. In S4 beträgt er 76 Grad. Das ist angenehm für lange Touren. Der hohe Stack, ich fuhr einige Spacer unterm Vorbau, und der Lenker mit 50 Millimetern Rise erzeugen eine aufrechte Haltung. Gut für Kontrolle und Übersicht, genau richtig für mich. Am Stumpy liegt es nicht, dass ich mich ständig erinnern muss, nach vorne zu kommen für eine zentrale Position auf dem Bike. Das Problem habe ich auf allen Bikes.

Die 10–51-Zähne-Kassette liefert genügend Bandbreite, die elektronische Shimano XT Di2 schaltet schnell und zuverlässig. Ihr Akku sitzt geschützt im Schaltwerk; nach einem Schlag kann das System den Käfig ausweichen lassen und anschließend in die Ausgangsposition zurückkehren. Noch vor kurzem hab’ ich E-Schaltungen gedisst, so wie Tubeless-Reifen, Klick-Pedale, Friedrich Merz und unkontrollierte Aufrüstung. Doch das E-Zeug funktioniert ja wirklich gut, vorausgesetzt ich schalte meinen Grips ein und lade das Batterie-Klötzchen auf.

Bergab fast ein Enduro

Geht’s bergab, beginnt der Spaß erst richtig. Der 64 Grad flache Lenkwinkel, die hohe Front und die Fox 36, nicht zu vergessen: die Traktorreifen boosten das Selbstvertrauen. Gleichzeitig ist die Karre richtig agil. Ein Mini-Enduro – wirklich! Und doch mit einem superverspielten Handling gesegnet. Vorn sorgt der weiche Butcher T9 für viel Grip, hinten rollt der Eliminator T7 leichter. Die GRID-Trail-Karkassen passen gut zum Allround-Anspruch, können bei aggressivem Tempo, harten Einschlägen und nassen Bedingungen aber an Stabilität verlieren. Wer oft im Bikepark oder auf scharfkantigem Gestein fährt, sollte hinten über eine robustere Karkasse nachdenken. Die Reifen gibt es auch als Radial-Version (darauf hatte ich gehofft), sie sind im Serien-Stumpy aber nicht verbaut.

Die Fox 36 Performance Elite besitzt mit der GRIP-X2-Kartusche dieselben umfangreichen Dämpfungsmöglichkeiten wie die teurere Factory-Version – nur ohne goldene Kashima-Schicht und den damit verbundenen Schmuckaufschlag. Hinten arbeitet ein Float X Performance Elite GENIE mit Piggyback, Druck- und Zugstufeneinstellung sowie Plattformhebel. Das Fahrwerk bietet damit Reserven für lange, harte Abfahrten, verlangt aber etwas Geduld beim Setup. Wer gern an Rädchen dreht, findet sein Glück. Wer nur Luft hineinpumpen und losfahren möchte, sollte zunächst bei den empfohlenen Grundeinstellungen bleiben

Zusätzlich lässt sich die Geometrie über Steuersatzschalen und einen Flipchip verändern. Der Lenkwinkel kann steiler oder flacher gestellt, das Tretlager angehoben und das Handling so vom wendigen Trailbike zum laufruhigen Mini-Enduro verschoben werden. Die Unterschiede sind nicht nur Prospektlyrik, sondern auf dem Trail spürbar.

Expert heißt: teuer, aber nicht irrsinnig teuer

Die Ausstattung trifft ziemlich genau den Punkt, an dem High-End beginnt, ohne völlig den Kontakt zum Girokonto zu verlieren. 7000 € sind ein Haufen Geld, soviel kostet das Stumpy Expert in der schicken Farbe: gloss pistacio. (Die S-Works-Variante kommt auf 14000 €).

Die Shimano-XT-Vierkolbenbremsen greifen vorn in eine 203-Millimeter-Scheibe; hinten sind es ab S3 ebenfalls 203 Millimeter. Die Roval-Traverse-Aluminiumräder mit 30 Millimetern Innenweite sind weniger glamourös als Carbonfelgen, aber passend für ein Rad, das tatsächlich durch Steinfelder gefahren werden soll. Eine PNW-Loam-Stütze bietet am meinem Bike 200 Millimeter Hub. Das heißt, ich muss nicht noch per Hand weiter rein schieben oder rausziehen.

Unterm Strich ist das Stumpjumper 15 EVO Expert kein Spezialist, sondern ein bemerkenswert talentierter Generalist. Es klettert besser, als 160 Millimeter Federweg vermuten lassen, und fährt bergab souveräner, als 145 Millimeter am Heck erwarten lassen. Ein reinrassiges Enduro bleibt im Hochgeschwindigkeitsgeballer satter, ein leichteres Trailbike beschleunigt auf zahmen Wegen spritziger. Dazwischen aber besetzt das Stumpy ein erstaunlich großes Revier – genau richtig für mich.

Dazu kommt dieses Gefühl, dass das Bike richtig gut zu mir passt. Wenn ich mich draufsetze, fühlt sich das an, als würde ich in meinen Lieblingslaufschuh schlüpfen. Das Stumpy und ich werden eins: das breite Cockpit mit den schmalen Griffen und dem Kurzen Vorbau – super! Die gefällige Geo. Das intuitive Handling. Mit so einem Bike werden technisch kniffelige Felstraversen zu einem großen Spaß. Da denke ich mit keiner Gehirnzelle (ich hab nur zwei) ans Abschmieren oder dran, dass ich die Balance-Nummer vermasseln könnte. Das gleiche gilt für Felsen-Roll-Offs, die mich mit manch anderem Bike schwer schlucken lassen und bangen usw. – you get the message!

Was ich noch nicht damit gemacht habe: Ich habe es noch nicht so richtig durch den Bikepark geprügelt. Mal sehen, wie das dem Stumpy bekommt. Ich werde berichten.

Fazit: Das Specialized Stumpjumper 15 EVO Expert ist ein Trailbike für Fahrer, die gern alles fahren und ungern mehrere Bikes kaufen. Sensibel, verspielt, ausreichend laufruhig und mit ausreichend Popp ausgestattet, dass die Sprünge zünden.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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