
Das Decoy X bietet unfassbar viel Bike fürs Geld – vorausgesetzt, man kann mit dem fest verbauten Akku leben. Vor allem Fans gepflegter Downhill-Action können wir dieses Rad ans Herz legen. Zwar gibt es sowohl schluckfreudigere als auch verspieltere Bikes, doch das Gesamtpaket des YT überzeugt auf ganzer Linie. Erst recht zu diesem Preis.
| Preis | 4.499,00 € |
| Federweg | 170 mm |
| Laufradgröße | 29"/ 27,5" |
| Gewicht | 24.95 kg |
| Motor | Avinox M2S |
| Akku | Avinox FS 800 |
| Gabel | Marzocchi Bomber Z1 |
| Dämpfer | Marzocchi Bomber Air |
| Schaltung | SRAM S100 Eagle |
| Bremse vorne | SRAM DB 8 |
Fangfrage: Kann man zu viele abfahrtslastige Mountainbikes im Portfolio haben? Bei Gravity-Versender YT jedenfalls lautet die Antwort eindeutig: Nein! Der Hersteller war letztes Jahr in finanzielle Schieflage geraten. Doch YT-Boss Markus Flossmann kaufte die Anteile zurück und stellte YT damit neu auf.
Das neue Decoy X mit Avinox-Motor ist offiziell die erste Neuschöpfung nach dem Relaunch und baut damit das Gravity-Angebot von YT weiter aus. Allein im E-MTB-Kosmos kreist neben dem demnächst auslaufenden Decoy SN noch das klassische Decoy mit Bosch-Motor und fetten 180 Millimetern Federweg. Jetzt gesellt sich dazu noch das Decoy X, das ebenfalls im Enduro- und Bikepark-Universum unterwegs ist. Jede Menge Auswahl also – von den motorlosen Gravity-Bikes aus Forchheim mal ganz abgesehen.
Ob Decoy, Decoy SN oder Decoy X mit Avinox: Die Entscheidung dürfte recht leichtfallen. Das leichte Decoy SN begeistert mit starken Fahreigenschaften und einem äußerst attraktiven Abverkaufspreis. Nach der Insolvenz von Fazua bleibt allerdings die Frage nach dem künftigen Support.
Das Decoy mit Bosch-Antrieb ist dagegen ein Carbon-Enduro mit reichlich Federweg und klarer Ausrichtung auf anspruchsvolles Gelände. Das Decoy X mit günstigem Alu-Rahmen und 170/160 Millimetern Federweg wie unser Testbike ist hingegen deutlich breiter aufgestellt und dank unkompliziertem Alu-Chassis auch recht bezahlbar. Es gibt also gute Argumente für dieses Bike, die weit über das offensichtliche Avinox-Thema im Tretlager hinausgehen.
Aber a propos Avinox: Ein paar Takte zum Motor müssen dann doch erlaubt sein. YT verbaut beim Decoy X nämlich konsequent den Top-Motor M2S (hier im Test) mit bis zu 1300 Watt und 150 Newtonmetern in der Spitze - auch beim günstigsten Modell Core 1 für 4.499 Euro. Leistung satt und eine exzellente Modulation und Dosierbarkeit sind also vorprogrammiert. Der Saft für den Antrieb kommt aus dem üblichen 800 Wattstunden Akku, den YT allerdings fest im Unterrohr verbaut. Das Touch-Display und die App sind bekannt und bewährt. Den Fast-Charger mit 12 Ampere muss man bei Bedarf aber noch extra einkalkulieren (229 Euro). Er ist nur beim ganz teuren Topmodell (Launch Edition) ab Werk oder mal als Aktion mit dabei. Das ist keineswegs unüblich. Fast alle Hersteller verkaufen ihre Bikes ab Werk nur mit dem 4 Ampere Charger von Avinox.
Für diesen Test haben wir uns die günstigste Variante des Decoy X angesehen: das Core 1. steht mit seinem voll einstellbaren Marzocchi-Fahrwerk schon in der Basisversion erstaunlich gut da. Zudem spendiert YT für 4500 Euro den kräftigen Avinox-Motor samt 800-Wh-Akku sowie das DPC-100-Display mit voller Konnektivität und optionaler GPS-Ortung als Diebstahlschutz. Die Batterie ist fest im Alu-Chassis verbaut. Ein echtes Leichtgewicht lässt sich mit den robusten Komponenten und zu diesem Einstiegspreis allerdings nicht realisieren: Knapp 25 Kilo sind im Avinox-Vergleich eher üppig.
Gespart wird auch an den einfachen DB8-Bremsen mit dünnen Centerline-Scheiben von Sram sowie der S100-Egale-Schaltung ohne echtes Direct-Mount-Schaltwerk. Immerhin soll selbst diese günstigste Transmission-Variante dank ihrer beidseitig abgestützten Half-Mount-Anbindung eine höhere Stabilität bieten als klassische Schaltwerke, die nur auf ein „einfaches“ Schaltauge setzen.
Geometrie und Fahrwerk des Decoy X sind typisch YT: Wie gewohnt sitzt der Dämpfer zentral im Rahmen, lässt nun aber ausreichend Platz für eine vollwertige Trinkflasche (750 ML in Größe L). Der Reach fällt moderat aus, und dank des super tiefen Tretlagers sowie der hohen Front steht man angenehm integriert im Bike. Kurze Kettenstreben sollen für ein agiles Handling sorgen. Bergauf helfen der steile Sitzwinkel und der etwas längere Vorbau dabei, ausreichend Druck auf das Vorderrad zu bringen.
Allerdings: Für einen Power-Wheelie muss man sich kaum anstrengen. Der M2S-Motor liefert schließlich Dampf ohne Ende. Weil der Dämpfer wirkungsvoll dagegenhält und auch in steilen Anstiegen kaum einsackt, bleibt das Decoy X bergauf dennoch gut kontrollierbar. Das sensible Heck und der griffige Downhill-Reifen finden auch auf schwierigem Untergrund viel Grip. Die besondere Stärke des YT liegt in seiner Vielseitigkeit: Die Sitzposition ist angenehm ausgewogen und selbst auf längeren Transferetappen und moderaten Touren komfortabel. Gleichzeitig überzeugt das Bike auch in technischen Uphills. Das ist angesichts des bewusst kurz gehaltenen Hinterbaus durchaus bemerkenswert.
Die schlechte Nachricht zuerst: Nein, auch mit moderater Geometrie und relativ kurzem Heck ist das Decoy X kein ausgewiesener Spielkamerad. Das liegt vor allem am hohen Gesamtgewicht, den vorbildlich robusten Reifen und den üppigen Federwegen. Auf zahmen Trails verlangt das YT deshalb nach etwas mehr Einsatz. Je stärker jedoch die Schwerkraft die Regie übernimmt, desto mehr spielt das Decoy X seine Stärken aus.
Man fühlt sich vom ersten Meter an optimal ins Bike integriert. Das tiefe Tretlager, die hohe Front und der supergriffige Vorderreifen sorgen für ein enormes Sicherheitsgefühl. Ein kurzes Sitzrohr und die lange Teleskopstütze verstärken diesen Eindruck zusätzlich. Auch in Kurven oder beim Manual macht das YT für ein schweres E-MTB einen wirklich guten Job.
Das Marzocchi-Fahrwerk arbeitet anständig und ist leicht einzustellen. Wer mag, kann sogar am Heck die Druckstufe anpassen – in dieser Preisklasse ein echtes Highlight. Die Federung bleibt auch mit offener Druckstufe auf der definierten Seite, bietet bei Sprüngen allerdings einen ausgeprägten Popp. Bergab kann man die Bremsen lange offen lassen. Erst auf schnellen und ruppigen Strecken, bei hohem Tempo, zeigt sich der Grenzbereich des Bikes. Dafür muss man mit dem YT aber schon ordentlich reinhalten. Denn zur Einordnung gehört auch: Wer bergab noch mehr Reserven erwartet, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Echte Kritik beschränkt sich deshalb auf die etwas schwachen aber für die Preisklasse typischen Sram DB8-Bremsen.

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