Wir stehen im Wald und mein Kollege Max greift das Last Tarvo an Vorbau und Sattel – hebt es leicht an und schüttelt ungläubig den Kopf. „Wer will so ein leichtes Enduro?“ sagt Max – mehr Statement als Frage, und hebt dabei die Augenbraue.
Es ist verrückt. Vor rund fünf bis zehn Jahren galten leichte Bikes grundsätzlich als gute Bikes. Auch Enduros. Besonders Enduros. Denn sie hatten den Anspruch, in jedem Terrain eine gute Figur zu machen. Keine leichte Aufgabe für die Konstrukteure – Leichtbau inklusive Robustheit ist wie Diät mit Sahnetorte. Doch der Anspruch steht im Namen: ENDURANCE! Hoch, entlang, runter. Doch dann wurde Enduro-Racing mit der Aufnahme in den UCI Worldcup ernsthafter. Und spitzer – die Racer brauchten stabile, schnelle Geschosse für bergab. Die Konstrukteure lieferten ihnen genau das. Und weil wir Hobby-Biker die gleichen Bikes wie die Racer fahren müssen – „oder dürfen“, wirft Kollege Max ein – cruisen wir nun auch mit 17-Kilo-Boliden durch die Wälder.
Deutschlands erfolgreichster Enduro-Racer Christian Textor brachte es bereits vor Jahren auf den Punkt: „Ein zu leichtes Enduro ist kein gutes Enduro“ – damit verblüffte er damals uns Testredakteure. Denn gerade zu der Zeit wurden Pummel-Enduros in Tests noch gnadenlos abgestraft. Mittlerweile sehen das aber selbst viele Hobby-Enduristen so wie Textor. Mein Kumpel Alex formuliert es pragmatisch: „Mit meinem Enduro fahr ich in Finale, oder in Latsch oder eben im Park – schwerer ist stabiler und schneller.“ Alex löst das Rätsel mit seiner Aussage auf. Schwere Enduros haben kaum bis keine Nachteile mehr, weil sie wie Downhill-Bikes verwendet werden – nämlich auf Shuttlerides oder auf Strecken mit Lift. Bergauf? Interessiert niemanden mehr.
Das Last Tarvo – laut eigenen Angaben mit dem leichtesten Serien-Enduro-Rahmen der Welt – ist also ein Exot. Ein Enduro-Einhorn So viel Federweg bei so geringem Gewicht – das gibt‘s sonst nirgendwo.
Gewohnte Optik – man muss schon genauer hinschauen, um Unterschiede zum Vorgänger zu erkennen. Und man erkennt dennoch keine. Der Rahmen ist zwar eineinhalb Schokoladentafeln leichter geworden, doch das sieht man ihm nicht an. Evolution statt Revolution. Dafür fallen uns sofort die edlen Anbauteile auf, allen voran die Trickstuff Direttissima – Bremskunst vom Feinsten. Für Ruhe im Fahrwerk sorgt das RockShox-Fahrwerk mit ZEB Ultimate (hier noch mit dem 2025er-Modell) und der RockShox Vivid Ultimate (ebenfalls nicht das neueste Modell). Grammfuchser könnten mit einer Lyrik Ultimate (160 mm) nochmals rund 350 Gramm rauskitzeln.
Die Rahmenplattform teilen sich weiterhin vier Modelle. Durch den Tausch der Umlenkhebel lässt sich das Tarvo (ED) in Allmountain Cinto, aber auch in das Trailbike Asco sowie das Downcountrybike Celos umbauen. Alle Bikes sind als All-29 oder Mullet verfügbar.
Bereits der Vorgänger nannte sich das leichteste Serien-Enduro auf dem Markt. Jetzt speckte der Rahmen nochmals ab. Ganze 150 Gramm – dank neuer Verfahrensmöglichkeiten made by All Ahead. Beim Carbon-Layup wurde bisher unterschieden – jetzt gibt es nur noch ein einziges, das trotz Gewichtsersparnis die Kategorie-5-Freigabe besitzt (Downhill-Niveau).
Auf dem Tarvo sitzt man herrlich ausbalanciert – Uphills fallen angenehm leicht. Der Lenker besitzt einen dezenten Rise (40 mm) und verpasst dem Cockpit Wohlfühl-Charakter. Jetzt kommt das „Aber“: Mit offener Plattform im Dämpfer wippt das Tarvo spürbar – selbst auf eher ebenem Untergrund. Das kann man doof finden, wenn man prinzipiell gerne mit offener Druckstufe fährt. Andere greifen beim Uphill ohnehin reflexartig zum Plattformhebel – der das System spürbar beruhigt.
Das leichte Gewicht spielt seine Stärken besonders in technischen Uphills aus. Hier will das Tarvo nur eins – nach vorne.
Das leichte Bike beschleunigt in gemäßigtem Gelände mühelos. Das kurze Sitzrohr in Kombination mit der 212-mm-Vario-Stütze sorgen für maximale Bewegungsfreiheit bei steilen, technischen Abfahrten – Platz ohne Ende. Ein Armschnalzen und etwas Gewicht nach hinten, schon surft man mit dem Tarvo auf dem Hinterrad. Die edlen Direttissima von Trickstuff lassen vorbildlich dosieren und verzögern eindrucksvoll – an das etwas raue, direkte Bremsgefühl muss man sich gewöhnen.
Das Tarvo will sich auf Speed pumpen und an jeder Kante abziehen – denn Pop hat es im Überfluss. Wer es zuvor mit einem Bike nicht in die Landung geschafft hat, der sollte es mit dem Tarvo versuchen. In Kurven entwickelt das Bike ausreichend Wendigkeit, outet sich aber nicht als Kurvenräuber. Das Fahrwerk spricht butterweich an und entwickelt massig Grip zum Untergrund.
Würde ich mir das Tarvo selber zulegen? Safe nicht - 10490 Euro sind verrückt viel Geld. Für die Hälfte davon kriegt man schon ein Bike, mit dem man ähnlich viel Spaß hat. Laurin Lehner, BIKE Redakteur
Wird das Gelände schroff und ruppig, findet das Tarvo zwar seinen Weg – lässt aber das satte, planted Fahrgefühl von den gewohnten 17-Kilo-Enduros vermissen. Dann muss der Pilot mehr arbeiten, aktiver bleiben. „Sag ich doch“, wirft Max ein. „Das nehme ich gerne in Kauf“, kontere ich. Lieber sich in rauen Baller-Segmenten mal festhalten und die Linie direkter treffen müssen, als am Einsatzbereich einzubüßen.
Wir testeten das Bike als All-29er-Variante – ich persönlich würde es mir als 650B-Variante konfigurieren.
Ach ja, dann ist da noch der Preis. Los geht‘s bei 6.667 Euro. Für unser vollausgestattetes Testbike muss man stolze 10490 Euro hinblättern. „Leichtbau hat seinen Preis", sagt Kollege Max und grinst schelmisch. Der Rahmen ohne Dämpfer kostet 4399 Euro.
Erstmal die Frage aus der Headline beantworten: Das Tarvo hat jede Menge Bumms! Auch wenn man das Superlight-Gewicht in sehr grobem Terrain bewusster steuern muss. Kurzum: Das Last Tarvo hat mit seinem Rekordgewicht einen echten USP (Unique Selling Point). Es beschleunigt flink, ist ausreichend wendig und hat Reserven für grobe Abfahrten. Ein echtes Aha-Erlebnis – nur eben ein teures (!). Stringenter finde ich das Konzept allerdings als kleinhubiges Trailbike. Gute Nachricht: Das gibt's als Last Cinto.
Laurin Lehner, Redakteur BIKE

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