Jan Timmermann
· 09.10.2026
In Zeiten von 26 Zoll Laufrädern hatten Mountainbikes selten Radstände länger als 1100 Millimeter. Heute sind 100 Millimeter - oder zehn Centimeter - mehr über alle MTB-Disziplinen hinweg keine Seltenheit mehr. Natürlich brauchen größere 29er oder gar 32 Zoll Reifen mehr Platz im Rahmen. Die Räder alleine erklären den Längen-Zuwachs aber nicht. Längere Hauptrahmen und zum Teil auch Hinterbauten sind eine bewusste Entscheidung moderner Geometrie-Entwickler. Aber woran liegt das eigentlich, dass Mountainbikes immer länger werden? Wir werfen einen Blick auf die Fakten.
“Lange läuft” - diesen Spruch verwenden wir in Testberichten häufig. Stabilität und Agilität sind jedoch keine Gegensätze, die nur über den Radstand bestimmt werden. Ein langes Bike mit moderner Geometrie und Ausstattung besitzt lediglich mehr Richtungsstabilität. Lenkimpulse und die Reaktion auf Störungen werden verlangsamt. So kommt es, dass ein langes Bike bei hoher Geschwindigkeit subjektiv ruhiger läuft. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Um zu verstehen, warum Mountainbikes immer länger werden, muss man sich anschauen, warum sie im Gelände immer schneller werden. Wer heute mit 50 Sachen auf einem modernen Trailbike den Hang hinabbrettert, wird vermutlich nicht gleich Todesangst spüren. Auf einem Bike aus den 90ern könnte das bei gleicher Geschwindigkeit schon ganz anders aussehen. Dieses würde sich vermutlich nervös oder „zappelig“ anfühlen.
Der Unterschied liegt zum einen an immer besseren Technologien und Materialien. Rahmen, Anbauteile aber vor allem auch Bremsen, Reifen und Federelemente sind über die letzten Jahrzehnte deutlich leistungsstärker geworden. Größere Laufräder reduzieren den Überrollwinkel und werden in grobem Terrain weniger ausgebremst. Mit stabilen Parts und guter Dämpfung können Mountainbikes über Hindernisse hinwegfahren, ohne viel Speed zu verlieren. Zum anderen gab es riesige Entwicklungssprünge im Bereich der Geometre - was uns zurück zur Länge bringt.
Wird ein Mountainbike länger konstruiert, betrifft der wichtigste Effekt die Lenkgeometrie. Bei einem längeren Radstand liegen das Vorder- und das Hinterrad weiter auseinander. Ein flacher Lenkwinkel verlängert den Radstand, wenn sonst keine Geometrie-Änderungen vorgenommen werden. Eine kleine Änderung des Lenkwinkels führt an einem langen Bike zu einer vergleichsweise geringeren Änderung der Fahrtrichtung. Ein längeres Fahrzeug benötigt für dieselbe Richtungsänderung tendenziell mehr Raum und reagiert weniger spontan. Vereinfacht gesagt: Ein langes Fahrrad setzt einen kleinen Lenkimpuls weniger um. Bei einem kurzen Radstand genügt bereits eine kleine Bewegung am Lenker, um die Fahrtrichtung stärker zu verändern. Zu Nutze macht man sich das zum Beispiel an Dirtbikes, welche auf Rotations-Tricks etc. spezialisiert sind.
Im Gelände gibt es ständig kleine Störungen: Wurzeln, Steine, Stufen, Fahrtwind, Schlaglöcher und die Bewegungen des Fahrers. Ein längeres Fahrrad besitzt eine größere geometrische Hebelwirkung zwischen Vorder- und Hinterrad. Diese Trägheit ist bei niedrigen Geschwindigkeiten teilweise ein Nachteil – man muss stärker lenken, um das Fahrrad schnell um eine Kurve zu bekommen. Bei hohem Tempo wird sie dagegen als Laufruhe wahrgenommen. Interessant wird es vor allem bei hohen Geschwindigkeiten, weil sich die Kräfte am Reifen mit der Geschwindigkeit verändern.
Allerdings bestimmt der Radstand allein die Stabilität eines Fahrrads nicht. Eine zentrale Größe ist der Nachlauf (Trail). Er beschreibt vereinfacht den Abstand zwischen dem Punkt, an dem die verlängerte Lenkachse den Boden trifft, und dem tatsächlichen Aufstandspunkt des Vorderreifens. Durch den Nachlauf entsteht ein selbstzentrierender Effekt: Wird das Vorderrad aus der Geradeausstellung gebracht, erzeugen die Kräfte am Reifen ein Drehmoment, das das Rad wieder in Richtung Geradeauslauf bringen kann. Ein größerer Nachlauf führt deshalb normalerweise zu einem stärkeren „Selbstlenkeffekt“. Zusammen mit einem längeren Radstand ergibt sich häufig ein Fahrrad, das bei hohem Tempo weniger empfindlich auf kleine Störungen reagiert.
Lag der Nachlauf an Mountainbikes aus den 1990er Jahren noch meist um 50 Millimeter, ist er heute auf Werte um 65 Millimetern oder mehr angewachsen. Allerdings wurde gleichzeitig der Gabelvorlauf (Offset) verändert. Moderne Federgabeln haben teilweise relativ große Offsets, wodurch man trotz des flacheren Lenkwinkels den Nachlauf kontrollieren kann. Über die letzten 30 Jahre haben sich Geometrien als Ganzes stark verändert. Vergleicht man moderne Mountainbikes mit ihren Ursprüngen, so zeichnen sie sich durch mehr Reach, längere Radstände, flachere Lenkwinkel und mehr Nachlauf aus. Das alles führt zu deutlich mehr Laufruhe bei hoher Geschwindigkeit.
Wie seht ihr das: Profitiert ihr auf dem Trail von einem langen Bike oder wünscht ihr euch die kurzen Fahrräder der guten alten Zeit zurück? Schreibt es uns in die Kommentare!

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