Lange war es ruhig um die Marke aus England. Whyte Bikes hat in BIKE-Tests häufig überzeugt, doch dann hieß es auf einmal: Gibt's nicht mehr – zumindest hierzulande. In Wirklichkeit war die Marke in England nie weg. Doch die Besitzer wechselten und damit auch die Struktur.
Jetzt kehrt die Marke nach Deutschland zurück.
“Wir kehren mit einem eigenen Team in Deutschland zurück, das Vertrieb, Marketing und Garantie-Support abdeckt und von Sebastian Tegtmeier geleitet wird. Die Bikes kommen im Frühjahr 2027 in die Stores, darunter unsere Karve- und Karve EVO-Modelle.”
Matt Skinner, Whyte Marketing Director
Sebastian Tegtmeier ist kein Unbekannter. Zuletzt arbeitete er als Director of Customer Experience für Bike-Components. Noch wichtiger: Zuvor etablierte er die US-Marke Santa Cruz in Deutschland – und das ziemlich erfolgreich.
Sebastian, du willst der britischen Marke Whyte Bikes in Europa neues Leben einhauchen, insbesondere in Deutschland und Österreich. Wie kam es dazu?
Ich habe letztes Jahr im Oktober Bike Components verlassen. Nach einer kurzen Auszeit war ich bereit für eine neue Herausforderung. Whyte Bikes kam auf mich zu – sie wollen das Händlernetz hierzulande wieder aufbauen und die Marke etablieren. Das fand ich insofern spannend, weil es für mich gerade keine andere Marke gibt, für die ich gerne arbeiten würde. Vor allem aber gefallen mir die Produkte wirklich gut.
Whyte Bikes war ja schon mal im deutschen Markt aktiv. Was ist passiert?
Die Strukturen der damaligen Distribution haben sich verändert, wodurch Whyte im deutschen Markt nicht mehr vertreten war. Das ist auch der Hauptgrund dafür, jetzt mit einer eigenen Struktur zu starten. Hinzu kamen Änderungen auf der Investorenseite, und auch im Management wurden einige Entscheidungen getroffen, die nicht zielführend waren.
In den letzten zwei Jahren haben sie fähige Leute von Cannondale geholt, die Marke wieder auf Kurs gebracht, und stehen jetzt wieder gut da. Das ist eine kleine Firma mit straffen Strukturen – keine fancy Büros, sondern sehr nah am Business. Das hat mich beeindruckt und erinnerte mich an die Anfangszeiten von Alutech oder Santa Cruz: mit wenig Mitteln viel schaffen. Da wollte ich mitspielen.
Du hast schon mit Santa Cruz bewiesen, dass du eine Marke aufbauen kannst. Was ist dein Gameplan für Whyte Bikes in Deutschland und Österreich?
Whyte Bikes ist eine Fachhandelsmarke – daher brauchen wir zunächst Händler. Wir gehen mit guten Konditionen, fairen Zahlungszielen und realistischen Mengenerwartungen rein. Allen ist klar, dass der deutsche Markt nicht auf uns gewartet hat und dass wir erst einmal Vertrauen aufbauen müssen – bei Händlern und bei Kunden. Genau darauf ist alles ausgelegt.
Wofür steht die Marke?
Der Fokus ist klar: Whyte ist eine performanceorientierte Marke, aber keine Boutique-Marke. Wir wollen ein qualitativ sehr gutes Produkt zu einem vertretbaren Preis anbieten. Die Marke hat eine starke Mountainbike-DNA – egal ob Gravelrad oder Urbanbike, man spürt sie immer. Das wollen wir auch auf Events und in der Markendarstellung zeigen: Wir sind eine Marke für Leute, die draußen sind und fahren – nicht für diejenigen, die ein Rad wie eine Prestige-Trophäe an die Decke hängen.
Welche Athleten habt ihr im Blick? Wie sieht das Ambassadoren-Programm aus?
Da werden einige vertraute Athleten dabei sein – tatsächlich einige aus der alten 50to01-Crew, die mittlerweile bei Whyte unter Vertrag sind. Wir werden aber auch in Europa eigene Markenbotschafter suchen. Das Marketingbudget ist anfangs limitiert, aber wir haben definitiv vor, die richtigen Leute zu finden und langfristig mit ihnen zu arbeiten – so wie ich es in der Vergangenheit immer gemacht habe. Sie müssen die Geschichte, die wir erzählen, auch verkörpern: Fahrräder, die auf Langlebigkeit ausgelegt und dafür gebaut sind, jeden Tag draußen Spaß zu machen.
Wie schwer ist es, ein Händlernetz aufzubauen und Händlern eine neue Marke zu verkaufen – gerade in Zeiten, in denen so viele Marken insolvent gehen?
Das werden wir in den nächsten Wochen zeigen, denn wir fangen gerade erst an. Das hier ist die erste Woche, in der wir überhaupt offiziell mit Händlern in Kontakt treten. So bitter es klingt – immer dort, wo Marken das Feld verlassen, entstehen Lücken. Wir gehen bewusst mit einem fokussierten, ausgesuchten Portfolio in den Markt, nicht mit dem gesamten Sortiment. Uns ist bewusst, dass niemand gerade unbedingt eine neue Marke braucht – aber wir sehen die Lücken und wollen dort rein. Dabei wissen wir, dass wir unser Versprechen – Preisstabilität und Servicequalität – erst einlösen müssen, bevor wir wachsen können. Das braucht Zeit. Wir sind aber eine sehr gute Alternative zu dem, was es gerade gibt.
Ist der Brexit eine logistische Herausforderung für euch?
Tatsächlich nicht – das ist die kleinste Herausforderung. Wir haben ein eigenes europäisches Lager, und die allermeisten Waren laufen sowieso nicht über UK, sondern über Rotterdam oder andere Häfen. Die europäische Logistik steht also bereits. Das Brexit-Thema ist viel mehr eine Kopfsache der Festland-Europäer als der Briten – die haben sich damit sehr schnell arrangiert und pragmatische, funktionierende Lösungen gefunden.

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