Josh Welz
· 08.09.2026
Nach dem dramatischen Kollaps der niederländischen Holding kämpfen die deutschen Tochtergesellschaften und ihre Traditionsmarken wie Haibike, Ghost und Winora um einen Neuanfang. Ein selbstbewusster Messeauftritt und die Sicherung der Handelsabwicklung sind positive Zeichen. Nun sucht man mit Unterstützung bekannter Sanierungsexperten nach Investoren.
Die Krise der Accell Group zeigt beispielhaft, wie finanzgetriebene Übernahmen in Kombination mit Marktverwerfungen Traditionsunternehmen zerstören können. Doch für Accell Deutschland und seine Marken erweist sich das deutsche Insolvenzrecht in Eigenverwaltung als wirksames Sanierungsinstrument. Durch die geglückte Fortführungsvereinbarung mit der DZB Bank und das wiedergewonnene Vertrauen des Händlernetzwerks stehen die Signale der letzten Tage auf Neuanfang. Wenn der M&A-Prozess in den kommenden Wochen Früchte trägt, könnte der Standort Schweinfurt gestärkt aus der Gesamtkrise hervorgehen.
Es waren schwere Wochen für die rund 370 Beschäftigten an den fränkischen Standorten Sennfeld bei Schweinfurt und Waldsassen. Als die niederländische Muttergesellschaft Accell Group B.V. nach verfehlten Restrukturierungen, erdrückenden Schuldenbergen und kostspieligen Produktrückrufen in Amsterdam Insolvenz anmelden musste, schien der Absturz unausweichlich. Doch in den vergangenen Tagen hat sich das Blatt für die deutschen Einheiten spürbar gewendet.
Auf dem Orderfestival der Händlerkooperation Bike&Co im hessischen Kassel präsentierte sich das Team um Deutschland-Chef Joost van Schaik den Fachhändlern keineswegs als Konkursmasse, sondern mit einem überraschend kraftvollen Auftritt. Die Kernbotschaft an den Zweiradfachhandel war unmissverständlich: Accell Deutschland und seine Markenfamilie liefern weiter, und sie bleiben am Markt.
Der Niedergang der Muttergesellschaft hat seine Wurzeln im Boom-Jahr 2022: Damals kaufte der US-amerikanische Finanzinvestor KKR (Kohlberg Kravis Roberts & Co.) im Konsortium mit dem Investor Teslin den damals börsennotierten Fahrradriesen für rund 1,56 Milliarden Euro und nahm ihn von der Börse (Take-Private).
Wie bei solchen Übernahmen üblich, wurde ein Großteil des Kaufpreises über Kredite finanziert, die als Schuldenlast direkt dem Unternehmen aufgebürdet wurden. Als nach der Pandemie die Nachfrage im Fahrradmarkt abrupt einbrach, trafen volle Lager, hohe Rabattforderungen und drastisch gestiegene Zinsen auf eine Schuldenlast von zuletzt rund 1,4 Milliarden Euro. Trotz eines dramatischen Schuldenschnitts im Frühjahr 2026 war der Konzern nicht mehr zu retten. Die ruinöse Finanzstruktur des Mutterkonzerns zog schlussendlich auch das operative Geschäft in den Abgrund.
Dass die deutschen Einheiten nun keineswegs abgewickelt werden, belegt eine maßgebliche Entwicklung der letzten Tage: Die Einigung zwischen den Sanierern und der zuständigen DZB Bank. Die DZB Bank (Deutsche Zahlungsverkehrs- und Dienstleistungsbank) fungiert im Fahrradfachhandel als spezialisiertes Kreditinstitut für die zentrale Abrechnung zwischen Lieferanten und Fachhändlern. Sie übernimmt das Forderungsausfallrisiko und sichert den Zahlungsverkehr ab.
Für den Fachhandel war die unklare Finanzabwicklung nach den Insolvenzanträgen das größte Sorgenkind. Durch die direkte Zusage der DZB Bank ist die reguläre Warenauslieferung und Zahlungsabwicklung für die deutschen Markengesellschaften sowie den Ersatzteilgroßhändler E. Wiener Bike Parts nun garantiert. Das nimmt den Händlern das Ausfallrisiko und schafft Verlässlichkeit für die kommende Saison.
Dass der Betrieb uneingeschränkt weiterläuft, liegt an der rechtlichen Konstruktion der Sanierung: Die betroffenen deutschen Einheiten – die Accell Germany GmbH sowie die operativen Töchter Winora-Staiger GmbH, Ghost-Bikes GmbH und E. Wiener Bike Parts GmbH – befinden sich in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beim Amtsgericht Schweinfurt.
In der Eigenverwaltung verbleibt das Management um Joost van Schaik (Geschäftsführer der Accell Germany GmbH) voll im Amt und behält die operative Führung. Unterstützt wird die Geschäftsführung dabei von der renommierten Restrukturierungskanzlei Grub Brugger: Die Sanierungsexperten sind als Generalbevollmächtigte in die Unternehmen eingetreten. Ein vom Gericht bestellter Sachverwalter überwacht das Verfahren im Auftrag des Amtsgerichts Schweinfurt und sichert die Gläubigerinteressen ab. Da die Löhne und Gehälter der Belegschaft über das Insolvenzgeld abgesichert sind, arbeitet die Mannschaft in Unterfranken gemeinsam mit den Sanierungsexperten mit Hochdruck daran, die Marken und den Standort wieder in ruhiges Fahrwasser zu steuern.
Das übergeordnete Ziel des Sanierungsteams ist klar definiert: Die gezielte Herauslösung der deutschen Geschäftsaktivitäten aus der insolventen internationalen Holding. Im Gegensatz zur entgleisten niederländischen Mutter stehen die deutschen Töchter im Kern solide da. Mit etablierten Premiummarken wie den E-Bike-Pionieren Haibike und Ghost, der Traditionsmarke Winora sowie dem Großhändler E. Wiener Bike Parts verfügt die Gruppe über ein Portfolio, das im europäischen Fachhandel einen sehr guten Ruf genießt.
Die derzeit auf Hochtouren laufende weltweite Investorensuche stoße nach Branchenberichten auf reges Interesse. Sowohl Finanzinvestoren als auch strategische Partner betrachten die fränkischen Tochtergesellschaften als Filetstücke, die ohne die Altlasten des KKR-Deals hohes Potenzial bieten. Die Entkopplung vom niederländischen Konzerngefüge gilt vielen Insidern sogar als längst überfälliger Befreiungsschlag.

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