Max Fuchs
· 11.09.2026
Gegenentwurf gelungen! Mangels Laufruhe und Reserven kann es der Enduro-Konkurrenz im rauen Gelände zwar nicht das Wasser reichen, dafür zeigt das Bad Habit mit seinem extrem quirligem Temperament und gutem Vortrieb, was die Kategorie über Jahre veroren hat: Allround- Qualitäten und Fahrspaß abseits garstiger Strecken entlang der Falllinie. Das macht aus ihm kein besseres Enduro – aber eine erfrischende Alternative.
| Federweg | 160 mm |
| Laufradgröße | 29"/ 27,5" |
| Gewicht | 15.48 kg |
| Gabel | Rock Shox Lyrik Ultimate |
| Dämpfer | Rock Shox Vivid Ultimate |
| Schaltung | SRAM X0 Eagle AXS Transmission |
| Bremse vorne | TRP Evo Pro 4 |
Das Bad Habit ist ein lausiges Enduro-Bike – der Name sagt es bereits. Aber auch die Fakten sprechen dafür. Gerade einmal 155 Millimeter Federweg am Heck und 160 Millimeter an der Gabel. Im All-Mountain-Segment sind solche Werte das Maß der Dinge. An einem Enduro-Bike bedeuten sie dagegen vor allem eines: mangelnde Reserven. Dazu kommen eine Geometrie und ein Laufradgrößen-Mix, die den Spieltrieb klar vor die Laufruhe stellen. Dem Cannondale fehlen damit auf dem Papier schlicht die Mittel, um sich im Enduro-Segment behaupten zu können.
Aber warum das Bad Habit überhaupt mit klassischen Enduros messen, wenn es den Fakten nach besser in die All-Mountain-Kategorie passen würde? Die Antwort ist simpel: Cannondale positioniert das Bike explizit als Enduro. Und auch auf der Rennstrecke untermauern die Amerikaner diese Ausrichtung: Factory-Athletinnen wie Ella Conolly setzen nämlich auch im Enduro-Weltcup auf das Bad Habit – mit Erfolg. Die Britin hat damit bereits zahlreiche Podiumsplätze eingefahren.
So scheint es, als würde das Bad Habit nicht willkürlich auf Federweg und Fahrsicherheit verzichten, sondern bewusst mit den etablierten Größen moderner Enduro-Bikes brechen und stattdessen eine neue Perspektive auf den Einsatzbereich eröffnen.
Wer mit der Firmengeschichte des US-Herstellers vertraut ist, weiß auch: Cannondale würde wohl kaum eines seiner Bikes dem Wettbewerb chancenlos zum Fraß vorwerfen – zumindest nicht ohne Hintergedanken. Denn das große C steht wie kaum eine andere Marke für Innovation, kontroverse Nischenlösungen und mutige Entwicklungsansätze. Die legendären Lefty- und Headshok-Gabeln oder das Jekyll mit DYAD-Zugdämpfer, der per Knopfdruck zwischen 85 und 140 Millimetern Heckfederweg wechselte, sind nur die bekanntesten Beispiele für die Experimentierfreude und das Entwicklungs-Know-how des US-Labels. Und genau in diese Tradition will sich auch das neue Bad Habit einreihen: ein Gegenentwurf zum Enduro-Einheitsbrei. Ein Bike, so mies, dass es schon wieder begeistert?
Lässt man den Blick über den Vollcarbonrahmen schweifen, fällt neben der makellosen Verarbeitung vor allem das extrem kurze und gerade Sitzrohr ins Auge. Dadurch verschwindet die 210 Millimeter lange Vario-Sattelstütze unseres Testbikes in Größe M bei Bedarf sogar vollständig im Sitzrohr. Das schafft bergab enorme Bewegungsfreiheit und erleichtert das Handling auf steilen Trails. Dazu kommen ein Staufach im Unterrohr und eine größenabhängige Hinterbaukinematik. Cannondale verändert dafür die Positionen der Lagerpunkte je nach Rahmengröße, um über das gesamte Größenspektrum hinweg ein möglichst identisches Fahrwerksgefühl zu erzeugen.
Viel praxisrelevanter als eine größenabhängige Kinematik wäre aus unserer Sicht eine entsprechend abgestimmte Geometrie. Hier besteht Nachholbedarf: S und M kommen mit 430, L und XL mit lediglich 435 Millimetern Kettenstreben. Dadurch verändern sich die Proportionen von Front- und Rear-Center je nach Rahmengröße deutlich – und damit auch Gewichtsverteilung und Fahrverhalten.
Bad Habit – das klingt eher träge wie ein lernfauler Teenie. Hoffnungen auf gute Klettereigenschaften erstickt der Name im Keim. Aber Pustekuchen! Mit seinem fast 78 Grad steilen Sitzwinkel, einem moderaten 440er Reach und 648 Millimetern Stack sitzt man auf dem Bad Habit für M-Verhältnisse vergleichsweise kompakt, aber mit ordentlich Druck auf der Front. Trotz des kurzen Hecks muss man erst an wirklich steilen Schlüsselstellen aktiv das Vorderrad am Boden halten.
Alle anderen Kletterdisziplinen beherrscht das Bad Habit ausgesprochen gut. Es steht hoch im Federweg und bleibt auch im Wiegetritt auffällig stabil. Dazu kommt der geringe Rollwiderstand der Conti-Bereifung. Und so liefert der Kandidat genau das, was modernen Enduros mangels Effizienz und Vortrieb häufig fehlt: Tourentauglichkeit mit einem großen Aktionsradius auch ohne Lift- und Shuttle-Unterstützung.
Solange Flow-Strecken geschmeidig ins Tal mäandern, Singletrails Haken schlagen wie ein Feldhase auf der Flucht und einen die Sprünge durch Jumplines schleudern, macht das Bad Habit seinem Namen alle Ehre. Es stachelt dazu an, Unfug mit dem Trail zu treiben. Die Ideallinie? Uninteressant. Stattdessen wird jede Geländekante zum Sprungbrett. Das poppige Fahrwerk und das kurze Heck machen’s möglich: Manuals? Kinderleicht! Und in engen Kehren, in denen sich lange, laufruhige Enduros gerne festfahren wie ein Sattelschlepper am Stelvio, dreht das kompakte Bad Habit gekonnt um die Ecke. Auch ohne die Schwerkraft im Rücken kommt das Bad Habit mühelos auf Speed. Vor allem auf flowigen Trails lässt sich das Tempo durch aktives Pushen hervorragend generieren. Das Bike reagiert leichtfüßig, direkt und unmittelbar auf den Fahrerinput.
Auch in steilen Passagen funktioniert die Geometrie gut und positioniert den Fahrer sicher hinter dem Cockpit. Nimmt der Trail jedoch Geschwindigkeit auf und rollt Steinfelder, Wurzelteppiche und Bremswellen aus, wendet sich das Blatt. Schnelle Schlagabfolgen und harte Landungen weiß das Fahrwerk oft nicht zu parieren. Das kostet Traktion, Fahrsicherheit und Komfort. Mit gezogener Hinterradbremse verhärtet das Heck zusätzlich und reicht die Schläge noch ungefilterter an den Fahrer weiter. Auch die kurzen Kettenstreben entpuppen sich hier als limitierender Faktor und kosten vor allem bei hohem Tempo Stabilität.

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